Archiv des Themenkreises ›Focus‹


Interview-Raubkunst gestern und heute

Konstanz, 28. Juni 2011, 07:02 | von Marcuccio

Grüne, die sich schwarz ärgern, weil der »Focus« ein Interview mit Renate Künast geführt hat, um es dann doch nicht abzudrucken (via Bildblog): Das erinnert an einen prominenten früheren Fall von Interview-Raubkunst. Jetzt fast zehn Jahre her.

Damals hat der Interviewte zurückgezogen. Das ist ja der Normalfall. Gleichzeitig war die Sache durchtriebener. Denn was am 13. August 2001 an Interview-Camouflage geschah, dürfte in der jüngeren deutschen Pressegeschichte so auch nicht allzuoft passiert sein. Fast schon ein Stück Literaturgeschichte, wie es da im »Spiegel« (Nr. 33/2001, S. 104) unvermittelt lakonisch hieß:

»›Stern‹-Autor Arno Luik, 46, führte mit Walser am 25. Juli ein mehrstündiges Gespräch, der war mit der geschriebenen Fassung des Interviews aber nicht einverstanden, verweigerte seine Zustimmung und schickte dem SPIEGEL stattdessen den folgenden Text.«

Die einen haben eine Rufumleitung aufs Handy, die anderen eine Interviewumleitung zum »Spiegel«, hehe.

Der Text mit dem Titel »Streicheln und Kratzen« kam tatsächlich wie ein Interview daher. War in Wahrheit aber nur ein Interview-Homunculus: »ein Essay, der aussieht wie ein Interview, aber ein Selbstgespräch ist darüber, wie Interviews und öffentliche Meinungen entstehen«.

Bezeichnenderweise geht es damit los, dass Walser aus »mehreren« erst mal »neun Stunden« Gespräch macht. Devise: Die Verluste des Gegners maximieren. Den Interviewer wie in einem Schauprozess antreten lassen, kleinlaut antworten lassen:

Walser: (…) das Geredete haben Sie mir dann schriftlich geschickt, ich war nicht einverstanden – und zwar mit uns beiden nicht. Dann habe ich vorgeschlagen, dass ich ein Interview schreibe. Stimmt das?

Luik: Das stimmt.

Walser: Also alles, was jetzt folgt, ist von mir geschrieben. Auch ihre Antworten.

Luik: So ist es.

Und dann folgen da wirklich neun Stunden »Stern«-Interview auf zwei Druckseiten »Spiegel«. Walser spielt Tom Kummer, nur umgekehrt (der Promi erfindet die Antworten des Journalisten) und natürlich Kummer-unlike mit diesem Lamento-Sound. Und dieser Verlust­rechnung:

»Herr Luik, ich habe in unserem Neun-Stunden-Gespräch gesagt, dass Sie sich informiert haben wie ganz selten ein Interview-Partner. Ich habe Ihre virtuosen Interviews mit Gore Vidal, Edmund Stoiber und anderen gelesen. Und nur darum habe ich nicht nach einer halben Stunde gesagt: Lassen wir’s, es hat keinen Sinn.«

Vielleicht ist es mit Walsers verschlepptem Interviewausstieg ein bisschen so wie mit der CDU und mit den Grünen. Wer für den Atomausstieg ist, kann heute selbstredend schwarz-rot-gelb votieren. Und wer fingierte Interviews lesen möchte, kann das natürlich auch bei Walser oder anderen tun. Aber am Ende – das lehrt der Erfolg der Grünen wie die Faszination für den Bad Boy Kummer – bleibt man vielleicht doch lieber beim Original?
 


I wie Infografik

Konstanz, 2. März 2011, 13:14 | von Marcuccio

Und gleich weiter mit dem Feu-Abecedarium, »I wie Infografik«, nach­zulesen drüben in der »Welt«. Es geht also um das Visualisieren von Fakten, Fakten, Fakten, das mutmaßliche genaue Gegenteil von Feuilleton. Wer die Erzählhoheit ans Layout und an die Grafik abgibt, wird sowieso keine Geschichten erzählen wollen. Auf den ersten Blick scheint das Kulturressort bis heute der letzte infografikfreie Raum der Zeitung verblieben zu sein.

Schaut man genauer hin, dann haben sich aber ein paar feuilletonis­tische Infografik-Standards etabliert. Die »Zeit« zum Beispiel liefert dahingehend ganze kulturgeschichtliche Essays: Wenn so eine Deutschlandkarte des »ZEITmagazins« etwa erklärt, warum die Namen italienischer Eisdielen die Republik auch 20 Jahre nach der Wiederver­einigung noch teilen, weil die Eiscafés im Westen bis heute gern »Cortina« oder »Dolomiti« heißen, im Osten aber fast nur »Venezia«, dann ersetzt das ganze Gastarbeiter-Sagas.

Na ja, usw. Ich hab übrigens grad gehört, dass hier morgen eine neue Folge unseres Regionalzeitungsdramas erscheinen soll, endlich.
 


Die F-Zeitung vom 22. 12. 2007:
Homer und Troia, Goethe und Ebay

Göttingen, 22. Dezember 2007, 19:14 | von Paco

Die Film-Fraktion hat hier in den letzten Tagen die Oberhand gewonnen, weil Marcuccio und ich mit dem Küren der Feuilleton-Top-10 für das Jahr 2007 befasst waren (und noch sind).

Da schneit es heute eine herrliche Vorweihnachts-FAZ vom Himmel. Gestern gab es online die Ankündigung des Homer-Scoops. Und als ich eben im großen Tonollo auf der Weender Straße die FAZ vom Stapel nahm, sah ich sofort, dass es das Feuilleton wieder auf die Frontpage geschafft hat, was selten genug ist, inklusive buntem Bild (einer Kopie von Ingres’ « L’Apothéose d’Homère »).

Scoopen kann das FAZ-Feuilleton schließlich wie keine andere Redaktion. Vor nunmehr fast 4 Jahren hat der Ex-FR-Feuilletonist Wolfram Schütte die mediale Aufbereitung zweier literarhistorischer Funde verglichen: Während die im »Focus« präsentierte Entdeckung einer sehr wahrscheinlich direkten Quelle für Thomas Manns »Zauberberg« nur ein »Schweigen im Blätterwald« nach sich zog, machte die FAZ Michael Maars Entdeckung eines deutschsprachigen »Lolita«-Vorgängers zu einem Medienereignis. Sowas konnte und kann nur das Großfeuilleton der F-Zeitung.

Jetzt also Raoul Schrott, der eigentlich nur ein Vorwort zu seiner nicht-hexametrischen Neuübersetzung der »Ilias« schreiben wollte. Doch dann sammelte er über ein Jahr Beweise für eine These, die den biografischen Hintergrund Homers betrifft. »Und das, obwohl man von Homer nur eines weiß: nämlich nichts«, wie er es in der FAZ schön formulierte.

Schrott darf ganze vier Seiten im Samstags-Supplement »Bilder und Zeiten« füllen, die insgesamt mindestens eineinhalb Stunden konzentrierter Lektüre erfordern. Yeah! Ein Orts- und Namensspektakel, dem man trotzdem noch anmerkt, dass zu wenig Platz bleibt, um alle Beweise und Vermutungen auszubreiten. Die FAZ fasst die neue Homer-These zusammen:

»Der Dichter lebte in Kilikien, heute Türkei, als griechischer Schreiber der assyrischen Machthaber. Beider Konflikte verwob Homer in sein Werk, ebenso wie das Gilgamesch-Epos und das Alte Testament. Die größte Überraschung: Vorbild für Troia war Karatepe, eine Hauptstadt Kilikiens.«

Schrott versucht nun minutiös, für das homerische Figurenensemble Entsprechungen in historischen Personen zu finden. Er spricht von einem »Projektionsmechanismus Homers, der wie jeder Dichter nach ihm seine ureigenste Umgebung auf die Topographie seiner Fiktion überträgt«, und kommt zu dem Ergebnis:

»Wo seine Troer für die späthethitischen Kiliker stehen können, verleiht er seinen Griechen – allen voraus Achilleus – stellenweise Züge, die deutlich auf Hybris und Grausamkeit der Assyrer verweisen.«

Das einschränkende »stellenweise« weist schon auf den Gestus der allumfassenden These hin. Schrott stellt sie expressis verbis zur Diskussion, auch wenn sich die Überschriften in der FAZ schon wie unumstößliche Wahrheiten lesen. Schrott gelingt es aber auf jeden Fall, die Lust am Abenteuer Übersetzung und am (oft ja leicht scharlatanischen) Abenteuer Etymologie spürbar zu machen.

Goethe und Ebay

Aber auch sonst ist die heutige F-Zeitung gut bestückt: Auf den Wirtschaftsseiten, Abteilung »Finanzmarkt«, gibt es einen Beitrag zum Thema »Goethe und die Wirtschaft«. Bzw.: »Goethe und Ebay«. Dem heutigen Perlentaucher ist er leider entgangen, deshalb jetzt eine kurze Zusammenfassung:

»Von Goethe erdacht, von Ebay genutzt: Zweitpreis-Auktionen«, lautet die Überschrift des Artikels von Benedikt Fehr. Das ist natürlich etwas konstruiert: Goethe hatte 1797 seinen Mindestverkaufspreis für »Hermann und Dorothea« versiegelt seinem Mittelsmann Böttinger überlassen und den Verleger Vieweg aufgefordert, seine Preisvorstellung zu nennen. Hätte der eine niedrigere Summe geboten, wäre das Manuskript unverkauft bei Goethe geblieben. Hätte Vieweg dagegen mehr geboten, hätte Goethe nur die von ihm verlangten 1.000 Taler verlangt.

Das erinnert in der Tat ein wenig an das Ebay-Bieterverfahren, aber eben nur ein wenig, und deshalb schreibt Fehr, mit einer Expertenmeinung im Rücken: »Zwar gibt es mit Vieweg nur einen Bieter, aber der von Goethe verdeckt hinterlegte ›Reservationspreis‹ spielt die Rolle eines zweiten Preises.«

Das von William Vickrey entwickelte Verfahren der Zweitpreisauktion wird also genealogisch bis auf Goethe zurückgeführt. Wobei die Umstände von Goethes Entlohnung (zu der es schließlich auch kam) natürlich bereits weithin bekannt waren. Nur werden sie jetzt aber eben in den Ebay-Zusammenhang gerückt. Das kann man machen, diese Art vergleichenden Rückbezugs ist schließlich eine feuilletonistische Denkbewegung reinsten Wassers, die schon auch verblüffen kann.

Die Heilige Barbara

Soweit zur Hammer-FAZ von heute. Nebenbei, auf den Stammseiten des Feuilletons (S. 40) gibt es eine leicht besinnliche Bildergalerie, und neben zahlreichen Mariae gibt es auch Parmigianinos »Heilige Barbara«, die im Moment an die Alte Pinakothek in München ausgeliehen ist. Wir sahen sie zuletzt an ihrem eigentlichen Standort, im Prado. Heute in der F-Zeitung war etwas mehr Zeit für die Betrachtung, denn im September mussten wir noch verschwitzt am Original vorbeihetzen, hehe.


Mister Motorino

Konstanz, 28. Juni 2007, 19:00 | von Marcuccio

Abbildung: Arbeit macht frei, letzte Woche auf der Kreuzung der Quattro Fontane in Rom.

Eigentlich schade, dass Pop zumindest insoweit fortgeschritten ist, als es die reinen Stilkritiken à la »Wie sehen Sie denn aus?« so nirgends mehr gibt. Nicht einmal Moritz von Uslar, erst kürzlich (Spiegel 23/2007) noch in der ihm eigenen Zuverlässigkeit mit Lang Langs adidas Y-3 beschäftigt, sah es als seine Aufgabe an, Priebkes Turnschuhe (dein Modell, Paco? ;-) mit den Slippern seines Avvocato zu vergleichen.