Archiv des Themenkreises ›F-Zeitung‹


Der 19. August 2011 und die Stimme von Werner Herzog

St. Petersburg, 25. August 2011, 10:30 | von Paco

Werner Herzog, like James Earl Jones before him, could
read the phone book and bring down the house.

— The Guardian

»Was hast du am 11. September gemacht!« Das fragt schönerweise in Russland niemand. Das könnte hier auch kein Mensch mehr beantwor­ten. Stattdessen wird gefragt, gerade in den letzten Tagen: »Was hast du am 19. August gemacht!«

Für 1991, für den Tag des großen dilettantischen Putsches, weiß ich das nicht mehr, aber für 2011 schon noch. Der Freitag beginnt für mich damit, dass ich den aktuellen SPIEGEL zuende lese. Und neben der ganzen FAZ-Verherrlichung hier soll die SPIEGEL-Verherrlichung nicht zu kurz kommen. Was für ein Glück, jede Woche diese süffigen Storys dieses durch Enzensberger’sches Sperrfeuer gegangenen besten Magazins der Welt lesen zu dürfen. Zum Beispiel den bisher besten Verriss des neuen Woody-Allen-Mistfilms »Midnight in Paris«, geschrieben von Georg Diez.

Gerade als ich den SPIEGEL ausgelesen habe, klingelt es an der Wohnungstür. Ein junger Mann wirbt für die baldige Eröffnung eines Gemischtwarenladens »ganz in der Nähe« und möchte aus diesem Anlass ein deutsches Messerset (6.000 Rubel), irgendwelches Hydrogel (100 Rubel) sowie Medizinbälle verkaufen. Wie er die Kartons mit den schweren Bällen hier allein hochgetragen hat, ist mir schleierhaft. Ich zeige mich interessiert und frage, wie der Laden heißt und wo genau er eröffnen wird, aber diese Fragen dürfe er noch nicht beantworten.

Ich gehe dann wie eigentlich jeden Tag hinüber in die Nationalbiblio­thek, um ein bisschen andere Sachen zu lesen. Ich bin sehr eupho­risch, denn die dienstälteste Bibliothekarin im Lenin-Lesesaal hat bei der Buchherausgabe heute mal gelächelt, dezidiert gelächelt. Zur Mittagszeit bin ich zum Essen verabredet und mache mich auf den Weg zu einem georgischen Restaurant gleich hinter der Kasaner Kathedrale.

Anwesend ist zum Beispiel der Literaturkritiker einer russischen Wirtschaftszeitung (»immer 3.000 Zeichen pro Artikel«). Vor ihm steht ein Salzfass, das irgendwann mit lauter Plötzlichkeit umkippt und tot auf dem Tisch liegt. Alle haben erschrocken hingesehen, trotzdem vermute ich, während ich eine große Portion Plov verspeise, dass verschüttetes Salz vielleicht doch kein international anerkanntes schlechtes Omen ist. Vielleicht ist es ja in Russland wieder mal genau umgekehrt, keine Ahnung, aber siehe das Sprichwort »Что для русского хорошо, для немца смерть.« Denn der Literaturkritiker stellt das Fass wieder hin und wirft es dann absichtlich noch einmal um, und noch einmal und noch einmal. Alle sehen ihm immer weniger erschrocken dabei zu, und er kichert nur in sich hinein und murmelt Unverständliches.

Nach weiteren anderthalb Stunden oder so in der Bibliothek treffe ich an einem der Deschurnaja-Schalter einen Althebraisten, mit dem ich ins Gespräch komme, das wir auf dem teilweise identischen Nachhause­weg fortsetzen. Auf der Lomonossowbrücke trennen sich die Wege, aber wir bleiben dort noch ein paar Minuten stehen und erzählen weiter, und während dieser paar Minuten vergrößert sich unsere Unterhaltung um sechs bis acht Teilnehmer, allesamt Bekannte, die man auf der Lomonossowbrücke irgendwie ständig trifft (there is something about this place). Und dort wird auch für irgendein Festival geworben, das am Abend in der ›Taiga‹ stattfinde, so einem neuen Art Space am Newaufer, Nähe Eremitage.

Dort kreuze ich dann ein paar Stunden später auf und treffe als erstes den Franzosen wieder, der mich vor ein paar Tagen gefragt hatte, ob sie Raskolnikow am Ende noch drankriegen. Inzwischen habe er seine Lektüre von »Schuld und Sühne« beendet, und zwar zornig beendet, denn der Epilog sei ja wohl das Allerhinterletzte, völlig unnötig, schlecht geschrieben, wahrscheinlich gar nicht von Dostojewski selber. Ich pflichte ihm bei usw., und kurze Zeit später schon unterhalten wir uns aus mir nicht mehr nachvollziehbaren Gründen über die Kathedrale von Auxerre.

Dann wird zur Filmvorführung gerufen, es gibt Kurzfilme zu Umwelt­thematiken, also okay, als erstes einen Film namens »Plastic Bag«. Das Leben einer Plastiktüte wird nacherzählt, sie gelangt via Supermarkt in einen Haushalt, wird irgendwann weggeworfen und vom Wind durch alle möglichen Weltgegenden getragen, ohne zu sterben. Soweit die Botschaft dieses kurzen Films.

Was mich aber erst irritiert, dann sofort in den Bann schlägt, ist: die Stimme von Werner Herzog! Dieses ewige eindringliche Raunen, dieses sehr gewählte Vokabular, dieser Wille zu einem Englisch mit dezidiert deutsch-deutschem Akzent. Nach den letzten Wochen russischer Totalinvasion meines Hirns ganz unerwartet das. Die Stimme von Werner Herzog erinnert mich an eine Million Dinge gleichzeitig. Unter anderem daran, dass ich in Leipzig mal einen Werner-Herzog-Imitations-Wettbewerb gewonnen habe, mehr als drei Jahre ist das jetzt her.

Nach knapp 20 Minuten Filmdauer trete ich benommen wieder ans Licht und höre irgendjemanden über Petersburger Leitungswasser disku­tieren (siehe das Sprichwort von vorhin) und rede dann mit einem der Editoren der Werke Dmitrij Prigows über die genaue Anzahl der von ihm verfassten Gedichte, es waren ja zwischen 35.000 und 36.000, aber eine genaue Zahl würde hier natürlich weiterhelfen.

Kurz nach 23 Uhr höre ich jemanden in einer slowenisch-russisch-französischen Diskussionsrunde zum ersten Mal das Wort ›Foucault‹ aussprechen. Ich habe in den letzten Tagen damit begonnen, eine Liste zu führen, auf der ich für den jeweiligen Tag dessen Ersterwäh­nungsuhrzeit verzeichne. Hier die Übersicht mit den Erstnennungsuhr­zeiten des Namens ›Foucault‹ bis Freitag (Liste wird fortgesetzt):

Mo: 17:15 Uhr
Di: 21:36 Uhr
Mi: 15:50 Uhr
Do: (keine Erwähnung)
Fr: 23:03 Uhr

Etc. etc. etc. Ein paar Orte und Leute später finde ich mich in einer Wohnung am Zagorodny Prospekt wieder, wo ein paar Leute (ich nicht) zum Beispiel den Film »The Raspberry Reich« schauen und die ganze Zeit heftig lachen, während im selben Zimmer jemand am Klavier Beethoven spielt. Bei der Flucht in einen anderen Bereich der Wohnung bemerke ich im Flur zwei Medizinbälle sowie ein noch unausgepacktes Hydrogel.

Gegen acht Uhr morgens gehe ich kurz nach Hause in die Galerie, um ein paar alte Zeitungen zu holen, die mir eine Mitarbeiterin des Goethe-Instituts gestern überlassen hat, und mache mich dann sofort wieder auf den Weg zur Metro, denn ich habe beschlossen, der Einladung eines Opernsängers und seiner Frau auf ihre Datscha am Suvanto-See südlich der Mannerheim-Linie zu folgen.

Ich fahre bis Devyatkino, wo ich in die Elektritschka Richtung Norden umsteige. Ich setze mich zwischen lauter dösende Russen und schlage die Zeitung auf und entdecke sehr ungläubig Schirrmachers ein paar Tage vorher erschienenen FAS-Großtext »Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat«, den ich dann sehr angelegentlich lese.
 


»Der Louvre in 20 Minuten«

St. Petersburg, 22. August 2011, 14:18 | von Paco

Aus der Redaktion · Gerade eben ist als Nr. 105 der »Schöner Lesen«-Reihe des SuKuLTuR-Verlags dieser Band erschienen:

Der Louvre in 20 Minuten (Cover)
Der Louvre in 20 Minuten

Frank Fischer · Berlin · SuKuLTuR · 2011
20 Seiten · 1,– € · ISBN 978-3-941592-26-1
Veröffentlicht unter der CC by-nc-sa 3.0 DE

Bestellen: Verlag | Buchhandel.de

 
»Was in Frank Fischers neuestem Band über den Louvre gesagt wird, hat mich sehr nachdenklich gestimmt.«
— Christian Kracht

Inhalt

Denon-Flügel … Seite 3
Sully-Flügel … Seite 13
Richelieu-Flügel … Seite 15

Als sozusagen Vorwort eignet sich sehr gut der grandiose FAZ-Artikel von Julia Voss über die bevorstehende Leonardo-Ausstellung in der National Gallery in London: »4 Minuten, 17 Sekunden«.

Ach so, »Der Louvre in 20 Minuten« ist wie üblich auch in einigen Süßwarenautomaten in Berlin und auf Sylt zu haben sowie direkt und ohne Bestellung in Buchhandlungen in Leipzig (Lehmanns in der Grimmaischen Straße 10) und Berlin, siehe diese Übersicht.
 


Unterwegs mit der FAZ des 12. Juli 2011:
Das anerkennende Nicken des Milizionärs

St. Petersburg, 15. Juli 2011, 11:18 | von Paco

Es war also Dienstag, und am späten Vormittag traf ich mich an der Moskovskaja mit dem Galeriebesitzer. Er war gerade mit dem К-13 vom Flughafen gekommen und hatte mir wie versprochen die aktuelle FAZ mitgebracht. Ich berichtete dann noch, dass ich mich mehrfach an den Legobausteinen gestoßen hatte, die Jan Vormann in der Galerie verbaut hatte, und dass wir unbedingt einen WLAN-Router besorgen sollten, denn alle verfügbaren Netzwerkkabel waren als Wäscheleinen quer durch drei Zimmer gespannt.

Zusammen mit der FAZ fuhr ich dann tief hinab zur Metro. Den Aufmacher, einen Artikel von Frank Lübberding über Herbert Wehners Aktentasche (S. 35), las ich gleich in den fünf Minuten, die man mit der Rolltreppe bis nach unten braucht. Das Feuilleton war übrigens wieder mal randvoll mit Spitzentexten, es war wie immer ein guter Feuilleton-Dienstag gewesen, und atemlos las ich weiter.

Für den nächsten Tag wurde übrigens ein Beitrag zu 25 Jahren Historikerstreit angekündigt. Es gab dann ja am Mittwoch in den »Geisteswissenschaften« diesen Diss von Egon Flaig gegen Habermas, was ich am Dienstag aber noch nicht wusste. Ich dachte daher jedenfalls erst mal sofort wieder an das SPIEGEL-Interview mit dem »Bloodlands«-Autor Timothy Snyder (dt. »Blutgebiete«, übers. v. Charl. Roche), in dem er sagt:

»Ich ging damals in Ohio auf die Highschool, und der Historikerstreit war der Grund für mich, Deutsch zu lernen.« (aktuelle Ausgabe, S. 47)

Das ist mal ein schöner Grund! Heute wird ja nur noch wegen Rammstein und Tokio Hotel Deutsch gelernt. Und wegen der Einstürzenden Neubauten, die ausnahmslos jeder Russe kennt, und das obwohl kein einziger Russe den Bandnamen aussprechen kann.

Außerdem las ich noch die Besprechung von Robert Wilsons Vanitas-Abend über »Leben und Tod der Marina Abramovic« in Manchester (S. 37). Geschrieben hatte sie Gina Thomas, die momentan absolut verdient unsere unangefochtene Lieblingsfeuilletonistin ist.

Um die Mittagszeit saß ich dann eine Weile in der Nationalbibliothek am Ostrowski-Platz und las in ein paar Ausgaben der »Russkaja Starina« wilde Geschichten über das 18. Jahrhundert. Als ich davon genug hatte, kam ich erst mal nicht mehr hinaus aus der Nationalbibliothek, denn die Frau am »Дежурный«-Schalter wollte mir keinen Ausführ­stempel für mein mitgebrachtes Buch geben, eine uralte Grammatik aus den 60er-Jahren. »Bücher dürfen hier nicht mit hineingebracht werden, unter gar keinen Umständen!« Und nach einer Pause: »Es sind doch nun wirklich genug da!« Und dieses eine eingeschleuste (»oder nicht eingeschleuste!«) Buch sei jetzt ein groooßes Problem.

Sie schaute sich die Grammatik gründlicher an, als ich es jemals getan habe und tun werde, und war trotzdem noch nicht überzeugt. Es steht zwar mittelbar ein deutscher Name drin, aber nicht meiner (vielmehr diese Widmung: »Дорогому Вольфгангу Фогту / с неизменным уважением / М. Городникова. / 17. XII. 66«). Sie fragte mich, wer dieser Wolfgang Vogt sei und wer diese M. Gorodnikowa. Einige ausgedachte Geschichten und Beteuerungen später drückte sie endlich einen Stempel auf meinen Passierschein, gepaart mit den Worten: »Das ist jetzt das letzte Mal!« Unten ging ich dann mit dem Passier­schein am Milizionär vorbei, der anerkennend nickte wegen des Stempels, den ich gegen alle Wahrscheinlichkeiten erlangt hatte.

Erschöpft stand ich draußen auf dem Ostrowski-Platz und ging nach kurzer Besinnungspause Richtung Fontanka und überquerte sie in östlicher Richtung. Im Gehen las ich in der FAZ den Artikel von Wolfgang Burgdorf über eine mögliche Lösung zu Griechenlands Finanzproblemen (S. 37). Burgdorf ist ja der Wiederentdecker des großen Johann Nikolaus Becker (siehe Der Umblätterer vom 18. Novem­ber 2010), und auch in Sachen Griechenland geht sein Blick zurück ins Alte Reich, zu den kaiserlichen Debitkommissionen, die in überschul­dete Territorien entsendet wurden.

Während ich so las, rammte ich mitten auf der Rasjesschaja einen bärtigen Mann, der das T-Shirt eines Klezmer-Festivals trug. Genau, es war Psoi Korolenko (Foto hier). Er hatte ebenfalls im Gehen gelesen, nämlich seinen Blackberry. Ich gratulierte ihm, denn heute war nach orthodoxem Kalender Peter-und-Paul-Tag, und Pavel ist ja sein eigentlicher Vorname.

–Und, Konzert nachher?
–Ja eben, genau.
–Bis dann.
–Bis dann.

Erst mal ging ich aber zu einer Feier in den Дюны, wir saßen dort am aufgeschütteten Sandstrand, es gab sehr viel Kuchen usw., und der Herausgeber der führenden Petersburger Literaturzeitschrift erklärte mir sehr ausführlich, wie er alle Straßen in der Umgebung umbenennen würde. Ich hatte nämlich gewagt, die »Uliza Marata«, also die Jean-Paul-Marat-Straße, zum schönsten Straßennamen der Welt zu erklären, und dem widersprach er nun heftig. Dann erzählte noch jemand, dass da in der oberen Etage des Cafés angeblich der gesamte Übersetzungsverkehr zwischen Gazprom und dem Westen erledigt werde, aber eventuell habe ich ein paar Verben falsch verstanden, denn die Aufzählung der Straßennamen und Umbenennungsvorschläge hielt weiter an.

Mit ein paar Бочкарёв machten wir uns dann auf den Weg zum Ligowski-Prospekt, wo in einer WG das Konzert von Psoi Korolenko stattfinden würde. Ich saß zusammen mit 50 Leuten in einem vielleicht 30-qm-Zimmer, und Psoi slammte in sein Casio-Keyboard und sang und herrschte. Zwischendurch las er von seinem Blackberry die nächsten Titel ab und reagierte gekonnt auf Provokateure aus dem Publikum. Gegen Ende hin gab es natürlich auch seinen Smashhit über den Newski-Prospekt (»Все люди б…и, а мир большой бардак«, hehe).

Nach dem Konzert gab es Nudeln und eingelegten Fisch für alle. Ich unterhielt mich unter anderem mit einer Anthropologin von der Columbia, die heute auch versucht hatte, Bücher mit in die National­bibliothek hineinzunehmen. Etwas später traf ich eine weitere Anthropologin (es würde für diesen Tag die letzte bleiben), und wir sprachen eine Weile auf Deutsch über ihre weitläufigen Forschungs­projekte. Ich achtete wie immer in Russland darauf, das Wort »nachher« nicht zu verwenden, denn es klingt ja für Russen wie »на х…й!«, und ich möchte nicht, dass jemand das falsch versteht.

Plötzlich kündigte jemand an, dass die anwesenden Lyriker (es waren ca. fünf bis zehn) gleich ihre neuesten Gedichte vortragen würden. Es war bereits weit nach Mitternacht, die meisten der Gäste verabschiede­ten sich daraufhin. Ich wollte auch schnell weg, aber es stellte sich bald heraus, dass es gar keine Gedichtvorträge geben würde, ich musste die Ankündigung also für ein taktisches Manöver halten.

In den Morgenstunden gingen wir noch ein bisschen zur Fontanka und sprachen über irgendwelche Dinge und Sachen, und ich überlegte, wo ich jetzt am schnellsten die Mittwochs-FAZ herbekommen würde.
 


Leonardo malt wieder!

London, 11. Juli 2011, 02:03 | von Dique

Im »Kunstmarkt« der gestrigen FAZ hat Gina Thomas über die jüngsten Londoner Auktionen berichtet, ein sehr schöner Berichterstattungstext mit dem Tenor: »Es gibt einfach zu wenig superbe Alte Meister«. So war also gleich schon die Überschrift formuliert, und so ist es eben auch, das Angebot von hochwertigen Altmeistergemälden wird knapper und knapper. Und vom Preisniveau her sind diese im Vergleich zu zeitgenössischer Kunst auch absolut nicht konkurrenzfähig.

Aber gut, nach der Inspektion der wenigen Topstücke lenke ich meinen Blick in die zweite und dritte Reihe, und da gab es einige Perlen wie zum Beispiel diese Portraitskizze des Charles Binny von Thomas Lawrence.

Binny schaut aus der nur leicht angeschmeckten Leinwand heraus, das Gesicht schon fertig, der Oberkörper in einem Hauch angedeutet. Nicht dass ich wüsste, wer Charles Binny war – ok, es gibt da noch irgendwo ein Lawrence-Gemälde, das ihn mit seinen Töchtern zeigt –, aber darum geht es ja nicht, sondern um diesen Einblick in die Entstehungs­weise aufgrund nicht erfolgter Fertigstellung des Gemäldes.

Im Gegensatz zu den Klassikern der nicht zu Ende gemalten Prachtgemälde (z. B. Menzels »Friedrich« in der Alten Nationalgalerie, Michelangelos »Manchester Madonna« in der National Gallery oder Parmigianinos »Madonna mit dem langen Hals« in den Uffizien) interessiert so ein Akademiestück dann aber doch kaum jemanden und bringt nicht viel ein, es ging für billige 12.000 GBP weg.

Trotz der ganzen Klagelieder wurde bei Sotheby’s aber auch das zweitteuerste Altmeistergemälde ever verkauft, eine Guardi-Vedute, für 23,8 Mio. GBP. Das teuerste Altmeistergemälde bleibt, wie Gina Thomas in der FAZ schreibt, Rubens »Kindermord von Bethlehem«, aber vielleicht nicht mehr lange, denn, und das war das große Thema in der Halbwelt der diesjährigen Old Masters Week in London: Es gibt einen neuen Leonardo!

Immer wenn ich jemandem davon erzähle, führt das standardmäßig zu der Nachfrage, ob Leonardo denn wieder malen würde. Aber egal, es geht um einen »Salvator Mundi«, der früher noch als Kopie nach Giovanni Antonio Boltraffio verschrien war. Doch nun erklärt gleich eine Handvoll Experten dieses Gemälde für einen echten Leonardo. In der »Welt« hat Stefan Koldehoff alles momentan erreichbare Wissen darüber sehr schön zusammengefasst.

Das Stück gehört einer Gruppe von Händlern aus den USA und wird eventuell nicht unter 150 Mio. Dollar weggehen. Ob es dann wirklich echt ist oder nur ein weiteres Exempel für den modernen Zuschreibungswahn, ist dabei vorerst auch eigentlich egal. Es wäre nämlich einfach schön, wenn mal wieder ein Alter Meister den zweifelhaften Rekord des teuersten Kunstwerks halten würde und nicht ein deprimierendes Drip-Painting von Jackson Pollock oder der goldene Schrecken des großen Dekorateurs Gustav Klimt.
 


Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (2/2011)

Rorschach, 15. Juni 2011, 12:17 | von Paco

Wolken.Heim

1. Der Umblätterer @ Deutschlandfunk, vorletzten Sonntag: Inter­view mit Burkhard Müller-Ullrich (auch via Flash und als MP3; die ganze Sendung ist hier). Thematischer Dreischritt: Chinaersatzverkehr, Medienaffirmation, Abenteuer Zeitungskauf.

2. »Manchmal gehört zu einem guten Feuilletonisten auch ein Stück Verantwortungslosigkeit.« (Thomas Steinfeld zu Alexander Kluge)

3. Die Serie zum 100-Seiten-Kanon ist angelaufen. Am Ende soll ein Kanon mit 100 Büchern à 100 Seiten stehen: a.) Einführung ins Projekt. b.) Übersicht über momentan 305 berühmte Hundertseiter (vielen Dank besonders an Thomas Reschke). c.) Interview mit einem 100-Seiten-Fanatiker.

4. Aha, das ganze Appenzell steht voller Trampoline.

5. »Wie, ihr lest keine Lyrik? Seid ihr wahnsinnig?« (Maria Gazzetti in der FAZ)

6. Der Tyndall-Effekt und die deutsche Romantik.

7. Und in diesem Zusammenhang: »MASSAKERMINIATUREN, Teil 5« (= 2011 Edition).

8. Fragile Falafel. 99 Lautgedichte von Günter Grass. Demnächst.

9. »Bis ihn ein fragwürdiger Auftrag selbst zum Gejagten macht.«

 
Was bisher geschah:
 
Vorwort Nr. 1/2011

 


Gaston Gallimard et la « traumdenfung »

Paris, 6. April 2011, 13:52 | von Niwoabyl

deutsch

(Zur deutschen Version dieses Berichts …)

Ce dimanche, nous sommes allés tôt le matin au Louvre. Nous nous rendions à l’exposition Messerschmidt, non point pour y contempler des débris d’avions à réaction, mais les « têtes de caractère » du célèbre sculpteur bavarois. On pourrait dire de cette petite cinquantaine de bustes qu’elle fut luxueusement sculptée dans toutes les règles de l’art, si les visages y étaient idéalisés ; mais ceux-ci s’y présentent comme défigurés par les grimaces les plus aberrantes.

Sur les raisons qui poussèrent Franz Xaver Messerschmidt (1736–1783) à commettre cet acte unique dans les annales de la sculpture courent d’aventureuses théories, et ce n’est qu’après la mort de l’artiste que les bustes reçurent leurs bien arbitraires désignations. Aux rangs de celles-ci « l’homme constipé », « l’homme qui pleure comme un enfant » ou encore « le bassoniste incapable » sont sans doute les plus belles et les plus surprenantes.

Une bonne demi-heure plus tard, nous étions de retour dans le métro, en route pour la Bibliothèque Nationale où, ainsi que nous l’avions appris quelques jours auparavant par la Gazette de Francfort, se tenait une exposition en l’honneur de la maison Gallimard. Y étaient présentés entre autres choses : ouvert dans une vitrine, le manuscrit original des « Bienveillantes » de Jonathan Littell, porteur d’annotation d’une impeccable propreté ; et, accrochée sur l’une des cloisons, la lettre écrite le 11 juillet 1921 à Sigmund Freud par Gaston Gallimard, dans laquelle il le prie de bien vouloir donner son accord à la publication française de la « TRAUMDENFUNG » (« celui de vos ouvrages que vous estimez le plus important, n’est-ce pas »).

Ce titre fautif reçut trente ans plus tard sa juste récompense, dans la lettre de William Faulkner à Gaston Gallimard du 14 juin 1951. Le romancier américain y a comme une prescience du style bien particulier de Google Traduction : « Mon excuse [à l'envoi tardif de cette lettre] c’est seulment que j’etais engage completer un roman lequel sera digne, on espois sincerement, de la generosite de votre pardon. » (Rendue en allemand, cette phrase pourrait sonner à peu près ainsi : « Meine Entschuldigung ist bloss dass ich beschaftigt war einen Roman vervollstandigen welcher, man hofft aufrichtig, sich als wurdig erweisen wird der Grosszugigkeit ihres Verzeihens. »)

Ce ton joyeux et bon-enfant est celui de toute l’exposition, qui n’est pas bien grande ; on peut la traverser vite et sans effort, comme déjà Messerschmidt au Louvre. Puis nous sommes partis à la gare Saint-Lazare acheter la Sonntagszeitung, et ensuite au café Rosa Bonheur des Buttes-Chaumont, où nous avions rendez-vous. Et « en fait, c’est tout », comme l’écrivait Daniil Harms.
 


Die Traumdenfung

Paris, 5. April 2011, 09:19 | von Paco

französisch

(Version française de ce récit …)

Am frühen Sonntagnachmittag gingen wir in die Messerschmidt-Ausstellung im Louvre. Nein, dort werden keine Wrackteile von verrotteten Strahlflugzeugen ausgestellt, sondern die »Charakter­köpfe« des Franz Xaver Messerschmidt. Das sind ein paar Dutzend Büsten, hochherrlich nach allen Regeln der Kunst gestaltet, aber eben nicht mit idealisierten Gesichtszügen, sondern mit den absonderlich­sten Grimassierungen versehen.

Warum Messerschmidt (1736–1783) diese kunstgeschichtliche Einzel­tat begangen hat, darüber gibt es die abenteuerlichsten Theorien. Erst nach seinem Tod wurden die Büsten recht willkürlich mit Titeln ver­sehen, und neben »Ein mit Verstopfung Behafteter« sind wohl »Der kindisch Weinende« und »Der unfähige Fagottist« die schönsten und ausgedachtesten.

Nach einer guten halben Stunde waren wir wieder in der Métro und auf dem Weg Richtung Bibliothèque Nationale, zur Gallimard-Ausstellung, von der wir vor ein paar Tagen aus der FAZ erfahren hatten. Dort liegt zum Beispiel das vorbildlich korrigierte Manuskript von Littells »Wohl­gesinnten« aufgeschlagen in einer Vitrine, und es ist ein Brief zu sehen, den Gaston Gallimard am 11. Juli 1921 an Sigmund Freud geschrieben hat und in dem er darum bittet, die »TRAUMDENFUNG« eventuell publizieren zu dürfen (»celui de vos ouvrages que vous estimez le plus important, n’est-ce pas«).

Die sozusagen gerechte Strafe für diese Falschschreibung folgt gut 30 Jahre später in einem Brief von William Faulkner an Gallimard, 14. Juni 1951, der schon damals klingt wie mit Google Translate übersetzt: »Mon excuse [für das lange Ausbleiben des Briefs] c’est seulment que j’etais engage completer un roman lequel sera digne, on espois sincerement, de la generosite de votre pardon.« (Auf Deutsch würde das vielleicht so klingen: »Meine Entschuldigung ist bloss, dass ich beschaftigt war einen Roman vervollstandigen, welcher, man hofft aufrichtig, sich als wurdig erweisen wird der Grosszugigkeit ihres Verzeihens.«)

Und so herzallerliebst liest sich fast die gesamte Ausstellung weg, sie ist auch nicht allzu umfangreich, also gut und unangestrengt mitzuneh­men wie vorher der Messerschmidt im Louvre. Danach kauften wir noch irgendwo die FAS und trafen ein paar Leute im schönen »Rosa Bon­heur« im Parc des Buttes Chaumont. Und »das ist eigentlich alles«, wie es bei Daniil Charms heißt.

Soweit also mal wieder eine informelle sonntägliche Berichterstattung des k.u.k. Magazins Der Umblätterer (d. i. Kunst und Kultur).
 


Die Segantiniwolke —
Mit Werner Spies, Niklas Maak, Rafael Horzon und Hermann Hesse in der Fondation Beyeler

Basel, 10. März 2011, 12:44 | von Marcuccio

Ein Praktikum in Riehen bei Basel, das wär’s. Dort den Telefonisten machen, nur um den ganzen Tag so schön ›Fondation Beyeler‹ zu sagen, wie es jetzt im Tram Nr. 6 zu hören ist. Nächste Haltestelle: Fohdasjo Bejeler.

Was ein Ansturm! Rentner, Japaner, alleinerziehende Mütter, sie alle wollen »seine Berge« sehen, um mal ein bekanntes Segantini-Wort aufzugreifen (»voglio vedere le mie montagne«).

Segantini, der große Alpenmaler. War Segantini früher »peinlich« (NZZ am Sonntag), ist er heute Divisionismus-Avantgarde, wenn nicht gar »der van Gogh der Hochalpen« (Werner Spies in der FAS). Auch deswegen versteht sich die Ausstellung als eine Art kunsthistorische Reha-Maßnahme. Rehabilitierung, weil Segantini um 1900 schon mal europaweit gefeiert, danach aber einige Jahrzehnte in der Heimat- und Kitschecke verschwunden war. Soweit das Storytelling der Fondation Beyeler.

Die Vorher-Nachher-Show

Und das Feuilleton feiert mit, die besten Sätze zur *Segantini-Wert­schätzung alt* gab’s von Niklas Maak:

»Ganz böse Kommentatoren behaupteten, Segantini sei Kunst für Russen, die sich in St. Moritz das Bein gebrochen haben und deswegen nicht auf die Piste können – in Sankt Moritz gibt es ein Segantini-Museum, und vor diesem kleinen Museum sieht man tatsächlich öfter einmal die Ferraris und Maseratis und anderen Höllengefährte der russischen und anderen Wintersportgäste parken.«

Von Boris-Becker-Hochzeiten in diesem Museum ganz zu schweigen. Aber eben: Schluss mit bloßer Segantini-Deko! Her mit den Kunst­verständigen. Noch einmal Maak:

»Segantinis Kunst ist, wenn man genau hinschaut, wie eine Fahrt im Bugatti: Die Landschaften beginnen zu flimmern, die Formen lösen sich pointillistisch auf und werden gleichzeitig surreal klar – es ist, als ob klare Bergluft durch die Seitenscheiben dieser Bilder ströme.«

Und apropos Seitenscheibe. Rafael Horzon macht an einer Stelle seines »WEISSEN BUCHS« ja diese Autotour: »Unser Ziel: Basel.« (S. 132f.) »Gerührt«, hehe, summt er unterwegs die letzten beiden Drittel dieses Lieds von der Wolke – die weiße Wolke ist die »Segantiniwolke« aus Hermann Hesses »Peter Camenzind«:

Wie eine weiße Wolke
Am hohen Himmel steht,
So weiß und schön und ferne
Bist du, Elisabeth.

Die Wolke geht und wandert,
Kaum hast du ihrer acht,
Und doch durch deine Träume
Geht sie in dunkler Nacht.

Geht und erglänzt so silbern,
Daß fortan ohne Rast
Du nach der weißen Wolke
Ein süßes Heimweh hast.

Voraus geht die Szene, in der sich Camenzind an Elisabeths Besuch in der Basler Kunsthalle erinnert (heute würde es die Fondation Beyeler sein):

»Sie sah mich nicht. Ich saß ausruhend beiseite und blätterte im Katalog. Sie stand in meiner Nähe vor einem großen Segantini und war ganz in das Bild versunken. Es stellte ein paar auf mageren Matten arbeitende Bauernmädchen dar, hinten die zackig jähen Berge, etwa an die Stockhorngruppe erinnernd, und darüber in einem kühlen, lichten Himmel eine unsäglich genial gemalte, elfenbeinfarbene Wolke. Sie frappierte auf den ersten Blick durch ihre seltsam geknäuelte, ineinandergedrehte Masse; man sah, sie war eben erst vom Winde geballt und geknetet und schickte sich nun an zu steigen und langsam fortzufliegen.«

Sie schaut sich also dieses Segantini-Bild mit der besonderen Wolke an. Und Camenzind schaut ihr dabei zu:

»Offenbar verstand Elisabeth diese Wolke, denn sie war ganz dem Anschauen hingegeben. (…) Ich saß still daneben, betrachtete die schöne Segantiniwolke und das schöne, von ihr entzückte Mädchen. Dann fürchtete ich, sie möchte sich umwenden, mich sehen und anreden und ihre Schönheit wieder verlieren, und ich verließ den Saal schnell und leise.«

Auch wir versuchten uns in Saal 9 eine Weile im Segantiniwolken­verstehen (siehe auch NZZ von 2004), bevor wir dann irgendwann, genau wie Camenzind, »schnell und leise« das Segantiniwolken­kuckucksheim verließen.
 


Die Wurzelbürste in der deutschen Literatur

Berlin, 25. Februar 2011, 08:05 | von Josik

Ich beschäftige mich ja gerade mit der Wurzelbürste in der deutschen Literatur, da kam mir ein Text sehr zupass, den ich letzten Samstag in der FAZ gelesen habe. Und zwar durfte Berthold Kohler, einer der FAZ-Herausgeber, als einziger Journalist überhaupt Guttenberg auf seiner Reise nach Afghanistan begleiten.

Warum Kohlers literarisch hochambitionierter Text- und Bild-Essay allerdings im Politikteil statt im Feuilleton erschienen ist, wo er eigent­lich hingehört hätte, lässt sich nur damit erklären, dass sich dort gerade Thilo Sarrazin und Patrick Bahners ausgiebigst beharkten.

Aber zurück zu Kohler: Seinen Essay lässt er in einem dem Topseller des 19. Jahrhunderts nachempfundenen Tonfall beginnen, den »Schwarzwälder Dorfgeschichten« seines Vornamensvetters Auerbach:

»Ein Bauer pflügt mit einem Ochsengespann sein Feld, Meter um Meter, Furche um Furche. Ein Mopedfahrer knattert mit flatterndem Gewand vorbei. Von Osten her tippelt eine Gruppe verschleierter Frauen heran. In der Luft liegt ein Hauch von Frühling. Wo, bitte, ist hier der Krieg? (…) Der Krieg hat nur pausiert im Winter, um Luft zu holen für das Frühjahr und den Sommer. Auf den staubigen Hügeln zeigt sich schon ein erster Schimmer von Grün.«

Doch dann kommt die fulminante Volte: »15 Mann in einer schwer befestigten Stellung, die an Ernst Jüngers Beschreibungen der Gräben und Unterstände im Ersten Weltkrieg erinnert, (verteidigen) Deutsch­land am Hindukusch (…), wo Guttenberg am Donnerstag noch die Hühnerzucht eines weiblichen Oberfeldwebels besichtigte«!

Hier gelingt Kohler sozusagen die Legierung des frühen 20. Jahrhun­derts mit dem frühen 21. Jahrhundert, also mit dem berühmten Deutschland-muss-am-Hindukusch-verteidigt-werden-Spruch des Alt-68ers und Guttenberg-Vorvorgängers Peter Struck, der wie der unbekannte Afghane bekennender Mopedfahrer ist und wie Gutten­berg in Jura promoviert hat, allerdings über ein viel stylisheres Thema: »Jugenddelinquenz und Alkohol. Ein Beitrag zur Persönlichkeit des Alkoholtäters. Vergleichende kriminologische Untersuchung an 436 jugendlichen und heranwachsenden Hamburger Straftätern der Jahre 1968 und 1969«.

Schon bei Ernst Jünger geistert ja der Alkohol durch die Seiten, dass es dem Fass den Boden ausschlägt: »Reichlich verteilt wurde ein blass­roter Schnaps, der in Kochgeschirrdeckeln empfangen wurde und stark nach Spiritus schmeckte, doch bei der kalten und feuchten Witterung nicht zu verachten war.« (Seite 15) »Wir aßen kräftig und ließen die Flasche mit ›Achtundneunzigprozentigem‹ rundgehen.« (Seite 188) Usw.

Ziemlich überraschend stellt Kohler dann aber einen weiteren inter­textuellen Bezug her: »Ein großes rotes Licht, das über der Festung regelmäßig in der Finsternis aufflammt, verwischt weiter die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Taliban-Country und Tolkien

Da Kohler der einzige Medienvertreter überhaupt war, der Guttenberg begleiten durfte, scheint er auch keinen Fotografen dabeigehabt zu haben (die Bilder sind alle »© Berthold Kohler, F.A.Z.«). So ist Kohler selbst offenbar auch nirgends mit abgebildet, aber immerhin kann man auf einem der Bilder erkennen, dass der dritte von rechts, der im Tropentarn mit dem Rücken zum Betrachter steht, den ersten von links fotografiert, der wiederum den Fotografen fotografiert, so dass die ganze Versuchsanordnung wirkt, als habe der Fotograf, also vermutlich Berthold Kohler, mal eine von Thomas Kapielski im Buch »Sozial­manierismus« beschriebene Versuchsanordnung imitieren wollen:

»ich fotografierte (…) einen Menschen, der fotografiert. (…) Mehr noch: ich stehe in einem Ring der apostolischen Sukzession von Fotografen die Fotografen fotografieren, denn ich fotografierte den hier abgebildeten Fotografen, während dieser seinerseits einen Fotografen fotografierte, der wiederum (…) mich fotografierte! Die Mindestzahl an Teilnehmern bei einer solchen Kreisesbildung ist Drei, nach oben aber offen bis unendlich, sofern unendlich viele Fotografen vorhanden wären, was unwahrscheinlich, aber denkbar ist. (…) So fotografiert in der sukzessiven Reihe also jeder Fotograf einen Fotografen, der beim Fotografieren eines Fotografen nicht bemerkt, dass er seinerseits von einem Fotografen fotografiert wird«. (Seite 169f.)

Nach Jünger, Tolkien und Kapielski kommt die beste literarische Anspielung freilich erst zum Schluss des Essays, als Guttenberg schon wieder nach Deutschland zurückgeflogen ist: »Er hat, als er ins Kanzleramt eilt, noch die Montur an, die er im Feldlager trug. Der Schlamm Afghanistans, der an den Stiefeln hängt, ist zäh, aber einer deutschen Wurzelbürste nicht gewachsen

Der mit Wurzelbürstenborsten hantierende Guttenberg’sche Stiefel­putzer, der hier vor dem geistigen Auge aufscheint, erinnert an jenen berühmten Ich-Erzähler, der (auf Seite 41) sagt:

»ich weiß noch, dass mir damals in der Kasematte von Breendonk ein ekelhafter Schmierseifengeruch in die Nase stieg, dass dieser Geruch sich, an einer irren Stelle in meinem Kopf, mit dem mir immer zuwider gewesenen und vom Vater mit Vorliebe gebrauchten Wort ›Wurzelbürste‹ verband«.

Wenn in Zukunft von der Wurzelbürste in der deutschsprachigen Literatur die Rede ist, müssen neben dem Grimm’schen Wörterbuch und W. G. Sebald auch Berthold Kohler und Karl-Theodor zu Guttenberg erwähnt werden.
 


»Ein goldener Moment in der Geschichte
des deutschen Feuilletons«

Stanford, 23. Februar 2011, 02:57 | von Srifo

Kalifornisch unabgeschiedenes Interview mit HANS ULRICH GUMBRECHT: Über deutsche Zeitungen und ihre Einmaligkeit, über Wiederholungen und Hyperbolik, über nächste Projekte, Widmun­gen von Hans Robert Jauß und Männer in grauen Regenmänteln, die noch mal das Matheabitur kontrollieren wollen

In der Februarhitze gehe ich an hastig radelnden Undergrads vorbei zur Pigott Hall, dem Literaturen-Gebäude der Stanford University. An der Ecke zum Circle of Death, einem zur Pausenzeit umrasten Radlerkreisverkehr, hat Hans Ulrich Gumbrecht sein Büro. Es ist 11 AM, ich habe eine Stunde, klopfe, und unter dem blitzenden Licht des Eckfensters plaudern wir los. Apropos Ausleuchtung: Um die Schönheit und die dunklen Geheimnisse der gesprochenen Sprache zu bewahren, wurde das Transkript nicht redigiert.

»Kann ich das in 12.000 Zeichen
erklären?«

Der Umblätterer: Schaut man auf deine Veröffentlichungsliste, Sepp, fragt man sich: Fühlst du da eine gewisse Verantwortung, dich am deutschen geisteswissenschaftlichen Diskurs zu beteiligen? Das Verhältnis Zeitungsartikel zu Buch hältst du bei circa 20:1, was zurzeit etwa mit dem Faktor 34 zu multiplizieren ist, um auf das Gesamtvolumen zu kommen.

Hans Ulrich Gumbrecht: Nein, ich spüre keine spezifische Verantwortung für das deutsche Feuilleton. Ich denke aber, dass nicht nur die Quantität sondern auch die Qualität der deutschen Feuilletons im Moment international einmalig ist. Ich würde sagen, die vier, fünf besten deutschen Tageszeitungen plus Wochenzeitungen, also nicht der »Spiegel«, aber die »Zeit«, sind wirklich völlig einmalig. Nicht nur, weil es auf Englisch kein ›Feuilleton‹ gibt.

Ich bin einmal im Jahr zwei Wochen in Paris, und dann kaufe ich mir »Le Monde«, »Figaro«, »Libé«, und das kannst du nicht vergleichen. Ich würde aber nicht nur sagen, dass international alles runtergekommen ist, nein, es ist einfach ein goldener Moment auch in der Geschichte des deutschen Feuilletons. In den Zwanzigerjahren oder so –, oder wenn man sagt, »oh, das war in den Fünfzigern besser«, nein, war es nicht. Es ist unheimlich gut. Was zum Teil damit zu tun hat, dass Journalisten wie Frank Schirrmacher oder Gustav Seibt, die früher automatisch Universität gemacht hätten, dachten, es sei interessanter. Finanziell interessanter, als Lebensform interessanter.

Für mich war es aber nie so ein Plan, dass ich gesagt habe, ich will jetzt das und das machen. Es interessiert mich selbst aus mehreren Gründen. Einer ist sozusagen sportlich, also wie jetzt dieser Jauß-Text für die »Zeit«: Kann ich das in 12.000 Zeichen erklären? Manchmal denke ich, das geht nicht, aber dann versuche ich es und finde es interessant.

Zweitens freut es mich natürlich, dass es mir über diese Medien gelungen ist, nicht nur ein Wissenschaftler zu sein, sondern auch ein öffentlicher Intellektueller. Andreas Kablitz der mich vor einigen Wo­chen bei einem Workshop in Köln vorgestellt hat, sagte drei Sachen: »Er ist ein Romanist, immer noch, er ist ein Philosoph mittlerweile geworden«, auch in dem Sinn, dass in Philosophieseminaren meine Sachen zitiert werden, und drittens, »ein öffentlicher Intellektueller, und das hat in der Germanistik niemand geschafft, und in der Romanistik einer, das war Ernst Robert Curtius«, und das hat mich ziemlich stolz gemacht.

Das heißt, ich mache das nicht für deine Generation, ich mache das für mich. Ich denke, dass ich einer von ein paar war in Deutschland, Hörisch wäre auch so jemand, die eine größere Nähe zwischen dem Feuilleton – und nicht nur Feuilleton, es kann ja auch das »Philosophische Quartett« sein, Sloterdijk sowieso – und den Geisteswissenschaften geschaffen haben. In dem Sinn, dass das wahrscheinlich das Feuilleton nicht besser, aber komplexer gemacht hat. Ich schreibe ja jetzt doch nicht genauso, wie jemand, der eine journalistische Karriere gemacht hat. In der Hinsicht fühle ich keine Verantwortung, es ist ja wirklich im emphatischen Sinn auch nicht mehr mein Land, ich möchte eigentlich mehr hier investieren.

Der Umblätterer: Aber du schreibst ja schon viel, wirklich sehr viel, so viel wie wenige andere, die nicht angestellte Journalisten sind.

Gumbrecht: Ja, richtig, das ist eben der sportliche Ehrgeiz. Irgendjemand hat mal geschrieben, dass ich einer der wichtigsten Stichwortgeber in der deutschen Kultur der Gegenwart wäre, das fand ich etwas hyperbolisch, aber toll. Klar, das interessiert dich, da hast du einen Ehrgeiz, da kommst du in Debatten rein, ich hatte so eine Debatte letztes Jahr gehabt mit Kaube, den ich gern mag, also Kaube meinte, Geisteswissenschaften seien Wissenschaften, und ich denke das nicht, und schon hast du ein Follow-up. Oder meine Sport-Sache, da habe ich nicht irgendeiner Sportredaktion in Deutschland erzählt, »also ihr müsst aber jetzt anders schreiben«, aber die schreiben tatsächlich anders als vor 15 Jahren, and I think I was part of that.

»Würden Sie was für die ›Geisteswissen-
schaften‹ schreiben?«

Der Umblätterer: Das geht schon zur nächsten Frage, die die erste zuspitzt, wenn man sich nämlich die Personen anschaut, die du schon genannt hast, deine intellektuellen Freunde, Karl Heinz Bohrer und Peter Sloterdijk, oder auch Henning Ritter und Rüdiger Safranski, Frank Schirrmacher …

Gumbrecht: Bei Ritter ist es genau umgekehrt.

Der Umblätterer: Du meinst …

Gumbrecht: … umgekehrt, also wenn man der Sohn von Joachim Ritter ist, kann man natürlich keine akademische Karriere haben, Ritter hat bei Verlagen gearbeitet, dann die FAZ-Sache gemacht, großartig gemacht. Und wenn du ihn heute siehst, kann er überall schreiben, er ist einer der großen Intellektuellen im Land, aber Ritter hat mittlerweile auch einen Dr. h. c., und ich denke, mit Recht. Bei Karl Heinz Bohrer ist es ja biografisch gesehen auch ähnlich.

Lomo-Serie, Florian Fuchs und Hans Ulrich Gumbrecht at Stanford

Der Umblätterer: Oder es gibt auch Schüler von dir im Feuilleton. Du hast zwar gesagt, Verantwortung fühlst du nicht so richtig, aber de facto hast du ja inhaltlichen Einfluss. Eben die Sportjournalisten, die jetzt anders schreiben. Stellst du das hinterher fest und sagst, »Ach, die schreiben ja jetzt anders, das wollt ich ja jetzt gar nicht so, ist ja lustig«, oder ist das mit in den Ehrgeiz eingeflossen irgendwann?

Gumbrecht: Ehrgeiz ist ja immer so ein Wort, was ganz furchtbar klingt, aber das kannst du schon schreiben. Um es so zu formulieren, in Interviews werde ich auch immer gefragt, wie ich das akademisch alles so geplant habe. Aber vielleicht bin ich deshalb auch immer in so katastrophischen Situationen, ich bin kein Mensch von langen Planungen, also ich weiß zum Beispiel, dass ich im Sommer dieses Latenzbuch fertig schreibe, und ich weiß, dass ich wahrscheinlich als nächstes Buch eine Diderot-Biografie schreibe, ein großes Buchprojekt, und das hat mit Lebensende, also mit meinen 62 Jahren zu tun. Das sind Bücher, die ich wirklich noch schreiben will, aber ich plane nicht so langfristig.

Ich hätte nicht sagen können, dass ich mich irgendwann entschlossen hab, ich muss jetzt nach Amerika gehen. Martin Seel hat mal geschrieben, es gehört zur agency dazu, die Fähigkeit sich bestimmen zu lassen von Situationen und Gelegenheiten. Und, ja doch, das war Gustav Seibt, den kannte ich, weil er ein Freund von einem Schüler von mir war, und er war Assistent bei Ritter, und der fragte im Auftrag vom Ritter, als die grade angefangen haben mit der Geisteswissenschaften-Seite in der FAZ, »würden Sie was für die ›Geisteswissenschaften‹ schreiben?« Das habe ich natürlich nicht geplant, das meine ich mit keiner Verantwortung.

Klar möchte ich, dass gut geschrieben wird. Ich möchte z. B. bei bestimmten Debatten, dass die eine Seite gewinnt und die andere nicht, aber ich habe keinen Masterplan, was denn mein Beitrag für die Geisteswissenschaften sein sollte. Eine gute Metapher, die Humberto Maturana immer gebraucht hat, ist der Drift vom Segelboot: Ich hab schon immer eine Ahnung, wo ich hin möchte, aber nicht langfristig, und deswegen meine ich, ich folge keiner Verantwortung.

Eine Analogie ist, dass Sportlern ja immer angemutet wird, sie sollten role models sein, aber das ist nicht, warum man Sport macht. Dass dann irgendwelche Sportler role models sein könnten, ist ja schön, und wenn ich einen Einfluss auf eine bestimmte Richtung nehmen kann, die mir sympathisch ist, ist mir das auch Recht, aber ich könnte dir jetzt nicht sagen, welches denn der nächste Schritt wäre, wo ich möchte, dass das deutsche Feuilleton hingeht.

Der Umblätterer: Du warst 2004 bei einem Vierergespräch dabei, mit Frank Schirrmacher, Henning Ritter und Martin Meyer.

Gumbrecht: Genau.

Der Umblätterer: Damals hast du es ähnlich formuliert …

Gumbrecht (nimmt ein schmales Buch von einem Stapel, »Warum soll man die Geisteswissenschaften reformieren?«): Das hast du, oder?

Der Umblätterer: Nee?

Gumbrecht: Ja dann gebe ich dir das jetzt, das ist das Weihnachtsgeschenk des Präsidenten der Uni Osnabrück, das Foto, das da drin ist, ist das FAZ-Foto von dem Vierergespräch.

Der Umblätterer: Ja, ich habe den Artikel hier, da ist das drin.

Gumbrecht: Nee, ist ein anderes Foto, aber selbe Serie, die Uhr ist leider Gottes stehen geblieben, die haben eine sehr elegante Uhr.

»What was he thinking!«

Der Umblätterer: Jedenfalls sagst du da genau dasselbe über dein Interesse, was den Einfluss auf das Feuilleton angeht. Was sich daran anschließt, ist eine Frage nach dem Gegenwind, den es dann gibt. Du hast im »Freitag« gerade etwas über Risikodenker geschrieben, und die Community, die beim »Freitag« immer sehr lebhaft antwortet …

Gumbrecht: Ja, Wahnsinn.

Der Umblätterer: Die meisten dort haben sich über deinen Artikel beschwert und sagen, »Ihnen nehme ich das natürlich nicht ab, Herr Gumbrecht, dass sie Risikodenker sind«. Und in der »Welt« gab es auch eine Antwort …

Gumbrecht: Vom Feuilletonredaktionschef.

Der Umblätterer: … der das ähnlich sah. Würdest du sagen, um es mal so zu formulieren, die kalifornische und die deutsche intellektuelle Lebenswelt können nur im Dissenz zueinander leben? Du hast im Interview mit der »Welt« Anfang November eine Andeutung in diese Richtung gemacht.

Gumbrecht: Du hast wahrscheinlich auch den Artikel in der »Zeit« gelesen von vor drei, vier Jahren, dort heißt es, meine Reputation und mein Talent sei, immer Meinungen zu spalten. Ich sage irgendwas, und dann sind ein paar Leute stark dafür und, wie bei dem Text über riskantes Denken, andere sagen, »Nein, absolut nicht«. Ich kann nicht sagen, dass ich das bewusst mache oder kultiviere, aber ich merke, dass das eine Wirkung ist, die ich habe.

Zum Beispiel kriege ich größtenteils, wie die meisten hier, bei den class reviews close to einer Idealnote von den Studenten. Aber nach einem Seminar, das ich grade gemacht habe, bei dem ich dachte, es war unheimlich gut, sehe die Grafik der Bewertungen und sage, »Was, das ist ja furchtbar!« 60 Prozent der Studenten sagen ganz explizit, das sei das beste Seminar, das sie in Stanford je gemacht haben, und die anderen sagen, »What was he thinking!«.

Ich kultiviere das nicht, aber ich würde sagen, z. B. so eine Sache wie der Jauß-Text, der bald in der »Zeit« kommt, oder die Sache im »Freitag«, dass das mittlerweile zu mir als Produkt gehört. Die Zeitungen wissen, ich schreibe irgendwas zu so einem Thema, und da kriegen sie eine Menge Reaktion, und das ist es natürlich, was ein Medium interessiert. Es ist ja dem »Freitag« Wurst, ob die Leute beistimmen oder nicht.

Den Unterschied zwischen hier und Deutschland kann man gut sehen, wenn man sich z. B. hier die Division of Literatures, Cultures, and Languages (DLCL) in Stanford anschaut, da finde ich es bemerkenswert, wenn man sagt, es sind 40 faculty members, da gibt es junge Persönlichkeiten und a couple of big guys, die alten, Girard und Serres, oder nur Robert Harrison und mich. Wenn das ein deutsches Seminar wäre, wäre es, statt zusammenzuwachsen, schon längst in zwei Teile gespalten, und es gäbe eine Menge Leute, die miteinander nicht können, nicht zusammen in einer Kommission sein könnten usw.

Das finde ich bemerkenswert hier: Du kannst verschiedene Meinungen haben, du kannst beständig drüber streiten, produktiv streiten, but that’s normal. Das ist in Deutschland, finde ich, undenkbar. Und ich überlege immer, warum mir Deutschland oft auf die Nerven geht, und es ist letztlich das, dass in dem Moment, wo man in Deutschland merkt, dass es einen Dissenz gibt, ziehen alle den Schwanz ein oder du kriegst einen Streit.

Ich meine z. B. schon wenn ich etwas sage, was kontrovers ist, heißt das ja nicht, dass ich nicht den guten Grund der anderen Meinung sehe, aber man kann ja auch mal sagen, das ist wahr. Und du siehst ja die Reaktionen z. B. im »Freitag«, also alle sagen wie furchtbar und wie kann ich das sagen. I mean, in the first place I can say that … Aber noch mal zu deiner Frage: Ich würde sagen, was die Leute hier wählen würden, wenn sie das deutsche Spektrum hätten, oder was die Deutschen wählen würden, also our kind of people, wenn sie hier lebten, would not be so different. Die meisten Deutschen würden hier auch Obama wählen und würden sagen, »wäre schön, wenn er noch ein bisschen linker wäre«, irgend sowas. That is not so different.

Die Differenz, die vielleicht, durch die Tatsache, dass ich in Kalifornien bin, in Deutschland provokant ist, ist, dass ich nicht mehr gewöhnt bin und das vielleicht auch kultiviere, in der Hinsicht strategisch zu sein. Es war typisch von deutschen Freunden, hier zu sagen, um Gottes willen, wie werden die Deutschen auf den Jauß-Text reagieren. Well, I’m interested but I really don’t care. Why should I? For Christ’s sake.

»Streitkultur« oder so

Der Umblätterer: Das nächste hat damit gleich zu tun, nämlich mit kalifornischer Abgeschiedenheit. Und zwar schreibst du, ich habe mir da das erste, was du 1989 in der FAZ über Kalifornien schreibst, angekuckt … Und zwar machst du da, vor 22 Jahren, eine Rundreise von Berkeley über Stanford zu Hayden White nach Santa Cruz. Damals gab es noch diesen lustigen Begriff des Post-Poststrukturalismus, was auch immer der war oder ist, und du sagst, was Hayden White dir damals davon erzählte, würde in Deutschland immer noch als neokonservativ disqualifiziert werden.

Letztlich konterkarierst du beide Positionen – Kalifornien und Deutschland – und schreibst, »Aber im Gegensatz zu den deutschen Apologeten der Aufklärungstradition« – hast du die grade wieder als deutsche Haltung zitiert, wäre die Frage – »hält White grade nicht an dem Universalanspruch des Postulats fest, daß Wissenschaft ›politisch‹ und überhaupt (ernste) ›Wissenschaft‹ zu sein habe. Man könnte sich fragen, ob dieser Verzicht [auf den Post-Poststrukturalismus] in Deutschland eine Folge jener intellektuellen Abgeschiedenheit ist, die – allerdings unter amerikanischen Bedingungen – in Santa Cruz gerade zu dem umgekehrten Ergebnis, nämlich der Inflation des politischen Anspruchs geführt hat.« Die Frage ist also die nach der jeweils spezifischen intellektuellen Abgeschiedenheit in Deutschland und in Kalifornien, besteht die noch?

Gumbrecht: Das ist komplex, das finde ich interessant, weil ich das jetzt nicht mehr so sehe wie damals. (überlegt) Ob sich das wirklich geändert hat oder ob ich mehr kapiert habe über die Umstände hier, ist schwer zu sagen, einen Unterschied sehe ich weiterhin in der schon erwähnten Diskussionskultur hier. Die finde ich hier in Stanford positiv, und die ist nicht überall so, an der Cornell University, NY, ist es wirklich nicht so. Wenn das hier funktioniert, dann, habe ich den Eindruck, funktioniert das, weil sich die Leute als citizens verstehen. Bis in eine discussion sind sie citizens, also nicht, dass du was beitragen musst zu den USA, eher in einem Aufklärungssinn, wenn man will. Wie überhaupt in diesem Land, wenn es gut klappt, diese Aufklärungstradition …

Der Umblätterer: Eine gemeinsinnliche Stimme?

Gumbrecht: Ja so, you meet, like, a town hall meeting, das bedeutet, Leute haben verschiedene Meinungen und man schaut, was rauskommt. Wenn hier in einer Kommission ein Lehrstuhl besetzt wird, dann wird nicht geheim abgestimmt und die Minderheit letztendlich unterdrückt, damit man eine einhellige Meinung nach außen hin abgeben kann, sondern es wird in die Fakultät gegeben zur Diskussion. Denn der Agent, der die Empfehlung an die Universitätsleitung gibt, ist die Fakultät, verkörpert durch die Dekanin. Und da sagt man immer, why should we be unanimous, wenn es mehrere Kandidaten gibt und keiner der Teilnehmer der Kommission findet im schlimmsten Fall keinen von beiden unmöglich, gibt man die Präferenzen heraus. Und dann wird in der Fakultät diskutiert und jeder akzeptiert dann die Meinung, das ist eben ein demokratischer Prozess. Das ist die Illustration von citizenship in meinem Sinn.

Im Gegensatz dazu, und das würde ich für die große Differenz halten, meine Kollegen in Deutschland, die untereinander diskutieren, finde ich, diskutieren nicht als citizens, obwohl sie es immer sagen, oder es heißt dann »Streitkultur« oder so. Sondern sie diskutieren immer als Wissenschaftler. Weil dieser Wissenschaftsbegriff so stark ist, dass man eigentlich Recht haben sollte am Ende. Zum Beispiel wenn befreundete deutsche Professoren mir sagen, dass sie nicht verstehen können, dass ich Paul de Man nicht mag. Dann ist das immer so: »Du bist doch intelligent, du müsstest doch de Man mögen.« Oder: »Am Ende eines Tages wirst du einsehen, dass de Man …«

Der Umblätterer: Also schon noch die »Apologeten der Aufklärungstradition«, die wirken deiner Ansicht nach immer noch?

Gumbrecht: Na gut, ich hab des jetzt deswegen nicht verwendet, weil ich eigentlich, wie ich die Aufklärung verstehen würde, voraussetze, dass andere Leute andere Meinungen haben. Ich meine, im schlimmsten Fall sozusagen, muss man eben abstimmen, es gibt eine Mehrheitsmeinung und die gewinnt dann. Aber es könnte ja auch sein, dass ich, wenn eine Diskussion gut läuft, dass sich was anderes ergibt.

Wenn ich sehe, dass 60% meiner Kollegen, 70%, jemanden wollen, den ich nicht wollte, dann würde ich nicht sagen, die Meinung der Kommission muss dominieren, weil ich meine, das ist jetzt einmal so festgelegt, dass die Fakultät als Kollektiv den Vorschlag an den Dekan macht, verstehst du. Da würde ich aber nicht sagen, »Ja, aber eigentlich haben sie Unrecht gehabt«, sondern da würde ich sagen, ich habe eine Meinung gehabt, die sich als exzentrischer herausgestellt hat, als ich dachte. Ich kann argumentieren, warum ich sie hab, ja, so wie ich ja auch nicht erwarte, dass ein konservativer Bekannter von mir mich eines Tages überzeugt, dass George W. Bush wirklich der beste Präsident war.

Der Umblätterer: Diese Selbstevidenz der Wahrheit.

Gumbrecht: Ja.

Der Umblätterer: Dann eine ganz praktische Frage: Ich weiß, dass du viele Kontakte hast zu Journalisten, steuern diese Kontakte auch deinen Zeitungskonsum? Liest du im Internet? Hier in der Bibliothek kommen die Sachen ja immer sieben Tage später an. Wie läuft das mit deiner Feuilletonlektüre?

Gumbrecht: Nein, also ich lese nur jeden Tag den Sport in der »New York Times«, das stimmt wirklich, das ist nicht nur eine Stilisierung. Wenn ich an einem Morgen keine Zeit habe, dann lese ich ihn hier im Büro. Und falls du das als Jux mit reinschreiben willst: Ich war in der 1. Klasse Volksschule unheimlich schlecht, und das war das Jahr, als Deutschland die Fußball-WM gewonnen hat, und meine Eltern sagten: »Wenn du jetzt lesen kannst, dann kannst du immer Sport lesen.« Und da habe ich angefangen, über Fritz Walter in der »Würzburger Mainpost« zu lesen.

Also den Sport lese ich regelmäßig. Zum Beispiel fahre ich deswegen in Deutschland immer 1. und nicht 2. Klasse im Zug, weil es da for free FAZ, »Süddeutsche« und »Welt« gibt. Und wenn ich Zeit hab, ich mein ich find das sehr angenehm zum Lesen, aber ich verfolge das nicht, weil ich auch denke, nothing happens if I don’t know. Außer wenn mir jetzt jemand sagt, da ist was Interessantes, vor allem, wenn mir jemand sagt, da hat jemand auf dich reagiert. (lacht) Oder so, wie du mir letztens wegen deines Umblätterer-Artikels die Philosophie-Ausgabe der »Zeit« kopiert hast, das finde ich interessant. Auch wieder von der Idee her, dass die akademische Welt, also die Geisteswissenschaften, näher an das Feuilleton gerückt sind und die »Zeit« so ein Thema macht über Philosophie. Das möchte ich dann gerne lesen. Aber jetzt nicht, weil ich denke, ich muss informiert sein, das interessiert mich wirklich. Aber sonst verfolge ich nichts regelmäßig außer Sport.

»I had but one idea in my life.«

Der Umblätterer: Noch eine letzte Frage zu deiner Feuilletontätigkeit. Und zwar, weil du so viel schreibst, so viele Interviews gibst. Allein schon, wenn man nur sieht, was aus den letzten zehn Jahren im Internet zu finden ist. Da sind ja ganz oft Sachen bei, die sich wiederholen. Was sagst du dazu, stört dich das im Nachhinein?

Gumbrecht: Du meinst, dass ich immer dasselbe sage?

Der Umblätterer: Diese Stilisierung, um die es gerade ging, und gleichzeitig diese Präsenz, die du hast. Zum Beispiel diese Sportgeschichte, die du erwähnt hast, die würde man mindestens zehnmal finden. Bist du da irritiert?

Gumbrecht: Nö, also, erst mal würde ich meinen, bin ich vergleichsweise nicht so schlecht. Ich kann schon ein paar Sachen relativ kompetent. Und das würde ich rein als eine Marktsache sehen. Das mit dem Sportthema ist wahrscheinlich deswegen so, weil es relativ neu ist, so über Sport zu reden. Bredekamp hat das mal in der NZZ in einer Rezension über das Sportbuch geschrieben. Das fand ich natürlich toll von Bredekamp, »so hat noch niemand über Sport geschrieben«, ganz positiv und hyperbolisch gemeint, aber du könntest das ja auch deskriptiv meinen, so über Sport zu reden. Das letzte, was ich zu dem Thema gemacht habe, läuft grade, mit der FIFA und dem DFB im Vorlauf für die Frauenfußball-WM. Ich hab ein ganz langes Interview gegeben, warum ich Frauenfußball heute ästhetisch schöner finde. Um das zu erklären, muss ich ein paar Sachen wieder erklären, die in einem Buch stehen. Wie sollte ich nicht?

I can for example claim and am proud of it, ich hab im Leben noch kein Seminar zweimal gehalten, es gab auch keins mit noch mal demselben Titel. Das bedeutet aber nicht, dass, wenn ich, sagen wir mal, in einem Lyrikseminar nicht Sachen sage, die ich schon gemacht habe. How could I? I get your point, und das ist mir immer etwas peinlich, das ist vielleicht eine gute Antwort, man muss sich aber dran gewöhnen.

Und es ist wichtig, dass das völlig counterproductive ist, wenn man das nicht macht. Denn mich freut es z. B., dass der DFB und grade die Frauen darauf aufmerksam geworden sind, wenn ich da jetzt den Punkt gut machen will und erklären will, warum es Gründe gibt, Frauenfußball heute ästhetisch besser zu finden, muss ich bestimmte Sachen erklären. Und wenn ich die nicht erkläre, weil ich denke, das gibt es ja schon irgendwo, verstehst du, es gibt da so eine gewisse Arroganz, man erklärt das dann nicht mehr. Ich sehe sowas auch bei Kollegen, »das hab ich ja schon in dem Artikel von 1993 geschrieben« oder so, und das geht einfach nicht.

Der Umblätterer: Das klingt ähnlich wie deine Kritik an der Wahrheitsliebe, dieser Drang zur Originalität der Wahrheit: Nur einmal ist man origineller Denker und darf es sein und dann ist die Idee bereits abgetreten.

Gumbrecht: Ich habe, kenne und verstehe den Ehrgeiz. Hayden White hat mal gesagt, das habe ich in »Unsere breite Gegenwart« zitiert, und es gefällt mir unheimlich: »I had but one idea in my life, but hey, most people had none.« Ich würde sagen, das mit der Präsenzsache, that I can claim. There is something that’s made a difference, and that’s associated with me. Ich möchte also nicht mein Leben damit beschließen, dass ich nur noch Präsenz mache, und ich möchte auch nicht dauernd sagen, »Stimmung, ja, das hat mit Präsenz zu tun«. I mean, I can show the genealogy, aber es ist nicht das 27. Präsenzbuch, was ich gemacht habe. Oder »Unsere breite Gegenwart« oder jetzt das Latenzbuch, klar, es ist eine Sequenz, aber ich hab einen Ehrgeiz, dass das schon etwas anderes ist, insofern verstehe ich diesen Druck. Aber ich denke immer, vorauszusetzen, dass alles, was du irgendwo gesagt oder publiziert hast, ja irgendwie available ist und deswegen nicht mehr gesagt werden muss, das funktioniert nicht.

Der Umblätterer: Für einen Feuilletonisten allemal.

Gumbrecht: Ich will noch eine Sache sagen, das ist ein großes Problem bei Dissertationen, weil Leute oft glauben, was sie schon mal gesagt haben oder was schon irgendwo steht, da muss man da nur eine Fußnote machen. Das ist nicht immer gut, du musst manchmal Dinge noch mal schreiben. Dann kann man sagen, also für alles weitere siehe da und da. Aber bei zwei von drei Dissertationen gibt es einen Punkt, wo ich sage, nein, also hier musst du zwei Seiten einfügen, weil ich weiß, was du sagen willst, aber das Argument ist nicht rund, wenn das da nicht steht.

Der Umblätterer: Noch ein paar kurze Fragen.

Gumbrecht: Okay.

Der Umblätterer: Schnellschussfragen.

Gumbrecht: Gut, so was mache ich gern.

Der Umblätterer: Ein Kolloquium mit deinen fünf Wunschgästen – wo und wer?

Gumbrecht: Fünf Wunschgäste … (Es klopft.) Ja?

(Adrian Daub, Assistant Professor of German, der nächste Bürobesucher, kommt herein.)

Gumbrecht: Ein Interview, we are almost in the final stretch. Du kannst dich gern beteiligen. Die Frage war, ein Kolloquium mit fünf Leuten, die ich einladen würde.

Der Umblätterer: Wo und wer.

Gumbrecht: Also, im Humanities Center hier im Sommer, wenn nichts los ist. Wen möchte ich einladen, also Sloterdijk immer, der ist im Kolloquium sehr, sehr gut. Dann vielleicht Harold Bloom, dann noch Martha Nußbaum, ich möchte einladen Adrian Daub und dich.

Adrian Daub: Ich komm auf jeden Fall. (Auf dem Tonband Gelächter.)

Der Umblätterer: Ich will Euch nicht aufhalten.

Gumbrecht: Nein nein, komm, mach, es ist ja Schnellschuss.

Der Umblätterer: Es gäbe auch noch eine ganze Seite mit …

Gumbrecht: Mach kurz Schnellschüsse.

Der Umblätterer: Die nächste hat mit dem Tisch, an dem wir sitzen, zu tun, bzw. mit dem, was auf ihm steht: Dr Pepper oder Coke?

Gumbrecht: Ja, das hat sich geändert, normalerweise Diet Dr Pepper, das ist richtig, in recent for some reason I like Zero Coke, ich bin im Moment in so einer Schnellphase, jetzt habe ich gern das mit Lime, hier, Coke Light Lime.

Adrian Daub: Das überrascht mich jetzt auch ein bisschen.

Gumbrecht: Ja ja, eigentlich Dr Pepper, ich meine, man mag das weiter, ich weiß nicht, eine Übergangsphase.

Der Umblätterer: Du hast einen Jeep Wrangler ’87, richtig?

Gumbrecht: Nee, ’89.

Der Umblätterer: Hast du den gekauft, als du hier angekommen bist?

Gumbrecht: Nee, nicht gleich, da hatte ich kein Geld.

Der Umblätterer: Dann geht die Frage nicht, dann überspringen wir die.

Gumbrecht: Du willst wissen, ob das wirklich wahr ist, dass das aus der Erinnerung an die GIs war, die Väter von meinen Klassenkameraden in der Volksschule waren.

Der Umblätterer: Wahrscheinlich will ich das wissen, ja.

Gumbrecht: Ja, das ist richtig. Unmittelbar als wir ankamen, habe ich kein Geld gehabt.

Der Umblätterer: Dein Anathema?

Gumbrecht: Also ein Thema, über das man überhaupt nicht reden soll? (überlegt) Na ja, da haben wir schon vorhin drüber geredet, wie soll man die Geisteswissenschaften in Zukunft verändern, sozusagen, programmatisch. Das ist okay im Sinn dieses Drifts, dass man nur reagieren kann auf das, was passiert, aber so ein »Das sollen sie eines Tages werden«, das bitte nicht.

»Ich bin auch kein Max-Frisch-Fan
je gewesen.«

Der Umblätterer: Welches der Memorabilia in deinem Büro hast du hier, weil du dachtest, du vergisst vielleicht seine Herkunft und nicht das, was es darstellt oder abbildet.

Gumbrecht: Ja, das ist die Todesanzeige von meinem Mathematiklehrer. Weil, das war immer ganz furchtbar, ich hab mir immer gedacht, dass ich saudumm bin, weil, ich meine, in Mathematik konnte ich nur gut sein, wenn ich auswendig gelernt habe vor den Klassenarbeiten in Bayern. Der hat ganze lange gebraucht, bis er gestorben ist, hatte auch den Namen Wohlleben, und jetzt ist hier die Todesanzeige von Herrn Wohlleben.

Der Umblätterer: (Blick zur Pinnwand.)

Gumbrecht: Das ist nicht nur, aber auch ein memento mori, aber auch ein Hinweis darauf, dass ich vielleicht doch nicht so schlau bin, wenn ich da auf Herrn Wohlleben kucke. Ich hatte wirklich immer einen Albtraum. Ich kann, weil ich so wenig schlafe wahrscheinlich, mich nie an Träume erinnern.

Aber an einen Traum kann ich mich immer erinnern, und der hat damit zu tun, dass ich dann ein ganz glorreiches Matheabitur geschrieben habe. Aber ich habe mir das selber nie zugetraut und die Geschichte ist, ich kann sie kurz erzählen. Also, ich sitze hier, und es kommen so Männer mit grauen Regenmänteln rein und sagen (bayrischer Akzent): »Guten Tag, Herr Professor, wir sind vom bayrischen Kulturministerium und wollten Sie noch mal aufsuchen, denn bevor die Abiturarbeiten von 1966 geshreddet«, wie heißt das auf Deutsch, vernichtet, »vernichtet werden, wolln mia no ma senn, es ist nämlich Zweifel aufgekommen, ob das mit rechten Dingen zugegangen ist mit ihrem Mathematikabitur.«

Und dann haben sie hier das Matheabitur von 1966, und ich sitze hier und komme zunehmend ins Schwitzen, und nach vier Stunden kommen die zurück und sagen: »Ja, gar nix, das ham wir uns gedacht. Würden sie jetzt bitte mit uns zum Präsidenten kommen, weil Sie sind nicht nur kein Professor mehr, Sie sind auch kein Doktor, und Sie haben nicht einmal ein Abitur.« Im besten Fall wache ich dann auf, im schlimmeren Fall wache ich auf, wenn ich bei Hennessy [dem Präsidenten von Stanford] bin, im schlimmsten Fall wache ich auf, wenn ich Ricky [seine Frau] anrufen und ihr erzählen muss, »that’s it«.

Der Umblätterer: Okay, und die letzte Frage: Welche ist die zurzeit in deinem Kopf präsenteste Widmung in einem deiner Bücher, an dich oder nicht an dich.

Gumbrecht (überlegt murmelnd).

Der Umblätterer: Weil ich weiß, die sind alle voller Widmungen, die hier stehen.

Gumbrecht: Ich kann dir das sagen, wenn du die wahre Antwort willst, weil ich grade über Jauß etwas schreibe, und da habe ich natürlich meine ganzen Jauß-Bücher hervorgeholt, und der hat mit seiner Ameisenschrift, die klein aber lesbar war, eine Widmung geschrieben, und ich hätte nicht gedacht, dass das so schlecht ist. In »Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik«, da steht drin, »Für Isa und Hans Uuhlrich …«, langgezogenes U, hat er immer gesagt, der konnte Sepp nicht sagen, weil er irgendwie … »Für Isa …«, Isa war meine erste Freundin, die war Psychiaterin, »Für Isa und Hans Uuhlrich, da hermeneutisch gleichermaßen betroffen – von Ihrem Hans«. Und diese Kombination von first name und Sie und »Isa und Hans Uuhlrich«, und dieses »da hermeneutisch gleichermaßen betroffen«, weil er kapiert, dass der Psychiater auch was mit Hermeneutik zu tun hat, das fand ich sowas von … Das geht mir also leider nicht aus dem Kopf. Ich würde das gern shredden. Ich seh das auch vor mir, da hat er immer dann Hans Robert, und dann so ein ganz langes ›J‹ … na ja, ich muss das, glaube ich, aus dem Buch rausreißen.

Der Umblätterer: Okay, das war’s.

Gumbrecht: Die anderen in meinem Kopf sind jetzt auch alles Jauß-Widmungen. Zur Habilitation hab ich ein klar von ihm schon gelesenes Exemplar des zweiten Bandes von Max Frischs Tagebuch bekommen. »Zum schönen Ereignis vom 20. Juni 19…«, wann war das, »19…74«, den hatte er also schon gelesen gehabt. Ich bin auch kein Max-Frisch-Fan je gewesen. Okay. (Seine Sekretärin Margaret kommt herein, mit Papieren.) Okay, okay.

Okay, okay. Ich gehe ins Freie, um das Eckrund von Pigott Hall herum, quer über den Circle of Death und zu meinem zweiten Morgenkaffee.