Archiv des Themenkreises ›F-Zeitung‹


Die Welt als Schopenhauer und Überschrift

Konstanz, 25. August 2010, 18:44 | von Marcuccio

Gabriel ist mir im Traum erschienen, der hier schon öfters erwähnte Überschriftenerfinder. Und zwar in Form von Christoph Poschenrieder, der Überschriften gefischt hat. Überschriften aus dem großen Meer der Anspielungen, mit denen Journalisten und namentlich Feuilletonisten gern Buchtitel, Filmtitel, Songtitel usw. umsegeln. Klassisch hierzu natürlich schon der ewige MRR:

  • »Jenseits der Literatur« = Überschrift seines Verrisses zu Martin Walsers »Jenseits der Liebe« (1976)
  • »Die Angst des Dichters beim Erzählen« = Überschrift zu Peter Handke (1972)

Es gibt gewisse ungeschriebene Gesetze der Branche: Wenn z. B. Franka Potente neulich einen Erzählband vorlegt, dann kann die Überschrift natürlich nur wie lauten? Genau:

  • »Lola schreibt« (Tagesanzeiger, 5. August, und WELT, 7. August)

Witzig ist es dann eben auch mal, Langzeitprofile anzulegen. Christoph Poschenrieder hat genau das getan und eine Liste gesammelter Verballhornungen vorgelegt, die auf Schopenhauers »Die Welt als Wille und Vorstellung« anspielen:

  • »Die Welt als Willy und Vorstellung« (Tagesspiegel, Artikel über die SPD)
  • »Die Welt als William und Vorstellung« (ZEIT, Artikel über Shakespeare am Berliner Ensemble)
  • »Die Welt als Wille und Wechselstrom« (FAZ)
  • »Die Welt als Pille und Vorstellung« (SZ-Magazin)
  • »Die Welt als Wille und Vorurteil« (Der Standard)

Diese und weitere Findungen sind nachzulesen im aktuellen Diogenes-Magazin (Nr. 4, Sommer 2010, S. 22).

Wieso sammelt Poschenrieder Schopenhauer-Überschriften? Weil er einen Schopenhauer-Roman vorgelegt hat: »Die Welt ist im Kopf«. Das Buch liest sich schnurstracks weg. Ein bisschen so als hätte Daniel Kehlmann über Schopenhauer & Lord Byron statt über Humboldt & Gauß geschrieben.


Umblätterer @ NDR Kultur

Saint-Jean-de-Luz, 9. August 2010, 23:46 | von Paco

Ach ja, letzte Woche (4. August, 19:30 Uhr) gab es in der Reihe »Lesen im Netz« bei NDR Kultur ein kleines UMBL-Feature (–anhören–). Auftritt Dique mit unseren Freunden:

Einen Tag nach Dique war übrigens Don Alphonso dran, der u. a. über das neue FAZ-Blog »Deus ex Machina« sprach, für das außerdem die hervorragenden Autoren Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia, Nicander A. Indescretius von Saage und Violandra Temeritia von Avila schreiben, so muss es sein. Auch dieses Feature bitte –anhören–.


»ALDI gibt bekannt …«

Konstanz, 4. August 2010, 01:35 | von Marcuccio

Nein, kein übliches Urnengrab im »Spiegel«-Register (»Gestorben«), sondern den Hamburgern in der aktuellen Ausgabe eine eigene Hausmitteilung wert. Und dazu gleich 11 Seiten Kulturgeschichte des »Ur-Discounters« zum Nachlesen, fast schon eine heimliche Titel­geschichte (die es in mageren Nachrichtenwochen wohl auch geworden wäre). Was für eine publizistische Bestattung von Theodor Paul (genannt Theo) Albrecht geht da zu Ende.

Wie erwartet fand sie sowohl auf den Wirtschafts- wie den Feuille­tonseiten statt, und sie muss so was wie der Alptraum aller Bild­redaktionen gewesen sein, denn es standen den meisten Medien ja nur zwei »Theo«-Bilder überhaupt zur Verfügung: wahlweise die beiden Brüder Albrecht sowie das 1970er-Jahre-Brustbild von Theo, von kurz nach der Entführung.

Heimlicher Höhepunkt natürlich die ganzseitige Todesanzeige im FAZ-Feuilleton vom Donnerstag. Die meines Wissens erste und einzige ALDI-Anzeige, die nicht mit den klassischen Worten »ALDI informiert«, sondern »ALDI gibt bekannt« begann – der Bedeutung des Ereignisses angemessen. Die Annonce war im übrigen nicht weniger informativ als die journalistische Berichterstattung insgesamt.

Die nämlich litt, wie immer bei ALDI-Themen, unter der kargen Nach­richtenlage. Gebot der Stunde war es also, wieder mal allerlei ALDI-Mythen aufleben zu lassen: vom symptomatischen Aufbrauchen des alten Briefpapiers (»x-te er Jahre nach der Postleitzahlen-Umstellung 1993 die alte Essener Nummer 4300 einfach aus«, so Hannes Hintermeier in der FAZ) bis zum Brüder-Antagonismus und dem ALDI-Limes, Sinnbild für die wahre deutsche Teilung in einen ärmeren, protestantisch-nüchternen Norden und einen reicheren, sinnenfreudi­geren Süden, ablesbar sowohl am Sortiment als auch an der Filial­gestaltung. Nur mentalitätsgeschichtlich hätten Sachsen und Teile von Thüringen unbedingt ALDI-Süd zugeschlagen werden müssen.

Neu für mich, das ALDI-Südstaatenkind, war übrigens Günter Fruhtrunk als ALDI-Tütendesigner (Nord).

Und noch was für den Korrekturkasten im nächsten »Spiegel« (damit er nicht wieder ausfallen muss wie zuletzt): Die ALDI-Europakarte auf S. 67 stimmt nicht ganz, ALDI-Suisse ist Expansionsgebiet von ALDI-Süd, nicht -Nord. Und weil wir grad dabei sind, noch eine Korinthe zur Titelgeschichte der vorvorletzten Ausgabe (Nr. 29, S. 61): »Über allen Gipfeln ist Ruh …« a.k.a. »Ein Gleiches« ist nicht wirklich ein »Alters­gedicht Goethes«, wie Susanne Beyer schreibt, der Dichter war da 31 Jahre und hatte noch 51 weitere zu leben, also na ja.


Winckelmanns Spaziergang von Halle nach Hamburg

Hamburg, 14. Juli 2010, 10:07 | von Dique

Grundsätzlich bin ich immer fasziniert von langen Laufstrecken, aber wer ist das nicht, deshalb geht die Menschheit auch dem Ich-bin-dann-mal-weg-Kerkeling (ein Rainald Goetz’sches »Ja! Jaaa!« danach) auf den Leim, aber ich rede hier natürlich eher von Seume, Fermor oder Brâncuşi, der sich 1904 von Bukarest nach Paris aufmachte, um die moderne Skulptur zu revolutionieren, und man könnte noch 400 weitere Beispiele aufzählen. Eines davon Winckelmann:

»…, als er sich zu Fuß nach Hamburg aufmachte, wo gerade die Bibliothek eines Verwandten des Theologen Samuel Reimarus, des Schwagers von Lessing, versteigert wurde. Winckelmann kaufte sich, was er erschwingen konnte, und trug die Bände im Rucksack nach Hause.«

Dazu muss man wissen, dass er gerade an der Uni Halle studierte und sich von dort aus aufmachte, also mehr als 300 Kilometer zu Fuß zum Book Shopping Trip von Halle nach Hamburg. Das erzähle ich dann also dem Zeitungsverkäufer, der wie immer auf irgendwelchem Essen kaut, wenn ich die FAZ und die SZ dort kaufe. Außerdem riecht es hier im ganzen Laden immer irgendwie nach Butter.

Der Kauer kommt immer von hinten, wahrscheinlich aus einem kleinen Raum am Ende des Ladens hervor. Er muss dort stapelweise belegte und unterbutterte Brötchen liegen haben, die er den ganzen Tag lang isst, bis es an der Tür schellt und jemand in den Laden kommt und er dann kauend an den Tresen treten muss.

Und nun beginne ich mit diesem kauenden Zeitungsverkäufer ein recht komisches Gespräch, es geht soweit, dass ich Winckelmann erwähne und Reimarus, den Lessingschwager, und die nach ihm benannte Straße gleich hier um die Ecke. Und er, der Kauer, nennt dann einfach so die Anzahl der Reimarus-Erwähnungen im Personenregister der neuen Lessing-Biografie von Hugh Barr Nisbet, »58 Mal«, ich hab’s nicht nachgeprüft.


Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (3/2010)

Leipzig, 10. Juli 2010, 09:09 | von Paco

Stämme

1. Motto: »Die Zeitungen von gestern sind viel besser als man gemeinhin glaubt.« (Andreas Platthaus, mp3)

2. Das halbe Feuilletonjahr ist um. Noch 6 Monate bis zur Feuilleton-Meisterschaft, dem Goldenen Maulwurf 2010. Schon jetzt platzt die Longlist aus allen sogenannten Nähten, schon jetzt könnten wir eine Jahres-Top-Ten mit supersten Texten präsentieren. Danke, deutsches Feuilleton. Mehr an dieser Stelle am 11. Januar 2011.

3. Ansonsten war das Feuilleton-Großereignis des Jahres: die im ZDF übertragene Verleihung der Börne-Medaille an Reich-Ranicki in der Paulskirche am 6. Juni. Herles moderiert an, dann treten alle nur denkbaren Überlaudatoren auf: Thomas Gottschalk, Harald Schmidt mit einem Bert-Brecht-Song, Frank Schirrmacher, Henryk M. Broder. Ein unfassbares Powwow allerhöchster Hochkultur, ich selber hab es mir in Abständen drei Mal komplett angeschaut und würde es jederzeit wieder tun.

4. Die Entdeckung des Jahres und unser neues Lieblingsblog: nach21.wordpress.com.

5. Tagung: »Durs Grünbeins Fahrradunfall am 7. Dezember 2008«. Call for Papers folgt.

6. Remember: Der große Eklat, für den einmal der unnachahmliche Jean d’Ormesson gesorgt hat. Der adlige wie rechtsgerichtete Intellektuelle, Autor bildungsprotziger Romane, Möchtegern-Chateaubriand und Le Figaro-Hauptkolumnist erklärte vorlaut den strammen Stalinisten Aragon zu Frankreichs größtem Romancier des 20. Jahrhunderts. Ich war noch klein, kann mich aber noch genau an all die Erwiderungen und endlosen Rechtfertigungen erinnern.

7. Demnächst: Die Best of US-Serien der Saison 2009/2010, analog zu den Vorjahren: 2005/06, 2006/07, 2007/08, 2008/09.

8. Krise des Schlüsselromans.

 
Was bisher geschah:
 
Vorwort Nr. 1/2010Nr. 2/2010

 


Bundespräsidiales Feuilleton

Konstanz, 30. Juni 2010, 07:07 | von Marcuccio

Unter rein feuilletonistischen Gesichtspunkten bleibt ja bis auf weiteres nur ein Bundespräsident wählbar.

Einer, der Hodler und Goya zum Amtsantritt genauso souverän besprochen hat wie er Max-Reinhardt-Inszenierungen rezensiert oder Detlev von Liliencron zum 60. gratuliert hat. Der seine »Architektur-Notizen aus Belgien und Holland« ebenso ins Amt mit einbringt wie seine Abhandlungen über »Gotik in Paris« oder das Baptisterium von Florenz.

Einer, der bundespräsidiale Stippvisiten schon 1909 in Naumburg geübt hat: »Dreieinhalb Stunden Zeit. Es muß reichen. Ich will ja nur die alten Statuen im Dom ansehen.«

Ein Bundespräsident, der zudem auch mit der politischen Farbenlehre vertraut scheint:

»Reichlich viel Violett – das sind die geistlichen Gebiete –, allerhand reichsunmittelbare Grafschaft und Ritterschaft, einige vorderösterreichische Landvogteien, dazwischen eingesprenkelt das harte Rotbraun der Reichsstädte.«

Voilà, Theodor Heuss, wie er sich gerade mit dem Putzger-Atlas in Kunstreiselaune bringt. Heuss – der Abiturient, der keine Ahnung hatte, was er studieren wollte, aber dann halt mal mit »National­ökonomie, Staatslehre, Philosophie, Historie, Kunstgeschichte und Literatur« begann – im Prinzip konnte dieser Heuss nur ein guter Feuilleton-Allrounder werden.

»Einen eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelte er aber nicht«, schreibt Reiner Burger von der FAZ in seiner Studie »Theodor Heuss als Journalist«. Vielmehr liegt die Schreib-Leistung dieses Bundespräsi­denten im soliden Bildungsfeuilleton, Burger spricht denn auch vom »Volkshochschulkurs in gedruckter Form«, hehe.

Spannend auch Heuss als Role Model des landsmannschaftlich gefärbten Feuilletonismus, wie er uns in Form von Peter Richter (Sachsen) oder Claudius Seidl (München) bis heute begegnet. So sympathisch befangen zum Beispiel Nils Minkmar immer über das Saarland (be)richtet, so ungeniert lässt Heuss keine Gelegenheit aus, seine schwäbischen Dichter zu promoten.

Heuss hat über »Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn a. N.« promoviert, zeigt sich in seinen Reisereportagen aber durchaus geschmacksoffen: »Der Wein von Ischia ist recht ordentlich; wir kannten uns schon und haben in den paar Tagen des Besuchs gute Kameradschaft gehalten.«

Sämtliche Originalzitate aus der Sammlung »Von Ort zu Ort« (hrsg. von Hermann Leins, Tübingen 1959, mehrere Auflagen, zuletzt 1986 bei der DVA), antiquarisch erhältlich.


Kafka, redigiert

Leipzig, 24. Juni 2010, 09:55 | von Paco

Man könnte ein ganzes Blog mit Lieblingsstellen aus den Krausser-Tagebüchern bestreiten, »einem der unfassbar hervor­ragendsten Literaturgroßprojekte aller Zeiten«, wie Dique neulich schon schrieb. Auf Jahre hin hätte man Stoff. Gerade ist »Substanz« erschienen, eine Auswahl aus den 12 Tagebuchbänden, aber »Substanz« zählt natürlich nicht, man muss sie schon alle lesen, im Zusammenhang.

An eine Stelle aus dem »März« (2003) habe ich mich wieder erinnert, als ich Florian Illies’ »Substanz«-Verriss in der »Zeit« gelesen habe. Und selbst der verrisswillige Illies lässt diese Stelle gelten: »Ein einziges Mal, als er auf drei Seiten einen Satz von Kafka auseinander­nimmt und redigiert und verbessert, scheint auf, wieso im begründeten Denkmalsturz eine eigene Größe gewonnen werden kann.« Es geht um den ersten Satz aus Kafkas »Proceß«:

»Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.«

Den Satz hat vor zwei Jahren auch Frank Schirrmacher mal schön exemplarisch auseinandergenommen. Krausser aber macht noch etwas anderes, etwas Unerhörtes, er macht Verbesserungsvor­schläge.

Er schreibt über den Satz: »Das ist nicht schlecht, aber genial?« Und formuliert ihn probehalber um und begründet es damit, dass man »sich heute zugunsten der erzählerischen Komplexität Optionen offen halten« würde, damit das, was im Roman folgt, nicht gleich »als tragisch gestempelt, eingleisig« wäre: »genaugenommen kann man sich den Rest auch sparen«. Kraussers Alternativvorschlag:

»Josef K. glaubte an eine Verleumdung, denn ohne bewußt Böses getan zu haben, wurde er an seiner Haustür verhaftet.«

Krausser schreibt übrigens auch: »Es geht nicht darum, den heiligen Franz zu verbessern. / Aber mal grundsätzlich: wenn heutzutage nicht besser geschrieben werden könnte als zu Kafkas Zeiten, hätte kein Fortschritt stattgefunden. Unsereins stehen so viel mehr Techniken zur Verfügung.«

Also, kleiner Kafka-Sockelsturz, schulbuchwürdig, im positiven Sinn.


Rainald Goetz bei Harald Schmidt

Leipzig, 3. Juni 2010, 08:44 | von Paco

Es ist ja nicht viel passiert, damals, am 8. April 2010. Das Gespräch dauerte keine 11 Minuten. Aber: Auf diese mediale Begegnung sind die letzten zehn, zwölf Jahre des Neueren Feuilletonismus zugelaufen. Und das Warten hat sich gelohnt. (Replay bei YouTube.)

Seit »Abfall für alle«, noch wichtiger aber: seit »Dekonspiratione«, dem besten Goetz-Buch des 20. Jahrhunderts, das gerade noch rechtzeitig für diesen Superlativ, nämlich im Jahr 2000, erschienen ist, seit diesen beiden Büchern also warten wir, wir alle, auf ein Hereinschneien von Rainald Goetz in irgendeine Show von Harald Schmidt.

In »Dekonspiratione« ging es ziemlich lutheranisch um eine Reformierung der damaligen Sat.1-Harald-Schmidt-Show, zuletzt in »Klage« wurde Schmidt seltener erwähnt, manchmal aber schon noch, zum Beispiel der Auftritt von Christian Kracht in der Show vom 12. Oktober 2001.

Eine stilistische Anspielung auf das Kracht-Gespräch gibt es auch im Goetz-Schmidt-Showdown, der, wie gesagt, am 8. April 2010 in der ARD stattfand. Wenn nämlich Goetz auf die zuspitzenden Fragen von Schmidt einfach nur begeistert »Ja« schreit, immer wieder, also eigentlich nur drei, vier Mal, aber das ist genau derselbe affirmative Gestus wie bei Kracht in der Passage, in der es um die Schrecklichkeit Berlins geht (+1):

Schmidt: Empfinden Sie deutsche Menschen als unfreundlich?
Kracht: Zum großen Teil, also in Berlin vor allen Dingen, also Berlin ist sehr, sehr schrecklich.
Schmidt: Kann man sagen, dass Berlin insgesamt grässlich ist?
Kracht: Ja, Berlin ist die schrecklichste Stadt der Welt.
Schmidt: Entsetzlich?
Kracht: Entsetzlich.
Schmidt: Widerwärtig?
Kracht: Ja.
Schmidt: Ekelerregend?
Kracht: Ja.

Dieser Gestus dann auch bei Goetz, als sozang Klangzitat, denn inhaltlich geht es um ganz etwas anderes, um die Mittelnamen, die er einigen Leuten in »loslabern« verpasst. Diese Passage lebt als Zitat, richtig gut ist sie nicht, Schmidt hat sie auch nur initiiert, um an einer bestimmten Stelle schnell ein neues Thema in die Arena zu schießen. Also so:

Schmidt: Sie sind sehr virtuos im Verteilen von Mittelnamen. Sie schreiben zum Beispiel »Friede ›Kindermädchen‹ Springer«.
Goetz: Ja!
Schmidt: Sie schreiben »Jörg ›Lebensmensch‹ Haider«.
Goetz: Ja!
Schmidt: Sie schreiben »Wolfram ›die Krise ist vorbei‹ Weimer«.
Goetz: Ja! Ja!!!

Diese Passage, die ja nur 10 Sekunden dauert, findet erst bei Minute 5 statt, da haben sich Schmidt und Goetz schon eingespielt, was am Anfang nicht gleich ganz danach aussah.

Das Gespräch beginnt nämlich etwas schleppend. Goetz kommt erwartungsgemäß mit Notizblock und aktuellem FAZ-Feuilleton hereingeschneit und wirft dabei gleich das leicht ärmelschonernde Wort »Notizen« in den Ring. Beide eiern dann ein wenig herum, Schmidt versucht, eine Gesprächsebene zu finden, und das kann er ja genau gut.

Zunächst funktionert das aber nicht. Goetz ergeht sich in einem Lob der FAZ-Zeitungsseite im Allgemeinen, der Struktur und Bebilderung. Demonstriert wird das anhand der Aufmachung und Anordnung des Hettche-Artikels »Wenn Literatur sich im Netz verfängt«, dem FAZ-Feuilleton-Aufmacher des 8. April 2010. Neben dem Hettche-Artikel steht ein Bild, Goetz hält die Seite hoch und sagt: »Ich finde, das schaut einfach super aus irgendwie.«

Eine Kaffeehausaussage vom Feinsten, aber Schmidt muss das Gespräch woanders hinziehen, auf eine vermittelbarere Ebene. Das Eis bricht glücklicherweise sofort, als sich Schmidt selbst an einer vorsichtigen Zusammenfassung der Hettche-Ideen versucht, und Goetz stimmt dann mit Vorbehalt zu und ergänzt mit herrlicher Unspezifischkeit: »Es ist mehr.«

Dann geht es erst mal mit der FAZ-Apotheose weiter, Schmidt fragt, was Goetz so in die FAZ hineinziehe. Antwort: »Es ist einfach die Faszination der sozang maßgeblichen Stelle, die spricht.« Usw. usw. »Aber, jedenfalls, FAZ, Harald-Schmidt-Show, sozang der maßgebliche Ort, wie verhält der sich, sozang wie nimmt der die intellektuelle Situation, wie antwortet der darauf.« Dann geht es, in Anlehnung an Schmidts Gespräch mit Hans Zippert vor ein paar Wochen, um die »Welt« und den »Orkus Springer« und dann kommt das oben schon erwähnte »Ja! Ja! Jaaa!«

Endlich gibt sich eins ins andere. Es geht um Schirrmachers »Payback«-Buch, Goetz’ Kritik hat vor allem den Zweck, sein Lieblingsadjektiv »wirr« noch mal hier vor großem Publikum unterzubringen. Schmidt erzählt die Episode aus »loslabern« nach, die beim FAZ-Herbstempfang 2008 spielt. Darin fragt Schirrmacher Goetz nach seiner Eintrittskarte und vermutet, er habe sich »eingeschlichen« (das schönste Wort des Buches, das sich qua Wiederholung so richtig schön entfalten kann).

Maxim Biller wird noch gefeiert, »weil der einfach so tolle Bücher schreibt, ja, absolut, also, das letzte Buch, das ist so ein unglaublicher Hammer, ›Der gebrauchte Jude‹«. Tellkamps »Turm« wird noch angerissen, das Betuliche daran, aber dann nicht diskutiert, es ist einer dieser Sätze, der während des Sprechens mehrmals das Thema ändert. Denn schon muss David Foster Wallace gebasht werden. Helge Malchow habe die Leute »so bequatscht, dass alle Angst hatten irgendwie, dieses sehr schlechte Buch schlecht zu finden«. Eine in »loslabern« beschriebene Malchow-Anekdote von der Frankfurter Buchmesse interessiert Schmidt, ist ja selber KiWi-Autor.

Eine Szene mit Döpfner, Poschardt und Stuckrad-Barre vor der Paris Bar wird beschrieben und an diesem Exempel DAS LOB als Herrschafts­methode erläutert. »Der Rohling muss erst erfunden werden, den gibt es nicht, der auf eine solche Schmeichelei des Chefchefs von solcher Suggestivität nicht weich werden würde« (S. 171), und um ein weiteres Beispiel zu bringen sagt Goetz jetzt zu Schmidt: »Ich blühe ja jetzt auch auf, wenn wir reden, das ist ja ganz normal.«

Dann sind 10 Minuten rum, die letzte Minute ist Ausklang, Overhead, Blumengirlanden, danke schön, bis dahin. Schmidt: »Sie könnten ja mal wiederkommen, länger.« Und Goetz lacht sich kaputt über diese in der Tat furchtbare »Kommen Sie mal wieder«-Rhetorik, auch das ja eine Herrschaftsmethode. Als krönenden Abschluss gibt es noch diesen bereits hier zelebrierten Dialog:

Schmidt: Das Buch, soll ich noch drauf hinweisen?
Goetz: Wie Sie wollen.

Das Schlimme am Goetz-Effekt ist ja nun, dass man jetzt sofort lesen will, wie Goetz selber diesen Auftritt fand, sein eigenes Rüberkommen, das Gespräch mit Schmidt davor, dabei, danach, die YouTube-Kommentare und so weiter, und die GROSSE ERKENNTNIS, die daraus folgt.

Und wenn sich schon mal jemand gefragt hat, ob man Goetz-Bücher irgendwie verfilmen könnte: genau so.


Nachruf auf die »Datenautobahn«

Konstanz, 20. Mai 2010, 21:05 | von Marcuccio

Der Tod der Datenautobahn, das sehe ich erst jetzt, wo ich nochmal über den Rezensionsfriedhof einer Alt-FAZ gehe, wurde am 14. April auf der Rückseite des Jauer’schen Blogger-Dossiers annonciert. Viele Umblätterer waren an dem Tag eh verwirrt, weil die Rezensionsseite der FAZ (sonst Seite 2) erst Feuilletonseite 4 war, und so konnte man den Artikel mit der Überschrift »Wellenreiten auf den Lehrplan!« schon mal übersehen.

Oliver Jungen bespricht darin die »Metapher Internet«, also das gleichnamige Buch von Matthias Bickenbach und Harun Maye. Und er spricht sehr schön von den »Katachresen« unserer Digitalkultur, also Begriffen wie »Surfen«, »Navigation« oder »Netz«, die gar nicht mehr als Metaphern wahrgenommen werden:

»Erstaunlich ist, wie resolut die Auffassung des Internet der bereits in der Antike geprägten Verbindung von Wassermetaphorik und Informationsverarbeitung folgt. Schon die Kybernetik greift ja in ihrem Namen den Steuermann auf, und auch sonst hat sich das Begriffsfeld des ›Datenmeeres‹ und der ›Informationsflut‹ weitgehend durchgesetzt. Dagegen scheiterte der in den neunziger Jahren kurzzeitig populäre Begriff der ›Datenautobahn‹: Die darin enthaltene Zielorientierung scheint dem totalen Möglichkeitsraum Internet nicht angemessen, auch wenn sie über das Fließen des Verkehrs immer noch an das Bildfeld des Liquiden anschließbar ist.«

Genau mit solchen kleinen Nebenauskünften macht Feuilleton im Grunde immer den größten Spaß. Und es stimmt wirklich: Ein kurzer Klick zum Beispiel ins »Spiegel«-Archiv zeigt die Frequenz, mit der das Schlagwort »Datenautobahn(en)« in den einzelnen Jahrgängen vorkam:

Vorkommen der Datenautobahn(en) im SPIEGEL, 1991–2010

1995 der absolute Peak, um 2000 noch mal ein kleines Comeback, dann nach dem Platzen der Dotcom-Blase praktisch over and out. Erstgebrauch des Wortes war übrigens 1993 in einem »Spiegel«-Gespräch mit Bill Gates. Überschrift: »Wir bauen die Datenautobahn«.


Diagramm erstellt mit Create A Graph.
Datenerhebung über http://www.spiegel.de/suche/.


Herrenlaunen

Konstanz, 13. Mai 2010, 22:08 | von Marcuccio

Früher (siehe auch Florian Illies: Generation Golf) war »Dany plus Sahne«. Heute ist »Dandy plus Käse«. Grund der neuen Milchverede­lungsstufe mit dem Extra-D ist Norma. Die Supermarktkette ediert neuerdings einen dreistückigen Formaggio-Sampler (Pecorino Sardo Maturo, Asiago Pressato, Provolone Valpadana) zum Zweitausendeins-Preis von 7,49 € und bewirbt das Ganze mit dem Oscar-Wilde-Ever­green: »Ich habe einen ganz einfachen Geschmack, ich bin immer mit dem Besten zufrieden.«

Normas neue Blurb-Offensive war schon Thema einer eigenen FAS-Expertise zu den neuen Deluxe-Linien der Discounter.

Discountmäßig nur im Doppelpack gab’s den Dandy zuletzt auch bei den Kritikern. Zunächst eine Sammelrezension in der Zeitschrift für Germanistik (2/2010), und zwar Isabelle Stauffer über

1. Melanie Grundmann (Hrsg.): Der Dandy. Wie er wurde, was er war. Eine Anthologie. Köln etc.: Böhlau 2007.
2. Fernand Hörner: Die Behauptung des Dandys. Eine Archäologie. Bielefeld: Transcript 2008.

Und dann noch ein Dandy-Duo in der FAZ (17. April 2010):

1. Alexandra Tacke und Björn Weyand (Hg.): Depressive Dandys. Spielformen der Dekadenz in der Pop-Moderne. Köln etc.: Böhlau 2009.
2. Ruth Sprenger: Die hohe Kunst der Herrenkleidermacher. Köln etc.: Böhlau 2009.

Böhlau etabliert sich mit diesem Doppelschlag als ultimativer Dandy-Verlag. So generiert man Sammelrezensionen, die man sich endlich nicht mehr mit anderen Verlagen teilen muss.

Ich hätte da aber auch noch ein Dandy-Trio:

»Dandy – Snob – Flaneur.«

Das rosarot-violette, aber ansonsten super solide Fischer-Taschenbuch von 1985 ist via Amazon zum Dandy-Discountpreis von 60 € erhältlich, hat aber all das drin, was der FAZ-Rezensent Felix Johannes Enzian im Band »Depressive Dandys« vermisst, also keywords wie Dandytum, Ästhetizismus, Snobismus, Camp, Pop- und Postmodernität nicht einfach nur synonym verwendet.

By the way feiert »Dandy – Snob – Flaneur« mit Primärtexten von Robert Walser (»Der Verfeinerte«) bis Adorno (»Herrenlaunen«) gerade 25. Die ganze Reihe (hg. von Gerd Stein), in die das Buch gehört, ist ein Kleinod – allein schon wegen der titelgebenden »Kulturfiguren und Sozialcharaktere des 19. und 20. Jahrhunderts«:

Band 1: Bohemien – Tramp – Sponti.
Band 2: Dandy – Snob – Flaneur.
Band 3: Femme fatale – Vamp – Blaustrumpf.
Band 4: Philister – Kleinbürger – Spießer.
Band 5: Lumpenproletarier – Bonze – Held der Arbeit.

Die möchte man sofort alle kennenlernen, kaufen, lesen. Also, wo bleibt die wiederaufgelegte Familiengroßpackung bei Norma oder Thalia?