Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


100-Seiten-Bücher – Teil 14
Julien Green: »Der andere Schlaf« (1931)

Düsseldorf, 8. September 2011, 00:35 | von Luisa

Hallo Hauch, dachte ich, als das letzte Wort gelesen war, weh weiter aus jenem verwilderten Garten, wo ein junger Mann auf der Wiese liegt und schläft, während der andere, jüngere, der davon erzählt, sich über ihn beugt, bis sein Schatten den Schlafenden zudeckt, dann aber aufsteht und davon geht, langsam, durch andere Gärten, in der Gewissheit zukünftiger Leiden, aber auch in der plötzlichen Erkenntnis, dass er tatsächlich eines Tages sterben wird und also die Leiden endlich sind. Eine Liebesgeschichte, ein Coming-out aus alter Zeit (1931), erzählt in langen, sanften Schwindel erzeugenden Sätzen, die das Hirn runterdimmen zu allerschönstem Dämmern, im Bett zu lesen oder auf einem Schiffsdeck mit nichts als dem Meer vor Augen oder, am besten, in einem Liegestuhl im Sommergarten zwischen wuchernden Hecken, wo es nach trockenem Holz riecht und ganz still ist und man auf angenehme Weise nur die Hälfte mitkriegt von dem, was die Seiten füllt (obwohl ja die Personen mit einer Schärfe und Kälte analysiert werden, dass einen immer mal wieder der Frost schüttelt). Träumend von einem Schatten, der dunkelt und kühlt, umsponnen vom elastischen Faden französischer Erzähltradition, spürt man am ganzen Leibe, wenn man sich zwischendurch reckt und ein bisschen gähnt, dass es, bis auf das unschlagbare Eine, kaum etwas Schöneres gibt als die Hingabe an einen kurzen, brillanten, trägen Roman.

Länge des Buches: ca. 161.000 Zeichen (Schmid-Übersetzung). – Ausgaben:

Julien Green: Der andere Schlaf. Roman. Deutsch von Carlo Schmid. Berlin; Frankfurt/M.: Suhrkamp 1958.

Julien Green: Der andere Schlaf. Roman. Aus dem Französischen von Peter Handke. München; Wien: Hanser 1988.

Julien Green: Der andere Schlaf. Roman. Deutsch von Peter Handke. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag 2008.

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100-Seiten-Bücher – Teil 13
Arthur Schnitzler: »Traumnovelle« (1925)

Solingen, 3. September 2011, 14:16 | von Bonaventura

Diese etwas lang geratene Erzählung von 1925 kam 1999 noch einmal zu unerwarteter Prominenz, als Stanley Kubricks »Eyes Wide Shut« in die Kinos kam. Der Film versetzt die Handlung zwar von Wien nach New York und verlegt sie vom Anfang ans Ende des Jahrhunderts, erweist sich aber sonst als eine behutsame und minutiöse Literatur­verfilmung.

Erzählt werden einige Tage aus dem Leben des 35-jährigen Wiener Arztes Fridolin, der nach dem Geständnis seiner Gattin Albertine, sie habe sich im letzten Urlaub haltlos in einen jungen Mann verliebt, mit diesem aber nicht einmal ein Wort gewechselt, aus der Bahn seiner alltäglichen Routine geworfen wird. Er stürzt sich noch in derselben Nacht in eine sich steigernde Reihe erotischer Abenteuer, die darin gipfelt, dass er sich in eine geheime Orgie einschleicht, dort aber rasch enttarnt und aus dem Haus geworfen wird. Nach Hause zurückgekehrt, verwirrt ihn die Nacherzählung eines Traums seiner Frau noch tiefer. Am nächsten Tag vollzieht Fridolin seinen Weg aus der Nacht zuvor noch einmal nach, ohne die angestrebte Erlösung von seiner inneren Anspannung finden zu können. Erst seine erneute nächtliche Heim­kunft bringt eine Wendung der Krise.

Obwohl die Erzählung beim Erscheinen von der Kritik zumeist freundlich aufgenommen wurde, war sie kein bedeutender Erfolg. Erst im Rück­blick erweist sich diese Erzählung von der Gefährdung der Ehe durch die unterminierende Macht der Sexualität als überraschend klarsichtig.

Länge des Buches: ca. 167.000 Zeichen. – Ausgaben:

Arthur Schnitzler: Traumnovelle. Titelbild von Hans Meid, in Holz geschnitten von Oskar Bangemann. Berlin: S. Fischer Verlag 1926.

Arthur Schnitzler: Traumnovelle. Stuttgart: Reclam 2006.

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»Der Louvre in 20 Minuten«

St. Petersburg, 22. August 2011, 14:18 | von Paco

Aus der Redaktion · Gerade eben ist als Nr. 105 der »Schöner Lesen«-Reihe des SuKuLTuR-Verlags dieser Band erschienen:

Der Louvre in 20 Minuten (Cover)
Der Louvre in 20 Minuten

Frank Fischer · Berlin · SuKuLTuR · 2011
20 Seiten · 1,– € · ISBN 978-3-941592-26-1
Veröffentlicht unter der CC by-nc-sa 3.0 DE

Bestellen: Verlag | Buchhandel.de

 
»Was in Frank Fischers neuestem Band über den Louvre gesagt wird, hat mich sehr nachdenklich gestimmt.«
— Christian Kracht

Inhalt

Denon-Flügel … Seite 3
Sully-Flügel … Seite 13
Richelieu-Flügel … Seite 15

Als sozusagen Vorwort eignet sich sehr gut der grandiose FAZ-Artikel von Julia Voss über die bevorstehende Leonardo-Ausstellung in der National Gallery in London: »4 Minuten, 17 Sekunden«.

Ach so, »Der Louvre in 20 Minuten« ist wie üblich auch in einigen Süßwarenautomaten in Berlin und auf Sylt zu haben sowie direkt und ohne Bestellung in Buchhandlungen in Leipzig (Lehmanns in der Grimmaischen Straße 10) und Berlin, siehe diese Übersicht.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 11
Thomas Mann: »Der Tod in Venedig« (1912)

Solingen, 12. August 2011, 07:04 | von Bonaventura

Der ältliche Schriftsteller Gustav Aschenbach, nobilitierter Dichter und Urenkel der deutschen Klassik, lässt sich für einen Moment gehen und weicht einer Schreibblockade aus, indem er in Urlaub fährt. In Venedig angekommen, verliebt er sich in einen 14-jährigen polnischen Knaben. Zwar versucht er dem Wieland’schen Rezept für Verliebte zu folgen und so rasch wie möglich fortzulaufen, auch eine Sublimierung ins Geistig-Platonische wird probiert, letztlich hilft aber nichts gegen den einmal ausgebrochenen Mangel an »Zucht« und Aschenbach bleibt auf der Strecke: Mit einem letzten Blick auf das Rückenstück des göttlichen Knaben erliegt er der Cholera, die er sich im unmoralischengesunden Klima Venedigs zugezogen hat.

Das Erstaunliche an den Texten Thomas Manns ist immer wieder, dass es ihm gelingt, aus dem dünnen Fädchen seines persönlichen Erlebens und Empfindens Erzählungen von bemerkenswert artifizieller Dichte zu stricken. »Der Tod in Venedig« ist, was Ornatus, Motivik, Vorausdeu­tung, Spiegelungen und Ringstrukturen angeht, eine Perle traditionel­ler Erzählkunst. Der Wechsel von ausgewogensten Satzungeheuern und kürzesten Sentenzen verleiht dem Erzähler – bei aller inhaltlichen Schwülstigkeit und Überfrachtung des Erzählten – gerade genügend ironische Distanz, um ihn nicht unerträglich werden zu lassen. Wenn irgend ein deutscher Schriftsteller mit traumwandlerischer Sicherheit auf der Schneide eines Rasiermessers hat tanzen können, dann war es wohl Thomas Mann.

Länge des Buches: ca. 170.000 Zeichen. – Ausgaben:

Thomas Mann: Der Tod in Venedig. München: Hyperion-Verlag Hans von Weber 1912.

Thomas Mann: Der Tod in Venedig. Novelle. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag 2007.

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100-Seiten-Bücher – Teil 10
Giorgio Bassani: »Die Brille mit dem Goldrand« (1958)

Düsseldorf, 31. Juli 2011, 07:07 | von Luisa

Im Februar 1994, als er noch für die FAZ schrieb, besuchte Gustav Seibt den italienischen Autor Giorgio Bassani in Rom. Der Besuch verlief eher bizarr und endete mit einem plötzlichen Kuss Bassanis (damals 77 und unterwegs in die Demenz) auf die junge Wange des Kritikers. Der Dichter küsste das Feuilleton, das Feuilleton erwiderte den Kuss durchs Wort: Seibts Bericht, erst ein Jahr später erschienen, trug den Titel »Der Kuss« und glimmerte zwischen Grusel und Verehrung.

Alle Romane Bassanis spielen in Ferrara, wo der Autor seine Kindheit und Jugend verbrachte. Ferraras Altstadt mit Duomo, Castello und Stadtmauer ist UNESCO-Weltkulturerbe, dennoch: Ferrara never quite made it. Es liegt abseits. Kein schiefer Turm, keine Arena. Die Stadt lebt für sich und ist wunderschön.

Der Besitzer der Brille mit dem Goldrand, ein venezianischer Ohrenarzt namens Dr. Athos Fadigati, lässt sich 1919 in Ferrara nieder. Zunächst wird er freundlich aufgenommen, später ausgegrenzt. Er wohnt und ordiniert gleich hinter dem Dom, an der Kreuzung Via Bersagliere del Po/Via Garganello. Diese Wohnung gibt es noch, man steht vor dem Haus, schaut hinauf und fragt sich, ob man klingeln und um eine Nasenspülung oder um einen Kuss bitten soll. Der Roman erschien 1958, das ist lange her und vielleicht ahnt der heutige Mieter gar nicht, dass er einen fiktionalen Mitbewohner hat. Der Jude Bassani überlebte den Faschismus in Rom und kehrte nicht nach Ferrara zurück.

Zart wie der Roman, aber minder melancholisch ist die lokale Pasta-Spezialität: cappellacci di zucca, mit Kürbis gefüllte Ravioli. Gute Geschichten sind düster, Unrecht verbittert. Trost spendet die Küche.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen (genaue Angabe folgt). – Ausgaben:

Giorgio Bassani: Ein Arzt aus Ferrara. Erzählung. Aus dem Italienischen von Herbert Schlüter. München: Piper 1960.

Giorgio Bassani: Die Brille mit dem Goldrand. Erzählung. Aus dem Italienischen von Herbert Schlüter. München: Piper 1985. S. 3–105. (= 103 Textseiten)

Giorgio Bassani: Die Brille mit dem Goldrand. Erzählung. Aus dem Italienischen von Herbert Schlüter. Berlin: Wagenbach 2007.

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100-Seiten-Bücher – Teil 9
Fritz Mauthner: »Der letzte Tod des Gautama Buddha« (1913)

Solingen, 26. Juli 2011, 09:09 | von Bonaventura

Fritz Mauthner (1849–1923) dürfte sich hart an der Grenze des kultu­rellen Gedächtnisses bewegen. Während meines Studiums waren seine »Beiträge zu einer Kritik der Sprache« noch viel besprochen, wenn auch wenig gelesen. Vom Dichter Fritz Mauthner wollte man aber schon damals nichts mehr wissen. Umso mehr war ich überrascht, als mir jetzt eine Neuausgabe seiner Erzählung um den Tod Gautama Buddhas in die Hände fiel.

Der 1913 erstmals erschienene Text ist eine direkte Reaktion auf die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einsetzende Popularisie­rung buddhistischen Gedankengutes in Europa. Erzählt werden die letzten Tage Gautama Buddhas, stofflich weitgehend orientiert an den Legenden. Inhaltlich allerdings nimmt Mauthner, ähnlich wie später auch Hermann Hesse in seinem »Siddhartha«, eine deutlich distan­zierte Haltung zu der offenbar als zu pessimistisch empfundenen Lehre ein. Mauthner lässt seinen Buddha nicht nur die Abkehr von allem Weltlichen hin zu einer Bewunderung der Schönheit der Welt und des Lebens überwinden, er erfindet auch eine letzte Lehrpredigt Buddhas hinzu, die sogenannte Schmetterlingspredigt, in der die bunten Flattermänner zum großen Paradigma einer lebensbejahenden Existenz ohne Wollen und Denken geraten.

Etwas spannender als diese religiöse Gymnastik gerät die Beschrei­bung der Jünger des Erleuchteten. Während sich Buddha um letzte Einsichten und die Überwindung des Sterbens bemüht, finden unter seinen Schülern die ersten Verteilungskämpfe um Macht und Einfluss in der zukünftigen buddhistischen Kirche statt. Hier findet sich Mauthners eigentliche Absage an den Buddhismus: Die Lehre Buddhas ist disku­tabel, der kirchlich organisierte Buddhismus ist es nicht.

Sprachlich dürfte die Erzählung ebenso wie Hesses Pendant heute als etwas schwülstig empfunden werden, ansonsten ist sie ein nettes, kleines Schmuckstück für alle, die sich ein wenig für Buddhismus oder Fritz Mauthner interessieren.

Länge des Buches: ca. 127.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz Mauthner: Der letzte Tod des Gautama Buddha. München; Leipzig: Müller 1913.

Fritz Mauthner: Der letzte Tod des Gautama Buddha. Leipzig: Superbia-Verlag 2005.

Fritz Mauthner: Der letzte Tod des Gautama Buddha. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Ludger Lütkehaus. Lengwil-Oberhofen: Libelle 2010. S. 5–110. (= 106 Textseiten)

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Gottfried Kellers katholisches Abenteuer — eine Provokation?

Konstanz, 24. Juli 2011, 08:24 | von Marcuccio

»Wie spricht man im Zeitalter des Unglaubens von Glaubenssachen?« Die Frage klingt nach Matthias Matussek. Doch Ferdinand Kürnberger stellt sie schon 1872, in seiner Besprechung von Gottfried Kellers »Sieben Legenden«.

Richtig kraftvolle Kritikerprosa ist das. Überhaupt: der Kürnberger! Wer philologisch Feuilleton liest, kennt vielleicht »Die Blumen des Zeitungsstils«, eine giftig-gute, frühe Abhandlung über Mediensprache. Und den Literaturkritiker Kürnberger empfahl neulich Peter von Matt, im Gespräch für Eingeweihte.

Gottfried Keller also. Wer das Porträt von Karl Stauffer-Bern kennt – es fehlt in keiner Literaturgeschichte –, der hat vielleicht vor Augen, wie bräsig Keller da auf seinem Schemel sitzt. So ziemlich das Gegenteil seiner Actionheldin, die in einer der besprochenen Novellen dynamisch das Schwert schwingt: »Die Jungfrau als Ritter«.

Der Plot

Zendelwald, ein schmächtiger, lediger Ritter, für den die Evolution im »Fight or Flight«-Fall offenbar eher Letzteres vorgesehen hat, wird von seiner Mutter gedrängt, bei einem Brautgefecht mitzubieten. Und weil das kämpferisch für ihn nur in die Hose gehen kann, versucht er vorher wenigstens noch matussekmäßig Kraft zu tanken:

»Glücklicherweise fällt es ihm ein, in einer Mariencapelle zu beten, und die Jungfrau Maria läßt sich das nicht zweimal sagen. Sie beschließt, dem braven Schlemihl, dessen Niederlagen gewiss sind, zu helfen und all seine Ritterwerke für ihn zu verrichten.«

Biografismus-Apologeten sagen zu dieser Novelle übrigens gern: Keller, der in eigenen Beziehungen höchst glücklos gewesen sei und lebenslänglich unter seiner Übermutter gelitten habe, poträtiere mit dem Schlemihl, der eine weibliche Ritterin zur Eheanbahnung brauche, vor allem sich selbst.

In jedem Fall parodiert Keller die Idee des göttlichen Beistands, indem er die Urformel aller Mariahilf-Legenden (»Die Jungfrau Maria hat geholfen«) schlagkräftiger bemüht als die Kirche dies jemals zu träumen geschweige denn offiziell zu glauben gewagt hat. Zugleich ist der Brautkampf ein ungeheuerliches Schaulaufen bizarrer Gesichtsbehaarungen.

Kellers Bart-WM

Ein Brautwerber trägt »einen pechschwarzen Schnurrbart, dessen Spitzen so steif gedreht wagrecht in die Luft ragten, daß zwei silberne Glöckchen, die daran hingen, sie nicht zu biegen vermochten und fortwährend klingelten, wenn er den Kopf bewegte«.

Ein anderer hat Nasenhaarzöpfe:

»Zum Zeichen seiner Stärke hatte er die aus seinen Nasenlöchern hervorstehenden Haare etwa sechs Zoll lang wachsen lassen und in zwei Zöpfchen geflochten, welche ihm über den Mund herabhingen und an den Enden mit zierlich rothen Bandschleifen geschmückt waren.«

War Keller wirklich nur Stadtschreiber von Zürich oder ist der Literaturgeschichte da womöglich eine heimliche Doppelbegabung verloren gegangen? Sozusagen Novellist und Nasenhaarcoiffeur in Personalunion, hehe.

Dramaturgisch klar ist, dass diese exzentrischen Insignien der Gesichtsbehaarung natürlich allesamt zerstört werden. Am Ende jeder akrobatischen Kampfszene widmet sich Kellers Maria denn auch genüsslich den Trophäen:

»Unverweilt sprang die Jungfrau vom Pferde, kniete ihm auf die Brust (…) und schnitt ihm mit ihrem Dolche die beiden Schnäuze mit den Silberglöcklein ab, welche sie an ihrem Wehrgehänge befestigte, indessen die Fanfaren sie oder vielmehr den Zendelwald als Sieger begrüßten.«

Kürnberger kriegt sich über Kellers Fighting Mary und ihre »halsbrecherische Hilfe« gar nicht wieder ein:

»Was sagt der Gläubige zu diesen Muttergottes-Abenteuern? Wird ihm dabei wohl, oder angst und bange? Hört er eine fromme Geschichte oder eine Blasphemie?«

Man muss eben dazudenken, dass 1872 noch nicht die Zeit war, wo die Kirche Fußballplätze und Boxkämpfe segnete. Kellers katholische Abenteuer konnten noch echte Katholiken provozieren. Matthias Matussek reicht für seine Provokation der agnostischen Medien­schaffenden schon die Tatsache, dass es heute überhaupt noch Katholizismus gibt.

Kürnberger sortiert Keller unter die ganz großen Namen: Er sei »satyrisch wie Voltaire, naiv wie Homer, graziös wie Heine, humoristisch wie Jean Paul«. Ausdrücklich verbittet er sich, »in demselben Athemzuge mit den Sieben Legenden auch die Parodien von W. Busch zu nennen, gleichsam als geistesverwandte Seitenstücke. Das heißt die Posse mit dem höheren Lustspiel, den ›Sommernachtstraum‹ mit ›Evakathl und Schnudi‹ zusammenstellen.«

»Evakathel und Schnudi« (aka »Eva Kathel und Schnudi«), UA 1804 in Wien: Die Oper von Wenzel Müller muss im Habsburgerreich des Jahres 1865 ein Riesenrenner gewesen sein. Die »Blätter aus Krain« berichten in ihrer Ausgabe vom 29. April 1865 über die Laibacher Bühne: »Die Saison schloß Anfang März mit ›Prinz Schnudi und Prinzessin Evakathl‹. Es waren 152 Vorstellungen gegeben worden.« (PDF)

Kürnberger über Keller war nur die Premiere. Demnächst mehr zu Kürnbergers Feuilletonisten-Tyopologie von 1856. Die ist nämlich auch ganz großes Kino.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 8
Platon: »Das Gastmahl« (um 380 v. Chr.)

Düsseldorf, 20. Juli 2011, 18:46 | von Luisa

Noch geschwächt vom Besäufnis des Vortags, beschließen die Teil­nehmer dieses berühmten Gelages, ausnahmsweise nur mäßig zu trinken und sich stattdessen am Gespräch zu erfreuen. Jeder soll eine Rede über die Liebe (unter Männern selbstredend) und den Gott Eros halten. Fünf Gäste geben ihr Bestes.

Dann kommt Sokrates an die Reihe. Gnadenlos sichelt er die Ausfüh­rungen seines Vorredners Agathon nieder, bis dieser stammelt: »Ich, o Sokrates, weiß dir nicht zu widersprechen, sondern es soll so sein, wie du sagst.« Der Logos als Zerstörer, der Leser zürnt. Als ob er dies spüre, spielt Sokrates nun selbst den Trottel, indem er ein Gespräch mit der weisen Diotima wiedergibt, einer Frau also, was in all diesem Männergeglucker schon mal versöhnt. Es gerät zum Liebeswörter­rausch »in der bacchischen Wut der Philosophie«, zum psychedelischen Aufschwung ins Licht der Idee. Das ist am besten laut, bekränzt und betrunken vorzulesen.

Aber das Beste ist da eigentlich schon vorbei, nämlich die Erzählung des Aristophanes. Ursprünglich, so behauptet er, waren wir alle kugelförmig und hatten zwei Gesichter, vier Arme/Beine sowie doppelte Sexualorgane, mit denen wir in die Erde zeugten. Sehr fröhlich waren diese Komplettmenschen und aufmüpfig. So griff Zeus zur Säge. Und wenn wir nicht endlich brav und fromm werden, droht uns eine weitere Halbierung. Hier siegt Mythos über Logos, Dichtung über Deduktion, ein einziges, heiteres, herzerwärmendes Wunder.

Das Gastmahl endete in Lärm und Chaos, »man sei genötigt worden, gewaltig viel Wein zu trinken«. Das hat sich nicht geändert in 2400 Jahren, schlauer sind wir heute auch nicht, aber das »Gastmahl« ist immer noch ein großer Jux, besonders wenn man es nachspielt.

Länge des Buches: ca. 145.000 Zeichen (Niethammer-Übersetzung), 153.000 Zeichen (Susemihl-Übersetzung). – Ausgaben:

Platon: Das Gastmahl. Übersetzt und herausgegeben von Thomas Paulsen. Nachwort und Anmerkungen von Thomas Paulsen und Rudolf Rehn. Stuttgart: Reclam 2008. S. 3–78. (= 76 Textseiten)

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100-Seiten-Bücher – Teil 7
Fjodor Dostojewski: »Weiße Nächte« (1848)

St. Petersburg, 13. Juli 2011, 12:30 | von Paco

Der Insel-Verlag hat für seine Ausgabe vor Jahren den bisherigen Untertitel des Romans geändert: »Ein empfindsamer Roman aus den Erinnerungen eines Träumers« wurde zu: »Eine Liebesgeschichte«. Eine taktisch gelungene Aktion, auch wenn es sich um eine Liebes­geschichte ohne Happy End handelt. Sie geht eigentlich erst mal ganz gut los, abenteuerlich fast. Ein junger Mann rettet das Fräulein Nastenka vor einem befrackten Unhold, und dann setzen sich Retter und Gerettete in die helle Petersburger Nacht und plaudern.

Insgesamt haben sie vier weiße Nächte zusammen, bis Nastenka mit ihrem ursprünglichen und eigentlichen Traummann abzieht, der dann nämlich wider Erwarten doch noch erscheint – was für eine Wendung des Schicksals! Dabei hatte es so gut ausgesehen, auch wenn der Träumer zwischenzeitlich sehr langwierig von seinen Träumereien erzählt und zum Beispiel auch gleich E. T. A. Hoffmann erwähnt hat, was man vielleicht nicht gleich bei einer der ersten Begegnungen tun sollte.

Ich habe das Buch wieder mal im Zug gelesen, auf einer knapp dreistündigen ICE-Fahrt. Um mich herum waren sechs Frauen eines Strickvereins gruppiert (Zugsocking), ein Setting, das so gar nicht zu meinem Buch passte. Als ich nach Beendigung der Lektüre das Ohropax herausnahm, hörte ich als erstes folgende Sätze: »Ich stricke doch hier keine Ferse! Im Zug kann man doch keine Ferse stricken!«

In der Bemerkung lag allerdings mehr empirische Erkenntnis als im ganzen Dostojewski-Buch, auch wenn das jetzt vielleicht nicht so sehr vergleichbar ist. Es geht übrigens fast schneller, das Buch durchzu­lesen, als Viscontis Verfilmung zu schauen. Und wenn man auch noch das russische Original zur Hand nimmt, ist die Geschichte noch mal um 33.000 Zeichen kürzer, man spart also ein Viertel der Lesezeit!

Länge des Buches: ca. 125.000 Zeichen (russ. 92.000). – Ausgaben:

F. M. Dostojewski: Weiße Nächte. Ein empfindsamer Roman aus den Erinnerungen eines Träumers. Übertragen von Hermann Röhl. Nachwort von Michael Wegner. Mit 8 Zeichnungen von Irmgard Zoll. Leipzig: Insel-Verlag 1969. S. 4–95 (= 92 Textseiten, abzgl. 8 Seiten mit den Zeichnungen).

Fjodor M. Dostojewski: Weiße Nächte. Eine Liebesgeschichte. Aus dem Russischen von Hermann Röhl. Frankfurt/M.; Leipzig: Insel Verlag 2002. S. 7–110 (= 104 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 6
Friedrich Dürrenmatt: »Der Richter und sein Henker« (1950/51)

Konstanz, 6. Juli 2011, 15:13 | von Marcuccio

Krimi-Schullektüre – aber welcher Hundertseiter kann was für sein Schicksal. Und Richter hin, Henker her, mich faszinierte an diesem Buch nichts mehr als die ominöse Twannbachschlucht. Sie ist Dreh- und Angelpunkt der ganzen Krimihandlung, aber auch so eine Art Landschaftsgrenze, zwischen Twann und Lamboing. Trennt das Berner Seeland vom Jura, die Deutschschweiz von der Welschschweiz.

Dass zwischen einem Dorf und dem nächsten eine Sprach-, aber keine Landesgrenze verlaufen konnte, das war für einen Neuntklässler mit »Französisch fakultativ« schon das Maximum der Schweiz-Exotik. Erst Jahre später begriff ich: Die Schlucht – durchflossen vom Twannbach, französisch Douanne, also quasi douane – ist Dürrenmatts kleiner Röstigraben.

Wenn Kommissär Bärlach von Bern ins Jura-Dorf ermitteln fährt, sagt er beharrlich Lamlingen statt Lamboing. Und wenn der Dorfpolizist von Lamboing mit Bern deutsch sprechen muss, »eine Sprache, in der es ihm nicht ganz geheuer war«, kriegt er schlechte Laune. An einer Stelle ist auch von »Separatisten« und der »Jurafrage« die Rede. Aber das alles hat mit dem Krimiplot nichts zu tun. Im Gegensatz zur Lamboing-Anfahrt der Ermittler, die von Bern aus entweder linksdrehend oder rechtsdrehend um den Bieler See möglich ist: zum literarischen Geocaching wie geschaffen.

Im Übrigen ein Krimi für SZ-Leser: Die Leiche, ein Polizist, führte ein Doppelleben als Spion. Deckname seiner Investigativexistenz: »Doktor Prantl, Privatdozent für amerikanische Kulturgeschichte in München.«

Länge des Buches: ca. 156.000 Zeichen. – Ausgaben:

Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker. Roman. Mit 14 Zeichnungen von Karl Staudinger. 2691.–2730. Tsd. Hamburg: Rowohlt 1985. S. 5–118 (= 114 Textseiten).

Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker. Kriminalroman. In: ders.: Die Kriminalromane. Zürich: Diogenes 2011. S. 7–158 (= 152 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)