Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


100-Seiten-Bücher – Teil 8
Platon: »Das Gastmahl« (um 380 v. Chr.)

Düsseldorf, 20. Juli 2011, 18:46 | von Luisa

Noch geschwächt vom Besäufnis des Vortags, beschließen die Teil­nehmer dieses berühmten Gelages, ausnahmsweise nur mäßig zu trinken und sich stattdessen am Gespräch zu erfreuen. Jeder soll eine Rede über die Liebe (unter Männern selbstredend) und den Gott Eros halten. Fünf Gäste geben ihr Bestes.

Dann kommt Sokrates an die Reihe. Gnadenlos sichelt er die Ausfüh­rungen seines Vorredners Agathon nieder, bis dieser stammelt: »Ich, o Sokrates, weiß dir nicht zu widersprechen, sondern es soll so sein, wie du sagst.« Der Logos als Zerstörer, der Leser zürnt. Als ob er dies spüre, spielt Sokrates nun selbst den Trottel, indem er ein Gespräch mit der weisen Diotima wiedergibt, einer Frau also, was in all diesem Männergeglucker schon mal versöhnt. Es gerät zum Liebeswörter­rausch »in der bacchischen Wut der Philosophie«, zum psychedelischen Aufschwung ins Licht der Idee. Das ist am besten laut, bekränzt und betrunken vorzulesen.

Aber das Beste ist da eigentlich schon vorbei, nämlich die Erzählung des Aristophanes. Ursprünglich, so behauptet er, waren wir alle kugelförmig und hatten zwei Gesichter, vier Arme/Beine sowie doppelte Sexualorgane, mit denen wir in die Erde zeugten. Sehr fröhlich waren diese Komplettmenschen und aufmüpfig. So griff Zeus zur Säge. Und wenn wir nicht endlich brav und fromm werden, droht uns eine weitere Halbierung. Hier siegt Mythos über Logos, Dichtung über Deduktion, ein einziges, heiteres, herzerwärmendes Wunder.

Das Gastmahl endete in Lärm und Chaos, »man sei genötigt worden, gewaltig viel Wein zu trinken«. Das hat sich nicht geändert in 2400 Jahren, schlauer sind wir heute auch nicht, aber das »Gastmahl« ist immer noch ein großer Jux, besonders wenn man es nachspielt.

Länge des Buches: ca. 145.000 Zeichen (Niethammer-Übersetzung), 153.000 Zeichen (Susemihl-Übersetzung). – Ausgaben:

Platon: Das Gastmahl. Übersetzt und herausgegeben von Thomas Paulsen. Nachwort und Anmerkungen von Thomas Paulsen und Rudolf Rehn. Stuttgart: Reclam 2008. S. 3–78. (= 76 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 7
Fjodor Dostojewski: »Weiße Nächte« (1848)

St. Petersburg, 13. Juli 2011, 12:30 | von Paco

Der Insel-Verlag hat für seine Ausgabe vor Jahren den bisherigen Untertitel des Romans geändert: »Ein empfindsamer Roman aus den Erinnerungen eines Träumers« wurde zu: »Eine Liebesgeschichte«. Eine taktisch gelungene Aktion, auch wenn es sich um eine Liebes­geschichte ohne Happy End handelt. Sie geht eigentlich erst mal ganz gut los, abenteuerlich fast. Ein junger Mann rettet das Fräulein Nastenka vor einem befrackten Unhold, und dann setzen sich Retter und Gerettete in die helle Petersburger Nacht und plaudern.

Insgesamt haben sie vier weiße Nächte zusammen, bis Nastenka mit ihrem ursprünglichen und eigentlichen Traummann abzieht, der dann nämlich wider Erwarten doch noch erscheint – was für eine Wendung des Schicksals! Dabei hatte es so gut ausgesehen, auch wenn der Träumer zwischenzeitlich sehr langwierig von seinen Träumereien erzählt und zum Beispiel auch gleich E. T. A. Hoffmann erwähnt hat, was man vielleicht nicht gleich bei einer der ersten Begegnungen tun sollte.

Ich habe das Buch wieder mal im Zug gelesen, auf einer knapp dreistündigen ICE-Fahrt. Um mich herum waren sechs Frauen eines Strickvereins gruppiert (Zugsocking), ein Setting, das so gar nicht zu meinem Buch passte. Als ich nach Beendigung der Lektüre das Ohropax herausnahm, hörte ich als erstes folgende Sätze: »Ich stricke doch hier keine Ferse! Im Zug kann man doch keine Ferse stricken!«

In der Bemerkung lag allerdings mehr empirische Erkenntnis als im ganzen Dostojewski-Buch, auch wenn das jetzt vielleicht nicht so sehr vergleichbar ist. Es geht übrigens fast schneller, das Buch durchzu­lesen, als Viscontis Verfilmung zu schauen. Und wenn man auch noch das russische Original zur Hand nimmt, ist die Geschichte noch mal um 33.000 Zeichen kürzer, man spart also ein Viertel der Lesezeit!

Länge des Buches: ca. 125.000 Zeichen (russ. 92.000). – Ausgaben:

F. M. Dostojewski: Weiße Nächte. Ein empfindsamer Roman aus den Erinnerungen eines Träumers. Übertragen von Hermann Röhl. Nachwort von Michael Wegner. Mit 8 Zeichnungen von Irmgard Zoll. Leipzig: Insel-Verlag 1969. S. 4–95 (= 92 Textseiten, abzgl. 8 Seiten mit den Zeichnungen).

Fjodor M. Dostojewski: Weiße Nächte. Eine Liebesgeschichte. Aus dem Russischen von Hermann Röhl. Frankfurt/M.; Leipzig: Insel Verlag 2002. S. 7–110 (= 104 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 6
Friedrich Dürrenmatt: »Der Richter und sein Henker« (1950/51)

Konstanz, 6. Juli 2011, 15:13 | von Marcuccio

Krimi-Schullektüre – aber welcher Hundertseiter kann was für sein Schicksal. Und Richter hin, Henker her, mich faszinierte an diesem Buch nichts mehr als die ominöse Twannbachschlucht. Sie ist Dreh- und Angelpunkt der ganzen Krimihandlung, aber auch so eine Art Landschaftsgrenze, zwischen Twann und Lamboing. Trennt das Berner Seeland vom Jura, die Deutschschweiz von der Welschschweiz.

Dass zwischen einem Dorf und dem nächsten eine Sprach-, aber keine Landesgrenze verlaufen konnte, das war für einen Neuntklässler mit »Französisch fakultativ« schon das Maximum der Schweiz-Exotik. Erst Jahre später begriff ich: Die Schlucht – durchflossen vom Twannbach, französisch Douanne, also quasi douane – ist Dürrenmatts kleiner Röstigraben.

Wenn Kommissär Bärlach von Bern ins Jura-Dorf ermitteln fährt, sagt er beharrlich Lamlingen statt Lamboing. Und wenn der Dorfpolizist von Lamboing mit Bern deutsch sprechen muss, »eine Sprache, in der es ihm nicht ganz geheuer war«, kriegt er schlechte Laune. An einer Stelle ist auch von »Separatisten« und der »Jurafrage« die Rede. Aber das alles hat mit dem Krimiplot nichts zu tun. Im Gegensatz zur Lamboing-Anfahrt der Ermittler, die von Bern aus entweder linksdrehend oder rechtsdrehend um den Bieler See möglich ist: zum literarischen Geocaching wie geschaffen.

Im Übrigen ein Krimi für SZ-Leser: Die Leiche, ein Polizist, führte ein Doppelleben als Spion. Deckname seiner Investigativexistenz: »Doktor Prantl, Privatdozent für amerikanische Kulturgeschichte in München.«

Länge des Buches: ca. 156.000 Zeichen. – Ausgaben:

Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker. Roman. Mit 14 Zeichnungen von Karl Staudinger. 2691.–2730. Tsd. Hamburg: Rowohlt 1985. S. 5–118 (= 114 Textseiten).

Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker. Kriminalroman. In: ders.: Die Kriminalromane. Zürich: Diogenes 2011. S. 7–158 (= 152 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Hitchcock und Caravaggio

London, 1. Juli 2011, 21:43 | von Dique

Gerade habe ich das Caravaggio-Buch von Andrew Graham-Dixon beendet, »Caravaggio: A Life Sacred and Profane«. Letztes Jahr zu Weihnachten hatte ich mich noch geziert, es auch nur zu kaufen. Bei Hatchards lag ein riesiger Haufen, anderthalb Meter hoch, wie gemauert, und alle Exemplare waren signiert.

Das hätte mich sogar auch fast gereizt, aber dann hatte ich eben doch keine Lust auf noch ein Caravaggio-Buch, und außerdem fand ich es reichlich beknackt, mich von einer signierten Kopie animieren zu lassen. Doch der Titel blieb in meinem Kopf, 10 Jahre hat Graham-Dixon am Buch gearbeitet, das von allen Kritikern und Lesern auch ziemlich gefeiert wurde, und der Autor ist ja übrigens auch der Macher der fantastischen BBC-Doku »Travels with Vasari«.

Jetzt hatte ich also die Idee, dieses Buch doch haben zu müssen, und dann stand ich eines Tages bei Foyles und hatte es in der Hand und fing ein bisschen an zu lesen und wollte überhaupt nicht wieder aufhören. Anstatt es gleich mitzunehmen und im nächsten Café weiterzulesen, dachte ich wieder an die signierten Exemplare bei Hatchards. Das war nun allerdings schon ein paar Monate her, aber der Haufen war so riesig gewesen, die konnten doch unmöglich alle verkauft worden sein.

Also stellte ich das Buch zurück ins Regal und marschierte die Charing Cross Road hinunter, quer durch Soho bis nach Piccadilly zur schönen Buchhandlung Hatchards. Das Caravaggio-Buch fand ich gleich in der zweiten Etage in der Kunstbuchabteilung, aber im Regal, ohne Signierung. Der Ziegelsteinhaufen war verschwunden. Ich schleppte das Buch zur Kasse, mich langsam ärgernd, dass ich damals nicht gleich zugeschlagen hatte, und fragte einen freundlichen Herrn, ob es denn vielleicht auch noch eine signierte Fassung gebe.

Er schaute kurz nach und rief dann seine Kollegen im Erdgeschoss an, ob vielleicht im Schaufenster oder Eingangsbereich noch welche wären. »We had sooo many!«, sagte der freundliche Herr zu mir, während wir auf Antwort von unten warteten. Er selbst besitze auch ein Exem­plar, signiert. Ob er es schon gelesen habe? »No, not yet, but it is supposed to be very good!« Am Ende bekomme ich keine signierte Kopie mehr, alle verkauft!

Es ist also die unsignierte Kopie, die ich gerade zu Ende gelesen habe. Das Buch hangelt sich chronologisch durch Gemälde und Leben des Künstlers. Sein letztes Werk war das Martyrium der heiligen Ursula (heute in Neapel). Wie auf vielen seiner Bilder hat Caravaggio auch auf diesem einen Cameo-Auftritt. Er hat das Bild 1610 in Neapel gemalt und ist noch im selben Jahr gestorben. Kurz bevor er mit der Arbeit begann, wurde er Opfer eines Racheakts, vier Schergen lauerten ihm vor einer Bar in Neapel auf und schlitzten ihm ein Schandmal ins Gesicht.

Auf diesem letzten Gemälde, eben diesem Ursulamartyrium, ist er mit halbgeöffnetem Mund zu sehen, in dieser kleinen Ansammlung von Leuten, die um Ursula herum stehen. Er sieht aus wie das Leiden selbst, beinah zusammenbrechend, mit einem letzten Seufzer auf den Lippen.

Mir fällt kein anderer Maler ein, der sich so häufig in seinen eigenen Bildern dargestellt hat, nicht in Portraits à la Rembrandt oder Dürer, sondern in der Menge, im Hintergrund, als Beobachter. Ein pindarischer Sprung lässt mich an Alfred Hitchcock denken, der in seinen Filmen ebenfalls immer kurz mal selbst auftaucht. Das sind aber vergleichs­weise kleine Späße, Gimmicks, die Hitchcocks Spitzbübigkeit unterstreichen.

Die Auftritte des Michelangelo Merisi sind Statements, Seelenzustands­dokumentationen ohne jeden Schalk. Ganz besonders in seinem spektakulärsten und prominentesten, dem Portrait als Goliath, dessen abgeschnittener Gigantenschädel der kleine David quasi in die Kamera hält. Aus dem Hals des abgetrennten Goliathkopfes rinnt noch Blut, etwas Leben scheint in diesem Kopf noch zu sein, doch wird es jeden Moment verlöschen. Vor diesem Cameo-Gruselauftritt sieht man Caravaggio eher unbeteiligt in der Menge stehen und zuschauen, wie im berühmten Martyrium des heiligen Matthäus oder in einer Gruppe Musizierender aus seiner Frühphase in Rom.

Nach diesem Lektürebrocken war ich dann doch erleichtert, ein Exem­plar ohne Signierung gekauft zu haben, denn das wären ja wieder drei Wörter mehr zu lesen gewesen: ›Andrew‹, ›Graham‹ und ›Dixon‹. Falls der Autor nicht noch was reingeschrieben hat wie »Love«, »All the best« oder »Wish you a happy reading«.
 


Loblied auf Lehrte

Berlin, 29. Juni 2011, 16:02 | von Josik

Damals, am Ende ihrer Rede zur Einweihung des Berliner Haupt­bahnhofs, als im Beisein des dann auch im sanierten Dresdner Hauptbahnhof wieder zum Einsatz gekommenen Hauptbahnhof­einweihungsmoderators Cherno Jobatey die Bundeskanzlerin Angela Merkel wörtlichst diese volkstümlichen Worte sprach (ab 9:20 Min.):

»Ich freu mich drauf, wenn ich mal gar nix mehr im Kanzleramt abends zu essen bekomme, entweder einen Döner oder bei McDonald’s vorbeizuschauen, oder – jetzt krieg ich gleich wieder Ärger – auch in einer deutschen Bulettenbude oder wie man das hier nennt, wahrscheinlich etwas gehobener«,

… damals also gab es noch eine Menge Berliner Ureinwohner, die zum einen die Currywurst in dieser kulinarischen Aufzählung vermissten und zum anderen sich fest vorgenommen hatten, auch weiterhin vom ›Lehrter Bahnhof‹ zu sprechen, statt den albernen Mehdorn’schen Neologismus ›Hauptbahnhof‹ zu benutzen.

Freilich ist vom ›Lehrter Bahnhof‹ heute keine Rede mehr, ebensowenig wie von der ehemaligen ›Frauenhaftanstalt Lehrter Straße‹, die sich damals in unmittelbarer Nähe des heutigen Berliner Hauptbahnhofs befand und aus der bekanntlich Inge Viett ausgebrochen ist, um dann später in die DDR rüberzumachen. Es scheint da einen ominösen Zusammenhang zu geben zwischen DDR-Sehnsucht und Lehrte. Auch der Schriftsteller Ronald M. Schernikau, ein gebürtiger Lehrter, hat sich ja noch 1990 in die DDR einbürgern lassen.

Sonst ist Lehrte hauptsächlich leider nur dadurch bekannt, dass Hiltrud Schröder sich dort hat scheiden lassen, genauer gesagt: Hiltrud geborene Schwetje, geschiedene Schröder, nunmehr Hensen, so ähnlich wie man auch bei der ehemaligen jüngsten deutschen Bundesfamilienministerin aller Zeiten inzwischen korrekterweise von Claudia geborene Wiesemüller, geschiedene Nolte, nunmehr Crawford sprechen muss. Was Hiltrud Hensen angeht, so soll ihr Exmann Exkanzler Schröder über das Dach des ehemaligen Lehrter Bahnhofs, das Mehdorn eigenmächtig um 130 Meter verkürzt hatte, gesagt haben, es sehe aus wie eine abgebissene Currywurst.

Lehrte ist aber auch und vor allem der Geburtsort des Lyrikers ZaunköniG, der sich ganz und gar dem Sonett verschrieben hat. Jede Sonettdichterin und jeder Sonettdichter kann versuchen, im grandiosen Sonett-Archiv des ZaunköniGs, in dieser unerschöpflichen Fundgrube irgendwo zwischen Alexis Aar und Stefan Zweig unterzukommen und Selbstsonettiertes zu publizieren. Vielleicht die drei besten Sonettverse überhaupt stammen von Ferdinand Freiligrath:

Dann ruft er aus: »Sie ist die 2te Staël!
Sei sie nun sonsten Lea oder Rahel –
In sieben Jahren ist sie mein Gemahel!«

Das sind Reime, da kann die Neue Frankfurter Schule eigentlich einpacken. Gar in starckdeutschen Reimen reimt man in einem Sonettband mit dem Titel: »Um die Wurst«, in dem es auch um die von Schröder verlorene Bundestagswahl geht. Der Wurststand am Berliner Hauptbahnhof aber, der bis vor ein paar Tagen noch »Kantine« hieß, wurde nunmehr in »Wurststand« umbenannt. Und in Lehrte gibt es gar: einen eignen Wurst-Basar! Die lakonischste Liebeserklärung an Lehrte freilich habe ich in einem Exemplar der »Kleinstadtnovelle« gefunden, dem Debüt des natürlich ebenfalls im Sonett-Archiv vertretenen Ronald M. Schernikau. Ein unbekannter Wolf schreibt dort:

 

Schernikau-Buch, Widmung

 


Oswald Spengler meets David Foster Wallace:
Mit dem Zug von Los Angeles nach San Francisco

Berkeley, 22. Juni 2011, 07:35 | von Papageno

Es ist nicht so, dass mich niemand gewarnt hätte. Mit dem Zug von Los Angeles nach San Francisco? Pure Boredom. So European. Die meisten Kalifornier, denen ich von meinem Vorhaben erzählt habe, hatten von der Zugverbindung eh noch nie gehört.

Von der Union Station geht es frühmorgens in Richtung Norden, durch die endlosen Vorstädte dieser Riesenvorstadt, in Richtung Central Valley, vorbei an zahllosen In-N-Out Burgers und riesigen Parkplätzen. Nach etwa eineinhalb Stunden Fahrt nähert man sich der angeprie­senen Hauptattraktion des Pacific Coast Liners – dem freien Blick auf den Pazifik (die »Kristallmauer«, wie Baudrillard den Ozean einmal nannte, »der Kalifornien in sein Glück einschließt«).

ein Foto

Der Bummelzug fährt dann die meiste Zeit über oder unter dem Highway 1 entlang, der »vielleicht schönsten Küstenstraße der Welt«. Links blickt man auf die Küste, Strände, Kliffs und rechts auf erdrutschverdächtige Steilhänge, ausgebrannte Autowracks und Milchkühe.

Nach gut zwei Stunden hält der Zug dann in Santa Barbara, einer kleinen Universitätsstadt, in der alles so aussieht, als wäre es Teil eines Golf- und Landclubs. Es steigt niemand weder aus noch zu. Nach zwei weiteren Stunden atemberaubender Aussicht verlaufen die Schienen weg von der Küste ins Landesinnere, wo es außer Mandel-, Zitronen- und Orangenbäumen, Orchideen und flimmernder Hitze nichts zu geben scheint. Hier wird alles produziert, was in Los Angeles und San Francisco dann konsumiert wird.

Tausende mexikanische Arbeiter ernten vor unseren Augen Erdbeeren und Pflaumen. Einige Passagiere winken ihnen zu, sie winken nicht zurück. So auch Steve, der neben mir sitzt. Er trägt Wandersandalen, Karohemd und dreht seine eigenen Zigaretten. In einem Land, in dem Rauchen mehr als verpönt ist, gilt das als revolutionäre Geste. Steve ist auf dem Weg nach Portland, Oregon, um dort Arbeit zu suchen: »L.A. is killing me. Nobody can make a living here«, erzählt er. (Ich muss an John Rechy denken, der es auf die so wahre Formel gebracht hat: »You can rot here without feeling it.«)

Steve fährt gern mit Zügen, da man so die Möglichkeit habe, die Landschaft und seinen Reiseweg wirklich zu erfahren: »You really feel where you are going, it somehow gives me back my sense of space and direction.« Steve liest Oswald Spenglers »Der Untergang des Abendlands«, und während wir durch die Wüste des Central Valley fahren, meint er, dass diese Wüste genauso sei wie Amerika. »Just empty, as if life has vanished completely.«

»Something has happened to people in the 80ies«, spricht er weiter. »It’s not about the people anymore, just about the big cooperations. We’re not making the pie anymore, we’re just havin’ it!« Steve wird diese Sätze noch öfter während der 16-stündigen Fahrt sagen. Als es etwas später wird, bittet ihn eine mexikanische Mutter, die mit ihrer siebenköpfigen Familie nach Seattle umzieht, ein bisschen leiser zu sein, ihre zwei Kleinkinder seien gerade eingeschlafen.

Mir wird es auch langsam zu viel und ich nehme mir David Foster Wallaces gerade aus dem Nachlass herausgegebenes Buch »The Pale King« und setze mich in den Speisewagen, der keinerlei Speisen anbietet. Grob gesagt handelt das Buch vom Leben und Leiden von Steuerbeamten in Peoria, Illinois, in der Mitte der 1980er Jahre.

Viele der von dem Herausgebern zusammengebrachten Geschichten und Fragmente handeln von verlorenen Söhnen und Töchtern, die irgendwie ihren ›eigenen Weg‹ gefunden haben, um schließlich doch wieder in zermürbender Alltäglichkeit, Bürokratie und Selbsthass festzustecken. Wallace geht es in »The Pale King« um Langeweile in allen Formen, nicht weniger als eine allumfassende Beschreibung der Lebenswelt am Ende des 20. Jahrhunderts sollte das unvollendete Projekt werden – »a portrait of bureaucracy«.

Mittlerweile schlängelt sich der Zug hinauf in die Berge, weiter ins Landesinnere, die Landschaft wirkt zerklüftet, aber auf einmal sehr grün, toskanischer Schwarzwald.

»Bläulichschwarze Steinmassen giengen in spitzen Keilen bis an den Zug heran, man beugte sich aus dem Fenster und suchte vergebens die Gipfel, dunkel schmale zerrissene Täler öffneten sich, man beschrieb mit dem Finger die Richtung, in der sie sich verloren, breite Bergströme kamen eilend als große Wellen auf dem hügeligen Untergrund und in sich tausend kleine Schaumwellen treibend, sie stürzten sich unter die Brücken über die der Zug fuhr und sie waren so nah daß der Hauch ihrer Kälte das Gesicht erschauern machte.«

Ich stelle mir vor, wie sich Franz Kafka das Central Valley vorgestellt hat und wie schön seine Beschreibung doch ist, und erinnere mich, wie falsch und pathetisch Theodor W. Adorno die kalifornische Exilland­schaft aus seinem Exilhaus in den Pacific Exilisades beschrieben hat:

»Es ist als wäre niemand der Landschaft übers Haar gefahren. Sie ist ungetröstet und trostlos. Dem entspricht die Weise der Wahrnehmung. Denn was das eilende Auge bloß im Auto gesehen hat, kann es nicht behalten, und es versinkt so spurlos, wie ihm selber die Spuren abgehen.«

Wäre Adorno einmal mit dem Pacific Coast Liner gefahren, er hätte anders gesprochen.

Währenddessen erzählt Wallace von den kleinen Erfolgen eines Steuerbeamten, der sich jedes Mal selbst belohnt, wenn er die Arbeit an einem Formular beendet hat und schließlich merkt, dass er niemals fertig wird: »The thing here is that the returns never stop. There’s always a next one to do. You never really finish.«

Ein paar Seiten weiter heißt es dann: »We think of ourselves now as eaters of the pie instead of makers of the pie. So who makes the pie?« Ich frage mich, ob Steve das Buch gelesen hat und erinnere mich dann, dass er es nicht gekannt hat, als ich es vorhin erwähnt habe.

Es ging Wallace in seinen letzten Jahren vermehrt um die Beschreibung von Erfahrungen der Selbstgewissheit, von Konzentration und Präsenz in einer instrumentalisiert-bürokratischen Lebenswelt. (Das vielleicht beste Beispiel dafür ist seine Meditation über »[Roger] Federer as a religious experience«!) Um die Frage, wie man konzentriert sein kann, wenn man eigentlich nur abgelenkt ist, wie schließlich aus Langeweile Kreativität entstehen kann?

»The underlying bureaucratic key is the ability to deal with boredom. To function efficiently in an environment that precludes everything vital and human. To breathe, so to speak, without air. The key is the ability, whether innate or conditioned, to find the other side oft he rote, the picayune, the meaningless, the repetitive, the pointlessly complex. To be, in a word, unborable. […] It is the key to modern life. If you are immune to boredom, there is literally nothing you cannot accomplish.«

Das Highlight findet sich gegen Ende des Buches, es handelt sich um eine minutiöse Beschreibung eines (Flirt-)Dialogs zwischen zwei Steuerbeamten an einem Freitagfeierabend. Über mehr als hundert Seiten baut Wallace Spannungs- und Frustrationsbögen auf, um sie dann wieder einzureißen. Die besten Momente sind die, in denen man merkt, dass Wallaces Erzähler sich in den Dialog mischt, Sätze vollendet, kommentiert, weiterspinnt, um dann wieder flauberthaft über allem zu schweben, seine Figuren an den Abgrund drängt, sie aber nie fallen lässt.

Wegen Gleisproblemen steht der Zug fast vier Stunden zwischen Mandel- und Orangenbäumen in der Nähe von Salinas. Die Sonne geht ewig unter und färbt alles in blau und rot – jedes Mal wieder ein Schauspiel. Die mexikanischen Arbeiter ziehen sich langsam zurück in ihre Zelte, Steve ist mittlerweile über Spengler eingeschlafen.

Neben ein paar wirklich grandiosen Stellen ist »The Pale King« wirklich langweilig, nicht mehr als ein ungeordnetes Riesenprojekt, das Wallace beim besten Willen nicht beenden konnte, schon gar nicht seine Herausgeber. Aber ich meine gelernt zu haben, mich nicht langweilen zu lassen, und lese weiter, be unborable, stay focused, sage ich mir immer wieder.

Als ich in Emeryville aussteige, kommt es mir wirklich so vor, als wäre die Zeit wie im Flug vergangen, und als hätte ich alles, was ich in meiner Langeweile gesehen habe, Kristallwände, Wüsten und Untergänge, schon wieder vergessen – a supposedly fun thing I’ll never do again.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 5
Markus Werner: »Zündels Abgang« (1984)

Berlin, 19. Juni 2011, 19:14 | von Josik

Genau in dem Moment, als im ICE 1605 die Zugführerin per Durchsage von »dem nächsten Unterwegshalt« sprach, wusste ich nicht mehr, ob ich nun über die Oxymoronhaftigkeit des Wortes »Unterwegshalt« nachsinnen soll oder über den schon im Buch in Anführungszeichen gesetzten »Schlankheitsabgrund«, bei dem ich gerade angelangt war. Denn man möchte eigentlich alles, schon den ersten Satz, mit dem Markus Werner in die Geschichte der Weltliteratur eintritt und den so natürlich nur ein Schweizer schreiben konnte, nämlich:

Schöne Kindheit im Warenhaus.

– alles also an dieser Herrlichkeit von Debüt, in dem ein sehr sympa­thischer Misanthrop, der wie alle normalen Menschen als Lehrer arbeitet, verduftet, möchte man am liebsten anstaunen.

Und wenn man etwas nicht versteht und noch kein Google hat, wie zum Beispiel in den 80ern, dann ruft man einfach den Autor an. Eine Freundin des Instituts hat das kurz nach Erscheinen von »Zündels Abgang« getan, als Markus Werner noch nicht berühmt war und sein Name noch im Telefonbuch stand. Sie hat ihn gefragt, wer denn eigentlich »der unstete Geist eines französischen Dichters« ist, von dem es auf Seite 69 heißt, er habe im weltberühmten Portofino seine Ruhe gefunden. Herr Werner gab freundlichst und bereitwilligst Auskunft, dass es sich hier um Guy de Maupassant handle, der in Portofino »Bel Ami« geschrieben habe.

An das zweite literarische Rätsel, um dessen Auflösung sie ihn ebenfalls gebeten hat, konnte er sich leider partout nicht erinnern. Um die lustige Titelpersiflage »Ahndung und Gegenschlag« handelte es sich jedenfalls nicht und auch nicht um eine der Fragen und Antworten in dem grandiosen Zündholzspiel: Man stellt eine Frage und wenn die Antwort »richtig oder wenigstens gut« ist, gibt’s ein Zündholz; wer zuerst fünf Zündhölzer hat, hat gewonnen. Der vorletzte Satz, der von Zündel überliefert ist, lautet: »Geh jetzt bitte, ich stehe unter Sprechverbot«.

Länge des Buches: ca. 189.000 Zeichen. – Ausgaben:

Markus Werner: Zündels Abgang. Roman. Salzburg; Wien: Residenz Verlag 1984. S. 3–138. (= 136 Textseiten)

Markus Werner: Zündels Abgang. Roman. München: dtv 1988. S. 3–116. (= 114 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Der tausendste Buchladen

Hamburg, 9. Juni 2011, 19:46 | von Dique

Und hier nun der Schlussstein unserer Richard-Deiss-Berichterstattung. Schon im Umfeld unseres Interviews zu den 100-Seiten-Büchern hatte er be­kanntgegeben, dass er demnächst offiziell seinen 1000. Buchladen besuchen werde, und zwar »25books« in Berlin. Doch viele Hindernisse wurden dem Humboldt unter den Buchladenforschern in den Weg gelegt. Nach vollbrachter Tat bekamen wir diese Mail, in der die abenteuerlichen Ereignisse spannend wiedergegeben werden:

Datum: 24. Mai 2011
Von: Richard Deiss

Endlich habe ich es geschafft, der 1000. Buchladen ist besucht, und ab jetzt werde ich mir nur noch ausgewählte Läden vornehmen und jedenfalls keinen Buchladenmarathon mehr veranstalten. Der letzte war denn auch noch ziemlich aufreibend:

Am Abend hatte ich den Flug zur Dienstreise nach Berlin verpasst und musste eine frühe Morgenmaschine nehmen. Im Flugzeug schlief ich ein und kam nicht mehr zu meinem Plan, der Stewardess eines dieser Handzählgeräte, mit welchem das Bordpersonal die Passagiere durch­zählt, abzuschwatzen und zu einem Buchladometer umzuwidmen, mit dem ich dann den Besuch des 1000. Ladens feststellen wollte.

In Berlin verlor ich dann nach der Sitzung wertvolle Zeit mit der Suche eines Handzählgerätes, kein Laden hatte sowas vorrätig. Schon lange hatte ich eines im Internet bestellen wollen, dass ich das nicht getan hatte, rächte sich jetzt.

Endlich wurde ich bei Conrad Electronic fündig, der hatte zwei Hand­zählgeräte, aber das, welches ich dann kaufte, sollte mir viel Ärger bereiten, denn immer wieder kam man unabsichtlich auf den hervor­stehenden Nullstellungsknopf, und immer wieder musste ich fast tausendmal klicken, um den richtigen Zählerstand zu generieren. Wenn man zu schnell klickte, verkanteten sich die Zahlen zwischen 1000 und 1001 und man musste wieder von vorn beginnen. Insgesamt sollte ich dann im Laufe meiner Tour fast zehnmal die fast tausend Buchläden durchgedrückt haben.

Es war bereits nach 18 Uhr, als es bei einem Zählerstand von 980 mit der Besichtigung der letzten 20 Läden losgehen konnte. Doch den Laden »Motto« in der Skalitzer Straße fand ich nicht. In der Oranien­straße konnte ich dann wenigstens noch drei Buchläden besuchen. Eigentlich wollte ich in Berlin zehn Buchläden sehen, doch bei meiner Abreise nach Dresden war der Stand erst bei 985.

Von Dresden ging es den nächsten Morgen nach Freiberg, wo ich vier Buchläden besuchte, leider hatte der fünfte ausnahmsweise bereits um 12 Uhr geschlossen, so dass ich immer noch nicht einmal bei 990 lag. In Dresden besichtigte ich dann vier weitere Läden, doch bei einem Zählerstand von 993 machten in der Neustadt schon die meisten Buchläden dicht. Ich beschloss, nach Prag zu reisen, denn dort haben manche Buchläden auch am Sonntag auf.

Nachdem ich dort ein Hotel reserviert hatte, kam ich auf dem Weg zum Bahnhof doch noch an einigen Buchläden vorbei, darunter Walther König im Residenzschloss, und die Zahl war auf 998 gestiegen, fast war die Pragreise überflüssig geworden. In Prag angekommen hatte der Globe Bookstore noch um 23 Uhr geöffnet, und beruhigenderweise war die Zahl von 999 Buchläden erreicht. Doch am nächsten Morgen waren alle Läden auf meiner Liste entweder sonntags geschlossen, hatten noch nicht auf oder existierten gar nicht mehr.

Ich beschloss, frühzeitig wieder nach Berlin zurückzureisen. Dort waren aber zwei Läden, die ich noch sehen wollte, sonntags ebenfalls nicht geöffnet, und meine letzte Hoffnung war »Berlin Story«, der Berlin­buchladen, der wegen Insolvenz von Unter den Linden in eine Parallelstrasse gezogen war. Durch diesen Umzug konnte ich ihn als weiteren Buchladen rechnen, und er hat sonntags bis 19 Uhr auf.

Kurz vor sieben kam ich in der Mittelstraße an, doch ein Schild zeigte zu meinem Schrecken, dass der Buchladen an seinen Ursprungsort Unter den Linden zurückgezogen war, ich konnte ihn also nicht als neuen Buchladen ansehen. Wo sollte ich jetzt den 1000. Buchladen herneh­men? Ich beschloss, doch noch zu »25books«, der eigentlich am Sonntag zu hat, zu fahren und die Besichtigung von außen als halben besuchten Buchladen zu zählen und den veränderten »Berlin Story« als weiteren halben.

Überraschenderweise war bei »25books« die Tür auf und ich konnte hineingehen. Ich erzählte dem Inhaber von meinem Anliegen, und er war sogar bereit, mir das Wort ›Buchladometer‹ auszudrucken, damit ich es auf mein Handzählgerät aufkleben und eine entsprechende Aufnahme machen konnte. Leider war sein Pritt-Stift ausgetrocknet und der Text musste mit Spucke befestigt werden und wurde leicht wellig.

Schon wieder war der Buchladometer durch den Rückstellungsknopf auf Null, und ich musste wieder 1000 Mal drücken, bevor ich das Foto machen konnte. Ich kaufte dem Inhaber das Buch »802 Photobooks« ab, und er zeigte mir Poster, die den Inhalt verschiedener Kurzbücher (»Das kommunistische Manifest«, Homers »Ilias« etc.) in winziger Schrift auf einem einzigen Blatt abgedruckt hatten, was ja irgendwie zu eurem Projekt mit den 100-Seiten-Büchern passt. So hatte alles noch ein passendes Happy End genommen mit »25books« als 1000. Buchladen, ich konnte die Phase der Buchladenmarathons endlich abschließen und die Blasen an meinen Füßen auskurieren.

Beste Grüße,
Richard
 


100-Seiten-Bücher – Teil 4
Theodor Fontane: »Grete Minde« (1880)

Hamburg, 7. Juni 2011, 00:35 | von Dique

Ich hatte noch knappe zwei Stunden, und da wollte ich einfach mal endlich »Grete Minde« lesen, 100 Seiten, dafür dürfte die Zeit ja reichen. Ich war mitten im Sog der Geschichte, die sich einem ruhig auslaufenden Ende zu nähern schien. Fünf Seiten vor Schluss musste ich allerdings zur U-Bahn, wo ich dann auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier noch schnell den Rest lesen wollte.

Dazu kam es aber nicht, denn ich traf eine Bekannte und musste mit ihr Neuigkeiten austauschen. Ich hatte das Buch in der Hand, sie fragte: »Und? Gut?« Ich brachte kurz die Story: Der Tod von Gretes Mutter und dann des Vaters, dann die böse Schwägerin, die ihr die Lebensfreude gänzlich nehmen will. Noch sehr jung an Jahren lässt Grete zusammen mit dem Nachbarsburschen das unschöne Leben bei ihrer Familie hinter sich und schließt sich fahrendem Volk an. Sie wird Mutter, kehrt irgendwann nach Tangermünde zurück und fordert ihren Teil vom Erbe. Das Ende musste ich in meiner Schilderung leider weglassen, ich kannte es ja noch nicht, wollte es aber bei Gelegenheit nachliefern.

Als ich bei der Feier ankam, hatte ich das Buch noch in der Hand, gleich nickte mir der Gastgeber zu, »zeig mal, ach, ›Grete Minde‹, was für ein wahnsinniges Ende, oder?« Ich erzählte das mit den fünf noch fehlenden Seiten. »Mach dich auf was gefasst!«, hieß es da.

Ich konnte mir das überhaupt nicht erklären, die Geschichte schien mir erzählt zu sein, ich rechnete nicht mehr mit einem großen Drama, was sollte da noch passieren? Ich las den Rest auf der U-Bahn-Fahrt nach Hause und rief dann bestürzt sofort meine Bekannte an.

»Grete Minde« ist angeblich eines der schlechteren Bücher von Fontane, aber das stimmt nicht. »Grete Minde« ist ein 100-Seiten-Meilenstein.

Länge des Buches: ca. 192.000 Zeichen. – Ausgaben:

Theodor Fontane: Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik. Mit einem Nachwort von Peter Demetz. Frankfurt/M.: Insel Verlag 1989. S. 7–138 (= 132 Textseiten).

Theodor Fontane: Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik. Hrsg. von Frederick Betz. Stuttgart: Reclam 2006. S. 3–108 (= 106 Textsei­ten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Listen-Archäologie (Teil 9):
Ernst Jünger in Leipzig

Leipzig, 2. Juni 2011, 00:10 | von Paco

Von 1923 bis 1927 wohnte Ernst Jünger in Leipzig. Er studierte damals Zoologie und sonderte ansonsten politische Pamphlete fragwürdigster Art ab. Am Ende der Leipziger Zeit steht aber auch die literarisch-surrealistische Initialzündung »Das abenteuerliche Herz«, die in ihrer ersten Fassung dann 1929 erschienen ist.

Hier nun jedenfalls mal chronologisch geordnet die fünf sechs gesicher­ten Adressen aus Jüngers Leipziger Jahren, kleine Vorarbeit zu einem größeren Projekt:

1. Gutenbergstraße 3 (heute: Seemannstraße)
2. Sternwartenstraße 77
3. Talstraße 25
4. Sidonienstraße 54 (heute: Paul-Gruner-Straße)
5. Sebastian-Bach-Straße 18
6. Scharnhorststraße 17

Zur Lage der Wohnungen im Stadtgebiet siehe Google Maps bzw. diese kmz-Datei für Google Earth. Die ersten drei Adressen liegen in unmittelbarer Nähe des Instituts für Zoologie. Über die Sternwarten­straße gibt es zum Beispiel eine Anekdote in den »Annäherungen« (1970).

Außerdem ist dieser einschlägige und sehr gute Artikel zum Thema zu empfehlen:

Norbert Dietka: »Ich konnte im Kittel zum Laboratorium gehen«. Ernst Jünger in Leipzig. In: Leipziger Blätter 40 (2002), S. 47–49.