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	<title>Der Umblätterer &#187; Buchbuch</title>
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	<description>In der Halbwelt des Feuilletons.</description>
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		<title>In Dostojewskis Banja</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Jan 2012 15:15:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Baumanski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Kunstkunst]]></category>

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		<description><![CDATA[Auf Barclay de Tollys Schultern liegt etwas Schnee, als ich am Samstag&#173;mittag an seiner Statue vorbeilaufe. Der dauerbewölkte Himmel und das graue Semifreddo der Kanäle lassen St. Petersburg in diesem lauwarmen Januar etwas düster wirken. Ich treffe mich mit Ivan Borisowitsch in der Stolovaja, und er stochert in seinen Kohlrouladen herum, schwärmt von der Schönheit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auf Barclay de Tollys Schultern liegt etwas Schnee, als ich am Samstag&shy;mittag an seiner Statue vorbeilaufe. Der dauerbewölkte Himmel und das graue Semifreddo der Kanäle lassen St. Petersburg in diesem lauwarmen Januar etwas düster wirken. Ich treffe mich mit Ivan Borisowitsch in der Stolovaja, und er stochert in seinen Kohlrouladen herum, schwärmt von der Schönheit des sich ausdehnenden Univer&shy;sums und beklagt sich über dies und jenes, bevor er abrupt aufbricht.</p>
<p>Ich bleibe noch etwas sitzen und lese weiter in Wenedikt Jerofejews schönem Säuferroman (oder Poem, wie es der Autor in bester gogol&shy;scher Tradition nennt) <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Reise_nach_Petuschki">»Moskau – Petuschki«</a>. Doch schon nach ein paar Seiten holt mich die nicht weniger hochprozentige Realität ein, als der Alkoholiker am Nebentisch, der gerade in nicht mehr als zehn Minuten eine Flasche armenischen Kognak geleert hat, derbe Schimpf&shy;wörter ins Telefon zu schreien beginnt. Eine Frau schüttelt immer wie&shy;der missbilligend den Kopf, und ich gehe lieber rasch nach draussen.</p>
<p>Ich bin sowieso in der Eremitage verabredet, wohin mich zwei Bekannte, eine Restauratorin und ein äusserst begeisterungsfähiger Kunsthistoriker, zu einer leicht chaotischen Privatführung eingeladen haben. Die beiden diskutieren über Rubens’ unproportionale Pferde und Rembrandts mässig schöne Frau (»Aber er hat sie geliebt«) und viele andere Sachen. Irgendwie kommen wir auf die neue U-Bahn-Station im Zentrum zu sprechen und es steht die Frage im Raum, ob man die scheusslichen Mosaike darin als postmodern bezeichnen könne. Man könne, findet der Kunsthistoriker, denn der russische Postmodernismus sei <a href="http://ru.wikipedia.org/wiki/Капитанская_дочка">»бессмысленный и беспощадный«</a>, sinnlos und erbarmungslos.</p>
<p>Am Abend besuche ich mit unserem Freund, dem Opernsänger, die öffentliche Banja, in die angeblich schon der omnipräsente Dostojewski zu gehen pflegte: Dampf, Birkenzweige, kaltes Wasser und vor allem schwitzende Wänste. Straffe und faltige, behaarte und unbehaarte, mehr und weniger aufgedunsene. Eine gute Stunde verbringen wir in der Schwitzanstalt, und danach gibt es Bier.</p>
<p>Gegen Mitternacht sitze ich dann einmal mehr in irgendeiner Gemein&shy;schaftsküche in irgendeinem alten Haus mit irgendwelchen Leuten. Ich kenne zwar nur die Hälfte davon, aber die Diskussion ist lebhaft, es geht schliesslich um kulinarische Fragen. In der Hitze des Gefechts lasse ich mich zu der Behauptung verleiten, dass sich die russische Küche zur französischen verhalte wie die Ikonenmalerei zum Impressionismus, und damit sind natürlich wieder mal nicht alle einverstanden.<br />
&nbsp;</p>
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		<title>Siebenhundertdreissig</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Dec 2011 08:50:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Baumanski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Идти ему было немного; он даже знал, сколько шагов от ворот его дома: ровно семьсот тридцать. Siebenhundertdreissig Schritte sollen es gewesen sein bis zum Haus der Pfandleiherin, und das muss eigentlich mal einer nachzählen. Es ist Donnerstagnachmittag; ich stehe vor dem Haus am Stoljarny Pereulok, wo laut der Literaturwissenschaft Raskolnikov gewohnt hätte, hätte es ihn [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="right"><small><i>Идти ему было немного; он даже знал,<br />
сколько шагов от ворот его дома:<br />
ровно семьсот тридцать.</i></small></p>
<p>Siebenhundertdreissig Schritte sollen es gewesen sein bis zum Haus der Pfandleiherin, und das muss eigentlich mal einer nachzählen. Es ist Donnerstagnachmittag; ich stehe <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Raskolnikow-Haus">vor dem Haus</a> am Stoljarny Pereulok, wo laut der Literaturwissenschaft Raskolnikov gewohnt hätte, hätte es ihn denn in Wirklichkeit gegeben. Ich habe leichtes Fieber, was ja durchaus zur Aufgabe passt. Leicht erstaunt stelle ich fest, dass am selben Haus auch eine deutschsprachige Gedenktafel an die grosse Überschwemmung vom 7. November 1824 erinnert.</p>
<p>Vor dem Seitenausgang schreite ich los. »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs &#8230;« Das Zählen der Schritte ist überraschend anstrengend, ich muss mich richtig konzentrieren, um mich nicht ablenken zu lassen. Nach etwa hundert Metern verliere ich den Faden, muss umkehren und beschliesse, mir künftig wichtige Landmarken zu notieren. Von Schritt 180 bis 268 gehe ich unter einem Baugerüst, ab Schritt 310 überquere ich auf der Kokuschkin-Brücke den Kanal und bei Schritt 395 biege ich in die Sadovaja-Strasse ein. An der Ecke kommen mir zwei Studenten in dicken Wintermänteln entgegen, die sich gegenseitig aus einem aufgeschlagenen Buch Gedichte vorlesen.</p>
<p>Ein paar Meter weiter finde ich mich plötzlich in einer Menschentraube wieder und bin gezwungen, meinen Schritt zu verlangsamen. Ich muss eine komische Figur abgeben, wie ich mit Block und Stift durch die dämmrigen Strassen schreite und ab und zu für ein paar Schritte umkehre. Bei Schritt 662 hält mich ein alter Mann ohne Schneidezähne auf, der sich über die gestiegenen Brotpreise beklagt. Dann zeigt er lachend auf einen Kastenwagen der Polizei, der wohl zu einer Demonstration unterwegs ist: »Jetzt haben sie auch noch eine Revolution &#8230;« Ich stimme ihm zu, 663, und gehe weiter, 664.</p>
<p>»&#8230; 726, 727, 728, 729. Siebenhundertdreissig!« Anstatt vor dem Haus der Pfandleiherin stehe ich vor einem vergitterten Fenster irgendwo am Rimski-Korsakov-Prospekt. Erst nach exakt 1180 Schritten befinde ich mich vor dem – leider verschlossenen – Eingang zum <a href="http://gutenberg.spiegel.de/buch/2100/1">»kolossalen Gebäude (&#8230;), das mit der einen Seite nach dem Kanal, mit der andern nach der …straße zu lag«</a>.</p>
<p>Mehrere mögliche Schlüsse: Entweder ist Raskolnikov nicht den am Romananfang beschriebenen Weg gegangen. Oder die Literatur&shy;wissenschaft hat sich einfach mal wieder beim Entschlüsseln einer Romantopografie geirrt. Oder Raskolnikov hatte extrem lange Beine. Oder Dostojewski hat die Schritte gar nie gezählt (schliesslich verwechselte er im Verlauf des Buches auch die Marmeladov-Kinder).</p>
<p>Etwas müde und desillusioniert treffe ich kurz darauf Ivan Boriso&shy;witsch. »Seit Raskolnikovs Zeiten hat sich hier nichts geändert«, sagt Ivan mit Blick auf die dreckigen Pfützen am Boden und beschliesst kurzerhand, uns zu seinen Mathematikerfreunden zum Tee einzuladen. In der warmen Stube kommt es schnell zu einer lebhaften Diskussion über Gott und die Welt; einer der Mathematiker behauptet, an den russischen Wirtschaftsfakultäten würde mit den Methoden der mittelalterlichen Scholastik gearbeitet. Und na ja, mit ähnlichen Mitteln hatte ich heute auch versucht, Raskolnikovs Schritte zu zählen, und war kläglich gescheitert.<br />
&nbsp;</p>
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		<title>Was Deutsch kann</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Dec 2011 06:30:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Josik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Auch wenn im »Centaur«, dem Kundenmagazin der Drogeriekette Rossmann, gerne von ›Rossmannstadt Hannover‹ die Rede ist (so wie man ja auch von Lutherstadt Wittenberg spricht), befindet sich die Konzernzentrale gar nicht in Hannover, sondern in Burgwedel. Nicht in Burgwedel allerdings, sondern auf einem Schloss bei Dresden machte, von der literarischen Öffentlichkeit gänzlich unbemerkt, Uwe Tellkamp [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auch wenn im »Centaur«, dem Kundenmagazin der Drogeriekette <strong>Rossmann</strong>, gerne von ›Rossmannstadt Hannover‹ die Rede ist (so wie man ja auch von Lutherstadt Wittenberg spricht), befindet sich die Konzernzentrale gar nicht in Hannover, sondern in <strong>Burgwedel</strong>. Nicht in Burgwedel allerdings, sondern auf einem Schloss bei Dresden machte, von der literarischen Öffentlichkeit gänzlich unbemerkt, <strong>Uwe Tellkamp</strong> die Kulturredakteurin der HAZ, Martina Sulner, anlässlich eines Interviews zur Sau.</p>
<p>Erschienen ist es in der Ausgabe 7/2011 des Kundenmagazins der Drogeriekette Rossmann. Dort beanstandet Uwe Tellkamp, dass in der ansonsten durchgehend positiven <a href="http://www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Buecher/Uwe-Tellkamp-Die-Schwebebahn">HAZ-Rezension seiner Schwebebahn</a> auch Folgendes steht: »Tellkamp schreibt in der ersten Hälfte des Buches <strong>dermaßen geschraubt und gestelzt</strong>, dass es dem Leser auch auf die Nerven gehen kann. Die Sätze sind unendlich lang und verschachtelt, die vielen Sprachbilder oft <strong>schief und pathetisch</strong>.«</p>
<p>Die »Centaur«-Redakteure fragen ihn deshalb: »Ist das Geschraubte, Gestelzte, Verschachtelte für Sie eine dichterische Notwendigkeit? Oder wollen Sie Ihre Leser herausfordern und es ihnen möglichst schwer machen?« Sofort greift Uwe Tellkamp »nach der Ausgabe der ›Schwebebahn‹, die auf dem Tisch liegt, und liest« den Redakteuren des Kundenmagazins der Drogeriekette Rossmann zwar nicht die erste Hälfte des Buches, aber doch immerhin »<strong>den ersten Satz</strong> vor«. Dieser erste Satz lautet:</p>
<blockquote><p><small>»Das Dresden meines Temperaturgedächtnisses ist eine Winterstadt voller Fernwärmerohre und Heizungen, von deren Rippen die Farbe abgeplatzt war; oft lag ich, ein Junge von zehn oder elf Jahren, nachts wach und lauschte den Flüsterstimmen der Gespenster, die in der Braunkohle wohnten und durch die Überredungskünste von Riesaer Sicherheitszündhölzern und Flammat-Kohleanzünder (weiß, hartseifig – oder braun und zäh wie ›Plombenzieher‹-Toffeebonbons) aus ihren tertiären Schlafstätten gelockt wurden.«</small></p></blockquote>
<p>Nachdem Uwe Tellkamp mit dem Satz fertig ist, beginnt er eine Tirade, wie sie auch <strong>Joachim Lottmann</strong> nicht furioser hätte gestalten können:</p>
<blockquote><p><small>»Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich ist das ein Satz, der vollkommen klar ist. Es gibt Sätze, die komplexer sind, aber wenn Sie sie wirklich mal laut lesen, werden Sie hören, dass die Beziehungen der Nebensätze zueinander vollkommen klar sind, und darüber lasse ich nicht mit mir reden. Da hat die Dame kein Ohr. Das muss sie sich von mir sagen lassen. Da hört sie nichts, ist sie taub, da versteht sie nichts und weiß nicht, was Deutsch kann. Vermutlich ist sie an Hauptsatzprosa geeicht, die journalistisch funktioniert, damit Abonnenten und Werbekunden nicht abspringen.«</small></p></blockquote>
<p>Das Kundenmagazin versucht daraufhin, Uwe Tellkamp zu beruhigen, wechselt das Thema und stellt ihm <strong>gleich vier Fragen hintereinander</strong>: »Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben? Ganz alltägliche Dinge? Kaufen Sie selbst ein? Beispielsweise bei Rossmann?« Uwe Tellkamp antwortet, nun wieder ganz entspannt:</p>
<blockquote><p><small>»<strong>Ich bin doch ein ganz alltäglicher, normaler Mensch.</strong> Um halb Acht bringe ich meinen Sohn in den Kindergarten, dann kaufe ich auf dem Rückweg ein paar Semmeln, und bei Rossmann bin ich auch öfter. Da kaufe ich übrigens ab und zu auch mal eine DVD, denn es ist ganz schwierig für mich, mal in die Stadt reinzukommen.«</small></p></blockquote>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Haus des Leningrader Handels</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Nov 2011 09:49:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Baumanski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist noch dunkel, als ich am Montagmorgen kurz vor neun Uhr geweckt werde. Gähnend verfluche ich den russischen Präsidenten, der dieses Jahr die Winterzeit abgeschafft hat. Dafür ist heute das Duschwasser immerhin lauwarm. Ich fahre dann mit dem Dreierbus zum Ligovski-Prospekt und gehe nach drei Stunden Unterricht um die Ecke in unsere Lieblings-Hinterhof-Stolovaja, wo [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist noch dunkel, als ich am Montagmorgen kurz vor neun Uhr geweckt werde. Gähnend verfluche ich den russischen Präsidenten, der dieses Jahr die Winterzeit abgeschafft hat. Dafür ist heute das Duschwasser immerhin lauwarm. Ich fahre dann mit dem Dreierbus zum Ligovski-Prospekt und gehe nach drei Stunden Unterricht um die Ecke in unsere Lieblings-Hinterhof-Stolovaja, wo das Essen natürlich ausschliesslich mit Dill und Petersilie gewürzt wird.</p>
<p>Zusammen mit einem Kommilitonen, dem fröhlichen polnischen Dominikanermönch (@Paco: Grüsse!), mache ich mich auf den Weg und verabschiede mich irgendwann in ein Café. Ich nehme mein schon sehr zerfleddertes, noch aus der Sowjetunion stammendes Exemplar von »Verbrechen und Strafe« heraus und warte lesend auf Ivan Borisowitsch. Denn heute scheint zum ersten Mal seit drei Wochen die Sonne und das wollen wir für einen Spaziergang nutzen.</p>
<p>In der Mitte des letzten Gesprächs zwischen Raskolnikov und Svidrigailov kommt Ivan Borisowitsch dazu, offensichtlich etwas mürrisch gelaunt, und beginnt über verschiedene Dinge zu referieren. Wir verlassen das Café, überqueren den Nevski-Prospekt und kommen zum bekannten Warenhaus DLT (Dom Leningradskoj Torgovli), dem »Haus des Leningrader Handels«, dass angeblich nur deshalb nicht »Leningrader Haus des Handels« genannt wurde, damit es nicht die selben Initialen hat wie Lew Davydowitsch Trotzkij.</p>
<p>Wir spazieren weiter, durch den Michailovski-Park zur Inschenerny-Brücke, auf der unser Freund, der Opernsänger, einmal eine alte Haarbürste gefunden und in die Moika geworfen hat. Besagter Opernsänger ruft dann kurz darauf auch an und lädt uns zu einer Lesung ein, wo verschiedene Dichter der Samisdat-Generation Geld für die Operation ihres verunfallten Kollegen <a href="http://ru.wikipedia.org/wiki/Ерёмин,_Михаил_Фёдорович">Michail Erjomin</a> sammeln.</p>
<p>Etwas später sind wir noch auf einer Party in einer Wohnung am Nevski-Prospekt. Ich höre jemanden Weissrussisch auf mich einreden, dann unterhalte ich mich länger mit einer Keltologin aus Tscheljabinsk über das irische Eisenbahnnetz, und dann geht das Bier aus. Eine Betrunkene versucht mir und Ivan Borisowitsch zu erklären, dass wir »typische abgestumpfte Russengesichter« haben, und da ist es Zeit, das Weite zu suchen.</p>
<p>»Können Sie kochen?«, fragt Ivan Borisowitsch auf dem Heimweg unvermittelt, nachdem er zuvor lang und breit erläutert hat, weshalb ein russischer Intellektueller prinzipiell mit nichts einverstanden sein kann (auch Dostojewski ist laut Ivan Borisowitsch höchstens ein mittelmässiger Schriftsteller). »Ja«, anworte ich, füge aber hinzu, dass ich mangels Küche momentan nur Butterbrote zubereite. »Das Butterbrot ist ein Modell des Universums«, sagt Ivan Borisowitsch ernst.<br />
&nbsp;</p>
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		<title>100-Seiten-Bücher – Teil 19 Eduard von Keyserling: »Am Südhang« (1916)</title>
		<link>http://www.umblaetterer.de/2011/11/12/keyserling-am-suedhang/</link>
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		<pubDate>Sat, 12 Nov 2011 09:51:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Luisa</dc:creator>
				<category><![CDATA[100 Seiten]]></category>
		<category><![CDATA[Buchbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Die Zeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Eduard von Keyserling wird abwechselnd sanft vergessen und wieder entdeckt – insofern ist »Wellen« (der Titel seines bekanntesten Romans) auch eine schöne Beschreibung seines Nachruhms. Dass dieser nicht intensiver wurde, verhinderte der baltische Graf, indem er stets dieselbe Geschichte erzählte. Man stelle sich vor, Thomas Mann hätte dem »Verfall einer Familie« noch andere folgen lassen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eduard von Keyserling wird abwechselnd sanft vergessen und wieder entdeckt – insofern ist »Wellen« (der Titel seines bekanntesten Romans) auch eine schöne Beschreibung seines Nachruhms. Dass dieser nicht intensiver wurde, verhinderte der baltische Graf, indem er stets dieselbe Geschichte erzählte. Man stelle sich vor, Thomas Mann hätte dem »Verfall einer Familie« noch andere folgen lassen – der Nobelpreis wäre dahin gewesen.</p>
<p>Eine Keyserling-Geschichte spielt auf östlichen Landgütern unter müden Adligen, handelt von Amouren, die nicht lustvoller sind als die Ehen, von Todesfällen, Langeweile, Sommerhitze und Schwermut. Herrliche Gärten, intakte Natur und das strahlende Licht über der Ostsee werden durchaus geschätzt, helfen aber nicht gegen den <i>ennui</i>. Frauen tun nichts, Männer wenig mehr, manchmal sorgen ein Duell oder ein Suizid für ein wenig Aufregung. Geweint wird reichlich, auch von Männern, aber die Tränen erschüttern nicht mal die, die sie vergießen.</p>
<p>Vielleicht weil »Am Südhang« alle diese Elemente perfekt vereint, wurde die Erzählung von Florian Illies als Keyserlings Meisterstück <a href="http://www.zeit.de/2009/27/L-Keyserling">gerühmt</a>. Aber mir gefällt »Schwüle Tage« viel besser, weil da endlich mal nicht nur Melancholie herrscht, sondern auch Komik. Ein teils muffliger, teils munterer Siebzehnjähriger berichtet, dessen naiver Charme entschieden mehr Anteilnahme weckt als der Leutnant Karl Erdmann, mit dem sich der allwissende »Südhang«-Erzähler auch ziemlich zu langweilen scheint. Beide Geschichten warten übrigens am Ende mit einer Leiche auf und natürlich wird dann geweint, aber die Tränen, siehe oben.</p>
<div style="background-color:#FFFACD;border:1px solid;padding:8px;"><small>Länge des Buches: ca. <b>148.500 Zeichen</b>. – Ausgaben:</p>
<p>Eduard von Keyserling: <i>Am Südhang. Erzählung.</i> Berlin: S. Fischer [<b>1916</b>].</p>
<p>Eduard von Keyserling: <i>Am Südhang. Erzählung.</i> Mit einem Nachwort von Richard Brinkmann. Stuttgart: Reclam <b>1963</b>.</p>
<p>Eduard von Keyserling: <i>Am Südhang. Erzählung.</i> Coesfeld: Elsinor <b>2006</b>.</p>
<p>(Einführung ins 100-Seiten-Projekt <b><a href="/2011/04/11/100-seiten-projekt/">hier</a></b>. Übersicht über alle Bände <b><a href="/100-seiten/">hier</a></b>.)</small></div>
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		<title>Noch mal »Thanatos«, Seite 311</title>
		<link>http://www.umblaetterer.de/2011/11/06/noch-mal-thanatos-seite-311/</link>
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		<pubDate>Sun, 06 Nov 2011 07:35:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Paco</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Weltwoche]]></category>

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		<description><![CDATA[Alban Nikolai Herbst liest gerade extensiv Helmut Krausser, zur Vorbereitung auf sein Krausser-Hörstück, das am 1. Dezember vom WDR 3 gesendet werden wird. Am Mittwoch hat er den herrlichen Großroman »Thanatos« beendet und einen Tag davor, am 1. November 2011, hat er gegen 17:36 Uhr die magische Seite 311 passiert (in der Luchterhand-Originalausgabe), von der hier schon [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><b>Alban Nikolai Herbst</b> liest gerade extensiv <b>Helmut Krausser</b>, zur Vorbereitung auf sein Krausser-Hörstück, das am 1. Dezember vom WDR 3 <a href="http://www.wdr3.de/open-wortlaut/details/artikel/das-ungebaendigte-leben-oder-der-wilde-romancier.html">gesendet werden wird</a>. Am Mittwoch hat er den herrlichen Großroman »Thanatos« beendet und einen Tag davor, am 1. November 2011, hat er gegen 17:36 Uhr die magische Seite 311 passiert (in der Luchterhand-Originalausgabe), von der <b><a href="/2009/07/03/thanatos-seite-311/">hier</a></b> schon mal die Rede war. In ANHs Lektürebericht <a href="http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/49600376/">heißt es</a> (<i>Achtung, Spoiler!</i>):</p>
<blockquote><p><small><u><b>17.36 Uhr:</b></u><br />
Jetzt, tatsächlich ist Fahrt in den Roman gekommen, <span STYLE="font-variant:small-caps;">der Umblätterer</span> hatte recht; allerdings schon ein wenig vor der Seite 311. Jetzt läßt sich auch der Typ aushalten, weil er endlich etwas tut, auch wenn&#8217;s ein Mord ist. Interessanterweise spiegelt die Sprache genau das wieder, wird enorm flüssig, ja leuchtet, fast fiebrig mitunter. Also jetzt ist das toll. Ich merk&#8217;s daran, daß ich nicht dauernd nach anderem schaue, das zu tun wäre &#8230;</small></p></blockquote>
<p>»Der Typ« meint die Hauptfigur, den sehr überambitionierten Germa&shy;nisten Konrad Johanser (<a href="http://bit.ly/l8mXtG">»Alles Wackenroder, oder was?«</a>). – ANH hat das Buch jetzt übrigens zum zweiten Mal gelesen, beim ersten Mal, im Frühjahr 1996, hat er es für die »Weltwoche« <a href="http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/49600376/#49600706">rezensiert</a>: »Anders als zehn Elftel aller gegenwärtigen Literatur wittert Kraussers ›Thanatos‹ dauerhaft nach.«</p>
<p>Der 1. Dezember 2012 wird ein Donnerstag sein, und 23:05 Uhr ist doch <a href="http://www.wdr3.de/open-wortlaut/details/artikel/das-ungebaendigte-leben-oder-der-wilde-romancier.html">eine gute Zeit</a>.<br />
&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Interview zu F. C. Delius: »Wer schreibt denn jetzt über Terrorismus?«</title>
		<link>http://www.umblaetterer.de/2011/10/27/fc-delius/</link>
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		<pubDate>Thu, 27 Oct 2011 15:50:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marcuccio</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Die Welt]]></category>
		<category><![CDATA[F-Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[S-Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Literaturwissenschaftlerin Constanze Reichardt über den Büchnerpreis für Friedrich Christian Delius, die RAF als literarischen Stoff und den Käseigel in der deutschen Literatur Der Umblätterer: Erst mal Glückwunsch! Jahrelang musstest du auf Partys erklären, über welchen Schriftsteller du promovierst. Und jetzt ist es ein Büchnerpreisträger, am Samstag ist die Preisverleihung. Du hast kürzlich deine Dissertation über [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><center><b>Die Literaturwissenschaftlerin Constanze Reichardt über den Büchnerpreis für Friedrich Christian Delius, die RAF als literarischen Stoff und den Käseigel in der deutschen Literatur</b></center></p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Erst mal Glückwunsch! Jahrelang musstest du auf Partys erklären, über welchen Schriftsteller du promovierst. Und jetzt ist es ein Büchnerpreisträger, am Samstag ist <a href="http://www.deutscheakademie.de/preise_buechner.html">die Preisverleihung</a>. Du hast kürzlich deine <a href="#cr">Dissertation</a> über F. C. Delius eingereicht.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Constanze Reichardt</b></span>: Das hört sich ja fast so an, als hätte ich den Preis bekommen. Ich habe mich natürlich sehr darüber gefreut und fand es toll, dass sich die Jury für Delius entschieden hat.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Hast du das Medienecho bei der Bekanntgabe verfolgt?</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Positiv bewertet hat es eigentlich nur die <a href="http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article13379994/Der-neue-Buechner-Preistraeger-ist-ein-66er.html">»Welt«</a>. <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/buechner-preis-fuer-f-c-delius-kein-jubel-keine-buhrufe-1636861.html">FAZ</a> und <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/buechner-preis-fuer-fc-delius-guter-mann-falsche-wahl-1.1099087">»Süddeutsche«</a> waren sehr verhalten, so mit dem Tenor: Falscher Mann, total langweilig, warum denn jetzt der? Der große Rest hat einfach nur die Pressemitteilung abgeschrieben. Mehr war nicht.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Delius kommt in den Literaturgeschichten von Kritikern wie <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/23887.html">Volker Weidermann</a> oder <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/35854.html">Richard Kämmerlings</a> gar nicht vor. Hast du eine Erklärung?</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Ich glaube, Delius wird oft unterschätzt, gerade von Kritikern. Die Erklärung, die sie geben, lautet, überspitzt formuliert, dass Delius zwar ein guter Sprachhandwerker, aber ein mittelmäßiger Autor sei. Das heißt, man findet ihn nicht originell, nicht innovativ genug.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Und wie sieht das die Literaturwissenschaft? Es gibt ja nicht gerade viele Forscher, die sich mit F. C. Delius beschäftigt haben, oder?</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Es gibt viele verstreute Aufsätze, aber nur einen einzigen Aufsatzband. Zur Dokumentarliteratur gibt es einiges. Und zu jeder Erzählung, zu jedem Roman so ein, zwei, drei Aufsätze. Aber das war’s dann auch schon.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Dann bist du jetzt eine der wenigen Sachverstän&shy;digen der Stunde. Was hast du untersucht und herausgefunden?</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Ich habe mich mit dem Deutschen Herbst als politischem Mythos beschäftigt und Delius’ Terrorismus-Trilogie unter der Fragestellung untersucht, welche Aspekte politischer Mythen dort behandelt werden. Delius beschreibt in seinen Texten, welch enorme symbolische Bedeutung die Ereignisse im Herbst 1977 für das Selbstverständnis der Westdeutschen hatten.</p>
<p><center><big><b>Keine eindeutigen Antworten in Sachen RAF</b></big></center></p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Was bietet Delius’ Trilogie über den Deutschen Herbst, was Sachbücher von Stefan Aust und das Eichinger-Kino nicht bieten?</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: So einiges. Als literarischer Autor hat Delius ja viel mehr Möglichkeiten, wie er sich der RAF nähern kann. Vor allem erhebt Delius, anders als Aust, nicht den Anspruch des »So ist es gewesen«, sondern fragt vor allem nach dem »So könnte es gewesen sein«, ohne dabei allerdings eine Legendenbildung zu betreiben. Die eindeutige Interpretation der RAF-Geschichte, die im »Baader-Meinhof-Komplex« dargelegt wird, hinterfragt Delius in seinen Texten. Er legt den Schwerpunkt auf andere Aspekte, auf andere Figuren, und er setzt sich vor allem mit der Frage auseinander, warum immer alle eindeutige Antworten haben wollen, wenn es um die RAF geht.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Du hast den Deutschen Herbst zum Anlass genommen, dich mit der Bedeutung politischer Mythen für die modernen Demokratien zu beschäftigen. Wenn ich dich richtig verstehe, stellt Delius das kollektive Gedächtnis, die öffentliche Sichtweise zum Beispiel auf Mogadischu in Frage. Kannst du das an einem Beispiel erläutern?</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Die Befreiung der Geiseln in Mogadischu durch die GSG 9 wurde als Sieg der Demokratie über den Terrorismus gedeutet. Die vorherrschende Meinung war, dass man die Feinde der Demokratie, also die RAF, mit demokratischen Mitteln besiegt hätte. Das war ein Einschnitt. Das Ende der Nachkriegszeit. Die öffentliche Sichtweise auf die Ereignisse in Mogadischu ist die Sichtweise der Regierung und der Medien, nicht aber die Sichtweise der Opfer. Die kommen nur am Rande vor, zum einen, wenn man sie, wie den getöteten Flugzeugkapitän Schumann, als Opfer für die Demokratie deuten, also zum Märtyrer machen kann. Und zum anderen, wenn man ihr Schicksal in den Medien ausschlachten kann.</p>
<p>In Delius’ Roman steht dagegen zum ersten Mal die Perspektive des Opfers im Vordergrund. Die Hauptfigur beschreibt in allen Einzelheiten, was ihr während der fünf Tage, in denen sie den Geiselnehmern ausgeliefert ist, passiert. Für sie haben die Ereignisse natürlich keinerlei symbolische Bedeutung, sondern es geht allein darum, die Entführung zu überleben. Das ist eine Perspektive, die im öffentlichen RAF-Diskurs bis heute immer viel zu kurz gekommen ist. Denn der ist von der Sichtweise der Regierung, aber auch der der Täter geprägt.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Warum ist <a href="http://www.fcdelius.de/buecher/held_sicher.html">»Ein Held der inneren Sicherheit«</a> (1981) ein Roman über das Herstellen von politischen Mythen – »Myth&shy;making«, wie du es mit einem Begriff von Christopher Flood nennst?</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: In »Ein Held der inneren Sicherheit« geht es unter anderem darum, wie sich ein Vertreter der nationalsozialistischen Wirtschafts&shy;elite in der Bundesrepublik zurechtfindet, wie er seine Karriere möglichst reibungslos fortsetzen kann. Das tut er, indem er eine strategische Position in einem Wirtschaftsverband einnimmt und dann diesen Verband zu einer Institution macht, die großen Einfluss auf die Deutung der Vergangenheit hat. Zunächst geht es darum, den eigenen Anteil am Funktionieren des NS-Systems zu vertuschen. Sehr bald wird daraus allerdings eine umfassende Umdeutung der Vergangenheit.</p>
<p>Im Roman wird beschrieben, wie die Bundesrepublik nach dem Krieg ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnt. Der Text legt den Schwerpunkt auf die wirtschaftliche Entwicklung. Der schnelle Wiederaufbau, den die Westdeutschen aus eigener Kraft geschafft haben, gefolgt vom Wirtschaftswunder. Darauf sind die Romanfiguren stolz und ignorieren dabei alles, was davor war. Es gibt in dem Text keine Auseinander&shy;setzung mit der Vergangenheit. Im Roman liegt der Schwerpunkt auf der Beschreibung dieses Prozesses: wie diese Sichtweise zu einer allgemein gültigen gemacht wird, also wie ein politischer Mythos konstruiert wird.</p>
<p><center><big><b>Der Dokumentarist als Schriftsteller</b></big></center></p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Irgendwie ist das ein Werk voller zeitgeschichtlicher Stoffe: Vom »Wunder von Bern« (in <a href="http://www.fcdelius.de/buecher/sonntag.html">»Der Sonntag, an dem ich Welt&shy;meister wurde«</a>, 1994) über die Studentenbewegung (<a href="http://www.fcdelius.de/buecher/amerikahaus.html">»Amerikahaus und der Tanz um die Frauen«</a>, 1997) und den Terrorismus (Roman&shy;trilogie <a href="http://www.fcdelius.de/buecher/deutscher_herbst.html">»Deutscher Herbst«</a>, 1981–1992) bis hin zu DDR-Flüchtlingen (<a href="http://www.fcdelius.de/buecher/spaziergang.html">»Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus«</a>, 1995) und Wieder&shy;vereinigung (<a href="http://www.fcdelius.de/buecher/birnen_ribbeck.html">»Die Birnen von Ribbeck«</a>, 1991). Versteht sich Delius als literarische Bundeszentrale für politische Bildung?</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Nein, eher im Gegenteil. Delius beleuchtet diese Stoffe immer von ganz anderen Seiten als öffentliche Diskurse dies tun. Seine Texte hinterfragen oder ergänzen diese. Die Figuren zweifeln allgemein anerkannte Sichtweisen oft an, oder ihre Geschichte macht Probleme sichtbar, zeigt Konflikte und Widersprüche auf. Zum Beispiel in der Erzählung »Die Birnen von Ribbeck«: Kurz nach der Wende erschienen, wird darin unter anderem die Einheitseuphorie kritisiert.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Hat das Label, ein politischer Autor zu sein, FCDs germanistischer Anerkennung geschadet?</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Das Label wurde ihm ja von der Literaturkritik angeheftet und zeichnet ein sehr einseitiges Bild von Delius’ Werk, das die Literaturwissenschaft nicht teilt. Wenn auch die Sekundärliteratur zu Delius nicht sehr umfangreich ist, so ist sie doch auf jeden Fall differenziert und hält sich nicht mit Labeln auf. Außerdem verstehe ich nicht ganz, was an der Bezeichnung politischer Autor schädigend sein soll.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Na ja, Norbert Niemann und Eberhard Rathgeb schreiben in ihrer <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/15539.html">»Inventur«</a> (2003), dass Delius den »Tod der Literatur« wörtlich genommen habe. Sie lenken den Blick auf seine genuine Form der »Dokumentarsatire, die Fiktion und Fakten vermischt«. Tatsächlich hat er ja CDU-Parteitagsprotokolle oder Siemens-Festschriften parodiert – was ihm auch Prozesse um die Kunstfreiheit eingebracht hat. Wie schätzt du diesen Teil von Delius’ Werk heute ein?</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Die Texte waren damals eine innovative Weiterentwicklung der Dokumentarliteratur, und einige der Methoden, die Delius da entwickelt hat, hat er später auch in seinen Romanen verwendet. Aber ich denke auch, dass heute niemand mehr solche Texte schreiben würde. Übrigens, das mit dem Tod der Literatur, da würde ich das Gegenteil behaupten. Die Auseinandersetzung mit dokumentarischem Material hat Delius ja erst zur Literatur hingeführt. Sein erster Roman »Ein Held der inneren Sicherheit« war eine Abgrenzung von der vorgeformten Sprache der Dokumente und eine bewusste Hinwendung zur eigenen, literarischen Sprache.</p>
<p><center><big><b>Das Handbuch zur FAZ-Sprache</b></big></center></p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Sprachbetrachtungen scheinen ihm überhaupt sehr wichtig zu sein. Er hat ja mal eine Schrift herausgebracht, die sich mit der Sprache der FAZ beschäftigt: »Konservativ in 30 Tagen. Ein Hand- und Wörterbuch Frankfurter Allgemeinplätze« (1988). Ich fand das neulich ganz witzig, als mit <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buergerliche-werte-ich-beginne-zu-glauben-dass-die-linke-recht-hat-11106162.html">Frank Schirrmacher</a> und <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/debatte-adieu-kameraden-ich-bin-gutmensch-11481906.html">Lorenz Jäger</a> gleich zwei namhafte Stimmen der FAZ erklärt haben, nicht mehr konservativ zu sein. Klang wie Delius im Rückwärtsgang, und war noch nicht mal ironisch gemeint.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Ja. Gerade aus dieser Schrift kann man sehr gut ableiten, wie Delius arbeitet. Das Sprachkritische ist bei ihm extrem wichtig, von Anfang an kann man in seinem Werk beobachten, wie er sich mit ideologischer Sprache auseinandersetzt. Politische Sprachen, Wirtschaftssprachen, Fachsprachen, die er kritisiert und wo er fragt: Was sind eigentlich die Verkürzungen, die solche Sprachen mit sich bringen? »Konservativ in 30 Tagen« ist so ein Ding. Und auch in seiner Terrorismus-Trilogie geht’s ganz oft um Sprachkritik. Wobei Delius die Sprache – auch in seinen Dokumentarsatiren – so verwendet und montiert, dass sie sich selbst entlarvt.</p>
<p><center><big><b>Alles wartete auf den Wenderoman &#8230;</b></big></center></p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Was denkst du über »Amerikahaus und der Tanz um die Frauen«? Es gilt vielen ja als <i>das</i> Buch über West-Berlin. Die FAS hatte es vor Jahren auf einer Liste mit den zehn prototypischen Berlin-Romanen der Gegenwart, Michael Angele, heute Kulturchef beim »Freitag«, nannte das Buch auf den »Berliner Seiten« der FAZ eine »herrliche Hommage« an das Studentenmilieu, das 1966 erstmals gegen den Vietnamkrieg politisiert.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Ich fand es eigentlich auch ziemlich cool. Und es beschreibt bestimmt sehr gut die Stimmung in West-Berlin Mitte der 60er-Jahre. Vor allem hat es auch biografische Züge. Ein gelungenes Buch, das die Zeit vor 1968 einfängt. Interessant eben, dass und wie Delius bei den Anfängen ansetzt.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Der damalige FAZ-Literaturchef Thomas Steinfeld fand »Amerikahaus« 1997 gar nicht authentisch. Er warf Delius sogar »Verrat an seiner Generation« vor, weil er erst aus der Rückschau, mit 30 Jahren Abstand, über diese Zeit schreibt.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Total daneben. Dann soll er sich mal Sachen von <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/6103.html">Gerd Koenen</a> ankucken. Oder von <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/28912.html">Götz Aly</a>. Das sind zwar alles keine literarischen Verarbeitungen. Aber das wäre der eigentliche Verrat an 1968. Das ist wieder so ein typischer Vorwurf der Kritik, die offenbar nicht damit umgehen kann, dass der Delius sich nicht nur dann mit zeitgeschichtlichen Themen beschäftigt, wenn ein entsprechendes Jubiläum ansteht. Sondern er macht das zu eigenwilligen Zeitpunkten, und das stört die Literaturkritik immer ungemein. Der dritte Terrorismusroman kam 1992 raus – und natürlich sagten sofort alle wieder: Wer schreibt denn <i>jetzt</i> einen Roman über den Terrorismus? Wir haben doch die Wende &#8230;</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Alles wartete auf den Wenderoman &#8230;</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: So wollte bei Erscheinen von <a href="http://www.fcdelius.de/buecher/himmelfahrt.html">»Himmelfahrt eines Staatsfeindes«</a> kurz nach der Wiedervereinigung kaum einer mehr was von Terrorismus hören. In den letzten Jahren sind viele lesenswerte Untersuchungen zur RAF erschienen, wenn man die liest, wird deutlich: Delius hat da viel vorweggenommen.</p>
<p>Er beschäftigt sich in seinen Texten fast immer mit wichtigen historischen Ereignissen der Bundesrepublik, tut dies aber oft zum scheinbar falschen Zeitpunkt. Die Sichtweisen, die in den Texten geboten werden, der andere Blick auf die Ereignisse, die neuen Erkenntnisse, die sie liefern, gehen oft unter.</p>
<p><center><big><b>Beinahe Popliteratur</b></big></center></p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Noch mal zu »Amerikahaus«. Könnte man diese wunderbare Coming-of-Age-Erzählung im Studentenmilieu nicht auch zur Popliteratur zählen? Sie steckt doch voller Song- und Filmtitel, zitiert Werbeslogans und Zeitungsschlagzeilen, speichert also viel Alltags- und Zeitgeschichte und leistet so lustvolle Arbeit am Archiv, wie es <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/10511.html">Moritz Baßler</a> als konstitutiv für den deutschen Poproman definiert hat. Insofern verwunderlich, dass dieses 1997 erschienene Buch nie als Popliteratur thematisiert worden ist.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Interessanter Gedanke. Zitate waren schon immer ein wichtiger Bestandteil von Delius’ Werk, allerdings setzt er sie ganz anders ein, als die sogenannten Popliteraten der 90er-Jahre das tun. In der Popliteratur geht es, wenn ich mich richtig erinnere, vor allem um das Sammeln und Auflisten von Bestandteilen der Gegenwartskultur. Das Einstreuen von Song- oder Filmtiteln oder auch von Markennamen dient ja der Verortung der Autorinnen und Autoren, aber auch der Leserinnen und Leser in dieser Gegenwartskultur. Die Auflistung von Bandnamen, zum Beispiel in »Soloalbum« von Stuckrad-Barre, dient ja dazu, bei den Leserinnnen und Lesern ein bestimmtes Lebensgefühl aufzurufen. Wenn die diese Anspielungen nicht verstehen, funktioniert das nicht.</p>
<p>In »Amerikahaus« ist genau das Gegenteil der Fall. Die Hauptfigur, der Student Martin, gibt immer wieder zu, dass er nicht mitreden kann, wenn sich seine Freunde über aktuelle Filme unterhalten. Hier geht es nicht um die »lustvolle Arbeit am Archiv«, sondern eher um eine Kritik an dessen Subjektivität. Und während die Popliteratur vom selbstverständlichen Leben in einer Konsumwelt erzählt, beschreibt »Amerikahaus« diese Konsumwelt als irritierend und störend, als Ablenkung vom »Nachkrieg« (S. 55), in dem sich die Hauptfigur nach eigener Aussage 1966 noch immer befindet, während die meisten Berliner mit Winterschlussverkauf oder der Grünen Woche beschäftigt sind.</p>
<p><center><big><b>Der Käseigel in der deutschen Literatur</b></big></center></p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Apropos Grüne Woche. Du betreibst neben deinen Delius-Studien auch einen <a href="http://seitanismymotor.com/">Veganer-Blog</a>. Spielt Essen im Werk von FCD irgendeine besondere Rolle?</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: Da habe ich noch nie drüber nachgedacht.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Mir ist kurioserweise ein Detail aus »Amerikahaus« in Erinnerung: Der <a href="http://christophkoch.files.wordpress.com/2009/03/kaseigel.jpg">Käseigel</a>! So wie Stuckrad-Barre die <a href="/2010/03/07/faserland-allergie/">Crunchips</a> der 1990er ins literarische Gedächtnis eingespeist hat, so hat FCD den Käseigel unserer Omis und Tanten archiviert: dieses wunderbare kulinarische Dingsymbol der 1960er. Einerseits noch ganz Zeichen für den Überfluss der Fresswelle: Man isst jetzt Käse ohne Brot! Andererseits aber auch schon ein Vorbote der Verfeinerung (S. 103): »die neue Art Käse zu essen – Käse aus Holland: Das muß man gesehen haben, feine Holzstäbchen in Käsewürfel gespießt, die man einfach zum Munde führt, ohne Brot!« Yesss! Und dann gibt es doch auch diese Delius-Denkschrift »Einige Argumente zur Verteidigung der Gemüseesser« (1984). War er ein früher Vegetarismus-Apologet?</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Reichardt</b></span>: In den beiden von dir genannten Beispielen stehen Lebensmittel, steht Essen vor allem für die Konsum- und Überflussgesellschaft. In »Amerikahaus« wird das Treiben auf der Grünen Woche beschrieben, auf der nach Jahren der Entbehrung, des Hungers, nun endlich wieder geschlemmt werden darf. Und in »Verteidigung der Gemüseesser« geht es ja um den Zusammenhang von Hunger und Wohlstand, um die Industrieländer, die auf Kosten der sogenannten Dritten Welt leben. Dieser kritische Blick auf Lebensmittel wird auf jeden Fall von vielen Veganerinnen und Veganern geteilt.</p>
<p><span STYLE="font-variant:small-caps;"><b>Der Umblätterer</b></span>: Ein Satz wie für die taz. Vielen Dank für das Gespräch. Und alles Gute für die Verteidigung deiner Delius-Diss.!<br />
&nbsp;</p>
<p><a name="cr"></a>
<div style="background-color:#FFFACD;border:1px solid; padding:8px;"><small><b>Constanze Reichardt</b> hat in Leipzig, Oslo und Göttingen Germanistik, Anglistik und Politikwissenschaft studiert. An der FU Berlin hat sie vor wenigen Wochen ihre Doktorarbeit zur Begutachtung eingereicht. Sie untersucht darin, welche Rolle politische Mythen in den Romanen »Ein Held der inneren Sicherheit«, »Mogadischu Fensterplatz« und »Himmelfahrt eines Staatsfeindes« spielen. Betreut wurde die Arbeit von <a href="http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we04/Mitarbeiter/vdluehe/index.html">Prof. Irmela von der Lühe</a>.</small></div>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>100-Seiten-Bücher – Teil 18 Ferdinand von Saar: »Leutnant Burda« (1887)</title>
		<link>http://www.umblaetterer.de/2011/10/25/ferdinand-von-saar-leutnant-burda/</link>
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		<pubDate>Tue, 25 Oct 2011 05:33:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Paco</dc:creator>
				<category><![CDATA[100 Seiten]]></category>
		<category><![CDATA[Buchbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[»Leutnant Burda« ist ein absolutes Spitzenwerk der Weltliteratur. Auf knapp hundert Seiten wird hier die Entwicklung einer sehr speziellen fixen Idee geschildert. Die Hauptfigur, der Leutnant Joseph Burda, ist sicher einer der tragischsten Semiotiker, die sich denken lassen. Er missinterpretiert ein paar vermeintliche Zeichen und gelangt so zu der Überzeugung, dass sich die Prinzessin Fanny [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>»Leutnant Burda« ist ein absolutes Spitzenwerk der Weltliteratur. Auf knapp hundert Seiten wird hier die Entwicklung einer sehr speziellen fixen Idee geschildert. Die Hauptfigur, der Leutnant Joseph Burda, ist sicher einer der tragischsten Semiotiker, die sich denken lassen. Er missinterpretiert ein paar vermeintliche Zeichen und gelangt so zu der Überzeugung, dass sich die Prinzessin Fanny in ihn verliebt hat und nun beständig seine Nähe sucht. Die junge Dame befindet sich natürlich himmelschreiend weit außerhalb von Burdas Möglichkeiten, sie ist eine der Töchter des Fürsten L., der zum Hofstaat gehört.</p>
<p>Allerdings scheint in den zufälligen Gesten der Prinzessin ab und zu auch aus Sicht des Erzählers »ein Schein der Absichtlichkeit« zu liegen. Dieser Burda-Logik kann man sich anfangs auch nicht entziehen. Das ist ganz große Erzähl- und Spannungskunst, wie man hier während der Lektüre gezwungen wird, Wahrscheinlichkeiten auszuloten und absurde Schlussfolgerungen für vielleicht doch möglich zu halten. In der Summe führen diese Fehldeutungen bei Burda dann aber zu einem sich nur noch selbst bestätigenden Wahn, der ihm durch kein gutes Zureden mehr auszutreiben ist.</p>
<p>Er wird zwischenzeitlich zum Stalker, sodass ein fürstlicher Adjutant den Erzähler bitten muss, Burda zur Räson zu bringen, um Peinlicheres zu verhindern. Er ist dann zwar auch vorsichtiger, vermutet im Hintergrund aber eine Intrige, auf dass die Prinzessin gegen ihren Willen von ihm ferngehalten werde. Der Erzähler, ein Offizierskollege, führt uns mit ein paar Schauplatzwechseln (Brünn, Wien, eine ungenannte Ortschaft in Böhmen, Prag) in neun ungefähr gleichlangen Kapiteln bis zum Showdown auf dem Hradschin (<i>»Il l&#8217;a voulu.«</i>). Dabei wird vor allem das Wien der 1850er Jahre (vor dem Bau der Ringstraße) ganz nebenbei noch mal ein bisschen mit abgefeiert.</p>
<div style="background-color:#FFFACD;border:1px solid;padding:8px;"><small>Länge des Buches: ca. <b>126.000 Zeichen</b>. – Ausgaben:</p>
<p>Ferdinand von Saar: <i>Leutnant Burda. Novelle.</i> Leipzig: Hesse &#038; Becker (ca.) <b>1915</b>.</p>
<p>Ferdinand von Saar: <i>Leutnant Burda. Novelle.</i> Wien; Leipzig: Luser <b>1939</b>.</p>
<p>Ferdinand von Saar: <i>Leutnant Burda.</i> Kritisch hrsg. und gedeutet von Veronika Kribs. Tübingen: Niemeyer <b>1996</b>. S. 3–49. (= <b>47 Textseiten</b>)</p>
<p>Ferdinand von Saar: <i>Leutnant Burda.</i> Göttingen: Steidl <b>1998</b>. S. 3–95. (= <b>93 Textseiten</b>)</p>
<p>(Einführung ins 100-Seiten-Projekt <b><a href="/2011/04/11/100-seiten-projekt/">hier</a></b>. Übersicht über alle Bände <b><a href="/100-seiten/">hier</a></b>.)</small></div>
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		</item>
		<item>
		<title>100-Seiten-Bücher – Teil 17 Adolph Müllner: »Der Kaliber« (1828)</title>
		<link>http://www.umblaetterer.de/2011/10/19/muellner-der-kaliber/</link>
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		<pubDate>Wed, 19 Oct 2011 11:52:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Paco</dc:creator>
				<category><![CDATA[100 Seiten]]></category>
		<category><![CDATA[Buchbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Spätherbstliche Witterung, Abenddämmerung, die ersten Schnee&#173;flocken. Herr von L. sitzt noch an seinem Arbeitstisch. Da sucht ihn der Reisende Ferdinand Albus auf und berichtet vom Mord an seinem Bruder Heinrich, geschehen soeben im finsteren Scheidewald, der sowieso von Räubern heimgesucht wird und dem Herrn von L. ein Dorn im Auge ist. Der Beamte ist also [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Spätherbstliche Witterung, Abenddämmerung, die ersten Schnee&shy;flocken. Herr von L. sitzt noch an seinem Arbeitstisch. Da sucht ihn der Reisende Ferdinand Albus auf und berichtet vom Mord an seinem Bruder Heinrich, geschehen soeben im finsteren Scheidewald, der sowieso von Räubern heimgesucht wird und dem Herrn von L. ein Dorn im Auge ist.</p>
<p>Der Beamte ist also fast glücklich über den Mord, denn nun hat er endlich eine Handhabe, nun muss trotz »permanenter Exerzierzeit« endlich das Militär ausrücken und die Räuber einsammeln. Darum geht es im Verlauf der Geschichte aber gar nicht so sehr, sondern um den Fall Albus, der dann noch mehrere überraschende Wendungen nimmt.</p>
<p>Der Hundertseiter ist in 24 Kurzkapitel aufgeteilt, die Lektüre verschnellert sich auf diese Weise noch mal, trotz der behutsamen spätromantischen Diktion mit Sätzen wie diesen:</p>
<blockquote><p><small>»Ich legte in meinem Zimmer einige Actenhefte zurecht, die in meiner Abwesenheit gebraucht werden konnten, und meine Schwester kramte in meinen Commodenfächern, um die einzelnen Stücke meiner selten gebrauchten Ballkleidung zusammen zu suchen. Die Tritte des Pferdes vor der Hausthür zogen sie ans Fenster.« (11. Kapitel)</small></p></blockquote>
<p>Damit leitet sich genau in der Mitte der Novelle eine erste fundamen&shy;tale Wendung ein. Der Kriminalbeamte Herr von L. ist als Erzähler übrigens ein (allerdings ungenialer) Vorläufer der späteren Meister&shy;detektive von Edgar Allan Poe, Arthur Conan Doyle und Agatha Christie. Damit war Müllner seiner Zeit also ein bisschen voraus.</p>
<div style="background-color:#FFFACD;border:1px solid;padding:8px;"><small>Länge des Buches: <b>&#62; 115.000 Zeichen</b> (genaue Angabe folgt). – Ausgaben:</p>
<p>Adolph Müllner: <i>Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten.</i> Leipzig: Focke <b>1829</b>.</p>
<p>Adolph Müllner: <i>Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten.</i> Leipzig: Reclam (ca.) <b>1868</b>.</p>
<p>Adolf Müllner: <i>Der Kaliber. Aus den Papieren eines Kriminalbeamten.</i> Lahr: Schauenburg (ca.) <b>1908</b>. S. 1–83. (= <b>83 Textseiten</b>) (<a href="http://www.alte-krimis.de/autoren_muellner.htm"><b>online</b></a>)</p>
<p>Adolph Müllner: <i>Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten.</i> Waging am See: Liliom Verlag <b>2002</b>. S. 3–106. (= <b>104 Textseiten</b>)</p>
<p>(Einführung ins 100-Seiten-Projekt <b><a href="/2011/04/11/100-seiten-projekt/">hier</a></b>. Übersicht über alle Bände <b><a href="/100-seiten/">hier</a></b>.)</small></div>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>100-Seiten-Bücher – Teil 16 Georges Rodenbach: »Das tote Brügge« (1892)</title>
		<link>http://www.umblaetterer.de/2011/10/01/georges-rodenbach-das-tote-bruegge/</link>
		<comments>http://www.umblaetterer.de/2011/10/01/georges-rodenbach-das-tote-bruegge/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 01 Oct 2011 07:35:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Luisa</dc:creator>
				<category><![CDATA[100 Seiten]]></category>
		<category><![CDATA[Buchbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Brügge ist so ziemlich die lebendigste Stadt Belgiens, wenn man Lebendigkeit nach Körperdichte pro Straßenkilometer definiert. Das ganze Jahr über wird es von Touristen berannt, sein Charme gleicht inzwischen dem von Venedig. Melancholie verbreitet höchstens das Wetter. Das Buch weiß es anders: »Bruges-la-Morte« lautet der Originaltitel, Korngolds darauf basierende Oper heißt »Die tote Stadt«. Ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Brügge ist so ziemlich die lebendigste Stadt Belgiens, wenn man Lebendigkeit nach Körperdichte pro Straßenkilometer definiert. Das ganze Jahr über wird es von Touristen berannt, sein Charme gleicht inzwischen dem von Venedig. Melancholie verbreitet höchstens das Wetter.</p>
<p>Das Buch weiß es anders: »Bruges-la-Morte« lautet der Originaltitel, Korngolds darauf basierende Oper heißt »Die tote Stadt«. Ein noch junger Witwer namens Hugues zieht aus Paris nach Brügge, weil dessen menschenleere Plätze die passende Kulisse für seine Trauerarbeit darstellen. Flandrischer Nebel, Dämmerung über den Kanälen, dazu eine Wiedergängerin der Toten, die den schlaffen Hugues zu ruinieren droht: Lautlos und andantissime schleicht die Geschichte ihrem melodramatischen Ende entgegen. Vielleicht weil Rodenbach spürte, wie dünn sie ist, bekräftigte er sie mit Fotografien der Stadt, die immer noch reizvoll sind.</p>
<p><a href="/2008/09/02/in-bruegge/">»Brügge sehen … und sterben?«</a> hieß vor ein paar Jahren ein Film, der mit dem Buch nur über ein paar Ecken verwandt ist, aber alles besser macht. Witwer Hugues nervt, während die Gangster Ray und Ken, jeder auf seine Weise, das Herz gewinnen. Spannung, Blutausstoß und Handlungskomplexität erreichen ebenfalls eine solide Höhe. Was zum Schluss im Belfried und auf dem Marktplatz geschieht, ist natürlich ein bisschen ekelhaft. Doch den Weg dahin bebildert die Kamera mit allerschönsten Ansichten der Giebelhäuser und engen Gassen, die eine so morbide Atmosphäre erzeugen wie sie Rodenbach wohl anstrebte: »Erdrosselt sank sie zu Boden.« Das Buch war ein Erfolg.</p>
<div style="background-color:#FFFACD;border:1px solid;padding:8px;"><small>Länge des Buches: ca. <b>141.000 Zeichen</b> (frz. <b>123.000</b>). – Ausgaben:</p>
<p>Georges Rodenbach: <i>Das tote Brügge.</i> [Übertr. von Oppeln-Bronikowski.] Leipzig: Kurt Wolff Verlag <b>1918</b>.</p>
<p>Georges Rodenbach: <i>Das tote Brügge.</i> Einzig autoris. Übers. aus d. Franz. von Friedrich von Oppeln-Bronikowski. Mit e. Nachw. von Günter Metken. Stuttgart: Reclam <b>1966</b>.</p>
<p>Georges Rodenbach: <i>Brügge – tote Stadt.</i> Aus dem Franz. von Dirk Hemjeoltmanns. Nachw. von Rainer Moritz. Bremen: Manholt <b>2003</b>.</p>
<p>Georges Rodenbach: <i>Brügge – die Tote.</i> Übertragen von Reihard Kiefer in Zusammenarbeit mit Ulrich Prill und einem Nachw. von Bernhard Albers. Aachen: Rimbaud <b>2005</b>.</p>
<p>(Einführung ins 100-Seiten-Projekt <b><a href="/2011/04/11/100-seiten-projekt/">hier</a></b>. Übersicht über alle Bände <b><a href="/100-seiten/">hier</a></b>.)</small></div>
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