Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


100-Seiten-Bücher – Teil 112
Italo Svevo: »Der alte Herr und das schöne Mädchen« (1926)

Berlin, 10. November 2014, 13:52 | von Cetrois

Auf der Fahrt von Berlin nach Hannover saß mir der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestags gegenüber. Er hatte sich offenbar einiges vorgenommen: Zuerst arbeitete er einen beträchtlichen Aktenstapel durch und dann die »Zeit«, Politikteil und Dossier. Ich bin nicht sicher, ob er auch mit meiner Lektüre einverstanden war. Hin und wieder ein kritischer Blick. Ich versuchte meine Hand so auf dem Buchdeckel zu positionieren, dass sie den Namen des Autors möglichst vollständig verbarg und am besten auch noch die handaufgeklebte Aktzeichnung, die natürlich einen alten Herrn und ein schönes Mädchen zeigt. Der rote Wagenbach-Einband als solcher konnte hingegen kaum der Grund für des ehemaligen Bundestags­präsidenten Missfallen sein, hatte mein Gegenüber doch bei der Feier zum vierzigsten Geburtstag des Wagenbach Verlags die Festrede gehalten. Die Feier fand am Wannsee, beim Literarischen Colloquium Berlin statt und war ein großer Erfolg. Einzig an der Bewirtung der vielen Gäste mangelte es offenbar – Jörg Magenau schrieb damals (2004) in der FAZ, dass es bei den Sommerfesten des LCB schon immer schwierig gewesen sei, auch nur »eine Wurst zu ergattern«. Ganz anders der alte Herr in Svevos Erzählung, der seiner Besucherin die köstlichsten Delikatessen offerieren kann, trotz oder vielmehr wegen des in der Ferne grollenden Weltkriegs und der allgemeinen Verarmung ringsum. Immerhin, Christian Kracht berichtete im Interview einmal von einer »Schale mit Erdnusslocken«, die das LCB den Autoren nach ihrer Lesung hinstellt: »eine einzige Schale«!

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Italo Svevo: Der alte Herr und das schöne Mädchen. Übers. von Barbara Kleiner. Berlin: Wagenbach 1998.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Ist »Der Circle« von Dave Eggers ein gutes Buch?

Bonn, 5. November 2014, 13:12 | von Katana

Es gab in der »Zeit« mal wieder viel zu lachen, als Ijoma Mangold sich witzigerweise fragte, ob »Der Circle« ein gutes Buch sei. Da war sicherlich einiges los in den Redaktionsräumen und man rieb sich sicherlich auch vor Freude die Hände, dass diese grandiose und so grundsätzliche Frage mal wieder existenziell gestellt werden konnte, denn im Feuilleton stellt sie sich ja immer, wenn man über Romane spricht, aber selten so explizit wie hier. Was für ein Aufmacher!

Und dann natürlich auch dieser geniale Wechsel auf das Mediale, nicht das Formelle, denn ob »Der Circle« ein guter Roman ist, wen interessiert das denn schon, aber ein gutes Buch, das ist ja die Frage des materiellen Konterparts auf Datenträgerebene, das ist genau die Frage, die man an »Der Circle« stellen muss: Taugst du auch als Medium, wenn du über Medien schreibst? Und dann auch noch dieser Twist gleich im ersten Absatz, dass »Der Circle« letztlich »bilderbuchmäßig die klassischen Kriterien« erfülle, denn das Bildliche ist doch in einem Buch ohne Bilder eine mediale Kategorie, die sich so konkret selten an manch andere Bücher stellt.

Schade nur, dass Mangold dann doch so tut, als ginge es darum, ob »Der Circle« ein schlechter Roman ist, denn das Medium interessiert es eigentlich nicht, ob die Figuren platt sind oder das Weltbild manichäisch, nicht mal ein Bilderbuch würde das interessieren, denn das sind absolut keine bilderbuchmäßigen Kriterien. Es ist auch total egal, ob in dem Buch literarische oder intellektuelle Ansprüche genug erfüllt sind, das sind dann doch irgendwie Fragen, die, wie bestimmte Leute immer sagen, ziemlich »inhaltistisch« sind (tolles Wort, btw!).

Also müssen wir uns jetzt selbst die Frage beantworten, ob »Der Circle« ein gutes Buch ist. Ich selber würde sagen: Kommt drauf an. Denn erst mal ist natürlich wichtig, welche Ausgabe man hat. Ich selbst besitze die britische Ausgabe als Taschenbuch von Penguin aus dem Jahr 2014 und muss mich im Folgenden auch auf diese beziehen.

Zunächst ist das Buch sehr handlich, es macht dem Namen Taschenbuch ganz bilderbuchmäßig alle Ehre, denn es passt trotz seiner ca. 500 Seiten ziemlich gut in jede Tasche. Absoluter Pluspunkt. Das Cover ist das bekannte Motiv des Circle, silbern schimmernd aufgedruckt und haptisch abgehoben, genau wie der Buchtitel, dieser in Schwarz auf einem leuchtenden Rot. Gleiches gilt auch für den Buchrücken, den man dann doch im Regal auch eher sieht, sollte man keine Ausstellungsvitrine besitzen, was ich allerdings jedem empfehlen kann.

Der Buchdeckel fühlt sich etwas gummiartig an, was, ganz inhaltistisch, vielleicht ein Augenzwinkern in Richtung Silicon Valley ist. Manko hier: Bei zu viel Transport (ich bin mit dem Buch viel gereist) löst sich die gummiartige Beschichtung leicht ab. Da wäre mehr drin gewesen, gerade für ein Taschenbuch, das zum Transport uneingeschränkt geeignet sein sollte. »Der Circle« fasst sich also auch gut an und man schaut auch gerne länger auf diese tanzenden Farben und Formen. In dieser Hinsicht für meine Begriffe sogar eines der besten Bücher der letzten Jahre. Einziges Minus ist das doch eher dem Colourblocking verschriebene Penguin-Logo in Orange, das nicht so recht zur restlichen Farbgebung passen will.

Schlägt man das Buch auf, merkt man, dass es sich um einen guten Taschenbuchstandard handelt. Die Seiten sind etwas rau und die Tinte verwischt nicht, wie bei vielen amerikanischen Taschenbüchern, wenn man zu lange den Daumen an einer bestimmten Textstelle lässt. Das macht das Buch auch auf die Dauer für die Zukunft relevant, denn auch nachfolgende Generationen werden keine Probleme haben, den Text zu entziffern, sofern sie einigermaßen Englisch können. Und keine Probleme mit den Augen haben. Denn die Schrift ist doch etwas sehr klein geraten, ca. 10pt, schätze ich. Auch hier wäre sicherlich manches mehr drin gewesen, die gebundene Version ist beispielsweise größer gedruckt. Gerade in öffentlichen Transportmitteln ist die Bonsaischrift nicht gerade förderlich, denn hier muss in Bewegung gelesen werden, was das Einhaken in die Zeilen merklich erschwert. Punktabzug an dieser Stelle.

Das scheint den Setzern jedoch auch klar gewesen sein, denn ungewöhnlicherweise ist das Buch im Flattersatz gedruckt, was ich persönlich erst als unmöglich empfunden habe und was dazu führte, dass ich zunächst keine Lust hatte, es zu kaufen und zu lesen. Mich erinnert Flattersatz immer an diese abgerissenen Piratenflaggen und macht mich beim Draufkucken ganz nervös. Allerdings muss ich sagen, dass in der Praxis das Einhaken in die Zeilen dadurch leichter fällt und man beim Lesen selten abrutscht. Ich bin am Ende doch überzeugt, dass das, zumindest bei der gewählten Schriftgröße, doch die richtige Entscheidung war.

Das Buch selbst besteht aus drei Büchern in einem. Gerade das letzte Buch ist nur – mit Titelblatt – fünf Seiten lang, was gerade die Freunde des kurzen Buches sehr befriedigen wird. Man sollte allerdings, wieder auf der inhaltlichen Ebene, erst die anderen beiden Bücher lesen, um die Handlung von »Book III« (schön auch mit den römischen Zahlen, wobei dem Thema auch eine arabische Ziffer gut zu Gesicht gestanden hätte) nachvollziehen zu können. »Book III« hat allerdings auch die beste Handlung und das beste Ende. Kapiteleinteilungen gibt es sonst nicht, allerdings viele Absätze und einige mit Asterisken abgegrenzte Sinnabschnitte, das hält die ganze Sache übersichtlicher, als man meinen würde, und macht das Lesen auch an Tagen mit weniger Muße zu einer guten Option.

Was ich an gerade englischsprachigen Büchern schätze, ist auch die Dialogeinteilung in dramatische Absätze, wo jede Äußerung eine eigene Zeile bekommt. Das liest sich nicht nur wie ein Drehbuch (Film muss unbedingt her, am besten von Duncan Jones oder Sofia Coppola), sondern macht den Text optisch abwechslungsreich, denn gerade dialogue-heavy Texte wie dieser sehen immer eleganter aus als die geblockten Beschreibungsmonologriesen oft zentraleuropäischer Herkunft.

Unterm Strich lässt sich sagen, dass »Der Circle« ein großartiges Buch ist, das besser erscheint, als es auf den ersten Blick aussieht, sich übrigens auch in anderen Ausgaben uneingeschränkt genießen lässt (die deutsche bei KiWi ist auch wirklich toll geworden) und sich in jedem Bücherregal des 21. Jahrhunderts gut macht.
 


Strandlektüre 2014

Jena, 4. Oktober 2014, 22:00 | von Montúfar

Meine jährliche Strandlektüre (2012, 2013) konnte diesmal leider nicht stattinden. Als ich sie am Strand von Portimão aufschlug, begann es für immer zu regnen. Die Bilderflut der Abendnachrichten im portugie­sischen Staatsfernsehen bewies mir allerdings, dass ich mit einem nun durchgeweichten schlechten Buch gar nicht so schlecht weggekommen war.

Es blieb mir nichts weiter übrig, als meine Lektürehoffnungen auf die Zeitungsauslage beim Rückflug zu verlegen. Und tatsächlich war ich nicht der einzige, der enthusiastisch auf den Stand mit den Zeitungen zustürmte, der sich auf der Passagierbrücke wie immer unmittelbar vor der Eingangsluke zum Flugzeug befand. Einer von diesem unerwarteten Ansturm bedrängten Stewardess entfuhr deshalb auch ein leises: »Nicht zu fassen!« – und ein lautes: »Aber na ja, Sie hatten ja jetzt eine Woche lang keine Nachrichten.« »Zwei«, antwortete der Herr vor mir trocken, woraufhin die Stewardess verstummte und ich so überrascht war, dass ich es verpasste darauf zu achten, welches Blatt sich der so arg nachrichtenausgehungerte Reisende griff. Ich nahm die FAZ und hatte einen angenehmen Heimflug.

Im Feuilleton beklagte sich der Feuilletonchef, dass es in Deutschland keine satisfaktionsfähigen Autorinnen und Autoren gebe, die die jüngste (west)deutsche Vergangenheit literarisch bearbeiten könnten. Seiner Analyse ließ er einen Appell folgen, der deutlicher nicht sein könnte:

»Wir brauchen mutige Künstler, um für latent zunehmende tektonische Spannungen einen kontrollierten Auslöser anzubieten, einen Moment zu stiften, an dem sich manche zum Aufbruch entschließen, nachdem sie zu lange schon aus Müdigkeit abhängen.«

Den Satz musste ich jetzt aus dem Internet rausschreiben, denn auf meine Printausgabe war ein Teil der Füllung des Flugsnacks geronnen, eines »gefüllten Pizzaschiffchens mit Thai Chicken Füllung«. Ein paar Printseiten weiter – und damit auch jetzt noch deutlich lesbar – fanden sich Auszüge aus der Rede des Joachim Gauck zur Eröffnung des Historikertages in Göttingen. Er frage sich manchmal, ob bei der ganzen Beschäftigung mit Geschichte nicht ein wenig die Zukunft vergessen werde. Vielleicht liegt das ja tatsächlich an unserer gesamtgesellschaftlichen literarischen Neigung, jedenfalls steht bei Gauck: »Wir alle lieben (…) die Epen, in denen Helden ein schweres Schicksal erleiden, daran zu scheitern drohen, aber alle Widrigkeiten besiegen und auferstehen.«
 


50 berühmte Buchtitel

Berlin, 11. August 2014, 19:28 | von Josik

Neid (Ernst von Wildenbruch: 1900)
Neid (Jurij K. Oleša: 1960)
Neid (Hannah Villiger: 1985)
Neid (René Althammer: 1991)
Neid (Stephan Vogel: 1992)
Neid (Ina Wudtke: Erscheinen angekündigt)
Neid (Olivia Kleinknecht: 2001)
Neid (Birgit Sych: 2004)
Neid (Elfriede Jelinek: abgeschlossen 2008)
Neid (Joseph Epstein: 2010)
Neid (Birigt Harreß: 2010)
Neid (Rainer Paris: 2010)
Neid (Bob Sorge: 2010)
Neid (Sandra Brown: 2012)
Neid (Katharina Immekus: 2013)
Neid (Arne Dahl: 2014)

Gier (Alfred Golfar: 1920)
Gier (Fortuné Paillot: 1929)
Gier (Kurt Martin: 1930)
Gier (Hello Amboss: 1952)
Gier (François Ponthier: 1967)
Gier (Marcus van Heller: 1970)
Gier (Hasso Mager: 1983)
Gier (Jutta A. Kleber und Alexander Schuller: 1993)
Gier (Garry Disher: 1999)
Gier (Elfriede Jelinek: 2000)
Gier (Isabel Kreitz: 2003)
Gier (Sandra Brown: 2006)
Gier (Jason Zweig: 2007)
Gier (Marcel Feige: 2008)
Gier (Reiner und Heiko Martin: 2008)
Gier (Rainer Siegel: 2010)
Gier (Dieter Wedel: 2010)
Gier (Karl-Georg Schroll: 2011)
Gier (Heinz-Kurt E. Wahren: 2011)
Gier ! (Ulrich Behrens: 2012)
Gier (Arne Dahl: 2012)
Gier (Rudolf Brandstetter: 2013)
Gier (Martin Krist: 2013)

Lust (Elfriede Jelinek: 1989)
Lust (Everett Lewis: Erscheinen angekündigt)
Lust (Cosette: 2007)
Lust! (Uschi Niemann: 2008)
Lust (Cornelia Schleime und Ulf Meyer zu Küingdorf: 2008)
Lust (Isabelle Blare und Amir Valle: 2009)
Lust (Ludger Hünnekens: 2009)
Lust (Isabella Frey: 2014)

Zorn (Paul und Liz Griffin: 2008)
Zorn (Axl Klein und Roger Willemsen: 2013)
Zorn (Ricarda Junge: 2014)
 


Rainald Goetz zum Sechzigsten (nachträglich):
Die Sonderermittlersau

Auf dem Land, 1. Juli 2014, 17:03 | von Paco

30? Okay. 40? Okay. 50? Wooaaaw! Okay. Aber 60? Man wird doch nicht 60, Rainald Goetz wird doch nicht 60! Aber gut, »warum soll er nicht auch mal sechzig werden?«

Da ich schon mal zu einem anderen Betriebsjubiläum was geschrieben hatte, sollte ich auch diesmal einen Gratulationstext schreiben, aber dann lief Ende Mai gerade die Rhabarberernte auf Hochtouren und ich musste raus und mit helfen.

Jetzt gerade fiel mir das wieder ein und ich schaute mit einem bisschen find und grep -Hirn über den Archivdateien der letzten 20 Jahre einfach mal nach, was sich so alles anfand. Und am besten gefielen mir gleich die periodischen Backups, die ich damals 1998/99 mehr oder weniger täglich von »Abfall für alle« gewgettet hatte. Das Schöne daran war, dass man so nachverfolgen konnte, was Goetz nachträglich geändert hatte, und ich sah also mal ein paar DIFFs durch und das hier war gleich wieder super, Eintrag vom 19.11.98:

[URSPRÜNGLICHE VERSION]
1842. Auf CNN redet Starr, seinen Sonderermittlertext, die Selbstrechtfertigung eines Gerechten. Und auch der wird seine Hölle finden. IMPEACHMENT HEARINGS, live.

[ÜBERARBEITETE VERSION]
1842. Auf CNN redet Starr, die Sonderermittlersau. IMPEACHMENT HEARINGS, live.

Kenneth Starr, wer kennt ihn noch?, war der Ermittler in Sachen Lewinskyaffäre. Und Goetz verkürzt hier aufs Schönste seinen Gedanken. Im gedruckten »Abfall für alle«, sehe ich gerade, steht leider wieder die ursprüngliche Version, Seite 743. Keine Sonder­ermittlersau mehr. Und auch keinerlei Erwähnung dieses seltenen Tiers bei Google oder Google Books. Das muss sich ändern und ich präsentiere hiermit der Weltöffentlichkeit ein echtes Goetz’sches Dichterwort, das sonst in den Untiefen der Schriftstellerüberarbei­tungen verloren geblieben wäre: eben die Sonderermittlersau.

Und die Idee ist sowieso, mal die ganzen damals gezogenen Dateien durchzugehen und was »Zum Überarbeitungsprozess im Œuvre des Rainald Goetz« zu machen. Aber jetzt beginnt erst mal die Getreideernte und ich muss wieder mit raus aufs Feld. Alles Gute, Rainald Goetz, nachträglich, zum sozusagen Sechzigsten!
 


Tropical Heat

Hamburg, 22. Juni 2014, 15:00 | von Dique

Eigentlich (eigentlich, hehe, was für ein schönes Wort immer wieder), eigentlich wollte ich kurz was zu Rainer Karlschs herrlichem, sehr Borges-esque geschriebenem Doppelseitenartikel über Hans Kammler in der letzten FAS schreiben, aber dann lese ich gerade dieses endgeile Buch von Robert G. Hagstrom, ein Investor und mir bekannt als einer der besten Autoren über den Investing-Style von Warren Buffett, mit seinem Buch »The Warren Buffett Way«.

Nun also bin ich grad an »Investing: The Last Liberal Art«, und wie der Titel vermuten lässt, setzt Hagstrom Investing in den Kontext verschiedener Wissens- und Wissenschaftsfelder. Das ist sehr schön und ein bisschen wie »Sofies Welt« in gut. Ein Gang durch verschiedene Wissensgebiete (Evolutionsbiologie, Mathematik etc.) und dann schlägt er immer den Bogen zum Investing. Jetzt berichtet er gerade von John Allen Paulos, und das passt ziemlich gut zu dem ongoing Thema THE TWO CULTURES, der hat Bücher geschrieben wie »A Mathematician Reads the Newspaper« oder »Once Upon a Number: The Hidden Mathematical Logic of Stories«, also so Mashups der ZWEI KULTUREN, wie man sie nur lieben kann.

Aber okay, und à propos, wisst ihr noch, wie damals so Ende der Neunziger unser Freund Tropical-Heat-Barthel den Vorschlag, jemandem ein Buch zu schenken, abwehrte mit dem Satz: »Ja, gute Idee, aber das ist so ein veraltetes Medium, wer will das schon haben«? – Dieser Satz erweist sich immer mehr als visionär. Hier in Hamburg liegen ständig überall aussortierte Bücher zum Mitnehmen herum. Auf den Fensterbänken im Treppenhaus, in Kartons vor Haustüren, gestapelt in irgendwelchen Unterständen. Die Leute wollen die Dinger einfach loswerden. Tropical-Heat-Barthel war also in den Neunzigern ein absoluter Visionary.
 


»Reine Erfindung« (Update)

Berlin, 7. April 2014, 13:26 | von Josik

Einige Tage, für die der Suhrkamp Verlag bisher die ironische Epiphanie eines Ulla-Berkéwicz-Buches mit dem Titel »Reine Erfindung« angekündigt hat:

 
20. Mai 2013

11. November 2013  (vgl. web.archive.org)

4. Januar 2014

5. Januar 2015
 

(wird fortgesetzt)
 

Das neueste Datum ist jeweils hier zu finden:
http://www.suhrkamp.de/buecher/reine_erfindung-ulla_berkewicz_42347.html

 

UPDATE 11.04.2014, 18:30 Uhr:
Die angegebene Adresse ergibt grad einen 404 bzw. wörtlich: »die von Ihnen angeforderte Seite wurde eventuell entfernt, umbenannt oder die Seite ist vorübergehend nicht verfügbar. Wir entschuldigen uns für diese Unannehm­lichkeit.« Dem schließen wir uns an.

 


Das Ankündigungsplakat

Jena, 27. März 2014, 10:21 | von Montúfar

Sogar SP*N hat einen thematischen Tag für Cat Content, aber hier heißt es nach wie vor lieber wieder mal: Coburg Content!

Denn nach meinem Strandurlaub letztes Jahr hatte ich ja von meinen Abenteuern in einer Coburger Buchhandlung berichtet, wo mir dann das Plakat geschenkt wurde, auf dem für den 10. März 1993 eine Lesung Michael Köhlmeiers aus seinem Roman »Bleib über Nacht« angekündigt wurde. Weil einige danach gefragt haben, hier ist es, das Plakat. Der Schnörkel ist übrigens die bestens getroffene Veste Coburg bei Mondschein:

Köhlmeier, Lesung, Plakat, Coburg, 10. März 1993


Vossianische Antonomasie (Teil 44)

Leipzig, 24. März 2014, 12:27 | von Paco

 

  1. eine Gloria Swanson der Literatur
  2. ein Uwe Johnson für kleine Leute
  3. der Beckenbauer der Sprache
  4. unsere Callas der U-Musik
  5. die Brüder Goncourt der Bundesrepublik

alles bis auf #220 gefunden in:
Fritz J. Raddatz: Tagebücher 2002–2012
(vgl. die Funde in den Tagebüchern 1982–2001)

 


Daniela Strigl

Berlin, 20. März 2014, 16:33 | von Josik

»Meine Striglbewunderung wuchs ins Unermessliche«, schrieb Kathrin Passig vor ein paar Tagen, und mir geht es nicht anders, wobei ich Daniela Strigl allerdings nicht in erster Linie dafür bewundere, dass sie weiß, was ein »angekündigtes Gurkerl« ist, sondern dafür, dass sie in dem Interview, das Grissemann und Stermann mit ihr führten, auf sämtliche Fragen eine so restlos gültige Antwort parat hatte, dass dem eigentlich bis zum Ende der Zeiten nichts mehr hinzuzufügen ist. Das alles muss man (z. B. hier, rechts oben auf Teil 3 klicken, dort dann ab Minute 3) gesehen haben. Oder doch wenigstens gelesen:

Grissemann: Meine sehr verehrten »Willkommen Österreich«-Zuschauer, man sagt immer, der Buchmarkt ist in der Krise. Trotzdem kommen immer mehr Bücher auf den Markt, es sind über 100.000 pro Jahr. Wie soll man das alles weglesen? Eine kleine Orientierungshilfe bietet uns die großartige Literaturkritikerin Daniela Strigl.
Stermann: Daniela Strigl!
Grissemann: Daniela Strigl!
Stermann: Was magst du trinken, Wein oder Wasser? Weißwein?
Grissemann: Aber wir haben Sekt hier extra. Wir hätten einen Sekt für dich vorbereitet.
Strigl: Dann nehm ich den.
Grissemann: Why not?
Stermann: Alkohol und Literatur sind Brüder im Geiste, oder?
Strigl: Wie wahr!
Stermann: Gilt das für die Kritikerin genauso wie für den Autoren oder muss die einen klareren Kopf bewahren?
Grissemann: Hahaha, gute Frage! Gute erste Frage!
Strigl: Ja, sie sollte eigentlich schon einen klaren Kopf haben, das stimmt, ja. (lächelt)
Stermann: Du hast eine Liste erstellt einmal: vierzehn Thesen zum »Glück der Kritik«, da heißt es unter anderem: »Der Kritiker muss sein Publikum überfordern, wie er sich überfordert.« Ist das notwendig?
Strigl: Ja, unbedingt! Man darf’s nicht zu billig geben – beim Lesen nicht und man darf’s auch beim Schreiben nicht zu billig geben. (lächelt)
Stermann: Aber muss man dem Leser nicht das Gefühl geben: du kannst es schon schaffen, wenn du dich bemühst? Oder ist es wichtig: du hast keine Chance?
Strigl: Man sollte vielleicht vor allem wissen, dass man selbst es nicht immer schafft, etwas zu verstehen. (lächelt)
Grissemann: Ist es eigentlich so, dass du jedes Buch zu Ende liest, auch wenn du nach dreißig Seiten draufkommst: es langweilt mich zu Tode, aber um dem Buch die Ehre zu erweisen, liest du’s ganz bis zum Schluss?
Strigl: Nur wenn ich drüber schreibe. (lächelt) Zum Vergnügen würd ich es nicht weiterlesen.
Grissemann: Ja, aber ist es auch vorstellbar, dass, wenn du nicht drüber schreibst, du ein Buch nach acht Seiten schon weglegst? Beziehungsweise wann weißt du: es gefällt mir nicht?
Strigl: Also wenn ich nicht drüber schreiben muss, würd ich’s auch nach einer Seite weglegen.
Grissemann: Nach einer Seite schon?
Strigl: Ja.
Stermann: Kann es theoretisch auch nach dem Titel weggelegt werden?
Strigl: Auch das ist möglich, ja. (lächelt)
Stermann: Aber findest du das nicht ungerecht?
Strigl: Ja, das ist ein ungerechtes Geschäft. Dazu stehe ich. (lächelt)
Stermann: Du hast auch geschrieben: »Der Kritiker ist vollauf damit beschäftigt, die Literatur langsam, spröd und unsexy zu machen, wenn sie danach verlangt. Das Fernsehen ist sein natürlicher Feind. Er liebt seinen Feind.«
Strigl (lächelt)
Stermann: Wenn das Fernsehen dein natürlicher Feind ist, wie stehst du dann zum Bachmannpreis im Fernsehen?
Strigl: Ja, das ist genau … der Bachmannpreis lebt von diesem Paradox: eigentlich geht Literatur im Fernsehen überhaupt nicht, weil man muss die ganze Zeit jemandem zuhören, der einen Text vorliest. Das ist absolut unsexy, aber andererseits ist das Fernsehen natürlich ein Platz, wo man sein muss, wenn man heute in der Welt vorkommt. Also man kann eigentlich nicht drumherum. Dieses Terrain darf man nicht wieder preisgeben, das man schon mal hat.
Grissemann: Aber warum ist es unsexy, einen Text im Fernsehen vorzulesen? Das würde ja dann auch für Lesungen im öffentlichen Raum gelten. Das heißt, man dürfte auch keine Lesungen mehr halten in Theatern oder so. Dann würdest du auch konstatieren: das ist unsexy?
Strigl: Also ich find’s ja nicht, aber die Fernsehleute finden das, und beim Fernsehen, also beim Bachmannwettbewerb zum Beispiel, gibt’s keine Musik, da gibt’s keine Witze, außer selten und peinlich …
Grissemann: Doch, natürlich gibt es auch … es ist schon ein amüsanter Vorgang, der Jury bei der Bewertung dieser Texte zuzuhören, und das ist nicht pointenfrei, das stimmt ja nicht.
Strigl: Ja, das schon, aber die Literatur selber, die kriegt man leider nicht weg.
Stermann: Ja, die Literatur ist das Problem.
Strigl: Die bleibt, und die ist nicht immer witzig. (lächelt)
Stermann: Die Pointendichte ist, sagen wir mal, überschaubar.
Strigl (lächelt)
Grissemann: Ja.
Stermann: Ärgert dich das eigentlich, weil du darüber gesprochen hast grade, über Fernsehen und Kritik, dass zum Beispiel, wenn ein Buch bei Stefan Raab vorgestellt wird, sich das besser verkauft, als wenn’s bei Denis Scheck vorgestellt wird?
Strigl: Das ärgert mich nicht, nein. Es ist auch ein Buch in der »Brigitte« zu rezensieren wesentlich aussagekräftiger für den Verkauf, als wenn’s in der »Frankfurter Allgemeinen« rezensiert wird, das ist normal. Das ist ein anderes Publikum.
Stermann: Wärst du lieber Kritikerin in der »Kronen Zeitung«?
Strigl: Da hätt ich ja sehr wenig Platz zum Schreiben, also: nein. (lächelt)
Stermann: Ja, aber das ist doch angenehmer als Arbeit, oder? Wenn du nur drei Zeilen schreiben musst? »Geht so«, oder »Ich find’s okay«, so was halt? »Lies doch mal«?
Strigl: Aber das wär dann doch deprimierend, wenn man fünfhundert Seiten liest und dann schreibt man drei Zeilen. (lächelt)
Grissemann: Wieviel Bücher liest du im Jahr?
Strigl: Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann.
Grissemann: Ungefähr?
Strigl: In manchen Wochen les ich drei Bücher und dann les ich wieder keine, keins.
Grissemann: Das heißt, etwa bis zu zweihundert Bücher im Jahr?
Strigl: Na ja, das kommt mir jetzt, ehrlich gesagt, sehr viel vor. (lächelt)
Stermann: Na ja, weil du oft nur den Titel liest und es schon wegschiebst.
Strigl: So komm ich vielleicht auf zweihundert, ja. (lächelt)
Stermann: Aber wenn du ein Buch nicht magst, schreibst du dann gerne die Kritik darüber?
Strigl: Um so lieber! Wenn man wirklich ein Buch verreißt, ist das Schreiben drüber wesentlich vergnüglicher, als wenn man es loben soll.
Stermann: Ja, aber du hast das Problem ja oft, dass du über Leute dann auch schreibst, die du auch regelmäßig treffen musst, weil Wien ist ein sehr kleiner Ort für Leute, die aus der gleichen Szene kommen.
Grissemann: Ja, aber das ist ein Kritikerproblem grundsätzlich.
Stermann: Ja ja, eh, aber ist dir das nicht auch unangenehm? Ich mein, da schreibt jemand drei Jahre an einem Roman und dann sagst … schreibst du: »Ich hab das nach dem Titel weggelegt«? Das ist doch sehr verletzend auch?
Strigl: Ja, das ist unangenehm. Ja, ist mir klar.
Stermann: Und kuckst du dann auf die andere Straßenseite oder was machst du da?
Strigl: Na ja, also ich versuch nicht davonzulaufen, aber angenehm ist es nicht.
Stermann (wendet sich an Balázs Ekker): Dir ist es ja auch scheißegal, wenn du einen Tänzer völlig in Grund und Boden redest?
Ekker: Ich mach ihm nur was Gutes.
Strigl (lächelt)
Ekker: Ich sag ihm schon voraus, was das Leben ihm sowieso später sagen wird.
Grissemann: Überschätzt du deinen Beruf nicht?
Stermann: Ist das bei dir auch … tust du’s, um den Autoren zu schützen oder die Autorin?
Strigl: Nein, ich hab kein missionarisches Sendungsbewusstsein beim Kritisieren.
Stermann: Kannst du dich noch an deine erste Kritik erinnern? War die positiv oder negativ?
Strigl: Ich glaube, positiv. Ich kann mich dunkel erinnern, ich hab aber eigentlich mit Parodien begonnen und nicht mit Kritiken.
Grissemann: Wie, mit Parodien?
Stermann: Parodien auf Kritiken?
Grissemann: Kritikparodien?
Strigl: Auch das, ich hab auch eine Kritik in Form einer Parodie geschrieben, das weiß ich noch, über ein Buch von Martin Walser, im Stil von Martin Walser. (lächelt)
Stermann: Aha! Das heißt, du konntest perfekt gleich so schreiben wie Martin Walser?
Strigl: Das ist nicht so schwer. (lächelt) Als Parodie! Ich mein, also Parodieren ist bei einem ausgeprägten Stil des jeweiligen Autors, den man parodiert, nicht so schwierig.
Stermann: Wenn du Kritikerin bist jetzt, schreibst du selber auch? Ich mein, das ist ja auch so der Klassiker an Frage.
Strigl: Ich glaub, die Phase hab ich schon überwunden, so wie man Kinderkrankheiten überwindet. (lächelt)
Stermann: Findest du, dass das Schreiben von Literatur einer Kinderkrankheit gleichkommt?
Strigl: Nein, aber wenn man Kritikerin ist, dann sollte man da aufpassen. Also wenn man nicht wirklich was zu sagen hat, dann sollte man’s bleiben lassen.
Grissemann: Nicht jeder kann ein Buch schreiben, Stermann!
Stermann: Ja ja, scho recht. (deutet auf Balázs Ekker) So wie er teilweise die Tänzer mehr so als Sotschi-Leute von den Paralympics einschätzt, so gehst du auch mit Leuten um, die schreiben? Also manche Leute schreiben auch regelmäßig, die’s lieber nicht tun sollten?
Strigl: Ja, natürlich. Da gibt’s viele.
Stermann: Beispiele?
Strigl: Würd ich nicht sagen. Würd ich denen nicht einmal so direkt ins Gesicht sagen. Das ist zu hart.
Stermann: Aber es sind viele?
Strigl: Ja, es sind viele. Allein die Einsendungen, die man für den Bachmannwettbewerb bekommt, das sind ungefähr dreihundert.
Stermann: Die kriegst du …
Grissemann: Moment, jeder einzelne Juror bekommt dreihundert …
Strigl: Also ich kann nur von mir reden. Ungefähr dreihundert.
Grissemann: Dreihundert bewerben sich bei dir, dass du diesen Text vorschlägst?
Strigl: Mhm.
Grissemann: Das heißt, du musst dich durch dreihundert Texte quälen oder vergnügen und du hast dann einen Autor oder eine Autorin, wo du sagst: ok, die soll jetzt beim Bachmannpreis teilnehmen?
Strigl: Mhm.
Stermann: Wie wählst du denn da aus? Du liest ja nicht alle dreihundert Texte, du wirst sie nicht lesen, sondern …
Grissemann: Welcher Titel ist der beste?
Stermann: … du schaust dir erst mal die Titel an, dann bleiben drei über, und dann liest du rein, oder wie?
Strigl: Ja, also manche leg ich wirklich nach dem ersten Satz weg.
Grissemann: Echt? Ist der erste Satz der wichtigste Satz eines Buches?
Strigl: Also jedenfalls sollte er schon gut genug sein, dass man weiterliest. Wenn man weiß: das ist rettungslos verloren, dieses Buch … (lächelt)
Stermann: Wenn vier Rechtschreibfehler und drei Grammatikfehler im ersten Satz sind, oder was?
Strigl: Die Rechtschreibung ist nicht das Problem.
Stermann: Ja, haben ja viele, Sibylle Berg zum Beispiel …
Grissemann: Sibylle Berg!
Stermann: … schreibt katastrophal, aber schreibt sehr gut. (wendet sich an Balázs Ekker) Siehst du auch beim ersten Schritt schon, dass einer nach Hause gehen sollte?
Grissemann: Es geht um Bücher, Balázs.
Stermann: Nein, jetzt um Tanz.
Grissemann: Ach so.
Ekker: Beim ersten nicht. Beim zweiten schon.
Strigl (lächelt)
Grissemann: Wie ist das eigentlich beim Bachmannpreis, das würd mich interessieren, da gibt’s ja auch so ein Wettschwimmen. Also es wird suggeriert, dass die Juroren wirklich gut miteinander können. Ist das tatsächlich so, dass nach jedem Wettbewerbstag die Juroren zusammensitzen, trinken und sich liebhaben?
Strigl: Na ja, also ich glaub, beim Wettschwimmen schwimmen die gar nicht mit.
Stermann: Weil sie oft nicht können.
Grissemann: Ach so, ich dachte, das ist für alle? Also nur für die Autoren?
Strigl: Sie dürften sicher mitschwimmen, aber es gibt schon so eine natürliche Scheu, Juroren und Autoren so zu mixen dort.
Grissemann: Autoren und Juroren wohnen nicht im gleichen Hotel?
Strigl: Das kommt noch aus der Zeit Reich-Ranickis, weil das war für Autorinnen gefährlich.
Stermann: Was reizt dich, wenn du … Du bist ja mal ausgestiegen vom Ingeborg-Bachmann-Preis, bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur, und jetzt machst du wieder mit, anders als dein Kollege Klaus Nüchtern, der auch ausgestiegen ist und gesagt hat, er mag nimmer, aber er macht auch nicht mehr. Warum bist du zurückgekommen?
Strigl: Weil es einfach eine sehr lustige Sache ist und weil man sich einreden kann …
Stermann: Aber was ist lustig?
Strigl: … ein paar Tage dreht sich alles in einer zugegeben kleinen Stadt um die Literatur. Das ist natürlich eine Illusion, aber es ist eine schöne Illusion für Leute, die damit leben, mit der Literatur.
Stermann: Aber es sind doch die gleichen Leute, die du in Frankfurt dann triffst und die du in Leipzig triffst. Das ist doch auch so unglaublich inzestuös, oder nicht?
Strigl: Ja, also auf der Frankfurter Buchmesse selbst war ich überhaupt noch nie, und in Leipzig bin ich auch erst das zweite Mal. Also die Messen sind ja auch nicht jetzt unbedingt der Ort, wo Literatur sich abspielt.
Grissemann: Nö, aber wo Literatur sozusagen verhandelt und verkauft wird.
Strigl: Ja, aber das ist für Kritiker jetzt nicht so wahnsinnig wichtig.
Grissemann: Aber diesmal ist es für dich schon wichtig, weil du in der Jury sitzt für den Leipziger Buchpreis.
Strigl: Diesmal muss ich hin, ja. (lächelt)
Grissemann: Stimmt das eigentlich, dass du kein Handy hast?
Strigl: Das stimmt.
Stermann: Wie haben wir dich überhaupt erreicht?
Strigl: Es ist ja nicht so, dass ich gar kein Telefon habe. Es gibt ja noch die gute alte Post und die hat Telefonleitungen.
Grissemann: Du schreibst Briefe, ne?
Strigl: Selten. Nur an ältere Herrschaften. Also Mails kann ich schon verfassen und abschicken. (lächelt)
Stermann: Ich hab dich gefragt vorher im Vorgespräch, ob du einen Fernseher hast, und du hast gesagt, ja, du bist durchaus mit neuen Medien auch vertraut.
Strigl (lächelt)
Stermann: Wenn du unseren Leuten, und wir haben zwar sehr viele Menschen, die nie lesen, natürlich Zuschauer, aber die paar, die lesen, hättest du Empfehlungen auszusprechen? Dinge, die man zur Zeit lesen sollte, wenn man einigermaßen hip sein möchte?
Strigl: Hip? O je, das ist schwierig.
Stermann: Beziehungsweise wenn man einigermaßen aktualisiert sein möchte, was interessante Literatur betrifft?
Grissemann: Und auch zumutbare Literatur für unser Publikum?
Stermann: Also nicht zu kompliziert?
Strigl: Also das ist jetzt eine gute Frage. (lächelt)
Stermann: Es müssen keine Bilder drin sein, aber es wäre nicht schlimm. Das ist jetzt gemein, aber gibt es Dinge, wo du sagst: Moment, das wäre schön oder das wäre gut, das könnte man empfehlen, ganz im Ernst?
Strigl: Ja, also zum Beispiel Wolf Haas, »Die Verteidigung der Missionarsstellung«.
Grissemann: Das ist ja schon alt.
Strigl: Alt?
Grissemann: Ist relativ alt.
Strigl: Muss es unbedingt ganz neu sein?
Grissemann: Ja, so eine Neuentdeckung.
Stermann: Ich dachte auch, du sagst als nächstes dann, »Buddenbrooks« könnte man lesen.
Strigl: Ja, man sollte die Klassiker überhaupt nicht unterschätzen, wenn man sich die neue Literatur anschaut. Also zum Beispiel …
Stermann: Das Alte Testament. Kann man da als Kritikerin was aussetzen? Bissl lang, ne?
Strigl: Es gibt auch sehr viele Tote, so wie beim »Tatort«. (lächelt)
Grissemann: Ich darf mich herzlich bedanken, Daniela Strigl und Balázs Ekker!