Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Jakob Augsteins Baukasten

Berlin, 11. Juni 2015, 13:03 | von Josik

 
(Artikelupdate um 20:36 Uhr, siehe unten.)
 

Für die Workshopteilnehmer und sowieso auch für die Fans veröffentlichen wir heute unser A2-Poster A1-Poster »Jakob Augsteins Baukasten« (PDF, 166 kB; gesetzt mit LaTeX, Quellcode auf Anfrage):

Jakob Augsteins Baukasten (Poster, Vorschau)

Wir setzen damit auch die entsprechende Berichterstattung fort, die bisher so verlief:

Wir mussten für das Poster zuletzt von A3- auf A2-Format A1-Format umschwenken, denn es sind zwei drei neue Texte dazugekommen, die Augsteins Baukastenprinzip noch mal neu illustrieren. Die wie immer wertungsfreie Analyse hat dann auch gleich einige Dinge zutage gefördert. Nehmen wir mal das Wort »Beleidung« (statt »Beleidigung«) im Vorwort zum gerade erschienenen Schirrmacher-Sammelband »Ungeheuerliche Neuigkeiten«. Dieser Tippfehler könnte eventuell anzeigen, dass Augstein nicht einfach copy&paste mit seinen alten Texten macht, sondern die Sachen offenbar tatsächlich alle noch mal neu auf Grundlage vorhandener Fixierungen seiner Gedanken zusammenstellt, und das ist doch schon mal interessant.

Aber gut, hier noch mal die genauen Quellenangaben zu den sechs sieben der Analyse zugrunde liegenden Augstein-Texten:

  • Jakob Augstein: Ein Mann ohne Komplex. In: Die Zeit, 2. 3. 2006, S. 59. [link]
  • Jakob Augstein: Frank Schirrmacher – Der Aufreger. In: Stephan Weichert / Christian Zabel (Hrsg.): Die Alpha-Journalisten. Deutschlands Wortführer im Porträt. Köln: Herbert von Halem Verlag 2007, S. 324–330. [link]
  • Jakob Augstein: Mein Hirn gehört mir. In: Welt am Sonntag, 7. 2. 2010, S. 55. [link]
  • Jakob Augstein: Wir töten, was wir lieben. In: der Freitag, 16. 8. 2012, S. 3. [link]
  • Jakob Augstein: »Es gibt keinen anderen wie ihn«. In: Der Spiegel, 16. 6. 2014, S. 114–115. [link]
  • Jakob Augstein: Vorwort. In: Frank Schirrmacher: Ungeheuerliche Neuigkeiten. Texte aus den Jahren 1990 bis 2014. Herausgegeben von Jakob Augstein. München: Blessing Verlag 2015, S. 9–14. [link]
  • Jakob Augstein: Alpha und Ende. In: Der Spiegel, 6. 6. 2015, S. 17. [link]

Soderla, nach dem Ende unserer Raddatz-Berichterstattung nun also auch endlich das Ende unserer Augstein-Berichterstattung, macht’s gut.

 
<Update when="20:36 Uhr">
Siehe da, wir haben grad beim Zitatecheck noch weitere Legoteilchen gefunden, nämlich in Augsteins Schirrmacher-Artikel aus der »Welt am Sonntag« vom 7. Februar 2010. Es ist für uns etwas peinlich, dass uns das jetzt erst auffällt, denn wir hatten diesen Text damals, anlässlich der Verleihung des 6. Goldenen Maulwurfs, zu einem der Top-Ten-Artikel des Feuilletonjahres 2010 gekürt, und der Artikel ist ja auch nach wie vor sehr gut zu lesen. Jedenfalls, wir mussten in unser Poster nun eine weitere Spalte einziehen und das Format noch mal, von A2 auf A1, vergrößern. Das PDF ist also nun aktualisiert.
</Update>
 


100-Seiten-Bücher – Teil 115
Botho Strauß: »Herkunft« (2014)

Düsseldorf, 5. Januar 2015, 14:50 | von Luisa

Gleich die ersten Sätze handeln vom Vater, der an seinem Schreibtisch sitzt und schreibt, im zweiten Absatz wird dann gesagt, wie und was er schreibt: »ein ausgefeiltes, zuweilen etwas überschmücktes Deutsch«. Ungefähr klar, was das heißt, aber da mir das zweite Adjektiv noch nie begegnet war, hab ich es mal nachgeschlagen.

Sofort wurde ich mit einem Sehnsuchtsgedicht von Immermann verbunden, in dem ein Jüngling mit einem Mädel auf einer Magerwiese sitzt, welche ihm dann später ganz verwandelt und von »Blüthen-Dolden stattlich überschmückt« im Traum erscheint. Es sind einfach viele Dolden und bedeutet nicht, dass der Schmuck übertrieben wäre. Das illustrieren erst die nächsten Beispiele, die von überschmückten Weihnachtsbäumen handeln und von überschmückten Frauen, die niemand ernst nimmt, wenn sie mehr als fünf Schmuckstücke tragen. Also klar negativ konnotiert, und auf Vater Strauß bezogen heißt das, dass sein Stil ein bisschen zweifelhaft war und der Sohn einem anderen Ideal folgt.

Andererseits hat Botho Strauß nicht den Ruf der Magerwiese, eher würden die Kritiker ihm wohl den Doldenreichtum bescheinigen. Also: wie der Vater, so der Sohn, ein Gefängnisspruch, den der Sohn aber im Verlauf von 90 Seiten komplett ins Positive wendet (»Welche Liebe ist größer als die Liebe dessen, der wiederholt?«), und so dürfte er nichts dagegen haben, wenn auch seine Prosa für »zuweilen etwas« überschmückt gehalten wird.

Andererseits las er als Kind regelmäßig die bekannten Heftchen, Akim, Tarzan, Sigurd usw., sozusagen Magerliteratur. Von Donald-Duck-Heften ist nicht die Rede, aber da gibt es eine Geschichte, in der Donald als Immobilienmakler auftritt und einem reichen Kunden eine Villa schmackhaft machen will. Nach den Windverhältnissen befragt, antwortet er: »Zuweilen ein Gesäusel im Gezweig«, ein schönes Beispiel für »zuweilen« und überschmückt. Goethe und Schiller – Botho Strauß und Erika Fuchs.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Botho Strauß: Herkunft. München: Hanser 2014.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 114
César Aira: »Parménides« (2006)

Göttingen, 3. Januar 2015, 14:26 | von Paco

Vom echten vorsokratischen Parmenides ist nur seine Schrift »Über die Natur« fragmentarisch überliefert. Das sind (zum Beispiel in der Reclam­übersetzung) nur einige wenige Seiten Text. Die noch kürzere tl;dr-Fassung geht so: »Was ist, ist; was nicht ist, ist nicht.«

Der weltbeste Hundertseitenautor César Aira hat diese real existierende Schrift als Ergebnis genommen und sich die Vorgeschichte zusammen­gedacht. Das Schreibprogramm findet sich auch im Buch wieder: »Lo más que se puede hacer es reconstruir el pensamiento a partir de los hechos posteriores, siempre y cuando los hechos hayan quedado registrados.« (p. 114)

Bei Aira wohnt Parmenides immer noch in Elea im heutigen Kampanien, ist aber vor allem ein reicher, einflussreicher Adabei mit wenig Zeit und Muße. Und als Adabei will er auch mal ein Buch schreiben und sucht nach einem jungen Autor, der das für ihn erledigen kann. Zufällig fällt die Wahl auf Perinola. Es kommt zu wöchentlichen Treffen. Perinola versucht anfangs herauszubekommen, wovon ›das Buch‹ eigentlich handeln soll. Aber mehr als »Von der Natur!« kriegt er nicht aus seinem Auftraggeber heraus. Oder doch: Er solle einfach über »cualquier cosa« (»egal was«) schreiben.

Ansonsten verliert sich Parmenides bei den Treffen in endlosen Monologen, vom ›Buch‹ und dem gewünschten Inhalt redet er nie. Die paar Hexameter, die ihm Perinola mal als Probe reicht, scheint er nicht gelesen zu haben. Aber die Treffen gehen jahrelang weiter, und Perinola wird gut dafür bezahlt. Einer der vielen schönen Gegensätze: Als schreibender Autor hat er vorher schlecht verdient. Als nicht schreibender Autor hat er nun ein gutes Auskommen für sich und seine Frau und Kinder.

Obwohl ihm der Nichtfortgang des Buchprojekts also gut bekommt, packt ihn eines Tages doch die Schreibwut. Ähnlich wie in »Varamo« beschreibt Aira, wie sich aus den Umständen und der einzigen konkreten Vorgabe, »irgendwas« zu schreiben, die verschiedenen Passagen des späteren Meisterwerks wie von selbst ergeben.

Das Ende dieser herrlichen »historia triste y fatal del escritor Perinola« ist hochsymbolisch und findet in der Taverne »Afrodita« statt.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

César Aira: Parménides. Buenos Aires: Mondadori 2006. S. 5–125 (= 121 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 113
Richard von Schaukal: »Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser« (1907)

Berlin, 29. Dezember 2014, 21:26 | von Cetrois

Ich war auf Wikipedia mal wieder zu lange in den Gassen des Fin-de-siécle-Wien unterwegs, und irgendwann stößt man dann immer auf Richard von Schaukals Mitteilungen über »Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser«. Und die hatte ich natürlich gelesen damals, zwar ohne Gewinn, aber es genügt ja, lehrt uns Andreas von Balthesser nach alter Dandyweisheit, seine Zeit angenehm verschwendet zu haben.

Also schnell noch mal rüber zu archive.org, wo es das von Google besorgte Retrodigitalisat der »Leben und Meinungen« gibt (Seite 3 fehlt allerdings) und noch eine Reihe weiterer Werke des Author: Richard »von« Schaukal. Großartige Anführungszeichen! Nimmt es Google in alteuropäischen Standesfragen wirklich so peinlich genau, dass man die Nobilitierung des Ministerialrats Richard Schaukal nicht anerkennt? Kaiser Karl hat den treuen Beamten im Mai 1918 tatsächlich nur gerade noch so, ganz kurz vor Untergang des kakanischen Staatsschiffes, in den Adelsstand gehoben.

Die schiefe Metapher vom ›Staatsschiff‹ deshalb, weil ich gerade an die Ausstellung »Franz is here!« denke, die im Frühjahr im Wiener Völkerkundemuseum am Heldenplatz zu sehen war. Die Ausstellung rekonstruiert anhand unglaublich vieler kitschiger Souvenirs die Weltreise, die der Thronfolger Franz Ferdinand 1892/93 auf der SMS »Kaiserin Elisabeth« unternahm. Ödipale Spekulationen verbieten sich natürlich schon rein genealogisch. Zumal Ödipus und Franz Ferdinand auch mit Blick auf den Bodycount an erledigten Viechern in ganz verschiedenen Ligen spielen – Ödipus: 1, Franz Ferdinand: 274.889 Stück Wild, laut Wikipedia. Wobei der ehemalige FAZ-Herausgeber Paul Sethe, ebenfalls auf Wikipedia, zum passionierten Jäger Franz Ferdinand anmerkt, dass ihm »die Zahl, das Massenhafte wichtiger ist als die Freude am Pirschgang …«

Die Franz Ferdinand’sche Weltreise war dann auch eine einzige Groß- und Kleinwildjagd. Er brachte aber auch interessante Aufzeichnungen mit, selbst auf der eigenen Haut: In Japan ließ der Erzherzog sich ein schönes Drachenmotiv tätowieren, was, wie er in seinem Zahlenfetischismus notierte, »nicht weniger als 52.000 Stiche erforderte«. Auch sonst ist das »Tagebuch meiner Reise um die Erde, 1892–1893« ein sehr schöner Reisebericht, und zu Recht wurde der Autor Franz Ferdinand vor zwei Wochen von einem weiteren FAZ-Herausgeber, Jürgen Kaube, im Deutschlandfunkinterview geradezu, hehe, nobilitiert: Heute müsse sich niemand mehr rechtfertigen, wenn er Franz Ferdinand und Stefan George gut finde.

Das Weltreisetagebuch ist ebenfalls schon bei archive.org gelandet, übrigens mit besonders gelungenen Aufnahmen von den kleidsam in rote Fingerkondome gehüllten Fingern, die die Seiten beim Scannen fixieren. Andrew Norman Wilson hat diese Zeugnisse menschlicher Präsenz im Googlescanprozess als fotografische Kapitalismuskritik gesammelt, ein Projekt, das Franz Ferdinand zweifelsohne unterstützt hätte (seine Notiz in New York: »wüster Tanz um das goldene Kalb«).

Wer deshalb eine Abneigung gegen die schnöde Digitalisierung bibliophiler Prachtbände der Jahrhundertwende kultivieren will, dem kann man, jetzt wieder mit Richard von Schaukel, sagen: »Ich liebe nicht Bücher um der Bücher willen, mir ist das schönste Buch gleichgültig, wenn sein Inhalt mit mir nichts zu tun hat. Ich ›sammle‹ keine Bücher. Ich interessiere mich weder für Bibliotheken noch für das Bücherwesen überhaupt.« (PDF, S. 71)

Länge des Buches: > 125.000 Zeichen. – Ausgaben:

Richard Schaukal: Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser. Zweite, verbesserte Auflage. München; Leipzig: Georg Müller 1907. S. 1–177 (= 177 Textseiten). (online)

Richard von Schaukal: Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser. Stuttgart: Klett-Cotta 1986. (Inhalt)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 112
Italo Svevo: »Der alte Herr und das schöne Mädchen« (1926)

Berlin, 10. November 2014, 13:52 | von Cetrois

Auf der Fahrt von Berlin nach Hannover saß mir der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestags gegenüber. Er hatte sich offenbar einiges vorgenommen: Zuerst arbeitete er einen beträchtlichen Aktenstapel durch und dann die »Zeit«, Politikteil und Dossier. Ich bin nicht sicher, ob er auch mit meiner Lektüre einverstanden war. Hin und wieder ein kritischer Blick. Ich versuchte meine Hand so auf dem Buchdeckel zu positionieren, dass sie den Namen des Autors möglichst vollständig verbarg und am besten auch noch die handaufgeklebte Aktzeichnung, die natürlich einen alten Herrn und ein schönes Mädchen zeigt. Der rote Wagenbach-Einband als solcher konnte hingegen kaum der Grund für des ehemaligen Bundestags­präsidenten Missfallen sein, hatte mein Gegenüber doch bei der Feier zum vierzigsten Geburtstag des Wagenbach Verlags die Festrede gehalten. Die Feier fand am Wannsee, beim Literarischen Colloquium Berlin statt und war ein großer Erfolg. Einzig an der Bewirtung der vielen Gäste mangelte es offenbar – Jörg Magenau schrieb damals (2004) in der FAZ, dass es bei den Sommerfesten des LCB schon immer schwierig gewesen sei, auch nur »eine Wurst zu ergattern«. Ganz anders der alte Herr in Svevos Erzählung, der seiner Besucherin die köstlichsten Delikatessen offerieren kann, trotz oder vielmehr wegen des in der Ferne grollenden Weltkriegs und der allgemeinen Verarmung ringsum. Immerhin, Christian Kracht berichtete im Interview einmal von einer »Schale mit Erdnusslocken«, die das LCB den Autoren nach ihrer Lesung hinstellt: »eine einzige Schale«!

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Italo Svevo: Der alte Herr und das schöne Mädchen. Übers. von Barbara Kleiner. Berlin: Wagenbach 1998.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Ist »Der Circle« von Dave Eggers ein gutes Buch?

Bonn, 5. November 2014, 13:12 | von Katana

Es gab in der »Zeit« mal wieder viel zu lachen, als Ijoma Mangold sich witzigerweise fragte, ob »Der Circle« ein gutes Buch sei. Da war sicherlich einiges los in den Redaktionsräumen und man rieb sich sicherlich auch vor Freude die Hände, dass diese grandiose und so grundsätzliche Frage mal wieder existenziell gestellt werden konnte, denn im Feuilleton stellt sie sich ja immer, wenn man über Romane spricht, aber selten so explizit wie hier. Was für ein Aufmacher!

Und dann natürlich auch dieser geniale Wechsel auf das Mediale, nicht das Formelle, denn ob »Der Circle« ein guter Roman ist, wen interessiert das denn schon, aber ein gutes Buch, das ist ja die Frage des materiellen Konterparts auf Datenträgerebene, das ist genau die Frage, die man an »Der Circle« stellen muss: Taugst du auch als Medium, wenn du über Medien schreibst? Und dann auch noch dieser Twist gleich im ersten Absatz, dass »Der Circle« letztlich »bilderbuchmäßig die klassischen Kriterien« erfülle, denn das Bildliche ist doch in einem Buch ohne Bilder eine mediale Kategorie, die sich so konkret selten an manch andere Bücher stellt.

Schade nur, dass Mangold dann doch so tut, als ginge es darum, ob »Der Circle« ein schlechter Roman ist, denn das Medium interessiert es eigentlich nicht, ob die Figuren platt sind oder das Weltbild manichäisch, nicht mal ein Bilderbuch würde das interessieren, denn das sind absolut keine bilderbuchmäßigen Kriterien. Es ist auch total egal, ob in dem Buch literarische oder intellektuelle Ansprüche genug erfüllt sind, das sind dann doch irgendwie Fragen, die, wie bestimmte Leute immer sagen, ziemlich »inhaltistisch« sind (tolles Wort, btw!).

Also müssen wir uns jetzt selbst die Frage beantworten, ob »Der Circle« ein gutes Buch ist. Ich selber würde sagen: Kommt drauf an. Denn erst mal ist natürlich wichtig, welche Ausgabe man hat. Ich selbst besitze die britische Ausgabe als Taschenbuch von Penguin aus dem Jahr 2014 und muss mich im Folgenden auch auf diese beziehen.

Zunächst ist das Buch sehr handlich, es macht dem Namen Taschenbuch ganz bilderbuchmäßig alle Ehre, denn es passt trotz seiner ca. 500 Seiten ziemlich gut in jede Tasche. Absoluter Pluspunkt. Das Cover ist das bekannte Motiv des Circle, silbern schimmernd aufgedruckt und haptisch abgehoben, genau wie der Buchtitel, dieser in Schwarz auf einem leuchtenden Rot. Gleiches gilt auch für den Buchrücken, den man dann doch im Regal auch eher sieht, sollte man keine Ausstellungsvitrine besitzen, was ich allerdings jedem empfehlen kann.

Der Buchdeckel fühlt sich etwas gummiartig an, was, ganz inhaltistisch, vielleicht ein Augenzwinkern in Richtung Silicon Valley ist. Manko hier: Bei zu viel Transport (ich bin mit dem Buch viel gereist) löst sich die gummiartige Beschichtung leicht ab. Da wäre mehr drin gewesen, gerade für ein Taschenbuch, das zum Transport uneingeschränkt geeignet sein sollte. »Der Circle« fasst sich also auch gut an und man schaut auch gerne länger auf diese tanzenden Farben und Formen. In dieser Hinsicht für meine Begriffe sogar eines der besten Bücher der letzten Jahre. Einziges Minus ist das doch eher dem Colourblocking verschriebene Penguin-Logo in Orange, das nicht so recht zur restlichen Farbgebung passen will.

Schlägt man das Buch auf, merkt man, dass es sich um einen guten Taschenbuchstandard handelt. Die Seiten sind etwas rau und die Tinte verwischt nicht, wie bei vielen amerikanischen Taschenbüchern, wenn man zu lange den Daumen an einer bestimmten Textstelle lässt. Das macht das Buch auch auf die Dauer für die Zukunft relevant, denn auch nachfolgende Generationen werden keine Probleme haben, den Text zu entziffern, sofern sie einigermaßen Englisch können. Und keine Probleme mit den Augen haben. Denn die Schrift ist doch etwas sehr klein geraten, ca. 10pt, schätze ich. Auch hier wäre sicherlich manches mehr drin gewesen, die gebundene Version ist beispielsweise größer gedruckt. Gerade in öffentlichen Transportmitteln ist die Bonsaischrift nicht gerade förderlich, denn hier muss in Bewegung gelesen werden, was das Einhaken in die Zeilen merklich erschwert. Punktabzug an dieser Stelle.

Das scheint den Setzern jedoch auch klar gewesen sein, denn ungewöhnlicherweise ist das Buch im Flattersatz gedruckt, was ich persönlich erst als unmöglich empfunden habe und was dazu führte, dass ich zunächst keine Lust hatte, es zu kaufen und zu lesen. Mich erinnert Flattersatz immer an diese abgerissenen Piratenflaggen und macht mich beim Draufkucken ganz nervös. Allerdings muss ich sagen, dass in der Praxis das Einhaken in die Zeilen dadurch leichter fällt und man beim Lesen selten abrutscht. Ich bin am Ende doch überzeugt, dass das, zumindest bei der gewählten Schriftgröße, doch die richtige Entscheidung war.

Das Buch selbst besteht aus drei Büchern in einem. Gerade das letzte Buch ist nur – mit Titelblatt – fünf Seiten lang, was gerade die Freunde des kurzen Buches sehr befriedigen wird. Man sollte allerdings, wieder auf der inhaltlichen Ebene, erst die anderen beiden Bücher lesen, um die Handlung von »Book III« (schön auch mit den römischen Zahlen, wobei dem Thema auch eine arabische Ziffer gut zu Gesicht gestanden hätte) nachvollziehen zu können. »Book III« hat allerdings auch die beste Handlung und das beste Ende. Kapiteleinteilungen gibt es sonst nicht, allerdings viele Absätze und einige mit Asterisken abgegrenzte Sinnabschnitte, das hält die ganze Sache übersichtlicher, als man meinen würde, und macht das Lesen auch an Tagen mit weniger Muße zu einer guten Option.

Was ich an gerade englischsprachigen Büchern schätze, ist auch die Dialogeinteilung in dramatische Absätze, wo jede Äußerung eine eigene Zeile bekommt. Das liest sich nicht nur wie ein Drehbuch (Film muss unbedingt her, am besten von Duncan Jones oder Sofia Coppola), sondern macht den Text optisch abwechslungsreich, denn gerade dialogue-heavy Texte wie dieser sehen immer eleganter aus als die geblockten Beschreibungsmonologriesen oft zentraleuropäischer Herkunft.

Unterm Strich lässt sich sagen, dass »Der Circle« ein großartiges Buch ist, das besser erscheint, als es auf den ersten Blick aussieht, sich übrigens auch in anderen Ausgaben uneingeschränkt genießen lässt (die deutsche bei KiWi ist auch wirklich toll geworden) und sich in jedem Bücherregal des 21. Jahrhunderts gut macht.
 


Strandlektüre 2014

Jena, 4. Oktober 2014, 22:00 | von Montúfar

Meine jährliche Strandlektüre (2012, 2013) konnte diesmal leider nicht stattinden. Als ich sie am Strand von Portimão aufschlug, begann es für immer zu regnen. Die Bilderflut der Abendnachrichten im portugie­sischen Staatsfernsehen bewies mir allerdings, dass ich mit einem nun durchgeweichten schlechten Buch gar nicht so schlecht weggekommen war.

Es blieb mir nichts weiter übrig, als meine Lektürehoffnungen auf die Zeitungsauslage beim Rückflug zu verlegen. Und tatsächlich war ich nicht der einzige, der enthusiastisch auf den Stand mit den Zeitungen zustürmte, der sich auf der Passagierbrücke wie immer unmittelbar vor der Eingangsluke zum Flugzeug befand. Einer von diesem unerwarteten Ansturm bedrängten Stewardess entfuhr deshalb auch ein leises: »Nicht zu fassen!« – und ein lautes: »Aber na ja, Sie hatten ja jetzt eine Woche lang keine Nachrichten.« »Zwei«, antwortete der Herr vor mir trocken, woraufhin die Stewardess verstummte und ich so überrascht war, dass ich es verpasste darauf zu achten, welches Blatt sich der so arg nachrichtenausgehungerte Reisende griff. Ich nahm die FAZ und hatte einen angenehmen Heimflug.

Im Feuilleton beklagte sich der Feuilletonchef, dass es in Deutschland keine satisfaktionsfähigen Autorinnen und Autoren gebe, die die jüngste (west)deutsche Vergangenheit literarisch bearbeiten könnten. Seiner Analyse ließ er einen Appell folgen, der deutlicher nicht sein könnte:

»Wir brauchen mutige Künstler, um für latent zunehmende tektonische Spannungen einen kontrollierten Auslöser anzubieten, einen Moment zu stiften, an dem sich manche zum Aufbruch entschließen, nachdem sie zu lange schon aus Müdigkeit abhängen.«

Den Satz musste ich jetzt aus dem Internet rausschreiben, denn auf meine Printausgabe war ein Teil der Füllung des Flugsnacks geronnen, eines »gefüllten Pizzaschiffchens mit Thai Chicken Füllung«. Ein paar Printseiten weiter – und damit auch jetzt noch deutlich lesbar – fanden sich Auszüge aus der Rede des Joachim Gauck zur Eröffnung des Historikertages in Göttingen. Er frage sich manchmal, ob bei der ganzen Beschäftigung mit Geschichte nicht ein wenig die Zukunft vergessen werde. Vielleicht liegt das ja tatsächlich an unserer gesamtgesellschaftlichen literarischen Neigung, jedenfalls steht bei Gauck: »Wir alle lieben (…) die Epen, in denen Helden ein schweres Schicksal erleiden, daran zu scheitern drohen, aber alle Widrigkeiten besiegen und auferstehen.«
 


50 berühmte Buchtitel

Berlin, 11. August 2014, 19:28 | von Josik

Neid (Ernst von Wildenbruch: 1900)
Neid (Jurij K. Oleša: 1960)
Neid (Hannah Villiger: 1985)
Neid (René Althammer: 1991)
Neid (Stephan Vogel: 1992)
Neid (Ina Wudtke: Erscheinen angekündigt)
Neid (Olivia Kleinknecht: 2001)
Neid (Birgit Sych: 2004)
Neid (Elfriede Jelinek: abgeschlossen 2008)
Neid (Joseph Epstein: 2010)
Neid (Birigt Harreß: 2010)
Neid (Rainer Paris: 2010)
Neid (Bob Sorge: 2010)
Neid (Sandra Brown: 2012)
Neid (Katharina Immekus: 2013)
Neid (Arne Dahl: 2014)

Gier (Alfred Golfar: 1920)
Gier (Fortuné Paillot: 1929)
Gier (Kurt Martin: 1930)
Gier (Hello Amboss: 1952)
Gier (François Ponthier: 1967)
Gier (Marcus van Heller: 1970)
Gier (Hasso Mager: 1983)
Gier (Jutta A. Kleber und Alexander Schuller: 1993)
Gier (Garry Disher: 1999)
Gier (Elfriede Jelinek: 2000)
Gier (Isabel Kreitz: 2003)
Gier (Sandra Brown: 2006)
Gier (Jason Zweig: 2007)
Gier (Marcel Feige: 2008)
Gier (Reiner und Heiko Martin: 2008)
Gier (Rainer Siegel: 2010)
Gier (Dieter Wedel: 2010)
Gier (Karl-Georg Schroll: 2011)
Gier (Heinz-Kurt E. Wahren: 2011)
Gier ! (Ulrich Behrens: 2012)
Gier (Arne Dahl: 2012)
Gier (Rudolf Brandstetter: 2013)
Gier (Martin Krist: 2013)

Lust (Elfriede Jelinek: 1989)
Lust (Everett Lewis: Erscheinen angekündigt)
Lust (Cosette: 2007)
Lust! (Uschi Niemann: 2008)
Lust (Cornelia Schleime und Ulf Meyer zu Küingdorf: 2008)
Lust (Isabelle Blare und Amir Valle: 2009)
Lust (Ludger Hünnekens: 2009)
Lust (Isabella Frey: 2014)

Zorn (Paul und Liz Griffin: 2008)
Zorn (Axl Klein und Roger Willemsen: 2013)
Zorn (Ricarda Junge: 2014)
 


Rainald Goetz zum Sechzigsten (nachträglich):
Die Sonderermittlersau

Auf dem Land, 1. Juli 2014, 17:03 | von Paco

30? Okay. 40? Okay. 50? Wooaaaw! Okay. Aber 60? Man wird doch nicht 60, Rainald Goetz wird doch nicht 60! Aber gut, »warum soll er nicht auch mal sechzig werden?«

Da ich schon mal zu einem anderen Betriebsjubiläum was geschrieben hatte, sollte ich auch diesmal einen Gratulationstext schreiben, aber dann lief Ende Mai gerade die Rhabarberernte auf Hochtouren und ich musste raus und mit helfen.

Jetzt gerade fiel mir das wieder ein und ich schaute mit einem bisschen find und grep -Hirn über den Archivdateien der letzten 20 Jahre einfach mal nach, was sich so alles anfand. Und am besten gefielen mir gleich die periodischen Backups, die ich damals 1998/99 mehr oder weniger täglich von »Abfall für alle« gewgettet hatte. Das Schöne daran war, dass man so nachverfolgen konnte, was Goetz nachträglich geändert hatte, und ich sah also mal ein paar DIFFs durch und das hier war gleich wieder super, Eintrag vom 19.11.98:

[URSPRÜNGLICHE VERSION]
1842. Auf CNN redet Starr, seinen Sonderermittlertext, die Selbstrechtfertigung eines Gerechten. Und auch der wird seine Hölle finden. IMPEACHMENT HEARINGS, live.

[ÜBERARBEITETE VERSION]
1842. Auf CNN redet Starr, die Sonderermittlersau. IMPEACHMENT HEARINGS, live.

Kenneth Starr, wer kennt ihn noch?, war der Ermittler in Sachen Lewinskyaffäre. Und Goetz verkürzt hier aufs Schönste seinen Gedanken. Im gedruckten »Abfall für alle«, sehe ich gerade, steht leider wieder die ursprüngliche Version, Seite 743. Keine Sonder­ermittlersau mehr. Und auch keinerlei Erwähnung dieses seltenen Tiers bei Google oder Google Books. Das muss sich ändern und ich präsentiere hiermit der Weltöffentlichkeit ein echtes Goetz’sches Dichterwort, das sonst in den Untiefen der Schriftstellerüberarbei­tungen verloren geblieben wäre: eben die Sonderermittlersau.

Und die Idee ist sowieso, mal die ganzen damals gezogenen Dateien durchzugehen und was »Zum Überarbeitungsprozess im Œuvre des Rainald Goetz« zu machen. Aber jetzt beginnt erst mal die Getreideernte und ich muss wieder mit raus aufs Feld. Alles Gute, Rainald Goetz, nachträglich, zum sozusagen Sechzigsten!
 


Tropical Heat

Hamburg, 22. Juni 2014, 15:00 | von Dique

Eigentlich (eigentlich, hehe, was für ein schönes Wort immer wieder), eigentlich wollte ich kurz was zu Rainer Karlschs herrlichem, sehr Borges-esque geschriebenem Doppelseitenartikel über Hans Kammler in der letzten FAS schreiben, aber dann lese ich gerade dieses endgeile Buch von Robert G. Hagstrom, ein Investor und mir bekannt als einer der besten Autoren über den Investing-Style von Warren Buffett, mit seinem Buch »The Warren Buffett Way«.

Nun also bin ich grad an »Investing: The Last Liberal Art«, und wie der Titel vermuten lässt, setzt Hagstrom Investing in den Kontext verschiedener Wissens- und Wissenschaftsfelder. Das ist sehr schön und ein bisschen wie »Sofies Welt« in gut. Ein Gang durch verschiedene Wissensgebiete (Evolutionsbiologie, Mathematik etc.) und dann schlägt er immer den Bogen zum Investing. Jetzt berichtet er gerade von John Allen Paulos, und das passt ziemlich gut zu dem ongoing Thema THE TWO CULTURES, der hat Bücher geschrieben wie »A Mathematician Reads the Newspaper« oder »Once Upon a Number: The Hidden Mathematical Logic of Stories«, also so Mashups der ZWEI KULTUREN, wie man sie nur lieben kann.

Aber okay, und à propos, wisst ihr noch, wie damals so Ende der Neunziger unser Freund Tropical-Heat-Barthel den Vorschlag, jemandem ein Buch zu schenken, abwehrte mit dem Satz: »Ja, gute Idee, aber das ist so ein veraltetes Medium, wer will das schon haben«? – Dieser Satz erweist sich immer mehr als visionär. Hier in Hamburg liegen ständig überall aussortierte Bücher zum Mitnehmen herum. Auf den Fensterbänken im Treppenhaus, in Kartons vor Haustüren, gestapelt in irgendwelchen Unterständen. Die Leute wollen die Dinger einfach loswerden. Tropical-Heat-Barthel war also in den Neunzigern ein absoluter Visionary.