Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


100-Seiten-Bücher – Teil 68
Thomas De Quincey: »Die letzten Tage des Immanuel Kant« (1827/1854)

Berlin, 17. Mai 2013, 00:50 | von Josik

Thomas De Quincey ist ja vor allem durch seine Opiumbeichte bekannt, aber eigentlich noch besser ist dieses Büchlein über die letzten Tage des Immanuel Kant. Man muss natürlich nicht alles glauben, was hier behauptet wird, aber es liest sich eben sehr angenehm. Zum Beispiel: »Kant schwitzte niemals«. Oder auch: »Wenn immer jemand vorzeitig starb, pflegte Kant zu sagen: ›Er hat vermutlich Bier getrunken.‹ Oder wenn ein anderer unpäßlich war, fragte er mit Sicherheit: ›Trinkt er etwa Bier?‹«

Warum Kant hier ein derart extremer Bierhass untergeschoben wird, ist nicht recht ersichtlich. Der deutschen Ausgabe dieses Buches ist im Anhang noch eine kleine Abhandlung »Über den Schädel Kants« beigefügt, mit sehr interessanten Aufnahmen von Kants Totenkopfschädel – von vorne, von hinten und im Profil. Von hinten sieht Kants Totenkopfschädel ein wenig aus wie eine unförmige Kartoffel. Aber heute ist es ja sowieso wissenschaftlich erwiesen, dass diese ganze Schädelforschung oder Totenkopfschädelforschung, in die das 19. Jahrhundert so vernarrt war, völliger Quatsch ist.

Länge des Buches: ca. 110.000 Zeichen (engl.). – Ausgaben:

Thomas De Quincey: Die letzten Tage des Immanuel Kant. Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Cornelia Langendorf. Mit Beiträgen von Fleur Jaeggy, Giorgio Manganelli und Albert Caraco sowie einem Anhang. München: Matthes & Seitz 1984.

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100-Seiten-Bücher – Teil 67
Carl Zuckmayer: »Henndorfer Pastorale« (1972)

Konstanz, 11. Mai 2013, 23:38 | von Mynaral

Was haben Frank Schirrmacher und Carl Zuckmayer gemeinsam? Richtig, den ausufernden Gebrauch von Gedankenstrichen. Während sie jedoch Schirrmacher in die Tiefen des Internets und der Finanzindustrie geleiten, folgen wir Zuckmayer nur in das Salzburger Hinterland, nach Henndorf am Wallersee. Es ist irgendwann Anfang der Siebzigerjahre und sehr, sehr heiß, »der heißeste Tag eines heißen Sommers«.

Vom Bürgermeister und anderen Honoratioren empfangen kommen Zuckmayer, seine Frau und eine gelöste Dorfgesellschaft an der Wiesmühl an, dem Wohnhaus, das die Familie 1938 Richtung Exil verlassen musste. Es folgen Spuk, Hochsommergewitter, Festlichkeit, Versöhnung und Erinnerung und damit das obligatorische Namedropping: Reinhardt, Werner Krauß, Jannings, Bruno Walter, Hauptmann, Zweig und Horváth gaben sich hier früher die Klinke in die Hand.

In dieser Zeit half Zuckmayer auch dem in Henndorf geborenen Schriftsteller Johannes Freumbichler dabei, mit seinem Bauernroman »Philomena Ellenhub« bei einem Wiener Verlag unterzukommen. Prompt gewann Freumbichler 1937 den Förderpreis zum Großen Österreichischen Staatspreis und kaufte sich vom Preisgeld »einen Winterüberzieher vom Schneidermeister Janka und ein menschenwürdiges Geschirr«, wie sein größter Bewunderer und Enkel später berichtet, der damals allerdings noch sechsjährige Thomas Bernhard.

Während sich in der Wiesmühl die oben genannten berühmten Besucher einfanden, hatte der kleine Thomas noch beseelt mit den beiden Töchtern des Hauses gespielt und bekam »als Höhepunkt, neben allem anderen«, heiße Schokolade mit Schlagobers zu trinken. Eines Tages trat dann der so weißhaarige wie »berühmteste Schriftsteller seiner Zeit« ins Vorhaus und fragte: »Wo kann man denn hier Toilette machen?« Den kleinen Thomas hat das »ungemein beeindruckt«.

Länge des Buches: ca. 104.000 Zeichen. – Ausgaben:

Carl Zuckmayer: Henndorfer Pastorale. Zeichnungen von Clemens Holzmeister. Salzburg: Residenz Verlag 1972. S. 3–119 (= 117 Text­seiten, davon 10 Seiten mit Zeichnungen und 10 Leerseiten).

Carl Zuckmayer: Henndorfer Pastorale. In: Carl Zuckmayer. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Hrsg. von Knut Beck und Maria Guttenbrunner-Zuckmayer. Band: Die Fastnachtsbeichte. Erzählungen 1938–1972. Frankfurt/M.: S. Fischer 1996. S. 311–362 (= 52 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 66
Pearl S. Buck: »Die Frau, die sich wandelt« (1979)

Berlin, 8. Mai 2013, 12:29 | von Josik

Als Doris Lessing im Jahr 2007 der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde, sagte sie: »I’m 88 years old and they can’t give the Nobel to someone who’s dead, so I think they were probably thinking they’d probably better give it to me now before I’ve popped off.« Als im Jahr 1938 beratschlagt wurde, wer mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet werden soll, war Hermann Hesse zum zweiten Mal nominiert. Abgesahnt hat ihn dann aber, im jugendlichen Alter von 46 Jahren, Pearl Sydenstricker Buck, die kein einziger Buchmacher überhaupt auf dem Zettel hatte und von der im Nobelpreiskomitee noch nie zuvor die Rede war. Dies führte dort zur Lex Pearl S. Buck, wonach fortan nie wieder jemand sofort bereits bei der Erstnominierung literaturnobelausgepreist werden darf.

Pearl S. Buck jedenfalls musste nun niemandem mehr etwas beweisen und konnte nach 1938 machen, was sie wollte. Deshalb hat sie dann auch den Hundertseiter »The Woman who was changed« geschrieben, ein Buch, das sämtliche Ingredienzien für einen Bestseller, Topseller und Longseller enthält und das unbedingt wieder neu aufgelegt werden sollte. Es muss ja nicht unbedingt unter dem ambitionierten Titel »Die Frau, die sich wandelt« sein. Die aus dem Fernsehen bekannte Schriftstellerin Christine Westermann gab einem ihrer Romane den etwas eingängigeren Titel: »Baby, wann heiratest du mich?« Lustigerweise ist dieser Christine-Westermann-Titel auch schon die komplette Inhaltsangabe des beliebten Buckbuchs.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Pearl S. Buck: Die Frau, die sich wandelt. Roman. Aus dem Amerikanischen von Anke Schmidt. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1989. S. 5–107 (= 103 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 65
Peter Bichsel: »Cherubin Hammer und Cherubin Hammer« (1999)

Berlin, 4. Mai 2013, 18:08 | von Josik

In Peter Bichsels »Cherubin Hammer und Cherubin Hammer« geht es (wie der Name schon sagt oder wie die Namen schon sagen) um die Geschichte von Cherubin Hammer und um die Geschichte von Cherubin Hammer. Obwohl es sich um einen erzählerischen Text handelt (»den zweitlängsten Erzähltext des Autors«), ist er mit insgesamt 54 Fuß­noten durchsetzt, die aber nicht weiter stören.

In Fußnote 2, in Fußnote 41 und in Fußnote 53 ist vom Zürcher »Tages Anzeiger« die Rede, im Volksmund auch ›Tagi‹ genannt. In Fußnote 2 und in Fußnote 53 ist sogar, noch präziser, von der Seite 14 des »Tages Anzeiger« die Rede. Wäre darüber hinaus auch noch in Fußnote 41 von der Seite 14 des »Tages Anzeiger« die Rede, so könnte man glatt sagen, dass in diesem Buch nicht nur der »Tages Anzeiger« als solcher, sondern eben die Seite 14 des »Tages Anzeiger« ein Leitmotiv ist.

Als Cherubin Hammer dann gefragt wird, wie er denn dazu gekommen sei, zu sagen, dass auf Seite 14 des »Tages Anzeigers« etwas stehe, das unbedingt gelesen werden solle, antwortet er (in Fußnote 2): »Ich habe es nicht verstanden, da habe ich mir gedacht, es könnte etwas für dich sein.«

Irgendwie kam mir das alles sehr wunderlich vor, deshalb bin ich neulich, am Karfreitag, extra zum Hauptbahnhof gefahren in der Absicht, den »Tages Anzeiger« käuflich zu erwerben und dann mal nachzukucken, ob die Seite 14 denn wirklich so schwer verständlich ist? Dummerweise war der »Tages Anzeiger« aber schon ausverkauft bzw. an der Kasse konnten sie mir auch gar nicht sagen, ob er denn an normalen Tagen (Nichtfeiertagen) erhältlich ist.

Ersatzhalber bin ich jetzt wenigstens auf die Homepage des »Tages Anzeiger« gegangen und habe mir die Startseite komplett durchgelesen und, ja!, tatsächlich!, es gibt dort ein (1) Wort, das nicht auf Anhieb verständlich ist: »Schnitzelbank-Opfer«.

Länge des Buches: ca. 138.000 Zeichen. – Ausgaben:

Peter Bichsel: Cherubin Hammer und Cherubin Hammer. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1999. S. 5–109 (= 105 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 64
Paul Watzlawick: »Anleitung zum Unglücklichsein« (1983)

Leipzig, 3. Mai 2013, 00:20 | von Paco

Mein Exemplar kommt aus dem Antiquariat und schon auf Seite 7 ist ein Wort angestrichen: »altruistischen«. Neben der Zeile steht dann ein krakeliges Fragezeichen. Auf den nächsten Seiten geht das so weiter, per Bleistiftstrich und Fragezeichen sind folgende weitere Einzelwörter angemarkert: »Upanischaden«, »Aphorismus«, »sublimes«, »eminent«, »Insinuation«. Das letztgenannte Wort steht auf Seite 25. Offenbar war der unbekannte Vorbesitzer des Buches dann so unglücklich über Watzlawicks abundierenden Fremdwortgebrauch, dass er gar nicht weitergelesen hat.

Das Ganze erinnerte mich an Adornos berühmten Aufsatz »Wörter aus der Fremde«, der so beginnt: »Zum ersten Male seit meiner Jugend haben mich Protestbriefe wegen des angeblich übertriebenen Gebrauchs von Fremdwörtern nach der Radiosendung der Kleinen Proust-Kommentare erreicht. Ich sah das Gesprochene daraufhin durch und fand gar keinen besonderen Aufwand an Fremdwörtern darin«. Im Folgenden verteidigt Adorno dann seine Benutzung der Fremdwörter »suspendiert«, »Disparatheit«, »designiert«, »ratifizieren«, »imagines«, »Soirée«, »Sexus«, »society-Leute«, »kontingent«, »Spontaneität« und »Authentizität«.

Von Watzlawick gibt es keine solche Rechtfertigung, er hat sich an keiner Stelle dafür entschuldigt, dass er statt »Sinnspruch« »Aphorismus«, statt »fein« »sublim« oder statt »herausragend« »eminent« geschrieben hat. Ein Best- und Longseller ist sein Buch trotzdem geworden, zuletzt wurde es sogar noch verfilmt. Adornos »Kleine Proust-Kommentare« und sein Fremdwörter-Essay wurden hingegen nur im Radio übertragen.

Länge des Buches: ca. 118.000 Zeichen. – Ausgaben:

Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein. München: Piper, 31. Auflage 1990. S. 9–128 (= 120 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 63
Stefan Zweig: »Schachnovelle« (1942)

Solingen, 30. April 2013, 19:23 | von Bonaventura

Besonders unter jenen, die den Springer gewöhnlich Pferd nennen, hält sich anscheinend hartnäckig das Gerücht, es handele sich bei Stefan Zweigs »Die Schachnovelle« um eine überzeugende literarische Gestaltung des leidenschaftlichen Schachspielers und seiner Psychologie. Geadelt wird dieses vorgebliche psychologische Kabinettstückchen durch die politische Kulisse, vor der es vorgeführt wird und dessen Opfer nicht nur jener geheimnisvolle Dr. B., sondern auch der Autor selbst war, der über der Veröffentlichung des Stücks im Exil verstorben ist.

Schaut man sich diese Kulisse auch nur für einen Moment kritisch an, so wird man sich kaum dem Urteil entziehen können, dass es sich bei diesem Hundertseiter um eine der am schlechtesten erfundenen Fabeln der sogenannten Weltliteratur handelt. Statt Dr. B. in einen Kerker zu werfen, ihn physischer Folter auszusetzen und ihn schließlich in einem KZ verkommen zu lassen, quartieren ihn die Nazis in einem Hotelzimmer ein, erlauben ihm den Diebstahl und die Lektüre einer Sammlung von Schachpartien, um ihn schließlich als Zeugen ihrer grausamen Praktiken ins Ausland reisen zu lassen.

Viel schlimmer aber ist die Küchenpsychologie des Schachspielers: Nicht nur beweist Stefan Zweig bei der Darstellung Dr. B.s, dass er keinen Schimmer hat, welche Leistung tatsächlich hinter dem Konkurrieren mit der schachlichen Weltspitze steckt, sondern er schreibt dem angeblichen Weltmeister Czentovic auch noch eine Schwäche der Vorstellungskraft zu, die es ihm faktisch unmöglich machen würde, auch nur eine einzige Variante zu berechnen, geschweige denn eine ganze Partie zu spielen.

Aber der ganze Rest ist sicherlich großartig!

(Langfassung dieses Textes hier.)

Länge des Buches: ca. 122.000 Zeichen. – Ausgaben:

Stefan Zweig: Schachnovelle. [Frankfurt/M.:] S. Fischer 1961. S. 5–95 (= 91 Textseiten).

Stefan Zweig: Schachnovelle. [Originalfassung Buenos Aires 1942 in der Reihe »Bibliothek der Erstausgaben«.] München: dtv 2013.

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100-Seiten-Bücher – Teil 62
Anna Seghers: »Aufstand der Fischer von St. Barbara« (1928)

Berlin, 23. April 2013, 13:12 | von Josik

Bereits im ersten Satz wird verraten, wie diese Geschichte ausgeht. Wem es reicht, die Auflösung zu erfahren, der kann also das Buch nach dem ersten Satz wieder zuklappen. Wer aber wissen will, wie es zu diesem Ende gekommen ist, der sollte auch den Rest noch lesen – zumal es sich um Anna Seghers’ erstes Buch handelt, für welches ihr, dank Hans Henny Jahnn, auch gleich der Kleist-Preis zuerkannt wurde. Ein paar Jahre später hat Erwin Piscator in der Sowjetunion dieses Büchel sogar verfilmt.

Wenn man nur den Film kuckt, verpasst man aber die ausdrucks­starken literarischen Vergleiche, die Anna Seghers in ihrem Buch abfeuert: »wie die Platten einer ungeheuren hydraulischen Presse« (S. 8), »[w]ie der Zeigefinger einer ausgestreckten Hand« (S. 8), »wie ein Kind, das seine Mutter im Dunkeln wiedererkennt« (S. 8), »wie die geschweiften Schwingen zweier in der Luft ruhenden Vögel« (S. 21), »wie ein Knorz von einer dünnen Wurzel« (S. 22), »wie ein an einem Riemen befestigtes Bleigewicht« (S. 53), »wie ein Kassenschrank« (S. 73). Usw. usw.

Piscator war ja schon in den 20er-Jahren in der »Künstlerhilfe für die Hungernden in Rußland« aktiv und richtete auch einmal eine Anfrage an, wie er ihn nannte, »Herrn Karl Krauss« (Fackel Nr. 759–765, S. 60). Woraufhin Kraus sachlich feststellte, dass Piscator »meinem Namen das zweite s appliziert hat, das dem seinen freilich eher gebührte« (ebd., S. 68).

Länge des Buches: ca. 171.000 Zeichen. – Ausgaben:

Anna Seghers: Aufstand der Fischer von St. Barbara. Weimar: Kiepenheuer 1947. S. 5–108 (= 104 Textseiten).

Anna Seghers: Aufstand der Fischer von St. Barbara. Berlin: Aufbau-Verlag 2002 (= Werkausgabe. Das erzählerische Werk I/1.1). S. 3–93 (= 91 Textseiten).

Anna Seghers: Aufstand der Fischer von St. Barbara. Erzählung [laut Stephan Hermlin aber ein »Roman«!]. Mit einem Nachwort von Sonja Hilzinger. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 4. Auflage 2011.

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100-Seiten-Bücher – Teil 61
Adolfo Bioy Casares: »Morels Erfindung« (1940)

Paris, 16. April 2013, 22:22 | von Niwoabyl

Ich wollte das Büchlein schon seit Ewigkeiten lesen, weil ich mal irgendwo gehört hatte, dort hätten sich Resnais und Robbe-Grillet für »L’Année dernière à Marienbad« bedient. Der Film ist ein großartig verkopftes kryptisches Wunder, und als Orgelmusikfanatiker muss ich ihn einfach als einen meiner Lieblingsfilme betrachten. Außerdem hat mal der liebe Deleuze in einer seiner Vorlesungen mit ihm ein ziemlich grandioses theoretisches Spektakel angerichtet, indem er das Zerwürfnis zwischen Autor und Regisseur auf verschiedene Auffassungen von Zeit und Gedächtnis, mithin auf verschiedene interpretatorische Möglichkeiten zurückführte.

Allein die Idee, gerade wenn man sich nicht einig sei, könne man zusammen ein Meisterwerk aushecken, ist faszinierend; das sieht man auch bei Robert Bresson: Ein mystischer Regisseur verfilmt eine grausame Erzählung aus der Feder eines notorischen Freidenkers, arbeitet dafür mit lauter Filmstars zusammen, mit denen er sich extrem schlecht versteht, am Ende sind alle stinksauer, der Autor dreht sich wie wild im Grabe um, und schon hat man den Film der Filme.

Immerhin hat es richtig gefunkt zwischen Borges und Bioy Casares, eigentlich so gut, dass vielen Bioy Casares nur deswegen überhaupt ein Begriff ist. Selbst auf dem Cover meiner libro-de-bolsillo-Ausgabe vom gemeinsamen Buch »Seis problemas para don Isidro Parodi« steht Bioy Casares’ Name kleiner gedruckt als Borges’. Frechheit! Und Borges’ berühmtes Vorwort für »Morels Erfindung« klingt, hat man die Geschichte gelesen, wie üble Vereinnahmung. Was hat diese lahme Polemik gegen psychologische Prosa und für den Abenteuerroman denn hier zu suchen? Wenn das kleine Buch ein Abenteuerroman ist, dann einer von der wirklich beschaulich-lyrischen Sorte. Robinson-Crusoe-Situation, Science-Fiction-Anklänge und HG-Wells-Anspielungen hin oder her: Wer auch nur die wunderbaren ersten und letzten Paar Sätze gelesen hat, weiß schon bescheid: Die Grundstimmung ist elegisch.

Obwohl die Beziehung zum Marienbad-Film keine unmittelbare ist, hat das Buch sehr viel mit dem Kino zu tun, auf fantasmagorisch-surreale Weise, und ist in dieser Hinsicht wie eine Weiterentwicklung von Jules Vernes »Karpathenschloss«. Deswegen sollte man eben der Versuchung widerstehen, es zu verfilmen. Viel schöner wäre nämlich, Bioy Casares’ technisch-moderne Schattenwelt dorthin zu überführen, wo er eigentlich hingehört: in die Ästhetik der Barockoper. Morel würde sich in der Gesellschaft von Ariostos Zauberinnen sicher geborgen fühlen, und im Falle nicht verlässlichen Zaubers wäre er ihnen auch nicht der schlechteste Berater.

Länge des Buches: ca. 176.000 Zeichen (Haefs-Übersetzung). – Ausgaben:

Adolfo Bioy-Casares: Morels Erfindung. Roman. Aus d. Span. übers. von Karl August Horst. Mit e. Nachw. von Jorge Luis Borges. München: Nymphenburger Verl.-Handl. 1965.

Adolfo Bioy Casares: Morels Erfindung. Roman. Aus dem Span. von Gisbert Haefs. Mit einem Nachw. von René Strien. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2003.

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Die große Ulla-Berkéwicz-Festwoche (Tag 7):
Ausblicke

Berlin, 14. April 2013, 12:45 | von Josik

Logo der Festwoche

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Mit dem Hinweis auf zwei weitere Hundertseiter aus der Feder von Ulla Berkéwicz geht die große Ulla-Berkéwicz-Festwoche heute leider schon zu Ende. Eine ungewöhnliche Autorin galt es wiederzuentdecken – wenngleich unsere Schuldigkeit noch nicht ganz getan ist. Literaturhistorisch bedeutsam ist es nämlich, dass in dem Buch »Vielleicht werden wir ja verrückt« (2002) auf Seite 51 die Wendung »Hanauer Gefühle« auftaucht. Der Satz ist zu herzzerreißend, um ihn nicht in voller Länge zu zitieren:

»Ich war fünfzehn, Weltschmerz und Verachtung tobten mir gleich stark in der Brust, die Hanauer Gefühle schnürten mir den Hals ab, ich hörte ›Insch allah‹ und ›Hava Nagila‹ aus der Milchbar-Jukebox und schrieb meine Gedichte, Elegien, Klagen, Anklagen und Verweigerungstraktate.« (S. 50f.)

Es scheint dies schon eine subtile Vorausdeutung auf den Essay »Hanauer Gefühle« zu sein. Das Cover und der Vorschautext für »Hanauer Gefühle« geistern noch immer durchs Internet. Ein »eigensinnig schöner Essay« wird uns da schmackhaft gemacht, in dem zu lesen steht, wie ein hessisches Mädchen in seiner Jugend mit seinen Idealen gegen Wände läuft und sich dennoch sagt: Eine andere Welt ist möglich – vielleicht eine Welt außerhalb Hessens.

Leider aber ist dieser Essay »Hanauer Gefühle« nie erschienen. Nach Angaben der Deutschen Nationalbibliothek hätte er die klassische Hundertseiterlänge von 90 Seiten umfassen und im Jahr 2003 erscheinen sollen. Wer sich nicht auszumalen wagt, welch unersetzlichen Verlust für die deutschsprachige Literatur es bedeuten würde, wenn dieses Werk auch fürderhin in der Schublade liegen bleibt, der kann nur hoffen, dass hier bald noch ein weiterer Schatz zu heben ist. Wer auf der Verlagshomepage nach »Hanauer Gefühle« sucht, erhält die lakonische Auskunft: »Ihre Suche nach ›Hanauer Gefühle‹ ergab kein Ergebnis«.

Andere Ulla-Berkéwicz-Werke hingegen kann man direkt auf www.suhrkamp.de bestellen: »Michel, sag ich« etwa schon für EUR 1,45 oder »Adam« für EUR 2,45, zzgl. EUR 3,00 Versandkosten. Bei einem Warenbestellwert über EUR 20,00 werden einem die Versandkosten erlassen. Man kann sich jedes Buch bei Suhrkamp auch als Geschenk verpacken lassen (»Für die Geschenkverpackung fallen pro Artikel 2,00 Euro an«). Es gibt für diese Geschenkverpackung zwei Muster, Muster 2 finde ich schöner als Muster 1.

Etwas mehr Glück haben wir da mit dem allerneuesten Ulla-Berkéwicz-Buch: »Reine Erfindung«, abermals ein klassischer Hundertseiter, diesmal 80 Seiten lang. Laut Vorschautext wirft dieses Buch die Frage auf, ob es schon Endzeit oder erst Angst und Ahnung sei, wenn der katholische Priester sich im Gebälk des Glockenturms erhängt und der muslimische Schlachter das Messer an die eigene Kehle setzt.

Noch Anfang Februar d. J. war auf der Verlagshomepage als Erscheinungstermin wohl nicht zufällig Balzacs Geburtstag, der 20. Mai, angekündigt. Inzwischen wurde, aus noch ungeklärter Ursache, der Termin auf den 11. November, Dostojewskis Geburtstag, verschoben. Uns bleibt vorerst nur die Hoffnung, mit der Würdigung dieses Hundertseiters, dessen Erscheinungstermin nicht ein weiteres Mal zu verschieben wir Gott bitten, uns auch um die nächste Ulla-Berkéwicz-Renaissance verdient machen zu können.
 


Die große Ulla-Berkéwicz-Festwoche (Tag 6):
»Überlebnis« (2008)

Berlin, 13. April 2013, 09:40 | von Josik

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 60)

Logo der Festwoche

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Gleich auf der ersten Seite taucht der »Spielspieler« auf, und wer sich hier an eine so wunderbare Wortschöpfung wie den Sat.1-Filmfilm erinnert fühlt, liegt genau richtig. Schon auf der zweiten Seite nämlich sind irgendwelche Leute dann von etwas »überweltigt«, und auch im folgenden zeugt dieses Werk trotz seiner ernsten Thematik von einem derart beseelten Sprachwitz, wie er wohl nicht mal Dieter Nuhr bzw. Hildebrandt zu eigen ist. In das hinreißende Wort »Muttergottesgeil­heit« (S. 132) scheint Ulla Berkéwicz selbst ganz vernarrt zu sein, tauchte die »Muttergottesgeilheit« doch bereits in dem großen Essay »Vielleicht werden wir ja verrückt« auf (2009, S. 18).

Ich habe das Buch in einem Rutsch ausgelesen, nur einmal musste ich kurz innehalten. Da beschreibt die Erzählerin, was sie in ihrer Handtasche hat: »den Lader für das Handy, zwei Päckchen Zigaretten, zwei Tüten Pfefferminzbonbons, Geld, Ausweis, Kamm und Lippenstift« (S. 60). Vielleicht können sich ältere Leser noch erinnern: Sagte man damals, als Handys aufkamen, ›Lader‹? Hoffentlich! Denn es ist ja in der Tat nicht einzusehen, warum das hässliche, kalte, technizistische, umständliche, pfuiteuflische ›Ladegerät‹ oder gar ›Aufladegerät‹ sich überhaupt durchgesetzt hat gegenüber dem zehntausendmal schöneren, farbigeren, sinnvolleren, poetischeren und auch kompakteren ›Lader‹. Nicht zuletzt deshalb ist die Lektüre von »Überlebnis« unbedingt zu empfehlen.

Länge des Buches: ca. 157.000 Zeichen. – Ausgaben:

Ulla Berkéwicz: Überlebnis. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008. S. 5–139 (= 135 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)