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Auch das noch!

Göttingen, 1. April 2014, 18:27 | von Paco

Alfred Kerr. Immer wieder Alfred Kerr. Eines der berühmtesten, wenn nicht schönsten Zitate aus den Feuilletons aller Zeiten und Völker ist zweifelsohne das folgende. Es gibt davon mehrere Versionen, hier sind mal fünf:

»Als ich das Theater um 21.42 Uhr vorzeitig verließ, regnete es. Auch das noch!« (DER SPIEGEL, 1982)

»Als ich aus dem Theater kam, spannte eine Dame vor mir den Schirm auf. Es regnete. Ich sagte: ›Auch das noch!‹« (via Google Books, 1989)

»Meiner Frau und mir hat das Stück nicht gefallen, und in der Pause, als wir nach Hause gingen, regnete es auch noch.« (via Google Books, 1996)

»Das Stück dauerte dreieinhalb Stunden. Als ich danach auf die Straße trat, regnete es. Auch das noch.« (via Google Books, 1999)

»Dann trat ich vor das Theater auf den Vorplatz und es regnete. Auch das noch!« (Nina Hoss, 2012)

Einige Varianten sind expressis verbis aus dem Kopf zitiert. Aber woher auch sonst? Denn es ist mir nicht gelungen, ein entsprechendes und womöglich gedrucktes Originalzitat zu finden. Bei meiner Suche fragte ich mich bis zur Alfred-Kerr-Stiftung durch. Aber auch der Kerr-Herausgeber Günther Rühle wusste keine Antwort. Es scheint also tatsächlich nur eine Anekdote zu sein, die jahrzehntelang über »Stille Post« weitergetragen wurde. Wunderbar!

Ich war übrigens neulich im Schauspiel Köln und sah Moritz Sostmanns Inszenierung des »Guten Menschen von Sezuan«. Danach hat es nicht geregnet, im Gegenteil, es war eine frühlingswarme und sternenklare Nacht, auch das noch, hehe.
 


Vossianische Antonomasie (Teil 44)

Leipzig, 24. März 2014, 12:27 | von Paco

 

  1. eine Gloria Swanson der Literatur
  2. ein Uwe Johnson für kleine Leute
  3. der Beckenbauer der Sprache
  4. unsere Callas der U-Musik
  5. die Brüder Goncourt der Bundesrepublik

alles bis auf #220 gefunden in:
Fritz J. Raddatz: Tagebücher 2002–2012
(vgl. die Funde in den Tagebüchern 1982–2001)

 


Rücktritt des Papstes und kein Ende

Göttingen, 16. März 2014, 11:34 | von Paco

Benedikts originär lateinische Rücktrittserklärung war ja von Wilfried »Valahfridus« Stroh nachträglich kontrolliert und korrigiert worden. Der gesamte Prüfungsvorgang wurde dann von der »Münchner Abend­zeitung« off- und online veröffentlicht und von uns zu einem der zehn besten Feuilletontexte des vergangenen Jahres gekürt.

Die Erklärung des nunmehr ruheständigen Papstes stammt vom 11. Februar 2013, der Text in der »Abendzeitung« wurde am 23. Februar 2013 veröffentlicht. Doch wie ging es weiter?

Wo es weiterging, ist erst mal klar, nämlich im FC, im Forum Classicum, Erscheinungsweise: vierteljährlich. In der Ausgabe 1/2013 (PDF) wurde neben einem einleitenden Text von Andreas Fritsch zunächst Strohs Lektorat in der vollständigen Fassung wiederabgedruckt, dort S. 45–50.

Felix M. Prokoph hat dazu eine noch viel längere Replik verfasst, zu der herrliche Fußnoten gehören und in der er vermeintliche Ungenauig­keiten und Unlauterkeiten Strohs anmerkt. Nachzulesen in FC 2/2013 (PDF), S. 139–151.

In derselben Ausgabe gab es auf S. 177 auch noch zwei wunder­schöne Leserbriefe zu Strohs Aktion (»Wichtigtuerei«! »Taktlosig­keit«!).

Die Ausgabe 3/2013 wurde als Diskurspause genutzt.

In Ausgabe 4/2013 (PDF) gab es dann eine Apologie von Stroh gegen Prokoph, S. 318f. Dort steht auch noch mal, dass die Nebenüberschrift »Papst fehlbar!« natürlich nicht von Stroh, sondern aus den Reihen der AZ-Redaktion stammte.

Fortsetzung folgt hoffentlich, FC 1/2014 steht noch aus.
 

Update 08.04.2014:
Endlich ist FC 1/2014 erschienen, darin leider kein Follow-up, dafür aber eine schöne Abhandlung über »Latein und Türkisch«.

 


Die 50 wichtigsten Alben des Jahres 2013

Leipzig, 14. März 2014, 14:04 | von Paco

Zwischen November und jetzt März hat das Ansagenfeuilleton die 50 wichtigsten Alben des Jahres 2013 vorgestellt. Ich hatte es selbst schon überprüft, aber ich hab gestern extra doch noch mal nachge­fragt, ob es sich hier wirklich und ausnahmslos um die wichtigsten (!) Alben (!) des letzten Jahres (!) handelt. »Ja, handelt es sich.«

Intro

1. Sigur Rós – Kveikur
2. Arcade Fire – Reflektor
3. Volcano Choir – Repave
4. Phoenix – Bankrupt
5. Fuck Buttons – Slow Focus
6. James Blake – Overgrown
7. Queens of the Stone Age – …like Clockwork
8. Vampire Weekend – Modern Vampires of the City
9. Gold Panda – Half of Where You Live
10. DJ Koze – Amygdala

11. The National – Trouble Will Find Me
12. Baths – Obsidian
13. Jon Hopkins – Immunity
14. Lorde – Pure Heroine
15. Veronica Falls – Waiting for Something to Happen
16. Kanye West – Yeezus
17. Chvrches – The Bones of What You Believe
18. Daft Punk – Random Access Memories
19. Moderat – II
20. Tegan and Sara – Heartthrob

21. Casper – Hinterland
22. King Krule – 6 Feet Beneath the Moon
23. Beach Fossils – Clash the Truth
24. Chance The Rapper – Acid Rap
25. Justin Timberlake – The 20/20 Experience
26. Pearl Jam – Lightning Bolt
27. Disclosure – Settle
28. Savages – Silence Yourself
29. Kurt Vile – Wakin On A Pretty Daze
30. Mount Kimbie – Cold Spring Fault Less Youth

31. Kwes – ilp.
32. M.I.A. – Matangi
33. Deptford Goth – Life After Defo
34. Foals – Holy Fire
35. Bonobo – The North Borders
36. A$AP Rocky – Long.Live.A$AP
37. Ghostpoet – Some Say I So I Say Light
38. Modern Life Is War – Fever Hunting
39. MGMT – MGMT
40. Shout Out Louds – Optica

41. Thundercat – Apocalypse
42. Kollegah & Farid Bang – Jung, brutal, gutaussehend 2
43. Cut Copy – Free Your Mind
44. Biffy Clyro – Opposites
45. Julia Holter – Loud City Song
46. Lady Gaga – Artpop
47. Haim – Days are gone
48. Boysetsfire – While a Nation Sleeps…
49. Drake – Nothing Was the Same
50. Darkside – Psychic

 


Vossianische Antonomasie (Teil 38)

Leipzig, 13. Februar 2014, 16:34 | von Paco

 

  1. die Lady Gaga der Ukraine
  2. der James Joyce der Dichtkunst
  3. die Jeanne d’Arc der Gleichstellung
  4. der Terence Malick der Spieleentwickler
  5. der Karl May der Verschwörungstheoretiker

 


Regionalzeitung (Teil 66)

Leipzig, 21. Januar 2014, 17:25 | von Paco

 
  326.   ein anderes Leben ist für ihn undenkbar

  327.   hier geht es anders zu als im Rest des Landes

  328.   im gutsortierten Buchhandel

  329.   die renommierte Regionalzeitung

  330.   ist in der Medienszene bestens bekannt
 


Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2013

Leipzig, 14. Januar 2014, 04:14 | von Paco

Der Maulwurfstag ist da! Heute zum *neunten* Mal seit 2005. Der Goldene Maulwurf 2013:

Der Goldene Maulwurf

Dass Özlem Gezers Gurlitt-Porträt aus dem »Spiegel« vergoldet werden musste, war natürlich ein bisschen offensichtlich. Aber wie wir in der Laudatio schreiben: »Es ist alles andere als einfach, zu einem ubiquitären Topthema auch den singulären Toptext zu liefern.«

Andreas Puff-Trojan wiederum ist die mit Abstand beste und pastichierendste Literaturkritik des Jahres gelungen. Sie wurde im »Standard« veröffentlicht, und überhaupt: österreichische Tageszeitungen! Wir können die nur immer wieder empfehlen, gerade für die Momente, in denen das Feuilletonlesen nicht mehr so viel Spaß zu machen scheint wie früher.

Alles Weitere steht in den 10 Laudationes. Hier nun also die Autorinnen und Autoren sowie die Zeitungen der 10 angeblich™ besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2013:

1. Özlem Gezer (Spiegel)
2. Andreas Puff-Trojan (Standard)
3. Sascha Lobo (FAZ)
4. Wilfried Stroh (Abendzeitung)
5. Simone Meier (SZ)
6. Claudius Seidl (FAS)
7. Liane Bednarz (Tagespost)
8. Margarethe Mark (Zeit)
9. Peter Unfried (taz)
10. Joachim Lottmann (Welt)

Auf der Seite mit den Jurybegründungen sind neben den Links stets auch die Seitenzahlen angegeben. Wie immer waren natürlich die Printversionen der Artikel maßgeblich für die Entscheidungen, wobei es sich bei dem Artikel der »Münchner Abendzeitung« um ein On-/Offline-Gesamtkunstwerk handelt. À propos, das gutgelaunte »Servus aus München«, das der AZ-Kulturredakteur Adrian Prechtel beim Feuilleton-Pressegespräch im Deutschlandradio Kultur immer in den Äther schickt, ist der momentan wohl schönste feuilletonistische Kampfschrei und wir sind ganz süchtig danach.

Nächstes Jahr steht endlich der 10. Goldene Maulwurf an, Jubiläum! Hinweise auf feuilletonistische Ubertexte des laufenden Jahres 2014 bitte wie stets an <umblaetterer ›@‹ mail ›.‹ ru>.

Bis später,
Euer Consortium Feuilletonorum Insaniaeque
 


+++ Morgen wieder Maulwurfsgold +++

Leipzig, 13. Januar 2014, 07:30 | von Paco

Von dem Maulwerff

Am zweiten Dienstag dieses Jahres, eben morgen, verleihen wir feierlich und mit allem dazugehörigen Pomp zum nunmehr *neunten* Mal seit 2005 den …


Goldenen Maulwurf

für die 10 besten Feuilletontexte
des vergangenen Jahres,
diesmal also 2013.

Wenn es nach uns gegangen wäre, hätte das Jahr 2013 bereits im Januar enden dürfen, so reichhaltig waren die unzähligen schon da abgelieferten nominierungs- und preiswürdigen Feuilletontexte. Die Longlist ist nun längst ausgesiebt, das Consortium hat final getagt, die Juryentscheidung liegt vor.

Hier noch unsere Backlist mit den Preisträgern der vergangenen Feuilletonjahre:

2005   (#1 Stephan Maus/SZ)
2006   (#1 Mariusz Szczygieł/DIE PRESSE)
2007   (#1 Renate Meinhof/SZ)
2008   (#1 Iris Radisch/DIE ZEIT)
2009   (#1 Maxim Biller/FAS)
2010   (#1 Christopher Schmidt/SZ)
2011   (#1 Marcus Jauer/FAZ)
2012   (#1 Volker Weidermann/FAS)
2013   (#1 ???/???)

Jetzt noch ein Mal schlafen – buona notte, talpa! – und dann werden hier die zehn Smashhits des Feuilletons 2013 verkündet.

Bis gleich,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque

 
(Bildmotiv: Gesners »Thierbuch« von 1606; Public Domain)


Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (1/2014)

Leipzig, 2. Januar 2014, 13:14 | von Paco

Helgoland

1. »In Noworossisk steht seit knapp zehn Jahren das weltweit einzige Leonid-Breschnew-Denkmal.« (NZZ)

2. Huhu? Doch, die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen sind jetzt vorbei!

3. Als nächstes steht hier am Dienstag, dem 14. Januar 2014, die feierliche Bekanntgabe der zehn besten Texte aus den Feuilletons des Jahres 2013 an. Zum *neunten Mal* wird dann unsere wundersame Siegtrophäe vergeben, der Goldene Maulwurf für den besten Kulturberichterstattungs- und -verarbeitungsartikel! (Ergebnisse vom letzten Jahr hier.)

4. JProgressBar: Die Longlist wurde mittlerweile sondiert, das Consortium Feuilletonorum Insaniaeque tagt, die Wahl läuft.

5. Bis zur feierlichen Bekanntgabe erscheinen hier aber noch ein paar andere Texte. Wir sind sozusagen grad frisch vom 30C3 zurück und kucken jetzt mal, was inzwischen alles an raddatzfreiem Material eingelaufen ist.

6. »Wenn Günter Brus schreibt, Camus habe einen ›Pestseller‹ verfasst, ironisiert er das sogleich.« (Die Presse)

7. »Der bisher kaum bekannte Autor David Vogel wird gerne in einem Atemzug mit Arthur Schnitzler genannt.« (noch mal Die Presse!)

8. »(…) der sympathische Bio-Metzger Wilhelm Hehe – das ›Hehe‹ ist zugleich Signum seiner Lachfreudigkeit auf seinen Wursttüten –, (…)« (FAZ)

9. Und nun: Der Sprung ins Dunkle!
 


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 19):
»Süchtig nach Kunst« (1995)

Leipzig, 19. Dezember 2013, 08:25 | von Paco

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 98)

Logo der Raddatz-Festwochen

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Raddatz ist nicht nur Literaturkritiker, sondern hat sich auch als professioneller Künstlerbesucher einen Namen gemacht. Einen ganzen Packen Künstlerbesuchsprotokolle, zwischen 1982 und 1992 größtenteils im »ZEITmagazin« erschienen, hat er 1995 gebündelt und unter dem Titel »Süchtig nach Kunst« herausgegeben.

Der Untertitel des Buches geht so: »Bekenntnisse zur Figuration«. Denn Raddatz hält Malewitschs schwarzes Quadrat einfach nur für ein schwarzes Quadrat. Und so besucht er Künstler, die nicht nur schwarze Quadrate geschaffen haben, sondern auch Sachen, die man versteht. Er schaut bei Francis Bacon vorbei und beschreibt dessen Tierhaftigkeit, sein »Raubvogelgesicht« (S. 17), unterhält sich mit Breyten Breytenbach (»daß er auch Maler ist, wissen wenige«, S. 29) und besucht Paul Delvaux in dessen eigenem Museum in Sint-Idesbald, wo er etwas befangen ist und nicht weiß, wie er beginnen soll: »Sagt man zu Celan ›Ich schreibe auch Gedichte‹?« (S. 44)

Renato Guttuso steht auf Raddatz’ Besuchsliste, ebenso Rudolf Hausner und Alfred Hrdlicka, die Künstlerhelden der Generation Raddatz. Der »Vater der surrealistischen Malerei« Matta bezeichnet Picasso als »einen gewöhnlichen Mann, der gerne Nasen malt« (S. 92), was Raddatz gern notiert. Wenn er sonst Erkenntnisse anderer anpumpt, sind das meistens die des Kunsthistorikers Wieland Schmied.

Michael Schoenholtz wird noch besucht und Paul Wunderlich, den Raddatz fragt, ob es eigentlich noch ein Kunstwerk Wunderlichs sei, wenn es lediglich nach seinen, Wunderlichs, Vorgaben von einem Gießer gegossen oder einer Näherin genäht wird. Wie neulich bei der Diskussion um Kippenbergers nicht von ihm selbst gemaltes »Paris Bar«-Gemälde lautet die Antwort natürlich: ja.

Wer übrigens alle Ausgaben des »ZEITmagazins« sowieso vorliegen hat, für den gibt es in diesem Sammelband trotzdem noch was Neues zu entdecken, denn das Vorwort ist, wohl überraschenderweise, »bislang unveröffentlicht« (S. 127).

Länge des Buches: > 150.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Süchtig nach Kunst. Bekenntnisse zur Figuration. Begegnungen mit Francis Bacon, Breyten Breytenbach, Paul Delvaux, Renato Guttuso, Rudolf Hausner, Alfred Hrdlicka, Matta, Michael Schoenholtz, Paul Wunderlich. Regensburg: Lindinger und Schmid 1995. S. 3–128 (= 126 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)