Autoren Archiv


Moskau

Moskau, 26. Juli 2015, 21:52 | von Paco

Folge ich also dem Ruf der drei Tschechow-Schwestern, nach Moskau, nach Moskau. Die Uni hat einen Driver nach Domodedovo geschickt, irgendwie muss ich ihn als erstes fragen, aus großem Interesse heraus, wie so das Leben in Moskau ist. Er atmet schwer, aber auch ein bisschen lustig auf, na ja, schwierig, mühsam, kompliziert und so. Er erzählt lieber von seinem Herkunftsland Armenien, dem ersten Land, in dem das Christentum Staatsreligion wurde, noch vor Rom. Bitte? Wie? NOCH VOR ROM! Ach so, okay. Das muss also im Jahr 301 gewesen sein und das nehme ich sozusagen als Fun Fact mit ins Hotel.

Dann gleich wieder hinunter auf die Straße und rein ins Moskau unserer Zeit, ich durchquere ein paar Fußgängertunnel, alles schön, spaziere eine Weile einfach so umher und kaufe auf dem Rückweg noch eine Flasche Kwas ein und an einem Kiosk den aktuellen »Russkij Pioner« und das aktuelle »Snob«, die vielleicht (!) beiden besten Magazine unserer derzeitigen Welt.

Nächster Tag, nach meinem Vortrag an der Uni komme ich mit einem Postdoc ins Gespräch, der gerade Morettis »Distant Reading« nach Russisch übersetzt. Wir gehen dann noch mit ein paar anderen Leuten zum Essen, Stolovaya-Style, und so geht der Abend dahin und am nächsten Tag habe ich ein bisschen Zeit. Ich will da eigentlich nur die Boulevards entlang spazieren und habe dabei Pupkulies & Rebecca als Soundbett im Ohr.

Die Menschen sind freundlich und lachen, mittendrin steht ein bunter Donbassrekrutierungswagen und ich merke, dass irgendwie jede ältere Frau, an der ich vorüberlaufe, wie Irina Antonowna ausschaut. Auch deshalb gehe ich wie automatisch zu ihrem Puschkin-Museum, stehe dann davor und finde die Säulen da schön und gehe dann auch rein, 300 Rubel. Ich sehe mir praktisch nur das berühmte Geschmeide an, das Schliemanns Frau sich mal aufgesetzt hat, ist doch nicht schlecht, diese Trophäenkunst.

Eine knappe halbe Stunde später stehe ich wieder draußen und freue mich ziemlich über den gelungenen Nachmittag und da fällt mir wieder ein, dass ich ja für Ruth ein Selfie auf dem Roten Platz schießen soll, und das tue ich dann eben und gehe dann noch ins Kaufhaus Gum rein, alter Sehnsuchtsort, und schaue da ein bisschen gedankenverloren herum.

Dann wieder mit Pupkulies & Rebecca die Boulevards lang, ich will so mittelfristig, jedenfalls nicht zu schnell, zu den Deti Rayka, und da ich die beiden Magazine von gestern nicht mit mir mithabe, kaufe ich sie einfach beide noch mal und gehe dann ins Kaffeehaus des Monats und dort gibt es zu essen und zu trinken und dann lese ich und lese.
 


Besuch im Serienland #10:
Die 15 besten US-Serien der Saison 2014/15

Göttingen, 15. Juni 2015, 13:48 | von Paco

Na gut, also doch noch eine US-Serien-Top-15. Die »Trailer Park Boys« (zu denen ich vor Jahren mal einen längeren Artikel geschrieben habe) sind natürlich nicht US, sondern kanadisch to the bones, aber egal. Ansonsten hat sich der Qualitätsserienkosmos in den letzten Jahren ja international ziemlich ausgeweitet, meine Top-3 waren da das brasilianische »O Negócio«, das italienische »1992« und das dänische »1864«. Vielleicht bald mal Zeit für eine internationale Liste.

Die Seriencharts der letzten Jahre sind hier: 2005/06, 2006/07, 2007/08, 2008/09, 2009/10, 2010/11, 2011/12, 2012/13, 2013/14.

Die Charts kommen heute zum zehnten Mal, insgesamt sind wir jetzt bei 135 gelisteten Staffeln, und angefangen übrigens hatte damals alles bei satt.org und serienjunkies.de. Diesmal gibt es aber nicht mal mehr Liner Notes zum Ranking, und wo die Stelle ist, ab der nicht mehr gute, sondern eher ziemlich schlechte Staffeln gelistet werden, bleibt wie immer unverraten:

1. Mad Men   (7. Staffel/zweite Hälfte, amc)
2. Game of Thrones   (5. Staffel, HBO)
3. Trailer Park Boys   (9. Staffel, Netflix)
4. Boardwalk Empire   (5. Staffel, HBO)
5. Better Call Saul   (1. Staffel, amc)
6. Louie   (5. Staffel, FX)
7. House of Cards   (3. Staffel, Netflix)
8. Lilyhammer   (3. Staffel, Netflix)
9. Veep   (4. Staffel, HBO)
10. The Comeback   (2. Staffel, HBO)
11. Silicon Valley   (2. Staffel, HBO)
12. Episodes   (4. Staffel, Showtime)
13. Girls   (4. Staffel, HBO)
14. Marco Polo   (1. Staffel, Netflix)
15. Homeland   (4. Staffel, Showtime)

Ach so, einen der besten Artikel zum Serienhype und vor allem zu der hilflosen Behauptung, die US-Serien der letzten Jahre hätten den Roman abgelöst, hat Jan Küveler in der »Welt« geschrieben, bitte lest den alle.
 


Tex Rubinowitz, der Guttenberg des Feuilletons

St. Petersburg, 1. Februar 2015, 20:13 | von Paco

Also eigentlich fanden wir Tex Rubinowitz immer ganz okay, schon seit er damals in diesem Linklater-Film auf einer Wiener Brücke herumstand, schön! Und letztes Jahr hat er den Ingeborg-Bachmann-Preis abgeräumt, auch super!

Rubinowitz ist ansonsten auch ein fleißiger Leser des »Umblätterers«. Und zwar wissen wir das deshalb so genau, weil er kürzlich mit der großen copy&paste-Schere durch unser Archiv vossianischer Antonomasien gegangen ist und aus unserem Material einen Artikel zusammengeschrie­ben hat, der dann letzten Freitag im SZ-Magazin drinstand (»Der Mozart unter den Texten«: Teil 1Teil 2).

Seit 2009 sammeln wir hier Best-of-Material zum Thema und haben auch selbst erst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen längeren Essay zum Thema abgeliefert (»Jeder kann Napoleon sein«, Ausgabe vom 21. Dezember 2014, Seite 34). Und eigentlich finden wir es per se gut, wenn jemand was zu unserem Lieblingsthema ›Vossianische Antonoma­sien‹ bringt. Es wäre aber wahrscheinlich doch besser, wenn ein neuer Artikel zum Thema nicht nur unser altes Zeug klaut und dann nicht mal ordentlich journalistisch preisgibt, wer die ganzen höhö-Zitate zusammengestellt hat.

Damit das SZ-Magazin die Quellen nachliefern kann, hier mal der Überblick des Rubinowitz’schen Raubzugs. Alles in order of appearance mit Link in unsere Sammlung. Gezählt werden natürlich nur die geklauten Vossantos, nicht die paar, die Tex Rubinowitz sich dann doch woanders her geholt hat oder sich überraschenderweise selbst ausdenken konnte:

  1. der Woody Allen des Barock (VA 88)
  2. der Heino der [deutschen] Literatur (VA 45)
  3. der Brad Pitt des Saarlands (VA 37)
  4. der Mozart des Schachs (VA 35)
  5. der Mozart der Massenproteste (VA 21)
  6. der Mozart des 100-Meter-Laufens (VA 7)
  7. der Mozart der Theologie (VA 62)
  8. der Boris Entrup der Kuhpflege (VA 75)
  9. der Newton des Grashalms (VA 63)
  10. der Lionel Messi der Grill-Modelle (VA 74)
  11. der Günter Grass der Friseure (VA 30)
  12. die Leni Riefenstahl der Volksbefragung (VA 76)
  13. der Homer der Insekten (VA 24)
  14. der Justin Bieber der Kreidezeit (VA 22)
  15. der Helmut Kohl unter den Brotaufstrichen (VA 21)
  16. die bretonische Kuh der Literatur (VA 19)
  17. der Jon Bon Jovi der Schwabenschlichter (VA 18)
  18. die Nana Mouskouri der Inneren Sicherheit (VA 17)
  19. der Mount Everest der Masturbation (VA 16)
  20. die Tuberkulose des Digitalzeitalters (VA 11)
  21. der Porsche Cayenne unter den Schuhen (VA 8)

Tex Rubinowitz, der eifrigste Leser, den wir haben! Er hat sich wirklich sehr systematisch durch unsere Listen geklickt. Copy&paste hat er (hier noch mal geordnet) bei den Folgen 7, 8, 11, 16, 17, 18, 19, 21 (2×), 22, 24, 30, 35, 37, 45, 62, 63, 74, 75, 76, 88 gemacht. Und woher hat Rubinowitz das ganze Zeug noch mal: »das stand alles genauso in der Zeitung oder online«. Ziemlich dreiste Quellenverschleierung à la Guttenberg, ein besonders schöner Fall von »Quelle: Internet«. Rubinowitz gibt den lustigen Zitatearrangierer, sein Artikel besteht aber im Kern aus von uns über 5,5 Jahre kuratiertem Material. Unsere Sammlung macht quasi den halben Text aus.

Im Beitext des SZ-Magazins steht noch, dass sich Tex Rubinowitz grämt, noch nie vossianisch belegt worden zu sein, er warte »sehnsüchtig darauf, dass man ihn mit irgendwem vergleicht«. Easy!

So ist Tex Rubinowitz nun hochoffiziell und für alle Zeiten der Guttenberg des Feuilletons.
 


Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2014

Göttingen, 13. Januar 2015, 07:33 | von Paco

Guten Morgen! Heute verleihen wir ihn also zum *zehnten* Mal seit 2005. Den Goldenen Maulwurf, für den Feuilletonjahrgang 2014:

Der Goldene Maulwurf

Es war wieder die beste Stimmung in der Jury. Und es war so spannend wie das dritte Springen der Vierschanzentournee neulich am Bergisel! Und es war knapp, ganz knapp. Fast so wie im Januar 2011, als wir wegen eines Jury-Patts den Gewinner auskickern mussten (wer sich erinnert: damals gewann Team ›Christopher Schmidt‹ 10:7 gegen Team ›Mathieu von Rohr‹, Revanche steht noch aus).

Und nun geht unser Blick also am Bergisel vorbei und weiter Richtung Wien, zur »Wiener Zeitung« und zum diesjährigen Gewinner des Maulwurfgolds, zum Feuilletonisten und Komponisten Edwin Baumgartner! Wie einmalig das ist, was er schreibt, wie viel Fun seine ganze Schreibe verbreitet, das steht in der Laudatio, bitte dort nachlesen. Aber was soll da so knapp gewesen sein? Na, Thea Dorn auf Platz 2 hat wieder so ein Feuilleton geschrieben, bei dem die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit mitgeschwommen kommt. Ein Wahnsinn sondergleichen, immer noch genau der Wahnsinn, für dessen Lobpreisung wir hier vor roughly 10 Jahren mal angetreten sind.

Aber nun. Hier folgen die Autorinnen und Autoren sowie die Zeitungen der 10 besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2014:

1. Edwin Baumgartner (Wiener Zeitung)
2. Thea Dorn (Handelsblatt)
3. Frédéric Schwilden (Welt)
4. Jan Wiele (FAZ)
5. Sabine Vogel (FR)
6. Eberhard Rathgeb (FAS)
7. Nicole Zepter (Zeit)
8. Renate Meinhof (SZ)
9. Alexander Wallasch (The European)
10. Uwe Wittstock (Focus)

Auf der Seite mit den Jurytexten sind zu allen Texten wieder die Seitenzahlen angegeben, denn im Zweifelsfall galt bei unseren Diskussionen die Print-Ausgabe, soweit vorhanden. Print, jawohl.

So. Das war er nun, der 10. und letzte Goldene Maulwurf. 10 Jahre waren wir unterwegs in der Halbwelt des Feuilletons, 10×10 Texte haben wir gekürt, das ist dann der Goldstandard für die nächste Dekade. Und die kommt ja, die läuft ja, und läuft gut.

Das deutschsprachige Feuilleton war, ist und bleibt das beste der Welt. Quod erat demonstrandum, Leute!

Adios,
Euer Consortium Feuilletonorum Insaniaeque
 


+++ Feuilletongold, morgen +++

Göttingen, 12. Januar 2015, 08:41 | von Paco

Von dem Maulwerff (2015 Edition)

Morgen, also traditionell am zweiten Dienstag des neuen Jahres, wird mit allem dazugehörigen Prunk zum *zehnten* Mal seit 2005 – und auch zum letzten Mal – der …


Goldene Maulwurf

für die 10 besten Feuilletontexte
des vergangenen Jahres,
diesmal also 2014,

verliehen, und zwar von uns, und zwar an dieser Stelle. Die Longlist wurde ordentlich durchgesiebt, die Arbeit des Consortiums ist beendet, morgen gibt’s wieder Maulwurfsgold.

Hier noch unsere Backlist mit den Preisträgern der vergangenen Feuilletonjahre:

2005   (#1 Stephan Maus/SZ)
2006   (#1 Mariusz Szczygieł/DIE PRESSE)
2007   (#1 Renate Meinhof/SZ)
2008   (#1 Iris Radisch/DIE ZEIT)
2009   (#1 Maxim Biller/FAS)
2010   (#1 Christopher Schmidt/SZ)
2011   (#1 Marcus Jauer/FAZ)
2012   (#1 Volker Weidermann/FAS)
2013   (#1 Özlem Gezer/DER SPIEGEL)
2014   (#1 ???/???)

Jetzt noch ein Mal schlafen – buona notte, talpa! – und dann werden hier die zehn Straßenfeger und Pageturner des Feuilletons 2014 verkündet.

Bis dann,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque

 
(Bildmotiv: Gesners »Thierbuch« von 1606; Public Domain)


100-Seiten-Bücher – Teil 114
César Aira: »Parménides« (2006)

Göttingen, 3. Januar 2015, 14:26 | von Paco

Vom echten vorsokratischen Parmenides ist nur seine Schrift »Über die Natur« fragmentarisch überliefert. Das sind (zum Beispiel in der Reclam­übersetzung) nur einige wenige Seiten Text. Die noch kürzere tl;dr-Fassung geht so: »Was ist, ist; was nicht ist, ist nicht.«

Der weltbeste Hundertseitenautor César Aira hat diese real existierende Schrift als Ergebnis genommen und sich die Vorgeschichte zusammen­gedacht. Das Schreibprogramm findet sich auch im Buch wieder: »Lo más que se puede hacer es reconstruir el pensamiento a partir de los hechos posteriores, siempre y cuando los hechos hayan quedado registrados.« (p. 114)

Bei Aira wohnt Parmenides immer noch in Elea im heutigen Kampanien, ist aber vor allem ein reicher, einflussreicher Adabei mit wenig Zeit und Muße. Und als Adabei will er auch mal ein Buch schreiben und sucht nach einem jungen Autor, der das für ihn erledigen kann. Zufällig fällt die Wahl auf Perinola. Es kommt zu wöchentlichen Treffen. Perinola versucht anfangs herauszubekommen, wovon ›das Buch‹ eigentlich handeln soll. Aber mehr als »Von der Natur!« kriegt er nicht aus seinem Auftraggeber heraus. Oder doch: Er solle einfach über »cualquier cosa« (»egal was«) schreiben.

Ansonsten verliert sich Parmenides bei den Treffen in endlosen Monologen, vom ›Buch‹ und dem gewünschten Inhalt redet er nie. Die paar Hexameter, die ihm Perinola mal als Probe reicht, scheint er nicht gelesen zu haben. Aber die Treffen gehen jahrelang weiter, und Perinola wird gut dafür bezahlt. Einer der vielen schönen Gegensätze: Als schreibender Autor hat er vorher schlecht verdient. Als nicht schreibender Autor hat er nun ein gutes Auskommen für sich und seine Frau und Kinder.

Obwohl ihm der Nichtfortgang des Buchprojekts also gut bekommt, packt ihn eines Tages doch die Schreibwut. Ähnlich wie in »Varamo« beschreibt Aira, wie sich aus den Umständen und der einzigen konkreten Vorgabe, »irgendwas« zu schreiben, die verschiedenen Passagen des späteren Meisterwerks wie von selbst ergeben.

Das Ende dieser herrlichen »historia triste y fatal del escritor Perinola« ist hochsymbolisch und findet in der Taverne »Afrodita« statt.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

César Aira: Parménides. Buenos Aires: Mondadori 2006. S. 5–125 (= 121 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Vossianischer Showdown

Buenos Aires, 22. Dezember 2014, 13:09 | von Paco

Opening ticket: Introducing the word ›Vossantoblase‹ to the German language, among other things.

Der neue Fischer/Wälzholz ist da, und zwar ist gestern in der FAS unser Artikel zu Wohl und Wehe der Vossianischen Antonomasie erschienen. Das hier ist er:

Artikel über Vossianische Antonomasien in der FAS vom 21.12.2014 (Thumbnail)

(Nicht oder noch nicht frei online. Aber hier.)

In den letzten 5,5 Jahren haben wir genug Anschauungsmaterial für den Artikel gesammelt, die dazugehörige Serie wurde nach 94 Teilen neulich eingestellt. Da man heute ja im Idealfall sein Datenmaterial in strukturierter Form mitveröffentlicht, halten wir in unserem Datenzentrum eine chronologisch sortierte Liste für die Jahre 2009–2014 vorrätig.

Wort 'Vossanteblase' im Artikel über Vossianische Antonomasien in der FAS vom 21.12.2014 (Thumbnail)

Ticket: closed.
 


US-Serien:
Schlechte Zeiten für Englisch

Buenos Aires, 20. Dezember 2014, 13:28 | von Paco

Wir sind ja alle Serienjunkies usw., aber nach dem Hype kommen jetzt auch langsam die Bedenklichkeiten. Zum Beispiel, was die Sprache angeht, die so in den Writers‘ Rooms produziert wird. Wer nur ein paar Serien gesehen hat, der hat damit automatisch massenhaft Sätze gehört wie (frei aus dem Gedächtnis zitiert):

  • »You guys seen the game last night?«
  • »Just five minutes, I promise!«
  • »Is this some kind of joke to you?«
  • »Trust me, I know what I’m doing.«
  • »I love you, I really do, but …«
  • »I guess you’re gonna have to trust me on this.«
  • »You should go talk to her.«
  • »You know, we’re not so different, you and I.«
  • »If he wants a war, it is war he’ll get.«
  • »I got your back on this.«
  • »Call me.«
  • (Bei nächtlichem Anruf:) »You have any idea what time it is?«
  • »I’m not even gonna dignify this with an answer!«
  • »You know, we should have done that more often.«
  • »Come on, it’s the least I can do.«
  • »What is it with this guy!«
  • »What was that all about?«
  • »Look, we’re both under a lot of stress right now.«
  • »It’s a date!«
  • »What are we doing?«

Usw.! Das sind alles eben keine Catchphrases, sondern (mal mehr, mal weniger) Versatzstücke aus dem Baukasten des sogenannten Creative Writing. Die einfachstmöglichen Textabbilder von Plotpoints, Twists usw. Die These geht dann so: Je weniger eine Serie davon hat, desto besser ist sie. (Sofortiges Gegenbeispiel natürlich: »24« ist trotz oder wegen des ständigen Floskelarmaggedons so spitze.)

Zusammen mit @heylindahey und Katana habe ich (vor allem letztes Jahr) mal ein paar Sachen mitgeschrieben, es folgen also ein paar konkrete Beispiele, aus irgendwelchen Gründen vor allem aus der schlimmen letzten »Dexter«-Staffel. Das Ganze funktioniert aber ebenso mit fast allen anderen Serien. Grad zum Beispiel gesehen, »Supernatural« 10×06, könnte man eigentlich hier komplett mit reinstellen. Highlight: »Trust you?! We don’t even know you!«

Die Floskellisten sind auch in keiner Weise vollständig, sondern jeweils nur eine Auswahl aus der jeweiligen Folge:

Alphas 1×06

  • »It’s time to step up our game.«
  • »All right. My bad. (Just do your thing, okay?)«
  • »Thanks for the advice.«
  • »I’m full of surprises.«
  • »Don’t twist this around.«
  • »You have to account for what you’ve done.«
  • »You can count on it.«
  • »I got this.«

Arrow 1×09

  • »I’m gonna have to call you back.«
  • »Something just doesn’t add up.«
  • »Is that what you wanted to see me about?«
  • »You’re off this case, effective immediately!«
  • »Either way, we need to find him.«
  • »I’m sure there’s more where this came from.«
  • »Be careful, he’s very dangerous.«
  • »If you got a better idea, now would be a lovely time!«
  • »The doctor said you’re gonna be fine.«
  • »What does it matter now! What’s done, is done.«

Dexter 8×01

  • (Telefon klingelt:) »Gotta take this. Business.«

Dexter 8×02

  • »This place ain’t the same without you.«

Dexter 8×03

  • »I stuck my neck out on the line for you!«
  • »Let me see if I’ll get you out of this.«
  • »You of all people should know!«
  • »I’ve been down this road, so I get it.«
  • »You might wanna straighten up.«
  • »I need to get to him, before he gets to me.«
  • »What’s going on?» – »She’s been having a hard time.«
  • »I’m figuring something out, thanks for the heads-up.«
  • »It’s my fault, okay?«
  • »He’s worried about you, we both are.«
  • »You got a sec?«
  • »I just wanted to let you know that I’ve been thinking about what you said.«
  • »You call me if you need me.«
  • »Will you please cut me some slack?«
  • »I didn’t think you’d understand.«
  • »Thanks for calling, you did the right thing!«

Dexter 8×04

  • »We knew that day was coming.«
  • »What if this has all been some horrible mistake?«
  • »Is he another one of your little experiments?«
  • »I don’t even want to know what that means.«
  • »I couldn’t have done it without you.«
  • »Are we really gonna do this?«
  • »Okay, let’s find this guy.«
  • »Come on, it’s not like you haven’t done the same.«
  • »We can’t know until we find him.«
  • »I was in a really bad place, but, you know, you were just looking out for me, like you always do.«

Dexter 8×05

  • »I need you to trace a number for me.«
  • »I understand what you’ve been through.«
  • »I can help you, I can, trust me.«
  • »So is this it?«

Dexter 8×09

  • »He could be more dangerous than you think.«
  • »I can’t go into it right now, but please, just do as I ask.«
  • »I just need a little time, you know.«
  • »Take all the time you need.«

Dexter 8×10

  • »I wish there was a different way, but there’s not.«
  • »I’ll do whatever it takes!«

Dexter 8×12

  • »I’ve done shit I’m not proud of.«
  • »You’re a good person.«
  • »I can’t believe this is actually gonna happen.«

Breaking Bad 5×11

  • »Sure that’s how you wanna play this?«
  • »Don’t tell me how to do my job!«

Breaking Bad 5×13

  • »I’ve got a flight to catch.«

Pretty Little Liars 4×01

  • »Like it or not. We’re in this together.«
  • »Remember. We’re the good guys.«

Ringer (ohne Folgenangabe)

  • »If you really think that – then you don’t know me at all.«
  • »I don’t care what it takes!«
  • »I think you should leave.«
  • »It was you and me against the world.«
  • »The way I see it, you have two choices.«
  • »Your feelings are clouding your judgment.«

True Blood 6×04

  • »Failure is not an option.«

Homeland 3×01

  • »We’ll get to the bottom of it.«
  • »Don’t tell me to calm down.«
  • »So, do we have a green light?«
  • »I never asked for the job.«
  • »Have you seen the paper yet?«
  • »You don’t think I know what you’re doing? I know exactly what you’re doing!«

Homeland 4×07

  • »Why wasn’t I told!« – »I’m telling you now.«

Soweit mal unsere kleine Phänomenologie des Sprachmaterials von US-Qualitätsserien. Wahrscheinlich kann man von zwei Extremen sprechen, einerseits den sprachbewussten Serien (wie den »Simpsons«) und andererseits den rein plotgetriebenen Serien. Sprachlich sind dann alle Serien irgendwo dazwischen anzusiedeln. Das könnte man mal irgendwann anhand der Untertiteldateien nachprüfen, etwa die vocabulary richness untersuchen, ähnlich wie das neulich jemand mit den Lyrics auf Rap Genius gemacht hat.

Ein guter Einwand unterwegs war übrigens der hier, und die Credits gehen an @heylindahey: »Wir sollten aufpassen, dass wir nicht alles als Floskeln bzw. lame narrative devices verstehen. Sonst fällt uns noch auf, dass das ganze Leben eine Floskel ist (didn’t you know already?).«
 


Der letzte Maulwurf seiner Art

Buenos Aires, 15. Dezember 2014, 14:11 | von Paco

»Es war Dezember.«
(Christian Kracht)

Uwaga! Es ist nämlich so: Am 13. Januar 2015 (also traditionell am zweiten Dienstag des Jahres) findet zum zehnten und letzten Mal die von uns betriebene Verleihung des einzigen echten Feuilletonpreises »Der Goldene Maulwurf« statt. Es geht dabei wie immer um die Lobpreisung des einen bzw. der insgesamt zehn besten Feuilletonartikel des dann vergangenen Jahres 2014, so wie davor für die Jahre 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005.

Insgesamt haben wir dann also 10 Mal 10 Artikel aus 10 deutschspra­chigen Feuilletonjahren beisammen, »die Zeugnis geben von einer absoluten Blütezeit«, »dem goldenen Zeitalter des deutschen Feuilletons«, »dem besten Feuilleton der Welt« (jeweils Selbstzitate). Und verliehen wird dann wie stets eine virtuelle Kopie dieses netten Goldwurfs (CC by-sa 4.0):

Goldwurf 2014 (Lizenz CC by-sa 4.0)

Die oft aufgeworfene (aufgeworfene, hehe) Frage, ob es den Goldenen Maulwurf tatsächlich gibt, können wir also mit ja beantworten. Der Goldwurf wurde gehäkelt und mit einer Goldkorona versehen von Waltraud Pauer aus Pößneck, bei der wir uns sehr herzlich dafür bedanken. Und zu tun hatte und hat die ganze Maulwurfsmythologie natürlich mit dem von Henning Ritter und Wolf Lepenies nie geschriebenen »Aufsatz über die Geschichte der Maulwurfs-Metapher (›der Geist, ein Wühler‹)«, dem »grossen ›Maulwurf‹-Buch, das bald zum ›Maulwurf‹-Projekt wurde«.

Das deutsche Feuilleton, es lebe hoch!

Warum wird nun der Maulwurfspreis, der eigentliche Gründungsgrund des Umblätterers eingestellt? (Und, by the way, warum ist eigentlich damals die »Fackel« nicht mehr erschienen, hehe?)

1 mal 1, hat Adam Ries gesagt. 2 mal 3 (macht 4), sang Pippi Långstrump. 5 mal 2, ergänzte François Ozon. Und 10 mal 10 sagen jetzt eben wir. 100 Texte aus 10 Jahren in der Halbwelt des Feuilletons.

Zu diesem Reader der goldenen Feuilletonjahre 2005–2014 fehlt aber noch die letzte Zehnertranche. Im Moment wird die Longlist zum Maulwurfspreis zusammengestellt (was für super Texte mal wieder). Und nach Silvester, wenn die letzten Feuilletons des Jahres 2014 erschienen sein werden, tritt die Jury zum letzten Mal via Etherpad und OTR zusammen und dann wird ordnungsgemäß ausdiskutiert, wer die letzten Preisträger werden, und es werden zehn letzte Laudationes geschrieben werden. Die dann am Dienstag, dem 13. Januar, in den frühen Morgenstunden herausposaunt werden. Und damit treten wir dann wieder ein »in einen Kreis, der der billigen und plebejischen Überlegenheit der Ironie überlegen ist«, wie es Ernst Jünger im »Abenteuerlichen Herz« so schön formulierte, und dann heißt es also wieder und immer wieder: Das deutsche Feuilleton, es lebe hoch, hoch, hoch!

Ach so

Ein paar intime Zuschauerfragen werden wir in dieser Phase auch noch beantworten, der pindarische Sprung wurde ja bereits verarztet, und zur Maulwurfsmythologie steht hier oben was. Und weil jetzt auch Leute immer wieder nach unserem als eminent empfundenen Hallmark »hehe« gefragt haben, die Lösung ist folgende: »hehe«, liebe Freunde, ist das letzte, unhintergehbare Wort, und der absolute Held dieser Bewegung ist unser lieber Freund, »der sympathische Bio-Metzger Wilhelm Hehe«, sozusagen ídolo por apellido.

Vorletzte Grüße aus der Halbwelt,
Paco

–Sprecher–
–Consortium Feuilletonarum Insaniaeque–

 


Vossianische Antonomasie (Teil 94 und Schluss)

Buenos Aires, 14. Dezember 2014, 17:30 | von Paco

 

  1. der schwäbische Nelly
  2. der Harald Martenstein des Indie-Rock
  3. der Jürgen Klopp der Situation
  4. eine Art Frank Schirrmacher des fantastischen Kinos
  5. der Peter Handke von Deutschland

Mit Dank an @thedailyfrown und @buechermacher.