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Book-Release-Party »Abenteuer im Kaffeehaus«, Setlist und Fotoreportage

Moskau, 21. April 2017, 09:47 | von Paco

Der Band ist am 24. März raus, die Book-Release-Lesung war am selben Tag, Leipziger Buchmesse:

Leipziger Lesung 'Abenteuer im Kaffeehaus', 24. März 2017

San Andi hat dazu eine kleine Fotoreportage gedreht, die man sich hier anschauen kann.

Die Setlist war wie folgt (die Seitenzahlen beziehen sich natürlich, sofern nicht anders angegeben, auf das Buch):

  • Dique: Die FAS und die Tauben, S. 46–48 (3:30 min.)
  • Dique: Im Apsley House, S. 141/142 (2:30 min.)
  • Paco: Christa Wolf und Leo Perutz, S. 152–154 (3 min.)
  • Paco (als Perutz-Zugabe): Mario Perutz, S. 178 (0:30 min.)
  • Dique: Turandot und die Sitznachbarin des Grauens, S. 155–157 (3 min.)
  • Paco: Die »Süddeutsche« vom 13./14. Februar 2010, S. 179–181 (4 min.)
  • Dique: Die Sportteil-Aussortierung, S. 193–195 (5 min.)
  • Paco: Nougattorte, Wirtschaftsteil, Runge, S. 203–205 (4 min.)
  • Dique: Der tausendste Buchladen, S. 215–218 (5 min.)
  • Paco: Einsteins Briefe, S. 151 (1 min.)
  • Dique: »Grete Minde«, S. 214 (2 min.)
  • Paco: MRR in der FAS, S. 227 (1 min.)
  • Dique: Café Fraunhuber, S. 228 (1 min.)
  • Dique: Room 59, der Saal des Gurkenmalers, S. 225/226 (2:30 min.)
  • Paco: Auszug aus der Master-Thesis von Maja Hoock (PDF), S. 59–62 (3 min.)
  • Briefwechsel mit Woodard mit verteilten Rollen, S. 278–281 (2:30 min.)
  • Dique: »Spiegel« lesen in Detroit, S. 273–276 (7 min.)

»Abenteuer im Kaffeehaus« ist gleichzeitig auch Band 1 unserer bei Ille & Riemer erscheinenden Reihe »Schriften des Umblätterers«, und nun machen wir uns mal an Band 2, bis später.
 


Am 24. März 2017 erscheint:
»Abenteuer im Kaffeehaus«

Leipzig, 19. März 2017, 18:45 | von Paco

In ein paar Tagen erscheint als erster Band der Reihe »Schriften des Umblätterers« beim Leipziger Verlag Ille & Riemer:

Abenteuer im Kaffeehaus (Cover)

 
André Seelmann (Dique)

Abenteuer im Kaffeehaus

Feuilletons aus dem Umblätterer
2007–2015

Mit einem Vorwort von Frank Fischer

Hrsg. von Frank Fischer, Andreas Vogel und Joseph Wälzholz

Im Anhang enthalten ist ein Briefwechsel mit David Woodard

Leipzig · Ille & Riemer · 2017
281 Seiten · 15,– €
ISBN 978-3-95420-018-4

Bestellen: Verlag | lehmanns.de | Amazon

 
Klappentext

Die wichtigsten Dinge der letzten zehn Jahre: »Spiegel« lesen und »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«. In Museen gehen, amerikanische TV-Serien schauen, das Gesamtwerk von Leo Perutz überdenken. Zwischendurch immer wieder ins Kaffeehaus, um ein bisschen was davon zu besprechen. Und damit alles schön ungenau bleibt, lieber rasch einen pindarischen Sprung zum nächsten Thema.

André Seelmann, geb. 1971 in Leipzig, war zwischen 2007 und 2015 Korrespondent des Kultur- und Freizeitjournals »Der Umblätterer« und berichtete aus London, Hamburg, Barcelona und São Paulo. Der vorliegende Band »Abenteuer im Kaffeehaus«, der seine Texte aus dieser Zeit versammelt, eröffnet die Reihe »Schriften des Umblätterers«.

 
Niemand erzählt so vom Feuilleton dieser Jahre wie der »Umblätterer«.
— Florian Kessler

 
Inhalt

Vorwort: Die Ungenauigkeit von Kaffeehausgesprächen … S. 7–11
Abenteuer im Kaffeehaus … S. 13–276
Anhang: Briefwechsel mit David Woodard … S. 278–281

 
Leseprobe und Cover

 
Book-Release-Lesung am 24. März 2017

Falls jemand zur Buchmesse oder einfach so in Leipzig ist und sich die Book-Release-Lesung anschauen möchte: Die findet am Freitag, 24. März, um 20:00 im schönen Kulturcafé Rumpelkammer statt (Dresdner Straße 25, 04103 Leipzig). Weitere Informationen bei Facebook und »Leipzig liest«.
 


Bertolt Brecht in Russland

Moskau, 13. Dezember 2016, 15:55 | von Paco

Ein Dresdner Kollege hatte eine Gastvorlesung gehalten und zum Tagesausklang gingen wir dann noch in die armenische Schenke gegenüber der Epiphanien­kathedrale. Am Nebentisch saß ein älterer Herr, der ab und an vor sich hinmurmelte, bis er sich dazu entschied, doch ganz direkt in unser Leben zu treten.

Nachdem er also bezahlt hatte und sich zum Gehen anschickte, stellte er sich freundlich vor uns auf. Er könne selbst kein Deutsch, aber liebe den Klang der deutschen Sprache, es sei eine Wonne gewesen, dem Klang unserer Stimmen zuzuhören. Komplimente, kurze gegenseitige Vorstellung. Und er sei so ein großer Fan von Brecht, er habe alles von ihm gelesen usw.

Brecht, nun ja, hin oder her, Wiedererkennungsfreude ist ein Ding für sich, und wir schwelgten in Schlagworten und Titeln und suchten in den Augen unseres neuen Bekannten nach Reaktionen, »episches Theater«, »Kurt Weill«, »Fragen eines lesenden Arbeiters«, »Erinnerung an die Marie Aaaaah!«, »Mutter Courage«.

Unsicherer Blick. Hatten wir die Titel falsch übersetzt? Kenne er jetzt alles nicht. Seien das auch diese philosophischen Bücher, die ihm so gefielen?

Wie? Die theoretischen Schriften Brechts, liest die noch jemand, und welche überhaupt? Brecht, wirklich Bertolt Brecht?

»Bertolt, äh, ich glaube nein, eher so Hermann Ludwig –, njet, Alexander Baldur –, njet –.«

»Richard David?«

»Totschno!«
 


Kele hat’ta Chrigu Krachtu plikel be-reshta

Moskau, 13. September 2016, 21:07 | von Paco

Mugza ber nepo la kentop su »Keleges« (»Die Toten«) bo seren’ta plen. Bus kulta nasrat nu ponteve set. Rag set. De viul ger sot ande filmos benuk.

Bulko ter sa kramlon ta mer pantrele, ospe bo la sinita plesizte coto locandat. Ter set jolirandra ulkem bo ger rantislit balurpo maxim. Kontrek pan de bo sintra na Carli Caplin’a plek. Ek ter ma lutrente fil ta gruro, ra kelek’te sunam.

Aiar ga anga’a sausa ne uts ga rag matahuk anak, gua nepe iang euna. Lukant elt lemor ha Suis reisor at sufta, bundel kand ne ruga niponta surkan. Ku saga, rag set nir. Eun laftan, ta mer runanda gat set ne kauna nah kans.

In letertara runan kiast’ta calftun gia upa su gagang. Dua hurniang Krachte avtor’la aiar ana kaniang iang ratlaks. Nur lu sa Suisa go, Emile Nagelu, bo la ne film’te anakati tung un gautsa, aiat lest ta’ha gagang.

Dede sinunt ilel be-sapta, lelisedir dida saus teatir su no, kan geisu lar ufas ne haleir nal sinit mesher. Run meriro lehek ha »daia tudal« mene, se hu keset naid ner bish farait’ta. Eru wais kaniang shu nunta ne sabere nik on »Keleges«, lo han ma balat ter sa muhat. Su oste ner mahat bo teatir vi letertur sehek, ra sohot ne lemora serfi kans.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 119
Hennie Raché: »Liebe« (1901)

Moskau, 31. August 2016, 09:04 | von Paco

Ich kam auf Hennie Raché durch das 1928 erschienene Buch »Die Frühvollendeten« von Guido K. Brand. Darin lauter Biografien von jung dahingegangenen Dichter*innen, und Hennie Raché gehört mit zum Ensemble, gestorben 1906 mit nur 29 Jahren. Ich fand ihre Buchtitel irgendwie ganz selbstevident, von »Nocturno. Pathologische Liebesgeschichten« über »Das Gasthaus zum deutschen Michel. Roman« hin zu »Töff-Töff. Lustspiel in einem Akt (für 1 Herrn und 2 Damen)«.

Ihr Tod liegt zeitlich leider kurz vor dem Start des Sammelauftrags unserer Nationalbibliothek (1912), daher sind diese Bände nicht zentral zu greifen. Meist gibt es auch nur eine einzige Uni-Bibliothek, die überhaupt ein Exemplar vorrätig hat, und da muss man sich dann melden. Frisch digitalisiert ist ihr Kurzroman »Liebe« von 1901 (nach dem Exemplar der Uni-Bibliothek Augsburg). Der basalste und überzeugendste Titel überhaupt, zusammen mit dem schönen Namen der Autorin könnte das heute noch ein Bestseller werden.

»Liebe« ist ein blitzschnell lesbarer Hundertseiter, nicht wirklich raffiniert geschriebene Literatur, aber das muss ja kein Nachteil sein. Die Story spielt in Hamburg: Ludwig Schmidhammer hat dasselbe Problem wie Michail Gorbatschow, nämlich ein Feuermal am Kopf, allerdings verschärft gegenüber Michael Sergejewitsch, nämlich quer übers Gesicht. Deshalb, glaubt er, mag ihm niemand echte Liebe entgegenbringen, und das nimmt ihn sehr mit. Er ist nun 35 Jahre und lernt Leonore Welti kennen, genannt Lea. Die ist 25 und quirlig mit Hang zum Pferdestehlen: »Ich thue ja trotzdem immer, was ich will, – auf jede Gefahr hin«!

Lea ist materiell ebenso gut aufgestellt wie Ludwig, und es gibt also offenbar keinen anderen Grund für ihr Zusammenkommen (plus Heirat) als wahre Liebe. Diese wird über Dutzende Seiten immer wieder neu diskutiert, denn Ludwig ist pathologisch misstrauisch, sein Wehklagen ist von Anfang an nicht so leicht erträglich. Aber Hennie Raché strebt schon nach dem Höchsten und lässt zu diesem Zweck wieder mal den Tod als Beweis für die Echtheit einer Liebe auftreten, das Buch endet mit einer Anspielung auf Heines »Asra«-Gedicht.

Länge des Buches: 116.500 Zeichen. – Ausgaben:

Hennie Raché: Liebe. Roman. Leipzig: Müller-Mann 1901. S. 1–119. (= 119 Textseiten) (online)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 118
César Aira: »Der kleine buddhistische Mönch« (2005)

Moskau, 29. August 2016, 21:36 | von Paco

Buch aufschlagen und schon sind wir in Korea. Ein kleiner (wirklich sehr, sehr kleiner) buddhistischer Mönch hat sich autodidaktisch mit westlicher Kultur vollgepumpt (Sprachen gelernt; Shakespeare, Balzac, Kafka gelesen) und möchte nun irgendwie in den fernen Westen rübermachen. Wie gut, dass er zufällig auf ein französisches Touristenpaar trifft. Es handelt sich um den freiberuflichen Fotografen Napoléon Chirac und seine Ehefrau Jacqueline Bloodymary, die sich als Künstlerin auf den Entwurf von Teppichmustern festgelegt hat.

Das fernwehgetriebene Mönchlein kann berechtigte Hoffnung hegen, denn die drei sind ein gutes Team und unterhalten sich angenehm über dies und das. Dabei versucht der Kleine seinen freudigen Zuhörern die Magie seines koreanischen Heimatlandes zu erklären. Chirac möchte schließlich von einem geeigneten Ort eines seiner 360°-Panorama-Fotos machen. Die Reise geht also per Bahn zu einer buddhistischen Tempelanlage, wo der Fotograf sein Equipment aufbaut und loslegt. Am Ende kommt aber raus, dass ihr Minimönch nur der Prototyp einer 3D-Projektion ist und das Touristenpaar unbemerkt in eine Parallelwelt entführt hat. Doch Rettung ist nah, ein Wagen der französischen Botschaft holt die beiden gerade noch rechtzeitig aus dem Schlamassel ab.

Im Rahmen dieser Kernerzählung geht es sonst noch auf höchstem Diskursniveau um folgende Dinge: die Natur von Witz und Humor, das Wesen des Tourismus, den (koreanischen) Ursprung von SpongeBob, die kinderleichten Regeln der koreanischen Sprache, eine große schwarze Hündin namens Glühwürmchen, das Drama des Verheiratetseins. Das Buch endet damit, dass der Mönch durch einen dunklen Wald zu seinem heimischen Fernseher flüchtet, um eine Sondersendung über die endlich gelungene millimetergenaue Lokalisierung der Klitoris zu schauen. Und da kann man nur hoffen, dass der kleine Pfiffikus das schafft, aber es sieht nicht gut aus, denn er rennt sich zwar die Seele aus dem Leib, aber »der Wald schüttete weiter seine endlosen, dunklen Weiten über ihn«.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

César Aira: Der kleine buddhistische Mönch. Novelle. Hrsg. und übers. aus dem Span. von Klaus Laabs. Berlin: Matthes & Seitz 2015. S. 3–95. (= 93 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Zur Lage der Literaturwissenschaft

Moskau, 27. Juli 2016, 08:57 | von Paco

Gestern war ich wie immer früh um 8:30 Uhr an der Uni, begab mich hinter die Sicherheitstür meines bureau of investigations und las dann in acht Stunden den gesamten Band 4/2015 der »Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte« (DVjs) durch, ein Sonderband: »Zur Lage der Literaturwissenschaft«. Hatte den Band schon lange herumliegen und nun, während es an der Uni muxmäuschenstill war – keine Studenten, kaum Kollegen und nur ein paar Elektriker, die ab und zu den Strom abstellten –, konnte ich endlich wieder ungestört Printsachen runterlesen.

Die DVjs war ziemlich spannend, sobald ich einen Artikel fertig hatte, wirkte jeder Titel und jeder Verfassername des nächsten Artikels wie ein Cliffhanger, und in angenehmster Unaufgeregtheit las ich mich bis zum Ende durch. Mittagessen vergaß ich darüber, gegen halb 6 war ich dann doch recht erschöpft und hatte Hunger wie ein Wolf. Einen Hunger, den nur die georgische Küche stillen konnte.

Ich machte mich also zum nächstgelegenen Chatschapuritempel auf, die sind ja zu jeder Tageszeit recht gut besucht, aber es gab doch noch einen kleinen freien Tisch und schon bestellte ich unbesehen ein Atscharuli Chatschapuri, fünf Chinkali und einen halben Liter Natachtari mit Tarchungeschmack. Es war super, so out of context mit einem ganzen Band DVjs im Kopf einfach allein da zu sitzen und deutsche Literaturwissenschaft sacken zu lassen. Allerdings standen eine Minute später zwei Typen mit auffälligen Schwenkblicken vor meinem Tisch, um mir schon mal anzusignalisieren, dass nirgendwo mehr Platz sei und dass sie mich gleich fragen würden. Na ja, und dann saßen wir da zu dritt an diesem Tischleindeckdich und ich brauchte zirka zehn Sekunden, um aus meiner glückseligen Asozialität rauszufinden.

Es wurde natürlich ein lustiges Abendessen, und obwohl mir mein kleines Tarchun-Glück schon geliefert worden war, musste ich selbstverständlich gegen meinen ausdrücklichen Wunsch mit Wodka trinken, und wir tranken auf alles Mögliche, bis die erste Flasche leer war, sogar auf Deutschland, und wiederholt auch auf den Weltfrieden, und erzählten so vor uns hin. Die beiden waren Mitte Fünfzig, Familienväter, Freunde seit der Schule, der eine arbeitete seit kurzem tageweise als Sicherheitskraft in Sotschi und meinte, September sei der beste Monat dort, und das gebe ich mal so weiter. Der heutige Tag lief für beide so ab, dass sie hier bei Sakuska und Chinkali zwei Flaschen leeren wollten, um dann zu Hause auf Матч ТВ das Spiel Rostow gegen Anderlecht zu schauen, Hinspiel, Champions-League-Qualifikation.

Nach ungefähr einer Stunde, als alle Chinkali verspeist waren, verabschiedete ich mich, es war sehr herzlich und wir machten noch ein paar schöne allgemeingültige Ansagen. Dann ein Sommerabendspaziergang durch Moskau, den Weltfrieden im Bauch. Irgendjemand trällerte im Vorbeigehen den Song aus »Я шагаю по Москве«, Pokémonspieler standen vor goldenen Kirchen herum, und langsam amalgamierten sich die verschiedenen Lektüreeindrücke des Tages zu einer Hauptaussage, und zwar lautete diese, dass die Lage der Literaturwissenschaft einfach sehr, sehr hervorragend ist.
 


Kaffeehaus des Monats (Teil 87)

sine loco, 26. Juli 2016, 09:15 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Dynia, Krakau, ein wie immer absichtsvoll schlechtes Foto, sry

Krakau
Das »Dynia« in der Ulica Krupnicza.

(Höchstwahrscheinlich eines der besten Kaffeehäuser der Welt. Es gibt eigentlich keinen USP, es ist einfach alles gleich perfekt, der Garten, das Frühstück, der Kaffee, der Name, die Gespräche der Kaffeehausbesucher [ein Satz vom Nebentisch, im Original auf Russisch: »Was eigentlich soll so gut an Germann Gesse sein?«], die dezente Präsenz der Bedienung, die Atmo, die Nähe zum Auditorium Maximum, der Deckenschmuck usw.)
 


Hitchcock in Jasnaja Poljana

Moskau, 19. Juli 2016, 13:50 | von Paco

Letzte Woche auf Tolstois Landgut, da wo er auch »Krieg und Frieden« und »Anna Karenina« geschrieben hat, zweihundert Kilometer südlich von Moskau. Grillenzirpen, Badeteiche, Sommerempfänge. Und eine Anekdote, die mir Aljona zwischen Tür und Angel erzählte. Das zerstückelte und begrabene Bett.

Es geht um ein Paar, das sich in die Herberge eingebucht hatte und dort vielleicht ein paar schöne Tage verbrachte. Aus nicht näher genanntem Grund ist ihr Bett zerbrochen. Die beiden wollten verhindern, für den Schaden haftbar gemacht zu werden, und fanden eine Lösung. Sie zerlegten das Bett in seine Einzelteile und gingen dann in zeitlichen Abständen mit Taschen oder anderem Verheimlichungsgerät hinaus in den Wald, um die Bruchstücke einzeln zu begraben.

Es gibt in den meisten Zimmern noch Sofas, die man ausziehen kann, offenbar haben sie dann auf dieser Grundlage die weiteren Nächte verbracht. Und als sich irgendwann die Hotelleitung bei ihnen nach dem Bett erkundigte, hieß es: »Welches Bett? Hier war keins drin.« Und hier endet die Anekdote, die Hitchcock als »Das Fenster zum Hof« mit leichten Änderungen verfilmt hat.
 


Die Interviewkrise

Moskau, 29. Juni 2016, 12:09 | von Paco

Gerade finden viele missglückte Interviews statt. Ein paar Beispiele. Zum Erscheinen der deutschen Übersetzung seines Sammelbandes »Distant Reading« hat »Spiegel Online« ein Interview mit Franco Moretti geführt. Der Satz mit dem »aktuellsten heißen Scheiß« klingt wie Bento meets VICE gone awry. Auch inhaltlich ist es etwas dürftig, wenn nämlich Andreas »Fahrstuhl« Bernard den Band in der FAS als »das interessanteste literaturtheoretische Buch, das seit vielen Jahren erschienen ist«, zelebriert und im SPON-Interview der technische Stand von vor tausend Jahren abgefeiert wird. Dazu Arne: »Aha. Franco Moretti macht also Named Entity Recognition, Sentiment Analysis und CSV-Dateien mit Locationdata«.

Weiteres Beispiel. Gerade hat im Palais de Tokyo eine Ausstellung mit Fotos von Houellebecq eröffnet. Und der Dichterfotograf erklärt im »Spiegel«-Interview seine Bilder (Ausg. 25/2016, S. 122–127). Das tut richtig dolle weh. Zum Eröffnungsbild der Ausstellung, das »einen dunklen Wolkenhimmel über der Stadt« zeigt, sagt Höllebeck: »Der Himmel hängt voller Versprechen und Gefahren.« Díos mío, Houellebecq ist als Mehrfachbegabung noch peinlicher als James Franco, hugh! (An dieser Stelle noch mal der Hinweis auf das ultimative James-Franco-Debunking im »stern«. Katharina Link, übernehmen Sie!)

Kleine Interviewkrise also. Dazu passt auch der von Olli Schulz in »Fest & Flauschig« 6 vorgebrachte Interviewhass, Zitat (nach ca. 1:01h): »Ich les mir keine Kackinterviews durch, wo [jemand] mal ne witzige Antwort auf ne uninspirierte Frage gibt, weil Interviews sind scheißelangweilig, […]. Meinst du, ich les mir noch ein Benjamin-von-Stuckrad-Barre- oder ein Ronja-von-Rönne-[Interview durch]!«

Daher jetzt Interviewpause, mindestens eine Woche. In der Zwischenzeit als Ersatzleistung: imaginäre Interviews! Jochen Schmidt schrieb vor fast genau zehn Jahren in der »taz«: »Eine Nobelpreisrede von Beckett wäre schlicht undenkbar, genau wie ein Spiegel-Gespräch mit Kafka.« Und das stelle ich mir jetzt vor. Volker Weidermann interviewt den großen Prager Obersekretär im nächsten »Spiegel«: »Herr Kafka, in Ihrem letzten Romanfragment behandeln Sie die Unerreichbarkeit eines Gebäudes, in diesem Fall eines Schlosses.« – Kafka: »Na ja.« Usw. usw.