Autoren Archiv


Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (1/2012)

Leipzig, 30. Januar 2012, 14:38 | von Paco

Über den Dächern von Danzig

1. Mole spotted above ground: Der Goldene Maulwurf 2011 a.k.a. »die Oscar Night des Feuilletons« (Die Presse).

2. Und morgen früh hier: DAS KINOJAHR 2011. (Von den Machern der Kinojahre 2010, 2009, 2008 und 2007.)

3. Einer der schönsten Essays des letzten Jahres, aus der »BELLA triste«: »Futter für die Bestie. 528 Wege … zum nächsten guten Buch«, von Stefan Mesch.

4. Herrlicher Geigenhass in der SZ (letzten Freitag, S. 11), Jens-Christian Rabe über Lana Del Rey, wunderbar.

5. »Ganz langsam sollten solche Sätze gelesen werden (welchen Grund kann es überhaupt geben, Literatur schnell zu lesen?)« (Gumbrecht über Musil)

6. »Es ist wunderbar, Figuren einfach auftreten lassen zu können.«

7. Demnächst große Regionalzeitungsgala, Anlass ist die 50. Folge unserer beliebten Serie »Regionalzeitung«.

8. »Wolfram von Eschenbach, beginne!« (2. Aufzug, 4. Szene)
 


Vossianische Antonomasie (Teil 22)

Leipzig, 28. Januar 2012, 07:59 | von Paco

 

  1. der Richard Gere des Berner Oberlandes
  2. der Justin Bieber der Kreidezeit
  3. der Stauffenberg der Pressefreiheit
  4. der Jörg Pilawa der klassischen Musik
  5. die Maren Gilzer der Social Media

 


100-Seiten-Bücher – Teil 21
Heinrich v. Kleist: »Michael Kohlhaas« (1808/10)

Leipzig, 22. Januar 2012, 23:29 | von Paco

Mit 221.000 Zeichen handelt es sich um ein ziemlich langes 100-Seiten-Buch (unsere angenommene Obergrenze für das 100-Seiten-Projekt ist 230.000), und bei Kleist muss man ja sowieso auch noch die Kommas mitlesen, und das dauert eben eine Weile.

Und wofür der berühmte Pferdehändler Michael Kohlhaas eigentlich berühmt ist, seine infernalische Selbstjustiz, das findet auf höchstens 10 Seiten statt. Zunächst wird Kohlhaas ja vom selbstherrlichen Junker Wenzel von Tronka zum Besten gehalten, denn dieser hat sich einen Passagierschein ausgedacht, der gar nicht nötig ist. Kohlhaas will das bei der zuständigen Stelle in Dresden klären und lässt als Pfand zwei seiner Rappen zurück, die bei seiner Rückkehr aber arg runterge­kommen und damit wertlos geworden sind.

Sein Kampf um Gehör bei Gericht schlägt überall fehl, überdies kommt seine Frau dabei um. Er beerdigt sie noch schnell und »übernahm so­dann das Geschäft der Rache«, auf Seite 28 der Reclam-Ausgabe. Er brennt die Tronkenburg nieder und ermordet ein paar Leute, er äschert dreimal Wittenberg ein und bekämpft und besiegt die zu seiner Ergreifung ausgeschickten Truppen. Auf Seite 39 steckt er auch noch Leipzig »an drei Seiten« in Brand, aber das war es dann auch schon. Er unterredet sich mit Martin Luther höchstpersönlich und nach dessen Fürsprache verlagert sich die Handlung nach Dresden und es wird Zeit für gerichtlich-taktiererische, jedenfalls unkämpferische und ungrau­same Verwicklungen.

Am haarsträubendsten ist dann noch die urplötzlich aus dem absoluten Nichts heraus startende Story um die Kapsel, die einen Stichpunkt­zettel dieser wahrsagenden Zigeunerin beherbergt. Dadurch wird alles noch mal um ganze 25 Seiten hinausgezögert, jedenfalls ist am Ende sogar der Sympathieträger froh, glücklich und zufrieden, dass er end­lich hingerichtet wird. Ist aber insgesamt ein schöner Hundertseiter, das sollte jetzt alles nicht so negativ klingen.

Länge des Buches: ca. 221.000 Zeichen. – Ausgaben:

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik. Hrsg. von Gerd Eversberg. Hollfeld: Bange 1998.

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik. Anmerkungen von Bernd Hamacher. Nachwort von Paul Michael Lützeler. Stuttgart: Reclam 2003. S. 1–109. (= 109 Textseiten)

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Erzählung. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag 2008.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2011

Leipzig, 10. Januar 2012, 04:08 | von Paco

The Maulwurf has landed! Heute zum *siebten* Mal seit 2005, der Goldene Maulwurf 2011:

Der Goldene Maulwurf

Nach unseren umstrittenen Juryentscheidungen zu Iris Radisch (2008), Maxim Biller (2009) und Christopher Schmidt (2010) ist der diesjährige Siegertext vom Typ her eher ein Konsenstext. Vielleicht sind wir nach sieben Jahren in der Halbwelt des Feuilletons wirklich etwas milder geworden, hehe.

Aber vielleicht hat es damit auch gar nichts zu tun, denn Marcus Jauers Text über die »Lust am Alarm« ist so oder so einfach der beste gewesen. Die fürs Web geänderte Überschrift »Tor in Fukushima!« hat im letzten Jahr nicht ihresgleichen gehabt. Schon dadurch ist der Artikel lange im Gedächtnis geblieben, und beim Wiederlesen nach jetzt neun Monaten wundert und freut man sich erneut über den verblüffenden Textaufbau mit drei voll ausgebildeten Erzählsträngen. Das ist eine Übererfüllung des feuilletonistischen Solls, wie sie 2011 ebenfalls einmalig war.

Alles Weitere steht in den 10 Laudationes. Hier also endlich die Autoren und Zeitungen der 10 angeblich™ besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2011:

1. Marcus Jauer (FAZ)
2. Frank Schirrmacher (FAS)
3. Roland Reuß (NZZ)
4. Judith Liere (SZ)
5. Ulrich Stock (Zeit)
6. Tilman Krause (Welt)
7. Samuel Herzog (NZZ)
8. Kathrin Passig (taz)
9. Ina Hartwig (Freitag)
10. Jürgen Kaube (FAZ)

Eine mención honrosa geht noch an Niklas Maak (FAZ/FAS) und Renate Meinhof (SZ) für beider Berichterstattung zu den Beltracchi-Festspielen in Köln, d. h. den Prozess um die zusammengefälschte »Sammlung Jägers«. Von Maak stammt auch der schwerwiegendste Satz zum ganzen Kunstmarktskandal: »Tatsächlich muss man zugeben, dass Beltracchi den besten Campendonk malte, den es je gab.«

Ansonsten war die Longlist diesmal, wie gesagt, 51 Artikel lang, auch Dank einiger Lesermails, merci bokú! Hinweise auf Supertexte des laufenden Jahres bitte wie immer an <umblaetterer ›@‹ mail ›.‹ ru>.

Usw.

Bis nächstes Jahr,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque
 


Feuilletonismus 2011

Leipzig, 9. Januar 2012, 00:20 | von Paco

Maulwurf popping up!Nur schnell die übliche kurze Ankündigung: Der Maulwurf steht wieder vor der Tür. In ca. 24 Stun­den kürt Der Umblätterer zum siebten Mal seit 2005 die zehn besten Texte aus den Feuilletons des vergangenen Jahres (a.k.a. Der Goldene Maulwurf 2011). Und um gleich mal den BVB-Torwart Roman Weidenfeller zu zitieren: Die deutschsprachigen Feuilletonisten »have a grandios Saison gespielt«, auch 2011 wieder, und zwar alle.

Schon bis zum Frühjahr war ja mehr passiert als in so manchem Jahrzehnt der vorhergehenden Jahrhunderthälfte zusammen­genommen. Und es gab dementsprechende feuilletonistische Fort­setzungsgeschichten. Die meisten Ereignisse wurden auch von den anderen Ressorts abgedeckt, aber richtig in seinem Element war das Feuilleton bei den Telenovelas um Guttenbergs Doktorarbeit und die sympathische Beltracchi-Fälscherbande mit ihrer zusammengefakten »Sammlung Jägers«.

Eine weitere feuilletonistische Großtat war die Idee der FAZ, Hans Ulrich Gumbrecht ein eigenes Blog zu geben, »Digital/Pausen«, und es ist eigentlich ein eigenes Subfeuilleton, ein intellektueller Playground mit einer markanten Themenwahl und einmaligem analytischem Durchstich. Zwischendurch gab es am 9. Oktober noch die »Jahrhun­dert-FAS« mit superster Staatstrojaner-Coverage – die Ausgabe war sofort vergriffen, die entsprechenden Seiten 41–47 gab es dann aber schnell als PDF zum Download (zu diesem Feuilletonevent gehört unbedingt auch der »Alternativlos«-Podcast Nr. 20 vom 23. Oktober).

In der SZ, der NZZ, der TAZ, der WELT, dem SPIEGEL, der ZEIT und im FREITAG standen natürlich auch wieder die unfassbarsten Sachen drin. Die Idee des Goldenen Maulwurfs ist ja, die noch nie falsifizierte Großartigkeit eines Feuilletonjahres in den zehn angeblich™ besten Artikeln zusammenzufassen. Das ist bei einer Longlist von diesmal 51 Artikelvorschlägen eigentlich zu knapp, aber wir werden es wieder hinkriegen. Dazu dann morgen mehr.

Hier noch schnell unsere Backlist, die Preisträger der vergangenen Feuilletonjahre:

2005   (#1 Stephan Maus/SZ)
2006   (#1 Mariusz Szczygieł/DIE PRESSE)
2007   (#1 Renate Meinhof/SZ)
2008   (#1 Iris Radisch/DIE ZEIT)
2009   (#1 Maxim Biller/FAS)
2010   (#1 Christopher Schmidt/SZ)
2011   (#1 ???/???)

Am Dienstag im Morgengrauen dann also die zehn besten Texte aus den Feuilletons des Jahres 2011. Hier.

Bis gleich,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque

 
(Bild: Wikimedia Commons)


Das Consortium Feuilletonorum hat …

Évora, 5. Januar 2012, 18:56 | von Paco

wieder da getagt, wo es schön ist, diesmal ohne Skier, dafür im sinnlosen Schatten winterlicher Zitronenbäume.

Drei Bilder (Alentejo)

Das Gegenlicht auf den Bildern ist auf ganz billige Weise natürlich metaphorisch zu verstehen, es ging ja auch ein bisschen um das letzte Feuilletonjahr.

Der Kampf um Platz #1, um den Goldenen Maulwurf für das Jahr 2011, dauert aber weiter an. »Noch ist nichts entschieden.«

Vielleicht müssen wir wie im letzten Jahr wieder kickern (JFTR, damals gewann das Team ›Christopher Schmidt/SZ‹ gegen eine kämpferische ›Mathieu von Rohr/SPIEGEL‹-Seleção).

Drei Bilder (Alentejo)

Bekanntgabe der Jury-Entscheidung ist wie immer am zweiten Diens­tag des Jahres, diesmal am 10. Januar 2012: Der Goldene Maulwurf – Best of Feuilleton 2011.

Feuilletonistische Grüße aus dem Alentejo,

i.A. Paco
–Consortium Feuilletonorum Insaniaeque–
 


Vor 10 Jahren im »ZDF nachtstudio«:
»Fernsehen I bis III« (Rainald Goetz & Comp.)

Leipzig, 11. Dezember 2011, 18:20 | von Paco

Viele schauen das »ZDF nachtstudio« nur wegen Volker Panzer und seinen grauen Anzügen, grauen Krawatten und dunklen Hemden. Die Show läuft jetzt schon seit 1997, sie ist immer noch und immer wieder spitze, aber der absolute Höhepunkt bleiben die drei Sendungen vom September 2001, die unter dem Titel »Fernsehen I–III« liefen (alle bei YouTube).

Das dort ausprobierte Format geht zurück auf das beste Buch der letzten 25 Jahre (mindestens), nämlich »Dekonspiratione« von Rainald Goetz, in dem Folgendes geplant wird: »Eine wöchentliche Talkshow übers Fernsehen. Drei feste Leute, ein Gast, fünf vorher festgelegte Sendungen der vergangenen Woche, die dann nach Art des literarischen Quartetts diskutiert werden.«

Und nach diesen Regeln wird die Show im ZDF dann auch umgesetzt. Die festen Leute sind der Showerfinder Rainald Goetz, sein Wingman Moritz von Uslar und der Moderator Volker Panzer. Ein von Anfang an eingespieltes Dreamteam mit klarer Rollenverteilung, Panzer z. B. spielt den Kulturkonservativen und spielt ihn gut, und auch die drei Gäste, aus Quotengründen alles Frauen, sind genial gecastet: Alexa Hennig von Lange, Klaudia Brunst, Barbara Sichtermann.

Die erste Folge …

… läuft am 5. September 2001. Im Rückblick ist schon diese Eröff­nungssendung unheimlich, 9/11 dräut ja am Horizont. Dieses Gefühl der Unheimlichkeit ist aber noch nichts gegen die dann am 12. Septem­ber 2001 wirklich und tatsächlich stattfindende zweite Folge. Die wollte ich erst gar nicht wieder sehen, aber ich musste mich ihr natürlich aussetzen, um dann hier davon berichten zu können.

Doch jetzt erst mal Folge 1, die Einar Schleef gewidmet ist. Bei bzw. vor bzw. neben Goetz sind Zeitungen und Bücher ausgebreitet, es ist die schönste Grundierung, die sich überhaupt denken lässt. Besprochen wird u. a. die Sendung »Kulturzeit« auf 3sat, und alle machen sich über die damals gerade neu eingesetzte Moderatorin Tina Mendelsohn her, und Moritz von Uslar sagt den wahrscheinlich besten und nachvollziehbarsten Satz, der in den gesamten Nuller Jahren gefallen ist: »Ich will nicht eine Sendung sehen, wo eine Moderatorin sagt: ›Ich hab in der New York Times gelesen, dass –‹«

Insgesamt wird die »Kulturzeit« aber doch für gut und toll befunden. Und Goetz liefert auch noch gleich den zweitbesten Satz der Sendung nach, anlässlich eines »Kulturzeit«-Interviews: »Das ist wirklich ein Problem, dass alle Schauspielerinnen so dumm sind, das ist unerträglich.« Und es ist auch gar nicht polemisch oder ironisch gemeint, das muss man sich wirklich ansehen, wie das rüberkommt, es ist wie im »Abécédaire« von Deleuze, wenn er etwa sagt, der Hund sei der Abschaum der Tierwelt, es ist einfach eine sehr fein herausgearbeitete These inklusive mitgelieferter Beweiskette.

Über einen Artikel von Matthias Altenburg in der »Zeit« sagt Goetz: »Es ist ein Kracher, der Artikel, aber ich find, dass er sozusagen im Einzelnen nicht stimmt.« So muss über Feuilleton sowieso geredet werden, völlig überzogene Affirmation, die Feier des Glücks, dass da was auf Papier oder sonst wohin gedruckt wurde, und es dann unerwarteterweise doch irgendwie nicht stimmt und dass es trotzdem da steht. Und es ist so herrlich, wie Alexa Hennig von Lange an einer anderen Stelle Goetz widerspricht, es gibt da überhaupt kein böses Blut, es ist einfach der allerschönste Dissens, so wie Dissens sowieso am besten funktioniert, wenn er schön ist und nicht hässlich.

Moritz von Uslar lobt anschließend die sozialen Momente der RTL-Reality-Show »Gestrandet« (»Das ist das Beste von den Sachen, die wir heute besprechen, das Interessanteste und Avancierteste.«). Und Goetz fasst die Erfahrung Fernsehen für uns Heutige noch mal zusammen, wo wir gar nicht mehr wirklich wissen, wie das war damals, als wir noch Fernsehen gekuckt haben: »Fernsehen ist dazu da, um Erinnerung zu vernichten. Man kuckt die Sachen und weiß am nächsten Tag, Moment, was war gestern Abend eigentlich, was war da so angenehm, was ich gesehen habe?«

Das »nachtstudio«-Experiment also funktioniert auch nach 10 Jahren noch, man kann diese erste Sendung immer wieder und wieder sehen, genau wie den Auftritt von Rainald Goetz bei Harald Schmidt im April 2010. Aber dann:

Die zweite Folge …

… vom 12. September 2011 2001 (hier bei YouTube). Sie ist, wie gesagt, kaum auszuhalten. Weil man weiß, dass z. B. Harald Schmidt am 9/11-Dienstag nicht aus der Sommerpause zurückgekehrt ist, dass er eine Weile nicht auf Sendung gegangen ist, und es retrospektiv eine der wirkmächtigsten Entscheidungen der dt. TV-Geschichte gewesen ist, für die es einen Grimme-Preis der Abteilung »Spezial« gab.

Aber »Fernsehen II« ging auf Sendung. Zunächst wird Luhmann zitiert, wird 9/11 als ultimative Bestätigung seines Satzes interpretiert: »Was wir von der Welt wissen, wissen wir aus den Massenmedien.« Dem Ad-hoc-Gespräch über 9/11 setzt Goetz zum Glück sofort enge Grenzen, das rettet dann doch die Sendung: »Und ich will nur einfach nur noch eins kurz sagen. Dass wir uns wirklich zurückhalten sollten mit dem Versuch von Einschätzungen, weil uns das absolut überfordert und weil unsere Fähigkeiten der Analyse des Fernsehens, finde ich, das wirklich nicht erreichen, was da –«

Beobachtungen zusammentragen, mehr geht erst mal nicht. Nach 20 Minuten wird das 9/11-Thema abgebrochen und über die vorher ausgemachten Sendungen gesprochen, Goetz referiert die Günther-Jauch-Samstagabendshow »Der große IQ-Test« auf RTL. Und schon damals wird die Jauchlosigkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens beklagt (darum sei die IQ-Show nicht auf ARD oder ZDF gelaufen, mangels eines Moderators, der so eine Sendung quasi »mit seinem Gesicht« halten kann).

Die eingeladene Klaudia Brunst stellt dann »Herrchen gesucht« vor: »Es ist eine Tiersendung vom Hessischen Rundfunk, die es schon seit 26 Jahren gibt. (…) Ich sehe diese Sendung sehr gerne.« Goetz und Uslar finden die (mittlerweile abgesetzte) Schau deprimierend und traurig und falsch, es gibt eine entspannte Brandrede gegen die Emotionsarbeit des Fernsehens: »Ich will nicht so bedrängt werden.«

Und eine schöne Beobachtung zu »Beckmann« gibt es noch (besprochen wird die damals aktuelle Sendung mit Ulla Schmidt, Paul Sahner, Wladimir Klitschko). Und zwar beobachtet Goetz sehr fein Beckmanns schon per Körperhaltung angedeutetes »Reinschlupfen« in seine Talkgäste.

Die dritte Folge …

… kommt am 19. September 2001 (hier bei YouTube). Zu Gast ist Barbara Sichtermann, die ich damals nur als Figur aus Stuckrad-Barres »Blackbox« kannte (»Sichtie«).

Es geht u. a. um »Sex and the City«, die erste Staffel von 1998, die am 18. September 2001 auf ProSieben Premiere hatte. Goetz findet die Serie und das mitgelieferte Bilder- und Themenarsenal schon »extrem historisch« (»es ist so fucking alt, es ist so dated«). Panzer fragt: »Würden Sie denn diese Serie auch freiwillig weiterkucken?« Goetz (enthusiasmiert von Sichtermanns Analyse): »Ja, ehrlich gesagt ja, komischerweise.« 2001, das ist auch kurz vor dem Zeitpunkt, als in Deutschland das Serienjunkiewesen beginnt, was mit SATC ja auch etwas zu tun hat. Plötzlich konnte man wildfremde Menschen z. B. fragen, ob sie »Six Feet Under« s04e05 gesehen haben usw., das waren plötzlich Referenzpunkte wie Bibelstellen.

In »Fernsehen III« liefert Goetz sonst noch eine schön anzuhörende Strukturanalyse von »Sabine Christiansen« (Sichtermann: »Ich sehe die Sendung nicht so gerne. Sie ist mir zu behäbig und die Moderatorin zu …« – Goetz: »… betrunken vielleicht?«). Es ging in der »Christiansen«-Sendung natürlich um 9/11 und die Folgen, und Goetz lobt in einem Anfall von Systemtheorie den verklausulierten, staatstragenden Gestus der talkenden Politiker, Schilys zum Beispiel:

(zu Sichtermann:) »Ich finde nur, das, was Sie da angreifen an dem gesetzten Talk der Politiker, das hab ich grade in der Sendung jetzt noch mal so richtig verstanden und gut gefunden, weil es sozusagen darum geht, dass die künstliche Intelligenz der Institutionen quasi angezapft wird. Es geht jetzt nicht darum, was Schily als Person denkt, sondern es geht darum, dass diese Probleme eingespeist werden – das findet jetzt eben statt – in Apparate. Kein einzelnes Bewusstsein ist in der Lage sozusagen, die Konsequenzen zu überblicken, das denken zu können, das verstehen zu können, aber Kommunikation als Ganzes, diese Art von künstlicher Intelligenz, die da jetzt zu marschieren anfängt, und das sah man da so extrem. Es gab dann ja auch sofort in der FAZ von Mark Siemons einen Artikel darüber, dass Schily, und Fischer übrigens auch, bei ntv, dass die sozusagen die Diskurse abblocken. (…)«

Es geht dann auch noch um die ausgebliebene Harald-Schmidt-Show, es kommt zu folgendem Dialog:

Goetz: Wir haben ja sozusagen gewartet, schon letzten Mittwoch bin ich hier reingekommen und hab gesagt: Was macht Harald Schmidt? Sozusagen ich warte bereits seit einer Woche drauf: Wie tritt er vor die Leute, was passiert?
Uslar: Ich bin gleichzeitig irre gespannt und kann gleichzeitig auch verstehen, dass er im Moment nicht sendet. Die Amerikaner senden auch nicht im Moment, das ist so ein Argument –
Goetz: Die amerikanischen Talkshows laufen nicht, oder wie?
Uslar: Nee, Leno und Letterman senden nicht.
Goetz: Ah, das ist ja interessant.
Uslar: Und das ist sicher ein Argument für die, die –
Goetz (unterbrechend): Woher weißt du das?
Uslar (mit Understatement gehaucht, absolut sympathisch): Das hab ich in der Zeitung gelesen.
Goetz (sehr, sehr heiter).

Am Schluss dieses dreifolgigen »nachtstudio«-Experiments wird noch gefragt: »Ist das Fernsehen als Ganzes vielleicht das größte Kunstwerk des 20. Jahrhunderts überhaupt?« Wenn man das damals vor 10 Jahren mit Enzensbergers »Nullmedium«-Idee im Hinterkopf als provokant empfunden haben könnte, ist es heute eine noch berechtigtere Frage, aus historischer, aus kunsthistorischer Sicht, denn das 20. Jahrhundert ist ja genauso vorbei wie das Fernsehen as we knew it.

Ich habe die drei Sendungen noch irgendwo auf VHS, aber im Moment keine Zeit, um sie ins Museum historischer Abspielgeräte zu bringen. Deshalb ein großer Dank an den Uploader alexomat2, und hier noch mal der LINK zu diesem Goldnugget der TV-Geschichte.
 


Noch mal »Thanatos«, Seite 311

Leipzig, 6. November 2011, 08:35 | von Paco

Alban Nikolai Herbst liest gerade extensiv Helmut Krausser, zur Vorbereitung auf sein Krausser-Hörstück, das am 1. Dezember vom WDR 3 gesendet werden wird. Am Mittwoch hat er den herrlichen Großroman »Thanatos« beendet und einen Tag davor, am 1. November 2011, hat er gegen 17:36 Uhr die magische Seite 311 passiert (in der Luchterhand-Originalausgabe), von der hier schon mal die Rede war. In ANHs Lektürebericht heißt es (Achtung, Spoiler!):

17.36 Uhr:
Jetzt, tatsächlich ist Fahrt in den Roman gekommen, der Umblätterer hatte recht; allerdings schon ein wenig vor der Seite 311. Jetzt läßt sich auch der Typ aushalten, weil er endlich etwas tut, auch wenn’s ein Mord ist. Interessanterweise spiegelt die Sprache genau das wieder, wird enorm flüssig, ja leuchtet, fast fiebrig mitunter. Also jetzt ist das toll. Ich merk’s daran, daß ich nicht dauernd nach anderem schaue, das zu tun wäre …

»Der Typ« meint die Hauptfigur, den sehr überambitionierten Germa­nisten Konrad Johanser (»Alles Wackenroder, oder was?«). – ANH hat das Buch jetzt übrigens zum zweiten Mal gelesen, beim ersten Mal, im Frühjahr 1996, hat er es für die »Weltwoche« rezensiert: »Anders als zehn Elftel aller gegenwärtigen Literatur wittert Kraussers ›Thanatos‹ dauerhaft nach.«

Der 1. Dezember 2012 wird ein Donnerstag sein, und 23:05 Uhr ist doch eine gute Zeit.
 


Aus dem Leben der Sixtina

Leipzig, 4. November 2011, 06:56 | von Paco

In Dresden werden ja gerade die beiden berüchtigsten Raffael-Madonnen gegenübergestellt (Semperbau am Zwinger, noch bis 8. Januar 2012). Darüber gibt es einen schönen FAZ-Artikel von Andreas Platthaus, den ich mit etwas Verspätung eben erst gelesen habe.

Ich war jetzt selbst noch nicht in der Ausstellung, aber mir fiel beim Lesen sofort eine Episode aus dem Leben der einen Madonna ein, eine Episode, die Mitte der Achtzigerjahre von dem lettischen Künstler Mihails Korņeckis (1926–2005) nachträglich gemalt wurde – jetzt bitte nicht erschrecken:

Gerettete Madonna (1984-1985); (C) LNMM, Riga

Das Bild aus dem LNMM in Riga trägt den Titel »Gerettete Madon­na« (»Izglābtā Madonna«, 1984/85, 156×180 cm) und ist natürlich gemalte Kulturpolitik (siehe Matthias’ Kommentar unten). Die Ge­schichte, die mit dieser Figurenanordnung erzählt werden soll, geht ungefähr so (mit Dank an Wolfgang Stärke):

Zunächst wird der Blick sofort auf das Bild im Bild gelenkt, auf Raffaels »Sixtinische Madonna«, die normalerweise in der Dresdner Gemälde­galerie Alte Meister hängt. Die dargestellte Szene zeigt allerdings, wie sie bei Kriegsende von der Roten Armee in sagen-wir-mal Sicherheit gebracht wird bzw. worden ist (zurück nach Dresden ging sie erst nach Stalins Tod Mitte der 50er-Jahre).

Der sowjetlettische Künstler hat den Raffael nun also auf seine eigene Leinwand kopiert, was ihm auch mehr oder weniger gut gelungen ist. Vor dieser Grundierung findet dann die eigentliche Story statt, die Raffaels Dreieckskomposition spiegelt:

Zwei russische Soldaten bewachen das sichergestellte Großgemälde samt einer (ebenfalls uniformierten, aber kittelbewehrten) Expertin, die direkt von der Heilige Barbara beschützt zu werden scheint, die aus dem Raffaelgemälde heraus direkt auf sie herabblickt. Die Kittelfrau wiederum hält eine Lupe in der Hand und scheint mit leichtem Silberblick mit dem linken Putto kommunizieren zu wollen. Die Linie von ihren Augen über die Lupe endet allerdings im Fußbereich des Papstes.

Korņeckis scheint überhaupt ein paar Probleme mit der Perspektivität zu haben: Die MP des rechten Soldaten (eine PPSch-41) ist recht kühn verzogen, das ist dann fast sozialistischer Unrealismus oder, bei wohlwollender Interpretation, eine Art Reprise des Manierismus.

Der linke Soldat, ein am Kopf verletzter und überhaupt etwas ramponiert aussehender Muschik, stützt sich auf ein mit einem Bajonett versehenes Mosin-Nagant, die Standardwaffe der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg. Der abwesende Blick des abgekämpften Kriegers lässt vermuten, dass er klischeemäßig eher weniger an Renaissancekunst interessiert ist, während sein jüngerer Kamerad neugierig zur Sixtusfigur auf Raffaels Gemälde aufschaut.

Das vielgestaltige Blickekonzert, mit dem das sowjetlettische Gemälde seine Geschichte erzählt, ist überhaupt sicher der interessanteste Aspekt hier. Und ansonsten ist es erst mal beruhigend zu wissen, dass im Moment wahrscheinlich erst mal keine schussbereiten Kriegsmänner mehr vor Raffaels Madonna stehen.

(Image © LNMM. Thanks to Gundega Cēbere!)
 


Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (3/2011)

Leipzig, 2. November 2011, 07:30 | von Paco

Masuren

1. Am 30. August: Epiphanie.

2. Und am 4. September stand unser Slogan ganz groß in der FAS: »Das beste Feuilleton der Welt«. Erschrocken.

3. Pläne, den Umblätterer einzustellen.

4. »Kein Mensch in Paris weiß in Wahrheit, wer Habermas ist.« (Raddatz)

5. Vorschlag für eine Neuübersetzung des Begriffes ›Lumières‹: Leuchtgebiete.

6. Getting closer: DER GOLDENE MAULWURF 2011. Am Dienstag, 10. Januar 2012.

7. »Hegel, der größte Maulwurfsversteher aller Zeiten« – Jasper von Altenbockum im besten Maulwurf-Artikel des Jahres, der auch noch in der sowieso schon epochalen Jahrhundert-FAS stand.

8. »Tatsächlich muss man zugeben, dass Beltracchi den besten Campendonk malte, den es je gab.« (Niklas Maak) +1!

9. Weil ständig gefragt wird: Hier eine unvollständige Liste mit ein paar Presseberichten aus den letzten 100 Jahren Umblätterer.

10. »Mehr Vorworte!« (Goethe)

 
Was bisher geschah:
 
Vorwort Nr. 1/2011Nr. 2/2011