Autoren Archiv


Kaffeehaus des Monats (Teil 75)

sine loco, 18. Mai 2013, 11:10 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Café Wacker, Frankfurt-Bornheim (wie immer ein schlechtes Touri-Foto)

Frankfurt-Bornheim
Das Café Wacker in der Berger Straße.

(Ich weiß nicht mehr, worum es ging, jedenfalls waren wir im Café Wacker und tranken einen Lattino und irgendwer sagte dann den Satz: »Ja genau, das ist das beste Buch, das Thomas Mann nie geschrieben hat.« Etwa zehn Sekunden später trat ein Mann an unseren Tisch, einfach so, und fragte äußerst interessiert: »Entschuldigen Sie bitte, welches Buch hat Thomas Mann nie geschrieben?« Diese slighte Übergriffigkeit in Sachen Literatur scheint Schule gemacht zu haben, siehe Diques Ernst-Jünger-Erlebnis vor einiger Zeit in Hamburg, als ein ähnlicher Typ Mann vom Nebentisch aus interessiert-vorwurfsvoll fragte: »Ähm, was ist denn mit ›dem Arbeiter‹!« Unser Frager hat wenigstens noch ein »Entschuldigen Sie bitte« vorangestellt und daher antworteten wir auch sofort und dankten ihm höflich für sein Interesse an unserem Kaffeehausgeplauder.)
 


100-Seiten-Bücher – Teil 64
Paul Watzlawick: »Anleitung zum Unglücklichsein« (1983)

Leipzig, 3. Mai 2013, 00:20 | von Paco

Mein Exemplar kommt aus dem Antiquariat und schon auf Seite 7 ist ein Wort angestrichen: »altruistischen«. Neben der Zeile steht dann ein krakeliges Fragezeichen. Auf den nächsten Seiten geht das so weiter, per Bleistiftstrich und Fragezeichen sind folgende weitere Einzelwörter angemarkert: »Upanischaden«, »Aphorismus«, »sublimes«, »eminent«, »Insinuation«. Das letztgenannte Wort steht auf Seite 25. Offenbar war der unbekannte Vorbesitzer des Buches dann so unglücklich über Watzlawicks abundierenden Fremdwortgebrauch, dass er gar nicht weitergelesen hat.

Das Ganze erinnerte mich an Adornos berühmten Aufsatz »Wörter aus der Fremde«, der so beginnt: »Zum ersten Male seit meiner Jugend haben mich Protestbriefe wegen des angeblich übertriebenen Gebrauchs von Fremdwörtern nach der Radiosendung der Kleinen Proust-Kommentare erreicht. Ich sah das Gesprochene daraufhin durch und fand gar keinen besonderen Aufwand an Fremdwörtern darin«. Im Folgenden verteidigt Adorno dann seine Benutzung der Fremdwörter »suspendiert«, »Disparatheit«, »designiert«, »ratifizieren«, »imagines«, »Soirée«, »Sexus«, »society-Leute«, »kontingent«, »Spontaneität« und »Authentizität«.

Von Watzlawick gibt es keine solche Rechtfertigung, er hat sich an keiner Stelle dafür entschuldigt, dass er statt »Sinnspruch« »Aphorismus«, statt »fein« »sublim« oder statt »herausragend« »eminent« geschrieben hat. Ein Best- und Longseller ist sein Buch trotzdem geworden, zuletzt wurde es sogar noch verfilmt. Adornos »Kleine Proust-Kommentare« und sein Fremdwörter-Essay wurden hingegen nur im Radio übertragen.

Länge des Buches: ca. 118.000 Zeichen. – Ausgaben:

Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein. München: Piper, 31. Auflage 1990. S. 9–128 (= 120 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (2/2013)

Leipzig, 15. April 2013, 22:40 | von Paco

Haleakala Sunset

1. Ende März ist in unserer Lieblingsliteraturzeitschrift EDIT das Special »Lob des 100-Seiten-Buchs« erschienen (Ausg. 61, S. 117–129). Michael Braun hat die Ausgabe hier kurz rezensiert.

2. Überhaupt passiert gerade einiges im Umkreis unserer Experimentanordnung zum 100-Seiten-Buch. Während der großen Ulla-Berkéwicz-Festwoche, die gestern erfolgreich zuende gegangen ist, kamen allein sechs Berkéwicz-Hundertseiter dazu. Nun geht es wieder mit Hundertseitern anderer Autoren weiter, morgen schreibt Niwoabyl was zu »Morels Erfindung« von Bioy Casares.

3. Am Wochenende fand sich bei der Zweitlektüre von »Mordad« übrigens noch dieser brillante Satz: »Der Makler war einer jener näselnden, fistelnden Falsetthamburger gewesen, die immer ›witzig‹ sagen und selber völlig witzlos sind.« (S. 17)

4. Ach so, ebenfalls Ende März erschienen: Das Kinojahr 2012, San Andis jährliches Kompendium gehobenen Mainstreamkinos.

5. »Wenn man sich länger mit Catalin Voss unterhält, denkt man irgendwann, dass er eigentlich die bessere Geschichte ist.« (Der Spiegel 13/2012)

6. »Also plaudern muß man, plaudern!«

7. Ja da schau her, hat C. H. Beck etwa schon jetzt abermals das Cover des Jahres herausgebracht?

8. Längst mal fällige Antonomasie-Kritik.

9. Rätseln Sie mit und gewinnen Sie tolle Preise.

 
Was bisher geschah:
 
Vorwort Nr. 1/2013

 


100-Seiten-Bücher – Teil 52
Joseph Brodsky: »Ufer der Verlorenen« (1989)

Leipzig, 31. März 2013, 16:05 | von Paco

Brodsky war seit 1972 jeden Winter für ein paar Tage oder Wochen in Venedig und hat deshalb 17 Jahre später dieses schöne kleine Pamphlet darüber veröffentlicht. Es erschien 1989 zunächst in italienischer Übersetzung unter dem ursprünglichen Titel »Fondamenta degli incurabili«, das englische Original dann in erweiterter Form als »Watermark«. Es liegt nun die Vermutung nahe, dass Brodsky dieses Buch geschrieben hat, um weitere Touristen davon abzuhalten, in seine Winterresidenzstadt zu reisen. Immerhin war er damals schon Nobelpreisträger, seinen Worten wird also einiges Gewicht beigemessen worden sein.

Brodsky selbst ist jedenfalls der beste aller Touris, was er auch unumwunden zugibt. Angewidert ereifert er sich über andere und vor allem deutsche Pauschalreisende und macht seine Leser ebenfalls zu Touristen, die sich wiederum über Brodsky aufregen sollen. Denn er mag zum Beispiel Wagner und Tschaikowski nicht, was provozierend unoriginell ist, und außerdem rechnet er auf wohlfeile Weise mit Ezra Pound ab. Zusammen mit Susan Sontag besucht er dessen Witwe, die ihnen den Gefallen tut, die Machenschaften ihres verstorbenen Mannes unaufgefordert mit einer elend langen Rechtfertigungsrede zu verteidigen. Brodskys Bericht von diesem Besuch wirkt so unangenehm gerecht wie damals Michael Moores Visite beim armen NRA-Maskottchen Charlton Heston, aber wie gesagt, das ist sicher genau so auch beabsichtigt.

Insgesamt hat der Venedigveteran für den Band 48 Kurztexte versammelt, lose verbundene Impressionen mit poetischem Mehrwert, wobei das jetzt unbedingt positiv gemeint ist. Denn wer literarische Beschreibungen des Geruchs von gefrorenem Seetang liebt, muss dieses Buch unbedingt lesen.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Joseph Brodsky: Ufer der Verlorenen. Aus dem Amerikanischen von Jörg Trobitius. München; Wien: Hanser 1991.

Joseph Brodsky: Ufer der Verlorenen. Aus dem Amerikanischen von Jörg Trobitius. Mit Photographien von Peter-Andreas Hassiepen. München; Wien: Hanser 2001.

Joseph Brodsky: Ufer der Verlorenen. Aus dem Amerikanischen von Jörg Trobitius. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 2002. S. 5–94 (= 90 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Vossianische Antonomasie (Teil 27)

Leipzig, 1. März 2013, 09:06 | von Paco

 

  1. der Uwe Steimle Italiens
  2. der deutsche Johnny Cash
  3. der ostdeutsche Louis de Funès
  4. der Obama von Altona
  5. der Bilbo Beutlin der deutschen Sozialdemokratie

 


Der Mann ohne Abnehmer

Berlin, 15. Februar 2013, 19:15 | von Paco

Zuerst dachte ich, das war ein Scherz. Im Hauseingang, auf dem Boden unter dem Klingelbrett, waren acht Bücher gestapelt, darunter ein André-Müller-Interviewband, »Corneille · Théâtre complet · Tome II« und der »Mann ohne Eigenschaften« (Rowohlt, gelbes Leinen). Und zwar hatte Josik bekanntlich große Teile seiner Privatbibliothek verkauft und zuletzt auch großzügig Sachen verschenkt. Aber dass er hier jetzt Musil zum Mitnehmen in den Hauseingang legt –

Hat er aber gar nicht, wie sich im vierten Stock herausstellte. Ich war kurz auf Besuch, weil wir abends noch ins Kino gehen wollten. Und die Bände mussten »von den Bildungsbürgern aus dem zweiten Stock« stammen, soweit die Vermutung. Als wir nach einer Weile das Haus verließen, hatte sich der Stapel wie von Zauberhand dezimiert, die Hälfte der Bände war weg, André Müller zack, Pierre Corneille zack. Musils Mann lag immer noch da.

Als wir dann aus »Hannah Arendt« kamen, schlenderten wir von Kreuzberg zurück nach Schöneberg und noch mal bei Josik vorbei. Schon aus der Ferne blinkte uns von der Eingangstür her ein gelbes Objekt entgegen. Alle anderen Bände hatten dankbare Abnehmer gefunden, nur der »Mann ohne Eigenschaften« lag immer noch da! Acht Bücher minus sieben ergibt einmal »Mann ohne Eigenschaften«. Das ist ganz sicher als Niederlage für Musil zu werten, als Niederlage im freien Wettkampf um Leserschaft. Aber, und das sollte man noch mit bedenken, es war ein ziemlich ramponiertes Exemplar.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 47
Ernest Hemingway: »Der alte Mann und das Meer« (1952)

Leipzig, 5. Februar 2013, 11:45 | von Paco

Das bekannte Kinder- und Jugendbuch von Hemingway ist natürlich nicht »das berühmteste dünne Buch der Weltliteratur«, wie Wolf Wondratschek es so schön ausgedrückt hat. Es ist aber sicher das einzige Diätbuch, das einen Nobelpreis spendiert bekommen hat. Der alte Mann, der übergroße Fisch am Haken, die geschilderte Unbill beim Fischen usw., das alles bedeutet sicher irgendwas. Aber vor allem macht die Spritztour des alten Santiago Lust auf eine Hemingway-Diät. Sie dauert knapp drei Tage, so lange, wie der alte Mann im Golf von Mexiko verbringt.

Tagsüber wird erst mal nichts gegessen, nur etwas Wasser getrunken. In der ersten Nacht gibt es dann aber endlich einen kleinen Thunfisch, roh und ungesalzen: »Er hob ein Stück in die Höhe und steckte es in den Mund und kaute es langsam. Es schmeckte nicht schlecht.« Dann tagsüber wieder nur Wasser, erst in der zweiten Nacht folgen eine Goldmakrele und zwei fliegende Fische, die sich zufällig im Makrelen­magen angefunden haben. Wieder wird das Ganze roh verspeist und schmeckt diesmal nicht so ganz gut: »Ich werde niemals wieder ohne Salz oder Limonen in einem Boot hinausfahren.«

Am dritten und letzten Tag gibt es dann schon bei Tageslicht einen kleinen Snack, und zwar eine Handvoll Garnelen, die sich beim Schütteln eines Bündels Seetang ergeben haben: »Sie waren sehr winzig, aber er wußte, daß sie nahrhaft waren, und sie schmeckten gut.« Wenig später gibt es dann als Krönung noch ein Stück von dem großen Marlin, den der Alte im Schlepptau hat und der da bereits von Haien angefressen ist: »Er kaute es und bemerkte die Qualität und den feinen Geschmack.« So. Und zwischendurch immer mal wieder einen Schluck Wasser und das war es dann auch schon. Das ist die Hemingway-Diät.

Länge des Buches: ca. 155.000 Zeichen (Übersetzung von Horschitz-Horst), ca. 133.000 Zeichen (engl.). – Ausgaben:

Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer. [Einzig autorisierte Übersetzung von Annemarie Horschitz-Horst.] Reinbek: Rowohlt 1995. S. 3–124 (= 122 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Regionalzeitung (Teil 54)

Leipzig, 3. Februar 2013, 12:31 | von Paco

 
  266.   mit einem Pflichtsieg in die Saison gestartet

  267.   mit geballter Offensivkraft

  268.   die Mannen um

  269.   musste wieder in extremis klären

  270.   wurden ihrer Favoritenrolle gerecht
 


Kaffeehaus des Monats (Teil 74)

sine loco, 29. Januar 2013, 01:44 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Weimar, Koriat Kuchenmanufaktur (wie immer ein dezidiert schlechtes Touri-Foto)

Weimar
Die Koriat Kuchenmanufaktur in der Steubenstraße.

(Man muss die lange, lange Steubenstraße bis ganz nach hinten laufen, immer auf die Herz-Jesu-Kirche zu. Kurzer Schwenk nach rechts und da ist dann die Koriat Kuchenmanufaktur. Die Tortenvitrine ist eine Art Verfilmung des Schlaraffenlandes. Sommers sitzen vor dem Koriat weither aus Heidelberg angereiste Studenten der Bauhaus-Uni, die sich von ihren Wochenendabenteuern in Berlin erzählen, und das sind eigentlich immer sehr spannende Geschichten, hehe. Winters sitzen drinnen Enkel mit ihren Omas und fragen nach dem Krieg, nach dem Kalten Krieg wohlgemerkt, denn das ist ja jetzt so langsam die Zeit dafür. Dazu dudeln ganz leise zum Beispiel französische Chansons. Wie jeder andere Spitzenladen auch hat das Koriat montags normalerweise geschlossen.)
 


100-Seiten-Bücher – Teil 46
César Aira: »Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo« (2002)

Leipzig, 24. Januar 2013, 17:45 | von Paco

Spätabends wird der langweilige Ministeriumsschreiber Varamo in einem panamaischen Kaffeehaus von drei windigen Verlegern dazu angehalten, über Nacht einfach mal ein Buch zu schreiben. Thema egal, mach einfach, so 80 bis 100 Seiten, mindestens jedoch 74, »denn die waren nötig, damit es ›für einen Rücken reicht‹«. Der gerade verlebte Tag war für Varamo misslich verlaufen, denn ihm wurde als Monats­gehalt Falschgeld ausbezahlt, glücklicherweise genau so viel, wie dann die Verleger dem Eintagsdichter für seine literarische Nachtarbeit geben wollen, 200 Pesos.

Also okay, überredet, der Stand-up-Literat Varamo setzt sich zu Hause hin und schreibt einfach alle Papiere ab, die sich bei ihm den Tag über angesammelt haben und mischt diese Abschriften mit den Schlüssel­wörtern eines hanebüchenen Codebuchs, das ihm eine Bekannte zugesteckt hat. Ergebnis ist dann »das berühmte Meisterwerk der modernen mittelamerikanischen Lyrik«, das so avantgardistische wie in Wirklichkeit gar nicht existierende und im Buch auch nicht zitierte Gedicht »Der Gesang des jungfräulichen Kindes«!

Der minutiös geschilderte Entstehungsprozess erinnert natürlich umstandslos an die »Simpsons«-Folge »Moe’N'a Lisa« aus der 18. Staffel: Lisa nimmt in der Wohnung des notorischen Kneipenwirts Moe ein paar Notizzettel von den Wänden und arrangiert sie auf dem Tisch per Klebestreifen zum epic poem »Howling at a Concrete Moon«, das ja ebenfalls ein sensationeller Erfolg wird.

Ansonsten ist »Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo« mal wieder ein Musterbeispiel für den von Aira perfektionierten Texttyp: um die hundert Seiten lang, von einem leicht verrückten Erzähler exzellent gefüllt, bevorzugt mit abgebrochenen Neben­geschichten ohne relevante Folgen. So geht es beiläufig um die berühmten Gleichmäßigkeitsstraßenrennen und um das Einbalsamieren von Fischen aus dem heimischen Aquarium, und dann wird auch noch seitenweise über eines der bravourösesten Stilmittel überhaupt schwadroniert, die erlebte Rede nämlich, den estilo indirecto libre!

Länge des Buches: ca. 174.000 Zeichen. – Ausgaben:

César Aira: Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo. Novelle. Aus dem Span. von Matthias Strobel. München; Wien: Nagel und Kimche 2006.

César Aira: Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo. Novelle. Aus dem argentin. Span. von Matthias Strobel. Berlin: Wagenbach 2010. S. 3–91 (= 89 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)