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Strandlektüre 2014

Jena, 4. Oktober 2014, 22:00 | von Montúfar

Meine jährliche Strandlektüre (2012, 2013) konnte diesmal leider nicht stattinden. Als ich sie am Strand von Portimão aufschlug, begann es für immer zu regnen. Die Bilderflut der Abendnachrichten im portugie­sischen Staatsfernsehen bewies mir allerdings, dass ich mit einem nun durchgeweichten schlechten Buch gar nicht so schlecht weggekommen war.

Es blieb mir nichts weiter übrig, als meine Lektürehoffnungen auf die Zeitungsauslage beim Rückflug zu verlegen. Und tatsächlich war ich nicht der einzige, der enthusiastisch auf den Stand mit den Zeitungen zustürmte, der sich auf der Passagierbrücke wie immer unmittelbar vor der Eingangsluke zum Flugzeug befand. Einer von diesem unerwarteten Ansturm bedrängten Stewardess entfuhr deshalb auch ein leises: »Nicht zu fassen!« – und ein lautes: »Aber na ja, Sie hatten ja jetzt eine Woche lang keine Nachrichten.« »Zwei«, antwortete der Herr vor mir trocken, woraufhin die Stewardess verstummte und ich so überrascht war, dass ich es verpasste darauf zu achten, welches Blatt sich der so arg nachrichtenausgehungerte Reisende griff. Ich nahm die FAZ und hatte einen angenehmen Heimflug.

Im Feuilleton beklagte sich der Feuilletonchef, dass es in Deutschland keine satisfaktionsfähigen Autorinnen und Autoren gebe, die die jüngste (west)deutsche Vergangenheit literarisch bearbeiten könnten. Seiner Analyse ließ er einen Appell folgen, der deutlicher nicht sein könnte:

»Wir brauchen mutige Künstler, um für latent zunehmende tektonische Spannungen einen kontrollierten Auslöser anzubieten, einen Moment zu stiften, an dem sich manche zum Aufbruch entschließen, nachdem sie zu lange schon aus Müdigkeit abhängen.«

Den Satz musste ich jetzt aus dem Internet rausschreiben, denn auf meine Printausgabe war ein Teil der Füllung des Flugsnacks geronnen, eines »gefüllten Pizzaschiffchens mit Thai Chicken Füllung«. Ein paar Printseiten weiter – und damit auch jetzt noch deutlich lesbar – fanden sich Auszüge aus der Rede des Joachim Gauck zur Eröffnung des Historikertages in Göttingen. Er frage sich manchmal, ob bei der ganzen Beschäftigung mit Geschichte nicht ein wenig die Zukunft vergessen werde. Vielleicht liegt das ja tatsächlich an unserer gesamtgesellschaftlichen literarischen Neigung, jedenfalls steht bei Gauck: »Wir alle lieben (…) die Epen, in denen Helden ein schweres Schicksal erleiden, daran zu scheitern drohen, aber alle Widrigkeiten besiegen und auferstehen.«
 


Das Ankündigungsplakat

Jena, 27. März 2014, 10:21 | von Montúfar

Sogar SP*N hat einen thematischen Tag für Cat Content, aber hier heißt es nach wie vor lieber wieder mal: Coburg Content!

Denn nach meinem Strandurlaub letztes Jahr hatte ich ja von meinen Abenteuern in einer Coburger Buchhandlung berichtet, wo mir dann das Plakat geschenkt wurde, auf dem für den 10. März 1993 eine Lesung Michael Köhlmeiers aus seinem Roman »Bleib über Nacht« angekündigt wurde. Weil einige danach gefragt haben, hier ist es, das Plakat. Der Schnörkel ist übrigens die bestens getroffene Veste Coburg bei Mondschein:

Köhlmeier, Lesung, Plakat, Coburg, 10. März 1993


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 29):
»Bestiarium der deutschen Literatur« (2012)

Jena, 29. Dezember 2013, 08:25 | von Montúfar

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 105)

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(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

In einem so auf Vollständigkeit angelegten Fortsetzungswerk wie diesem alphabetisch sortierten »Bestiarium der deutschen Literatur« (zauberhaft illustriert von Klaus Ensikat) darf natürlich der Verfasser selbst nicht fehlen. Während Uwe Johnson als »Pottwal« (S. 55) beschrieben und Juli Zeh synekdochisch ausgebaut wird zum »Rauhfußkauz« (S. 130), tituliert Raddatz sich selbst als »Prachtleierschwanz« (S. 133) und präsentiert sich als Ebenbild eines »sehr eitlen Tieres« (ebd.).

Der Prachtleierschwanz trägt seinen Namen, so erfahren wir, völlig zu Recht, denn es »stülpt der gerne vor spiegelndem Wasser Kokettierende den imposanten Sturz seines pfauenähnlichen Schwanzgefieders beim Kopulieren über seinen und des Weibchens gesamten Körper, was ein Forscher ›monströse Schönheit‹ nannte« (S. 133).

Peter Sloterdijk hat sich kürzlich ebenfalls treffend über sein Aussehen geäußert. In »Zeilen und Tage« beschrieb er sich als ›unfrisierbaren Oger‹. Das ist zwar monströs, aber nur bedingt schön. Und bekanntlich hatte Friedrich Engels seinerzeit in »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie« über die materialistische Dialektik behauptet: »damit wurde die Hegelsche Dialektik auf den Kopf, oder vielmehr vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die Füße gestellt.«

Raddatz – so muss man schlussfolgern – stellt intelligente Literatur- und Literatenbetrachtung vom Kopf auf den Schwanz. Das ist definitiv unterhaltsamer, als grobschlächtige Riesen zu kämmen, und verdient vorbehaltlose Hochachtung. Aber es ist auch Vorsicht geboten, denn: »Diese ›Leierschwanz-Facetten‹ täuschen (…) darüber hinweg, daß das eigentlich scheue Tier gegen Feinde äußerst aggressiv ist, die es durch eine übelriechende Ausscheidung betäubt, um dann mit stolzgeschwungenen langen Schwanzfedern in Siegerpose den Kampfplatz zu verlassen.« (S. 135)

Länge des Buches: ca. 86.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Bestiarium der deutschen Literatur. Illustrationen von Klaus Ensikat. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2012. S. 3–139 (= 137 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 28):
»Die Tagebücher in Bildern« (2011)

Jena, 28. Dezember 2013, 08:25 | von Montúfar

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 104)

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(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Dieses Buch leidet anscheinend – und das völlig zu Unrecht – an seiner Kürze. Denn schon im Vorwort berichtet Namensvetter Joachim Kaiser über die Tagebücher: »Sie umfassen immerhin 900 Seiten und knapp zwei Jahrzehnte, und doch habe ich sie in drei aberwitzigen Tagen und Nächten durchgelesen, durchstürmt; nur am Schluß ein wenig überdrüssig.« (S. 7)

Und auch am Ende findet sich abgedruckte Fanpost, in der immer von ekstatischen Leseerlebnissen die Rede ist; wohlgemerkt für die Tagebücher. Dabei sind »Die Tagebücher in Bildern« viel besser als ihr beleibterer und beliebterer Verwandter, denn sie destillieren aus dem »großen Gesellschaftsroman der Bundesrepublik« (Frank Schirrmacher) auch noch einen so schönen wie kleinformatigen Beitrag zur Gattung des Coffee Table Books.

Und was es hier zu sehen gibt, bestätigt augenscheinlich, was ich bisher nur befürchtete: FJR kennt sie nicht nur alle und ist immer der sprachlich Treffsicherste, sondern er ist dabei auch immer am besten angezogen. Ich begann sofort wieder damit, gebügelte Hemden zu tragen, und hätte beinahe wieder angefangen zu rauchen. Davor bewahrte mich nur, dass ich mich relativ schnell ausschließlich auf die Tagebuchauszüge zurückkonzentrierte.

Und da wird dann z. B. der Vorwortgeber, »[m]ein so eloquenter und begabter Freund Kaiser« (S. 76), mit den Worten gewürdigt, dass ihm beim Versuch, über die Schönheit von Musik zu reden, schlicht die Worte fehlten. Das könnte Raddatz nicht passieren. Bei einem Abend für Wolf Wondratschek in Hamburg trifft er einen Boxer, »Herrn Marke oder Maske« (S. 110), und »ein stadtbekannter Zuhälter« (ebd.) stellt ihn, Raddatz, zur Rede: »Sahn Se ma, wat is denn nun der Unterschied zwischen Gedichten und Romanen.« (ebd.)

Ganz am Ende äußert sich Raddatz noch zu einigen undankbaren Kritiken seiner Tagebücher, in einem Faksimileauszug aus seinen fortgeschriebenen Aufzeichnungen. Hier zeigt sich dann doch eine menschliche Schwäche des Titanen FJR: seine Handschrift ist gar nicht so leicht zu entziffern. Wie gut also, dass es nur noch 69 Tage dauert, bis bei Rowohlt die Tagebücher 2002–2012 erscheinen, in Druckschrift. Und welch Hinterfotzigkeit des Verlags, im Vorschautext für diese neue Tagebuchtranche einfach mal die alten Tagebücher zu dissen: »neue Namen tauchen auf: nicht mehr nur Hochhuth, Enzensberger und Grass«.

Länge des Buches: ca. 121.000 Zeichen (inkl. der Einleitung von Joachim Kaiser und den Leserbriefen am Ende, aber ohne das faksimilierte Postscriptum auf den Seiten 127–136). – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Die Tagebücher in Bildern. Mit einer Einleitung von Joachim Kaiser, einigen Briefen an den Autor und einem Postscriptum aus dessen fortgeführtem Tagebuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2011. S. 3–136 (= 134 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 12):
»Kuhauge« (1984)

Jena, 12. Dezember 2013, 08:05 | von Montúfar

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 91)

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(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

»Kuhauge« ist der erste Teil der Trilogie »Eine Erziehung in Deutschland«. Und das Bildungsromaneske ist nur die eine Seite dieses furiosen Buches, die andere ist die erschütternde Darstellung einer verhinderten Jugend während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Beides wird so genial miteinander verquickt, dass man meinen könnte, die Erzählung stamme von Johann Wolfgang Koeppen.

Kuhauge ist aber auch der Spitzname des Helden, der nur entfernt etwas mit seinem Verfasser zu tun hat, denn obwohl er 1931 in Berlin geboren wird usw., steht seine Mittelinitiale nicht für Joachim, sondern für »Jörn«: Bernd Jörn Walther. Dieser nun leidet zwar an »Nervosi­tätsschnupfen« (S. 13), meistert aber alle Widrigkeiten in seiner Familie und im Krieg. Als er wegen der zunehmenden Bombardierung Berlins zu Bekannten nach Görlitz muss, einem Oberst a. D. und dessen Gattin, fallen seine Lateinstudien trotzdem nicht aus.

Wenn nach dem Essen der Terrier namens Stalingrad die nackten Füße seines Herrchens begattet, brütet Bernd über der Passivform von »amare«, mit Erfolg: »Als Stalingrad erloschen war, nahm der Oberst a. D. Bauschan ein altes Küchenhandtuch, und Bernd fiel es ein: ›amatur‹.« (S. 41) So entdeckt der Junge am Ende der Erzählung seine Geistigkeit und seine Körperlichkeit und stürzt sich genussvoll in beide. Die letzte Szene wird nicht verraten. Aber der erste Satz ist so wunderschön, dass er hier zitiert werden muss: »›Das Suppenhuhn hat Trompetengold geklaut, das Suppenhuhn hat Trompetengold geklaut‹ – Koboldbösartigkeit überglitzerte die Kinderstimme des zehnjährigen Bernd.« (S. 7)

Länge des Buches: ca. 187.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Kuhauge. Erzählung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1984. S. 5–123 (= 119 Textseiten).

Fritz J. Raddatz: Kuhauge. Erzählung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1989.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Strandlektüre 2013

Jena, 4. September 2013, 19:10 | von Montúfar

Meine Strandlektüre dieses Jahr war Michael Köhlmeiers »Der Peverl Toni und seine abenteuerliche Reise durch meinen Kopf« und ich kann sagen, dass dieses Buch als Strandbuch zumindest für mich nicht geeignet ist.

Denn im achten Kapitel des sechsten Abenteuers beschreibt Köhlmeier, freilich ohne dies deutlich zu machen, den Coburger Marktplatz und lobt die dortige Buchhandlung für ihr Aushängeschild, denn »die Buchstaben dieses Namens sind lauter Stäbchen aus Bücherrücken, so daß man tatsächlich von Buchstaben sprechen kann, und diese lustig-kluge Wörtlichnahme eines sonst so Dahergeredeten läßt auf einen hohen Geist des Besitzers und auf ein befriedigendes Angebot seines Ladens schließen«.

Mich hielt also nichts mehr am Strand, ich wollte sofort nach Coburg zu der beschriebenen Buchhandlung und mich von der Klugheit des Aushängeschildes überzeugen. Was ich auch sofort tat, als mein Urlaub endlich vorbei war. Tatsächlich ist es ein wirklich gelungenes Aushängeschild und verpackt seine Buchstaberei auch viel dezenter als beispielsweise die italienische Designmöbel-Marke Lema.

Ich sprach natürlich sofort die Servicedamen in der Buchhandlung auf diese Köhlmeier-Passage an und sie waren sehr erfreut über die literarische Wertschätzung ihres Geschäfts. Sie ließen mich sogar vor zum Besitzer, der in diesem Fall eine Besitzerin ist. Auch diese war hocherfreut und erzählte, dass Köhlmeier vor langer Zeit auch einmal hier in dieser Buchhandlung aus seinem damals gerade neu erschienenen Roman »Bleib über Nacht« gelesen habe, der ja vor allem in Coburg spiele.

Es sei eine wunderschöne Lesung gewesen und sie erinnere sich heute noch sehr häufig, wenn sie auf Arbeit gehe, an die Köhlmeier’sche Beschreibung der Veste Coburg, denn ihr Weg ermögliche ihr eine ähnliche Blickrichtung auf die Veste wie die, die Köhlmeier seinerzeit bei der Beschreibung gehabt haben müsse. Sie wollte auch gern für mich in ihren Unterlagen nachschauen, wann die Lesung war und sie versprach mir, wenn ich es denn einrichten könne, erneut vorbeizuschauen, diesen Coburg-Roman als Geschenk.

Ich warf natürlich sofort meine weiteren Reisepläne über Bord und kam zwei Tage später in die Buchhandlung zurück. Die Besitzerin konnte sich leider nicht mehr erinnern, mir das Buch schenken zu wollen. Die Paperback-Ausgabe kostet 9,90 Euro. Doch bin ich nun stolzer Besitzer eines originalen Ankündigungsplakats für Köhlmeiers Lesung. Diese fand am 10. März 1993 statt und die beiden Coburger Lokalzeitungen – die Besitzerin hatte mir die Artikel von damals kopiert – berichteten ausführlich.

»Michael Köhlmeier liebt Coburg, und so läßt er die Liebe in Coburg erwachen.« So stand es am 12. März 1993 in der »Neuen Presse«. Und das »Coburger Tageblatt« merkte in seiner Ausgabe vom selben Tag in ausgewogener Kritik an: »Altmodisch mag man solch Erzählen nennen, allzu schlicht bisweilen im Tonfall – sein Lobpreis der zarten Innerlichkeit freilich stieß in Coburg auf offene Ohren.« Und er tut es bis heute, möchte man nach diesem Besuch der Buchhandlung 20 Jahre danach ergänzen.
 


Ramsmayr

Jena, 3. Juni 2013, 14:12 | von Montúfar

Das Jahrtausendspiel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München kam auch nicht ohne die höheren Weihen der Literatur aus. »Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt, schreibt der große Geschichtenerzähler Christoph Ransmayr.« Schreibt der SZ-Sportkorrespondent Boris Herrmann in der SZ vom 24. Mai 2013.

Passend dazu ist mir genau am Jahrtausendspielsamstag ein Buch von Jean-Paul Barbe in die Hände gefallen, das den wirklich grandiosen Titel trägt: »Events in Kuhschnappel«. Und dort ist auf dem Klappentext zu lesen, dass sich dieses Buch gegen die pessimistische Geschichtssicht des Romans »Morbus Kithara« (sic!) von »Christoph Ramsmayr« (noch mal sic!) wendet.

Nun ist Ransmayrs Vorliebe für Fiktionalitätsspielereien so bekannt, dass sich selbst Wikipedia zu der Aussage hinreißen lässt: »Ransmayr verbindet in seiner Prosa historische Tatsachen mit Fiktionen.« Das könnte genauso im Wikipedia-Artikel über Jean-Paul Barbe stehen, denn dieser spinnt in »Events in Kuhschnappel« genauso wie Ransmayr in »Morbus Kitahara« die historische Eventualität fort, der Morgenthau-Plan sei nach 1945 in Deutschland tatsächlich durchgeführt worden.

Doch was bei Ransmayr eine Geschichte hoffnungslosen Verfalls ist, wird bei Barbe zur lustigen Kuhschnappelei. Diese in einen Klappentext zu verpacken, in dem von einem fiktiven Autor Christoph Ramsmayr mit seinem fiktiven Roman »Morbus Kithara« die Rede ist, würde einem echten Christoph Ransmayr möglicherweise gefallen. Also hoffentlich sind das nicht nur Tippfehler!

Ansonsten lässt sich über »Events in Kuhschnappel« nicht viel sagen, da das Buch mit 154 Seiten beim besten Willen zu lang ist für eine Aufnahme in unseren Hundertseiter-Kanon. Im Roman selbst wird wegen Papiermangels und fehlender Druckerpressen zwar eine Literaturinitiative gestartet: »›Fass dich kurz! Genius, auch du!‹ war die Parole.« (S. 76) Doch für diesen hinterhältigen Literaturverstüm­melungsversuch der Alliierten lassen sich glücklicherweise weder Ernst Wiechert noch Carl Zuckmayer vor den Karren spannen:

Jenen versucht ein US-General im Münchner Hauptquartier der Alliierten zu überreden, ihren Morgenthau-Plan dem deutschen Volk schmackhaft zu machen, schließlich habe er ja in seiner »Rede an die deutsche Jugend« ebendiese aufgefordert, gemeinsam am Pflug zu ziehen. Wiechert muss den US-General jedoch korrigieren: »Das viele Pflügen dort ist doch metaphorisch zu verstehen.« (S. 81)

In Wiecherts tatsächlich am 11. November 1945 in München gehaltenen und u. a. 1947 in einem Sonderdruck des Aufbau-Verlags erschienenen »Rede an die deutsche Jugend« heißt es: »Und waren sie auch nur zu zweien und zu dreien, so zerbrach doch die schreckliche Mauer der Einsamkeit, und sie sahen einen neuen Anfang, einen neuen Pflug, eine neue Erde, und sie glaubten, daß sie schon zu zweien stark genug wären, um diesen Pflug durch die blutigen Trümmer zu ziehen und eine neue Saat in die schrecklichen Furchen zu werfen.« (S. 19f.)

Das ist in der Tat metaphorisch gemeint, und der fiktive Wiechert lehnt eine zweite Tasse Kaffee ab und verlässt wortlos das Haus, anstatt dem literaturfernen General einmal den Kopf zu waschen. Denn schon der reale Wiechert sagte ja in seiner Rede: »[A]ber wer unter uns wollte es wagen, ein Richter über den Irrtum zu sein?« (S. 25)
 


Die große Ulla-Berkéwicz-Festwoche (Tag 3):
»Mordad« (1995)

Berlin, 10. April 2013, 09:30 | von Montúfar

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 57)

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(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Ich musste die Erzählung »Mordad« (1995) von Ulla Berkéwicz im Stehen lesen. Ich hatte den ganzen Tag in der Kippenberger-Ausstellung verbracht und missglückte Kreuze und vieles andere mehr angestaunt. Dabei hatte ich die Unwirtlichkeit des Bodens im Hamburger Bahnhof völlig unterschätzt und mir furchtbare Rückenschmerzen zugezogen. Das tat dem Buch aber keinen Abbruch. Zwar kommt in ihm kein Maler vor, sondern nur ein Bildhauer, aber diese Transferleistung konnte ich als Leser problemlos erbringen.

Dieser Bildhauer nun ist Teil einer schrecklichen Nachbarschaft in einem Hamburger Villenviertel. Die Erzählerin gerät durch Zufall in diese Gegend, eigentlich kommt sie aus Berlin, möchte aber in Hamburg ihre Schreibblockade überwinden. Sie bemerkt schnell, dass ihre Nachbarn sich untereinander nicht ausstehen können, teilweise sogar gegeneinander Prozesse führen, in die die Erzählerin erst als Angeklagte und dann als Zeugin hineingezogen wird. Das, eine widerspenstige Gartentüre und eine Nachbarin, die die ganze Nacht über Liszts »Csárdás Macabre« spielt (ein wirklich nerviges Stück), tragen nicht gerade zur Überwindung der Schreibblockade bei.

Die Erzählerin befürchtet, dass »der Zweifel […] vielleicht Stürmergestalt annehmen und meinen Schreibplan mit einem Freistoß aus dem Feld kicken würde, so daß ich den eigenen dünnen Faden endgültig loslassen und meine leere Spule zurückrollen müßte in den festen Rahmen geliehener Geschichten« (S. 23). Es ist schier atemberaubend, wie die schreibgehemmte Erzählerin hier die Bildlichkeit von Fußball und Nähen ineinanderfließen lässt und so die Trennung der Geschlechterstereotype ins Wanken bringt. Was inzwischen im Literaturbetrieb für knallige Medienaufmerksamkeit herhalten musste, ist hier schon Literatur geworden.

Um sich aus diesem stofflichen Abseits zu befreien, holt sich die Erzählerin – ohne es zuzugeben – Hilfe bei einem anderen großen 100-Seiten-Autor. Wie Peter Handke im »Versuch über die Jukebox« sucht sie sich einen kleinen Schreibtisch an einem Fenster und spitzt ihre Stifte. Während aber Handke sie aus dem Fenster heraus spitzt und den davonfliegenden »Bleistiftgirlanden« hinterherschaut, bleibt der Verbleib der Spitzreste bei Berkéwicz offen. Dafür lagert sie ihre Stifte ordentlich in einem Wasserglas (S. 20), Handke hingegen »benützte seine Bleistifte auch zum Befestigen des Vorhangs in den Fensterritzen«.

Handke beendete seine Schreibblockade bekanntermaßen durch ausführliche Spaziergänge auf der kastilischen Hochebene rund um das Dorf Soria. Das geht Ulla Berkéwicz entschieden zu langsam. Sie schreibt gewissermaßen einen Handke für Eilige und lässt ihre Erzählerin durch den Hamburger Vorort fast ausschließlich rennen oder zumindest gehetzt gehen. Dadurch hat die Erzählerin plötzlich eine Einsicht in die Zeitstruktur des Schreibens, eine Einsicht, »daß da noch mehr läuft«:

»Der Stift in meiner Hand, als wollte er kritzeln, gedankenlos, wie manche das beim Denken tun, Gedankenkritzeleien, Unterkritzelungen von Genauigkeitsgedanken, fing an, über die leere rechte Seite meines Ringbuchs, die neben der linken, auf die ich das Wort Kun geschrieben hatte, eingeheftet war, eine Linie zu ziehen, von rechts nach links, mitten durch die Blattmitte durch, eine Zeitlinie, horizontal, so wie gewohnt, die ohne Knacks und Krümmung pfeilgeradeaus verlief, setzte zu einer zweiten Linie an, Blattmitte oben, zog die, rechtwinklig zu der ersten, als Gegenzeit nach unten Mitte durch, genauso pfeilgerade wie die erste, und eine dritte aus der linken Seitenecke unten, fuhr schräg nach oben in die rechte Ecke ab, und eine vierte schoß von oben links nach unten rechts, und alle vier trafen in der Blattmitte aufeinander, die Zeit, in der ich saß, auf meinem Stuhl, an meinem Brett, vor meinem Fenster, hinter dem es langsam dunkel wurde, mit meinen drei imaginären Zeiten, trafen sich am Blattpunkt, Schreibpunkt, am Punkt, wo man kapiert, daß man mit seiner Schreibzeit nicht auf die Zeit vor seinem Fenster angewiesen ist, daß da noch mehr läuft, noch viel mehr Mehr, am Punkt, wo die drei Aggregatzustände der gewohnten Zeit, in der man sitzt, auf seinem Stuhl, an seinem Brett, vor seinem Fenster, hinter dem es dunkler wird, mutieren in Vergangenwart und Gegenheit, in Zuheitwartkunft, Kunftzuwartheit, wos zündet, kracht, wo das Erzählen losgeht und sich hinwegschreibt über jede Zeit.« (S. 66f.)

Das ist wahrlich Literatur für die »Zuheitwartkunft«, für die »Kunftzuwartheit«, und die Erzählerin ist so berauscht davon, dass sie weiter hastet und sogar nur noch im Stehen isst. Zumindest so lange, bis eine große Julihitze einsetzt, die der Erzählung den Titel gibt, denn Mordad bezeichnet im persischen Kalender die sehr heiße Zeit vom 23. Juli bis zum 22. August. Da kommt es dann nämlich zum großen Showdown mit allen Nachbarn und der Erzählerin im Gartenhaus des Bildhauers.

Bis zum Juli konnte ich mit meinen Rückenschmerzen leider nicht warten, aber ich habe häufiger einmal im Stehen gegessen und bin regelmäßig joggen gegangen, und muss sagen: Für uns gewöhnlich so getriebene und beschleunigte Hamsterradfahrer wirkt diese Erzählung wirkliche Wunder.

Länge des Buches: ca. 125.000 Zeichen. – Ausgaben:

Ulla Berkéwicz: Mordad. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1995. S. 5–119 (= 115 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Strandlektüre

Jena, 21. Dezember 2012, 08:51 | von Montúfar

Meine Strandlektüre in diesem Jahr war Madame de Staëls »Über Deutschland«, und ich kann sagen, dass dieses Buch als Strandbuch völlig ungeeignet ist. Denn schon an Tag zwei meines Urlaubs löste sich in der salzig-sandigen Meeresbrise die Leimung meiner Paper­backausgabe. Ich hatte von nun an sehr darauf zu achten, dass besagte Brise mir nicht die hellsichtigen Betrachtungen Frau Staëls davontrug.

Da war zum Beispiel zu lesen: Die deutsche »Überlegenheit besteht in der Unabhängigkeit des Geistes, in der Liebe zur Zurückgezogenheit, in einer eigentümlichen Originalität.« Ich blickte über meinen Interpretationssache gewordenen Buchrand auf meine Landsleute hier an der Playa del Inglés und konnte nicht anders als dieser trefflichen Beobachtung vollkommen beipflichten. Doch weil die Form nun einmal den Inhalt von Literatur mitbestimmt, war ich gezwungen, meine Strandlektüre abzubrechen, die Meerluft setzte dem Buch zu arg zu.

Französische Literatur hat es eben in Deutschland noch nie einfach gehabt. Das zeigte sich erst neulich wieder in einem SZ-Artikel (Ausgabe vom 13. November 2012, S. 11), in dem sich Joseph Hani­mann fragt, warum in der zeitgenössischen französischen Literatur vor allem der Erste Weltkrieg immer noch eine so große Rolle spielt. Dass das hierzulande verwundert, liegt auf der Hand. Schließlich schrieb schon Madame de Staël: »Wer sich in Deutschland nicht mit dem Universum befaßt, hat nichts zu tun.«

In der meerfernen Vorweihnachtszeit konnte ich dieses Buch nun problemlos weiterlesen.
 


Kracht, Horzon, Danto

Jena, 19. Dezember 2012, 15:47 | von Montúfar

Als ich gerade Christian Krachts »Imperium« zu Ende gelesen hatte, sah ich in der Danksagung, dass da Rafael Horzon erwähnt wurde. Der hatte ja vor zwei Jahren den Roman »Das Weisse Buch« herausge­bracht, in dem eine Figur namens Rafael Horzon im Berlin der 1990er-Jahre allerlei genialen Unfug anstellt.

Horzon fährt nicht nur eine Zeitlang Pakete aus, zusammen mit einer Figur namens Christian Kracht. Er wird auch Möbeldesigner. Bei der Eröffnungsfeier zu seinem neuen Laden »MOEBEL HORZON«, in dem nur ein einziges Möbelstück, das seit kurzem von Peaches besungene Regal »Modern«, angeboten wird, passiert folgendes:

»Ist das hier eigentlich eine Art Performance?«, fragte mich misstrauisch ein schmächtiger Student, wobei er sich umständlich die Nase putzte. »Und diese Regale, die erinnern mich an diesen Bildhauer … Donald …« »Duck?«, fragte ich arglos. »Und dieses ganze Geschäft, in dem nur ein einziges Regal steht«, fuhr der Student fort, »das ist doch kein richtiges Geschäft! Das ist doch …« »Wissen Sie was«, sagte ich zu ihm und legte ihm väterlich die Hand auf die Schulter, »es gibt ja nun keine objektiven Kriterien dafür, was Kunst ist und was nicht. Und deshalb ist natürlich alles, was ein Mensch zu Kunst erklärt, auch tatsächlich Kunst. Aber genauso gut ist alles, was ein Mensch nicht zu Kunst erklärt, keine Kunst. Und wenn ich diesen Möbelladen nun nicht zu Kunst erkläre, sondern zu einem Möbelladen, dann ist er natürlich auch keine Kunst, sondern ein Möbelladen.«

Damit spielt der Ich-Erzähler Horzon natürlich auf die heute immer noch wirkmächtige Kunsttheorie Arthur C. Dantos an. Verknappend formu­liert, behauptet Danto, dass ein Gegenstand dann zum Kunstwerk wird, wenn ein kunstgeschichtlich beschlagener Kritiker diesen Gegen­stand zu Kunst erklärt. Horzon folgert daraus, dass man dann auch jeden Gegenstand zu dem erklären kann, was er ist, zum Gegenstand.

Das Ergebnis ist ein Roman, in dem eine Figur einerseits Alltagsgegen­stände zu Kunst macht und in dem zitierten Beispiel performance­ähnliche Veranstaltungen zu Nicht-Kunst. Gleichzeitig unterläuft der Text demonstrativ seine Fiktionalität und betont sowieso, dass man es mit der Frage, was Kunst ist, nicht so ernst nehmen sollte. Damit dreht er die kunsttheoretische Schraube, die Danto mit seinen Überlegungen festzurren wollte, um die entscheidende Drehung weiter, die das Gewinde überschnappen und Dantos Theorie ins Leere laufen lässt. Und das alles nicht in Form einer Theorie, sondern als sprachliches Kunstwerk. Sehr gut.