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Leo

Frankfurt/M., 13. Februar 2018, 19:05 | von Charlemagne

Neulich saß ich bei Jens Becker in der gleichnamigen Apfelweinhandlung zum samstäglichen Frühschoppen. In Frankfurt kann man an vielen Orten Apfelwein trinken, doch nirgends sitzt man so schön und schmeckt es so gut wie bei JB.

Apfelwein trinkt man, so lernt man das als zugezogener Wahlfrankfurter recht schnell, am besten aus einem 0,3 gerippten Schoppenglas, es liegt gut in der Hand und bricht die bei Sonnenschein darauf einfallenden Sonnenstrahlen auf ideale, das heißt jedes Gespräch beim Apfelwein völlig überflüssig machende, Art und Weise etc. Es gibt Schriftsteller, die beschreiben das alles noch viel besser, aber die sind dann auch nicht zugezogen.

Nachdem es samstags in der Apfelweinhandlung nicht nur Apfelwein, den es hier ohnehin täglich und in beeindruckender Vielfalt, sondern auch »Weck und Worscht« gibt, hatte ich, neben meinem Apfelwein, auch eine Rindswurst von Gref-Völsings und ein Wasserweck vom Bäcker HansS auf dem Pappestreifen, der als ideale Erfindung für den Wurstverzehr außer Haus anerkannt werden muss, vor mir.

Ab und zu verknoten sich meine Gedanken etwas beim Apfelwein und gerade wieder. Wurstverzehr, meine Güte. Es musste am leeren Glas liegen, so ließ sich die restliche Wurst nicht verzehren. Das war ja fast schon wie in »Jetzt«, Bohrer-Bernhard-Rindswurst usw. usf.

Da Jens Becker der großzügigste Gastgeber ist, den ich kenne, steht samstags in der Apfelweinhandlung immer ein offener Bembel zum Nachschenken. Der Bembel, das hatte ich bisher noch gar nicht erwähnt, ist der ideale Aufbewahrungsort für den Apfelwein auf seiner Strecke vom Fass ins Gerippte. Aufgrund der bereits erwähnten Großzügigkeit und der Tatsache, dass beim Apfelwein häufig nachgeschenkt wird, hat der Bembel immer eine anständige Größe. Es empfiehlt sich also durchaus, zum Einschenken kurz aufzustehen und dabei vorsichtig nachzuschauen, ob der Apfelweinpoet, wie ich Andreas Maier seit Jahren aufgrund seiner Texte zum Thema anerkennend und ehrfurchtsvoll nenne, zufällig im Laden ist, häufig ist er’s nämlich tatsächlich.

Natürlich kam er auch an diesem Samstag genau in diesem Moment zur Tür herein, ich hatte ihn soeben wieder heraufbeschworen. Seit Jahren gibt es in Frankfurter Apfelweinwirtschaften und an Apfelweinständen auf Frankfurter Wochenmärkten diesen einen magischen Moment, an dem sofort klar ist, dass die einzige logische Möglichkeit des weiteren Verlaufs das plötzliche Erscheinen von Andreas Maier ist.

Da stand ich also, mit dem Bembel in der Hand und dem Rücken zum Apfelweinpoeten, und überlegte kurz, wie ich diese Situation jetzt bloß bestmöglich auflösen sollte. Ich beschloss also, zunächst einzuschenken, den Bembel daraufhin abzustellen und mich schließlich vorsichtig wieder hinzusetzen. Doch irgendwie hatte er es geschafft, in genau diesem Moment hinter mir zu stehen und, um mich nicht zu erschrecken, mit der kurzen Ansage »Leo« auf seine aktuelle Position im Raum aufmerksam zu machen.

»Leo«. Ich war zunächst gar nicht sicher, ob es am Apfelwein lag oder ob er das tatsächlich gesagt hatte. Seit Ewigkeiten hatte ich den Begriff nicht mehr gehört, zuletzt hatte das Philipp Lahm im EM-Halbfinale 2008 gerufen und schon das war anachronistisch gewesen. Musste erst mal den Bembel abstellen und mich langsam wieder hinsetzen. Geistesabwesend-glücklich dachte ich an unzählige lang zurückliegende Nachmittage auf dem Bolzplatz und aß den Rest meiner Rindswurst.
 


Musil to Zweig: »Drop dead!«

Lyon, 24. Februar 2010, 14:04 | von Charlemagne

Ab und zu, wenn ich nicht gerade neuere deutsche Literaturgeschichte in Harlem zusammenflicke, lese ich die »London Review of Books«. Die liegt hier immer herum, selbst die fünf ältesten Ausgaben sehen aus, als wären sie nie gelesen worden und so kann man ein paar schöne Stunden verbringen.

Zunächst hatte ich auch etwas Interessantes darin gefunden, hatte aber keine Einleitung. Nachdem die Einleitung hier aber alles ist, bin ich aus dem Lesesaal ins Leben, in der Hoffnung, über eine schöne Einleitung zu stolpern.

Als ich dann vor ein paar Minuten an einer Französin vorbeiging, die sich eine Pepsi aus dem Automaten zog, dachte ich mir, Wahnsinn, großartig, endlich muss ich nicht mehr über eine Einleitung für diesen wunderbaren Satz aus dem Artikel von Michael Hofmann, »Vermicular Dither«, nachdenken und kann ihn hier einfach zitieren (LRB, Vol. 32 No. 2):

»Stefan Zweig just tastes fake. He’s the Pepsi of Austrian writing.«

Wie Michael Hofmann da, angesichts der Neuübersetzung von »The World of Yesterday«, mit Stefan Zweig abrechnet, großes Vergnügen. Am schönsten ja, wie sich selbst Robert Musil von Zweig nicht nur die Laune, sondern ganze Kontinente verderben lässt:

»The veteran Germanist Hans Mayer remembers a visit to Musil in Switzerland in 1940; Musil couldn’t get into the USA, and Mayer was suggesting the relative obtainability of Colombian visas as a pis aller. Musil, he wrote, ›looked at me askance and said: Stefan Zweig’s in South America. It wasn’t a bon mot. The great ironist wasn’t a witty conversationalist. He meant it … If Zweig was living in South America somewhere, that took care of the continent for Musil.‹«

Eine alte Anekdote, klar, aber man kann sie ja ab und an mal wieder hervorkramen, so wie das eben Anekdoten-Hofmann in der LRB gemacht hat.

Usw.


Unser Mann in New York: »It’s vild here!«

Lyon, 22. Februar 2010, 14:02 | von Charlemagne

Habe nach dem Mittagsschlaf, inspiriert durch David Wagners gerade bei Twitter stattfindenden Umzug, ein paar alte Ausgaben der »New York Review of Books« durchgearbeitet und bin dort auf einen lange vergessenen Aufsatz von Zadie Smith gestoßen, »Speaking in Tongues«. Wie immer bei Zadie Smith: sehr gut, im Ton wie im Inhalt usw. usf., aber besonders interessant war folgende Stelle, die sich am Obama-Wahlabend abspielt:

»I was at a lovely New York party, full of lovely people, almost all of whom were white, liberal, highly educated, and celebrating with one happy voice as the states turned blue. Just as they called Iowa my phone rang and a strident German voice said: ›Zadie! Come to Harlem! It’s vild here. I’m in za middle of a crazy Reggae bar – it’s so vonderful! Vy not come now!‹

I mention he was German only so we don’t run away with the idea that flexibility comes only to the beige, or gay, or otherwise marginalized. Flexibility is a choice, always open to all of us. (He was a writer, however. Make of that what you will.)«

Den Namen dieses deutschen Autors erwähnt Zadie Smith nicht. Ich hatte aber heute morgen ein bisschen in »Klage« geblättert und war beim Eintrag vom 19. April 2007 hängen geblieben.

Rainald Goetz hat diesen Eintrag mit »Holzfällen« überschrieben und also von Bernhard gehandelt sowie von einem fragenden Daniel Kehlmann, »der mit seinen praktisch textfreien Büchern die gehobene Angestelltenkultur vertritt«. Wie auch immer, in diesem Zusammen­hang fiel mir eine Interviewstelle wieder ein, siehe den »Spiegel« Nr. 46/2008, S. 175:

SPIEGEL: Herr Kehlmann, Sie sind extra nach New York geflogen. Wie haben Sie die Wahlnacht erlebt?

Kehlmann: Zunächst bei einer privaten Party auf der Upper East Side, dann auf einer großen Wahlparty in einem Lokal in Harlem. Es war überwältigend, in diesem Moment in Harlem zu sein, wirklich überwältigend. Das war ja nicht nur ein Augenblick, es dehnte sich über Stunden.

Soweit diese kleine Synopse zwischendurch, und egal, ob es nun vild oder vonderful oder einfach nur überwältigend war, eigentlich sollte man eine andere Stelle dieses kurzen Interviews genauer durchkauen, aber dazu hätte ich länger schlafen müssen.
 


Die menschliche Seite der Supply-Side Economics

Lyon, 21. Februar 2010, 15:26 | von Charlemagne

Mein Lieblingsbäcker hier in Lyon begrüßt mich immer als »Monsieur Charlemagne«, wegen Akzent und Brotwahl. Ab und zu legt er mir eine Handvoll Chouquettes mit in den Beutel und fragt so strahlend, wie nur Franzosen strahlen können, ob »tout va bien?«, und das passt dann gar nicht dazu, dass er mich an Nouriel Roubini erinnert.

In der Zwischenzeit hatte nämlich jenseits des Atlantiks eine bestimm­te Form der Berichterstattung, der Finanzkrisenjournalismus, eine vorreitende Rolle eingenommen. Im Unterschied zum klassischen Journalismus aus dem Wirtschaftsressort, geprägt durch so trockene wie besserwisserische Publikationen wie das »Wall Street Journal«, »Barron’s«, »Forbes« und uninspirierte Artikel, die zum zehnten Mal erklären, wie sich eine Handvoll Credit Default Swaps, kurz CDS, in eine Collateralized Debt Obligation, kurz CDO, verpacken lassen, spielt der Finanzkrisenjournalismus nun auch stets auf die, uargh, »menschliche Komponente« an.

Und lässt sich dabei nicht durch Fakten davon abhalten, wunderbarste Stücke am Rande der Fiktion zu schreiben, um das Thema doch irgend­wie interessant zu machen. Deutlich wurde das zum ersten Mal, als das »New York Times Magazine« ein Portrait über den Finanzkrisen­vorausseher Nouriel Roubini, ominös »Dr. Doom« betitelt, brachte und ihn wie folgt beschrieb:

»With a dour manner and an aura of gloom about him, Roubini gives the impression of being permanently pained, as if the burden of what he knows is almost too much for him to bear. He rarely smiles, and when he does, his face, topped by an unruly mop of brown hair, contorts into something more closely resembling a grimace.«

Nun wird als »Dr. Doom« eigentlich Marc Faber bezeichnet, der den »Gloom Boom & Doom Report« verfasst, ein großer Mahner und Warner auf dem Finanzgebiet, der seit ein paar Jahrzehnten vor allem dafür bekannt ist, immer schnell den Untergang des Amerikanischen Imperi­ums auszurufen und die Börse im Keller zu sehen, bevor die überhaupt weiß, wo sie hin will.

Faber ist ein bisschen der Cowboy unter den großen Investoren, früher gern mit Pferdeschwanz und heute immer noch mit heftigem Schweizer Akzent auf Bloomberg zu sehen. Was seine Vorhersagen angeht erin­nert er einen allerdings eher an »The Boy Who Cried Wolf«, und wer prinzipiell jedes Jahr einen Börsencrash voraussagt (siehe Roubini), hat halt irgendwann mal recht, lässt sich bestimmt auch mit Regres­sionsanalyse nachweisen, hehe.

Aber egal, die Beschreibung von Nouriel Roubini rechtfertigt ja sehr deutlich, dass auch seine Benennung als »Dr. Doom« in Ordnung geht. So sind also Ökonomen? The »dismal science« scheint ja wirklich aufs Gemüt zu schlagen. Überhaupt, nicht schlecht für jemanden der, so »Gawker«,

»(…) draws a cosmopolitan crowd to the frequent parties at his Tribeca loft – an apartment with walls indented with plaster vulvas, incidentally.«

Moment mal. Was hängt da an der Wand? Das Schöne am Finanzkri­senjournalismus ist ja, dass man von fast allen Akteuren, vor allem Wunderkind Andrew Ross Sorkin, immer sofort Antworten auf Anfragen erhält, das neue Berichterstattungsmodel arbeitet nämlich immer; Roubini also zur Klarstellung, via Facebook:

»I work very very hard and I also enjoy life. My home is also partially a cultural salon where I host book parties, debate and election night events, independent film screnings [sic!], live music nights, theater/performance acts, fashion shows, dinner parties and even plain old fashioned dance parties.

I have this professional Dr Doom nickname but I am quite a cheerful person with a few close friends and eclectic group of friends who, like most New Yorkers, are members of the creative class. The innovations of lawyers and bankers can be as creative as those of visual or performing artists, at times too creative you may say given the current financial meltdown. So I live life to its fullest. To paraphrase Seinfeld; anything wrong with that?« (zitiert nach Gawker)

Auch wenn mein Lyoner Bäcker mich an Roubini erinnert: Er hat braune Locken und keinen »mop«. Ob er »Seinfeld« kennt: keine Ahnung. Und was er an seiner Wand hängen hat, will ich wirklich nicht wissen.