Monatsarchiv für Juni 2010


Bundespräsidiales Feuilleton

Konstanz, 30. Juni 2010, 07:07 | von Marcuccio

Unter rein feuilletonistischen Gesichtspunkten bleibt ja bis auf weiteres nur ein Bundespräsident wählbar.

Einer, der Hodler und Goya zum Amtsantritt genauso souverän besprochen hat wie er Max-Reinhardt-Inszenierungen rezensiert oder Detlev von Liliencron zum 60. gratuliert hat. Der seine »Architektur-Notizen aus Belgien und Holland« ebenso ins Amt mit einbringt wie seine Abhandlungen über »Gotik in Paris« oder das Baptisterium von Florenz.

Einer, der bundespräsidiale Stippvisiten schon 1909 in Naumburg geübt hat: »Dreieinhalb Stunden Zeit. Es muß reichen. Ich will ja nur die alten Statuen im Dom ansehen.«

Ein Bundespräsident, der zudem auch mit der politischen Farbenlehre vertraut scheint:

»Reichlich viel Violett – das sind die geistlichen Gebiete –, allerhand reichsunmittelbare Grafschaft und Ritterschaft, einige vorderösterreichische Landvogteien, dazwischen eingesprenkelt das harte Rotbraun der Reichsstädte.«

Voilà, Theodor Heuss, wie er sich gerade mit dem Putzger-Atlas in Kunstreiselaune bringt. Heuss – der Abiturient, der keine Ahnung hatte, was er studieren wollte, aber dann halt mal mit »National­ökonomie, Staatslehre, Philosophie, Historie, Kunstgeschichte und Literatur« begann – im Prinzip konnte dieser Heuss nur ein guter Feuilleton-Allrounder werden.

»Einen eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelte er aber nicht«, schreibt Reiner Burger von der FAZ in seiner Studie »Theodor Heuss als Journalist«. Vielmehr liegt die Schreib-Leistung dieses Bundespräsi­denten im soliden Bildungsfeuilleton, Burger spricht denn auch vom »Volkshochschulkurs in gedruckter Form«, hehe.

Spannend auch Heuss als Role Model des landsmannschaftlich gefärbten Feuilletonismus, wie er uns in Form von Peter Richter (Sachsen) oder Claudius Seidl (München) bis heute begegnet. So sympathisch befangen zum Beispiel Nils Minkmar immer über das Saarland (be)richtet, so ungeniert lässt Heuss keine Gelegenheit aus, seine schwäbischen Dichter zu promoten.

Heuss hat über »Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn a. N.« promoviert, zeigt sich in seinen Reisereportagen aber durchaus geschmacksoffen: »Der Wein von Ischia ist recht ordentlich; wir kannten uns schon und haben in den paar Tagen des Besuchs gute Kameradschaft gehalten.«

Sämtliche Originalzitate aus der Sammlung »Von Ort zu Ort« (hrsg. von Hermann Leins, Tübingen 1959, mehrere Auflagen, zuletzt 1986 bei der DVA), antiquarisch erhältlich.


Vossianische Antonomasie (Teil 12)

Leipzig, 29. Juni 2010, 14:02 | von Paco

 

  1. die Steffi Graf des Feuilletons*
  2. der Sloterdijk der Bundesliga
  3. die Jeanne d’Arc des deutschen Schlagers
  4. ein Boccaccio der Studentenszene**
  5. der Erich von Däniken der neueren Geschichte

*Dank an Aléa Torik, **Dank an Benjamin Stein.

 


Die FAS vom 27. Juni 2010:
Airen und Reich-Ranicki

Leipzig, 27. Juni 2010, 09:27 | von Paco

Danke, liebe FAS, für die heutige Seite 23. Airen und Reich-Ranicki auf einer Zeitungsseite. Allein diese Contentverteilung ist pures, bestes, großartigstes Feuilleton. Und ein schöner Hinweis darauf, dass Airen und MRR ja im Prinzip dasselbe machen. Beide schreien sie Leuten mit arg bildungsbürgerlichen Vorstellungen von Literatur zu: Lasst uns in Ruhe mit eurem Scheiß.

Airen macht das in Form eines Recaps des Bachmann-Wettlesens: »Schön langsam nervt die Jury mit ihrem verkrampften Germanisten­gesülze.« Airen ist ja der Prototyp des naiven Dichters aus dem Schiller-Aufsatz, der eigenen Angaben zufolge auch kaum was gelesen hat und von Literatur Gegenwart und Unmittelbarkeit verlangt, »direkt ins Herz, ins Jetzt«.

Der Text wird ergänzt durch drei Airen-Fotos. Wie der Gartenzwerg aus dem »Amélie«-Film hat sich Airen mit seinem Laptop in Mexico City an verschiedenen Orten fotografieren lassen. Obwohl er im Text schreibt, er habe sich zum Bachmannbloggen in einem Apartment mit WLAN eingeschlos­sen. Kontrafaktischer Fotojournalismus also, auch das noch.

MRR in seiner »Fragen Sie«-Rubrik dann wieder normal hervorragend, er arbeitet diesmal sechs Einsendungen ab, dann ist er eh am besten, wenn er kurz und schmerzlos seinen Unmut über die fragwürdigen Fragen seiner Leserschaft zum Ausdruck bringt: »Bitte, quälen Sie mich nicht.«

Eine Umblätterung weiter, Seite 25, gibt es ein Interview von Rüdiger Suchsland mit Pegah Ferydoni, sie interessiert sich für Gadamer, super. Und mehr hab ich erst mal gar nicht gelesen in der FAS, nur noch den Feuilleton-Opener von Claudius Seidl über das Nachfolgebuch zu »Less Than Zero«, das Bret Easton Ellis jetzt also tatsächlich geschrieben hat. Und nun, halb zehn Uhr morgens: hinaus in die Unmittelbarkeit.


Regionalzeitung (Teil 31)

Leipzig, 26. Juni 2010, 09:06 | von Paco

 
  151.   musste sich auch ein paar unbequeme Fragen gefallen lassen

  152.   steht wieder ganz im Zeichen der

  153.   gab seinem Herzen einen Stoß

  154.   per pedes

  155.   das nötige Kleingeld
 


Kafka, redigiert

Leipzig, 24. Juni 2010, 09:55 | von Paco

Man könnte ein ganzes Blog mit Lieblingsstellen aus den Krausser-Tagebüchern bestreiten, »einem der unfassbar hervor­ragendsten Literaturgroßprojekte aller Zeiten«, wie Dique neulich schon schrieb. Auf Jahre hin hätte man Stoff. Gerade ist »Substanz« erschienen, eine Auswahl aus den 12 Tagebuchbänden, aber »Substanz« zählt natürlich nicht, man muss sie schon alle lesen, im Zusammenhang.

An eine Stelle aus dem »März« (2003) habe ich mich wieder erinnert, als ich Florian Illies‘ »Substanz«-Verriss in der »Zeit« gelesen habe. Und selbst der verrisswillige Illies lässt diese Stelle gelten: »Ein einziges Mal, als er auf drei Seiten einen Satz von Kafka auseinander­nimmt und redigiert und verbessert, scheint auf, wieso im begründeten Denkmalsturz eine eigene Größe gewonnen werden kann.« Es geht um den ersten Satz aus Kafkas »Proceß«:

»Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.«

Den Satz hat vor zwei Jahren auch Frank Schirrmacher mal schön exemplarisch auseinandergenommen. Krausser aber macht noch etwas anderes, etwas Unerhörtes, er macht Verbesserungsvor­schläge.

Er schreibt über den Satz: »Das ist nicht schlecht, aber genial?« Und formuliert ihn probehalber um und begründet es damit, dass man »sich heute zugunsten der erzählerischen Komplexität Optionen offen halten« würde, damit das, was im Roman folgt, nicht gleich »als tragisch gestempelt, eingleisig« wäre: »genaugenommen kann man sich den Rest auch sparen«. Kraussers Alternativvorschlag:

»Josef K. glaubte an eine Verleumdung, denn ohne bewußt Böses getan zu haben, wurde er an seiner Haustür verhaftet.«

Krausser schreibt übrigens auch: »Es geht nicht darum, den heiligen Franz zu verbessern. / Aber mal grundsätzlich: wenn heutzutage nicht besser geschrieben werden könnte als zu Kafkas Zeiten, hätte kein Fortschritt stattgefunden. Unsereins stehen so viel mehr Techniken zur Verfügung.«

Also, kleiner Kafka-Sockelsturz, schulbuchwürdig, im positiven Sinn.


Kaffeehaus des Monats (Teil 54)

sine loco, 22. Juni 2010, 18:34 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Casa de Chá im Parque de Serralves

Porto
Das Casa de Chá im Parque de Serralves.

(Ich kam direkt vom Strand, ich hatte einen Deziliter Meerwasser ge­schluckt, es ging mir schrecklich. Trotzdem delirierte ich mich im Museu de Serralves durch die Videos der Dana-Birnbaum-Ausstellung, zuletzt saß ich in so einer unvorstellbar riesigen Dunkelkammer und ging dann hinaus und wankte durch den schattigen Park bis zum Casa de Chá, und dort gab es glücklicherweise etwas zu trinken und auch zu essen. Am Nebentisch saßen zwei Brasilianerinnen, eine junge und eine alte, Durchschnittsalter ca. 35 Jahre, und sie unterhielten sich über diesen einen Roman von Guimarães Rosa und über ihre Fingernägel, und um irgendeine Sängerin ging es auch noch, und völlig irrsinnigerweise war ich ihnen in diesem Moment dankbar, unendlich dankbar.)
 


Die FAS vom 20. Juni 2010:
Die Sportteil-Aussortierung

Hamburg, 20. Juni 2010, 21:43 | von Dique

Beginn der Rahmenhandlung

Ich konnte die FAS nicht gleich morgens lesen bzw. nur einen kleinen Teil, denn ich musste zum Spanischkurs. Dort fragte mich meine Banknachbarin in der Pause, ob denn etwas über die HSH Nordbank in der Zeitung stehe. Sie blätterte kurz in meine Sonntagszeitung hinein und fand nichts, und als ich sie fragte, was sie denn für einen Artikel über die HSH Nordbank erwarte, verstand ich dann nicht so genau, worum es ihr ging.

Später am U-Bahnsteig begann ich mit dem Aussortieren der Zeitungs­teile. Auch während der WM bin und bleibe ich FAS-Sportteil-Aussor­tierer, obwohl ich schon mehrfach, auch von vertrauenswürdigen Bekannten, darauf hingewiesen wurde, wie gut doch die Artikel im Sportteil oft seien, besonders am Wochenende, besonders in der FAZ und in der FAS.

Die U-Bahn traf ein, ich konnte gerade noch den Sportteil herausziehen und hinter mir auf der Bank ablegen. Während der Fahrt begann ich mit dem dramatischen Wirtschaftsteil, den ich dann auch erst im Café beendete.

Der Wirtschaftsteil

Die Dramatik startet gleich im obligatorischen Interview auf Ressortseite 3 (= Seite 33), wo sich Jagdish Bhagwati zur aktuellen Finanzmarktproblematik äußert. Er hebt sich dabei angenehm ab vom viel zu populären Bankerbashing und bleibt dabei so logisch und freundlich, man hört ihn beim Lesen fast laut reden. Auf dem Foto zum Interview wirkt Bhagwati auch ungeheuer sympathisch, die beiden Zeigefinger in die Luft gestreckt, ohne Krawatte und bescheiden lächelnd sitzt er vor einer Bücherwand, deren buntgemischte Buch­rücken auf eine moderne Wirtschaftsbibliothek schließen lassen.

Ansonsten hat diese Ausgabe einen ziemlichen Benzingeruch, es geht um Autos und Öl, gleich von der FAS-Frontseite wird man in den Wirtschafts­teil hineingeteast. Die S-Klasse von Mercedes muss wieder in Sonderschichten hergestellt werden, weil immer mehr Chinesen ihre stetig wachsende Infrastruktur damit befahren möchten. Die Krise ist vorbei, ade Kurzarbeit, jetzt wird auch am Samstag geschraubt, montiert und lackiert.

Dagegen reißen bei BP die Probleme einfach nicht ab, statt der üblichen sechs rechnet man in diesem Jahr zur kommenden Hurrikanzeit mit vierzehn Wirbelstürmen. Dann wird es historisch, mit einem Gang durch die Geschichte des BP-Konzerns. Das Unternehmen wurde vor über hundert Jahren von einem spekulierenden Glücksritter begründet, der sich persische Bohrlizenzen besorgte und kurz vor der eigenen Pleite endlich Öl fand.

Bewegt ging es weiter, und dazu gibt es dann eine Menge Fotos, angefangen beim Schreibtischporträt des Gründers William Knox D’Arcy über die englische Königin bei der Einweihung des Forties-Ölfeldes in der Nordsee bis hin zum Schutzhelmfoto des unglücklichen Tony Hayward, des aktuellen Bosses des Konzerns. Gerade wurde er als Krisenmanager suspendiert und tritt gleich ins nächste Fettnäpfchen. Er entspannt wohl erst mal auf einem Segeltörn, und SPON zitiert dazu Obamas Stabschef, Rahm Emanuel: »Ich glaube, wir kommen alle zu dem Schluss, das Tony Hayward nicht vor einer Zweitkarriere als PR-Berater steht.«

Eine Umblätterung weiter geht es abermals mehr oder weniger um Treibstoff, denn der Industrielle Herbert Quandt wurde vor ca. 100 Jahren geboren und hat sich vor ca. 50 Jahren für die Sanierung von BMW engagiert, indem er sein Aktienpaket aufstockte usw., und vielleicht geht es sogar im Rückseitenportrait irgendwie um Treibstoff, um das Zaubermittel, das die 32-jährige Kristina Schröder, Mini fahrende und twitternde Familienministerin, immer wieder antreibt. Herausfinden wollte ich das aber nicht, der Ritt bis dahin war dramatisch genug, Ressortwechsel.

Schluss der Rahmenhandlung

Nun suchte ich das Feuilleton und konnte es nicht finden. Mehrfach blätterte ich hin und her, ordnete die Bücher neu – nada. Sofort verdächtigte ich die HSH-Nordbank-Interessierte aus dem Spanisch­kurs! Hatte sie sich mit ihrem Taschenspielertrick Zugang zu meiner Zeitung verschafft, um sich das Feuilleton anzueignen? Aber so was ist ja unter allen möglichen Geschehnissen auf dieser Welt nicht vorgesehen und konnte eigentlich nicht sein.

Wahrscheinlicher ist, dass das Feuilleton eben zusammen mit dem Sport auf der Bahnsteigbank gelandet ist, denn beide Ressorts werden ja in der FAS genau hintereinander gelegt. Mir war der Sportteil auch ungewöhnlich dick erschienen, aber ich hatte das auf die zusätzliche WM-Berichterstattung geschoben, irgendwelche Extras, Fußballer­figuren zum Ausschneiden und Aufstellen oder Luftballons. Nun hoffte ich, dass der Finder nicht enttäuscht war, wenn er statt Luftballons und Fußballspielern zum Basteln nur ein ungelesenes Feuilleton fand.

Soweit die Rahmenhandlung, und falls ich irgendetwas im verlorenen Feuilleton verpasst haben sollte, bitte ich um kurze Mitteilung.


Un que les Allemands n’ont pas

Lyon, 17. Juni 2010, 18:40 | von Niwoabyl

français

(Paco à publié son article sur Pierre Assouline dans l’hebdomadaire allemand « der Freitag ». Son Texte est une approche allemande du phénomène « Passou », traduit en français pour notre blog littéraire, Der Umblätterer / Le tourneur de pages.)

deutsch

(Vor einer Woche ist Pacos Artikel über Pierre Assouline im »Freitag« erschienen. Jetzt für den Umblätterer ins Französische übersetzt, damit die Passoulinisten mal sehen können, wie »Passou« in Deutschland rezipiert wird.)

*

Frank Fischer

Un que les Allemands n’ont pas
 
Pierre Assouline et sa petite tasse blanche

Traduit de l’allemand par Niwoabyl

Il compare le talent littéraire de Churchill à celui de de Gaulle. Son texte est suivi de plus de 1200 commentaires. Il écrit sur Georges-Arthur Goldschmidt et son œuvre de traducteur. A nouveau, plus de 1000 réactions. Il polémique contre le dernier roman d’Alain Robbe-Grillet, un livre fait pour le scandale – et provoque encore près de 900 commentaires.

S’il existait un pendant allemand à Pierre Assouline, ce serait sans doute un mélange de Marcel Reich-Ranicki, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Matthias Matussek et Don Alphonso. Depuis octobre 2004, Assouline rend compte sur son blog « La république des livres » de la vie littéraire de France et du monde, toujours au rythme des nouvelles parutions, des prix, des scandales, des jubilés et des décès.

Il publie en moyenne une nouvelle entrée par jour, et parfois plus, week-ends et jours fériés inclus – et par « entrée » l’on n’entend jamais le partage sans commentaire d’une vidéo prise sur YouTube, il s’agit toujours d’un texte développé, qui excède souvent les dimensions d’une page de journal. Assouline ne peuple pas non plus de ses critiques et observations culturelles les « cimetières des recensions » dont parlait Peter Glotz. Ses articles trouvent chaque jour, malgré leur longueur étonnante pour un blog, des dizaines de milliers de lecteurs. Jusqu’à présent, Assouline a publié plus de 2030 textes, suivis d’environ 280 000 commentaires. Cela fait en moyenne 140 commentaires par entrée, et, répétons-le : il est ici question de littérature. « La république des livres » fondée par Assouline est à comprendre comme une réponse « républicaine » au « Monde des Livres », le supplément littéraire du quotidien « Le Monde ». Le titre faisait ainsi dès le départ allusion à une tradition du débat qui s’est ensuite rapidement établie dans le cadre même du blog.

passouline.blog.lemonde.fr – commentaires par article (entre le 6 octobre 2004 et le 31 mai 2010)
passouline.blog.lemonde.fr – commentaires par article
(entre le 6 octobre 2004 et le 31 mai 2010)

Comme tous ceux du « Monde », le blog de Pierre Assouline utilise le logiciel WordPress, et son apparence est de la plus grande simplicité. La présentation en serait presque sympathique à force d’amateurisme. Quand un titre s’étale sur plusieurs lignes, certains navigateurs en superposent les lettres, et les illustrations ne s’intègrent pas précisément selon les règles d’une mise en page harmonieuse. Il arrive aussi que la police d’un même article change à plusieurs reprises sans raison, sans doute un résultat du copier-coller.

Un nouvel âge de la conversation

Bien qu’Assouline soit le seul auteur de son blog, le nombre élevé des commentaires montre qu’il ne s’agit pas là d’un one-man-show critique. Ses propres textes ne sont que le sommet de l’iceberg. Les commentateurs ajoutent à chaque entrée leurs compléments, ils ergotent, élargissent le contexte et s’exercent à la provocation. « La République des livres » a aussi ses trolls. Assouline lui-même ne répond que rarement, mais il est très satisfait de la masse de réactions anonymes qu’il suscite. Son blog lui a ainsi fournit la matière d’un livre publié en 2008 par les éditions Les Arènes. L’ouvrage ne contient aucun texte de son cru, mais un choix des 600 meilleurs commentaires, les plus intelligents, les plus drôles ou les plus agressifs, un hommage déclaré de l’auteur à ses lecteurs.

Le titre du volume, « Brèves de blog », reprend les « Brèves de comptoir », très connues et appréciées, de Jean-Marie Gourio, une collection annuelle de propos entendus dans les bistrots et les cafés. Assouline se contente d’y adjoindre une préface, dans laquelle il essaie de décrire la pratique du commentaire comme l’avènement d’un « nouvel âge de la conversation », et invoque une « Critique de la raison blogosphérique ».

« Passou », comme le nomment ses lecteurs en référence à l’adresse du blog (passouline.blog.lemonde.fr), a aussi créé un terme pour désigner ses plus fidèles commentateurs, il les appelle les « intervenautes ». Ces internautes qui prennent la parole sont prédestinés à renouveler la tradition des salons littéraires, justement parce qu’ils s’expriment anonymement. A l’instar du poète portugais Fernando Pessoa avec ses douzaines d’hétéronymes, chacun peut vivre ainsi différents aspects de sa personnalité et se chercher un rôle à l’intérieur de la pratique redéfinie de la conversation.

Mais pourquoi Assouline provoque-t-il tant de commentaires, et pourquoi une figure comme la sienne est-elle impensable en Allemagne? D’abord une réponse simple : Assouline a tant accumulé de capital symbolique qu’on ne peut plus passer à côté. On se doit de le lire. Et même si, comme à l’ordinaire, seul un petit pourcentage de lecteurs rédige des commentaires, cela suffit pour obtenir une production de cette importance.

Pierre Assouline (source: Wikimedia Commons)Assouline, né en 1953 à Casablanca, était déjà un grand nom de la vie littéraire française avant l’internet. Il travaillait, comme critique et comme journaliste culturel, pour plusieurs organes de presse ainsi que pour la radio, entre autre dans la légendaire émission hebdomadaire « Le masque et la plume », où depuis les années cinquante bat le cœur de la France culturelle. Pendant dix ans, il fut rédacteur en chef du magazine « Lire », tout en publiant des biographies populaires, notamment d’Hergé ou de Georges Simenon. Celles qu’il consacra au galeriste de Picasso, Daniel-Henry Kahnweiler, et à Henri Cartier-Bresson sont également parues en allemand. En outre, Assouline est aussi un romancier à très grand succès. Certains de ses romans sont aussi sortis chez des éditeurs allemands, en dernier lieu « Lutetia » (»Lutetias Geheimnisse«) chez Blessing, où doit paraître à l’automne « Le Portrait » (»Das Bildnis der Baronin«).

Et voilà : un « homme de lettre » dans les règles de l’art, qui avait déjà utilisé tous les leviers de la popularité avant même de devenir blogueur. A présent, il consacre jusqu’à cinq heures par jour à son blog. C’est un travail à mi-temps, où il ne fait que ce qu’il a toujours fait : rendre compte, en journaliste, de la vie culturelle. A la différence qu’il dispose dorénavant de centaines de réactions écrites pour juger de son impact. Et l’industrie du livre considère aussi ces commentaires comme des indicateurs de tendances.

Impensable en Allemagne

« Passou » se donne l’allure d’un conservateur de la tradition des cafés. L’accroche de son site est un portrait de lui en train de boire le contenu d’une petite tasse de café, un symbole contre le provincialisme, pour Paris, pour le café comme lieu de culture, pour Jean-Paul Sartre au « Flore ». C’est une autre raison du succès de la « République des livres ». Une grande partie de la vie culturelle en France repose sur la conversation, sur les bistrots, et moins sur les articles culturels des journaux (qu’on ne pourrait en ceci comparer à la tradition allemande du « Feuilleton »). Le soin apporté à la langue orale et à la conversation comme pratique culturelle s’est déplacé sur l’internet, où il prend une forme écrite, par exemple sous la forme des commentaires d’un blog.

D’autre part, le rapport avec la tradition littéraire est différent en France. Dans les librairies, au rayon des livres de poche, les classiques sont nettement majoritaires. Et ces classiques sont populaires, ils sont accueillis avec beaucoup moins de distance qu’outre-Rhin. Comparons seulement le lectorat de Wieland ou de Goethe en Allemagne avec celui de Voltaire et d’Hugo en France, sans parler de Balzac, Maupassant, Zola, dont le succès paraît bien supérieur à celui par exemple de Fontane.

Assouline se veut un représentant de cette grande tradition, c’est sur cet arrière-plan qu’il met en place, avec la meilleure conscience du monde, son programme boulevardier. En contrepartie, il peut porter un oeil critique sur les auteurs et les débats d’aujourd’hui. C’est justement parce qu’ils se présentent comme une « littérature contre la littérature » que les enfants terribles des lettres françaises, au premier rang desquels Michel Houellebecq ou Christine Angot, rencontrent tant de lecteurs et déclenchent tant de discussions.

A côté de la littérature française, Assouline écrit de préférence sur les écrivains anglais, espagnols ou allemands. Son intérêt pour ces derniers s’arrête dans le temps au Groupe 47, mais il observe précisément tout ce qui concerne Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Peter Handke ou Günter Grass. Et s’il y a du scandale, comme lors du refus d’accorder le prix Heine à Handke, ou des aveux de Grass d’avoir appartenu à la Waffen-SS, il trouve aussi à qui parler. En quantité au moins, ces débats français devraient avoir laissé leurs équivalents allemands loin derrière eux. Le déchaînement de commentaires n’est cependant jamais aussi sûr que lorsqu’il en va d’auteurs à la fois discutables et brillants, Ernst Jünger par exemple, Ernst von Salomon, ou bien d’écrivains français assez comparables, comme Céline. Et dernièrement, bien sûr : Jonathan Littell.

Ces noms se retrouvent aussi dans les « Feuilletons » allemands, mais la blogosphère germanophone, avec sa surproduction de blogs sur les médias et pour la vigilance à leur égard, leur fait place bien moins facilement. On y parle de littérature avant tout quand se présente un scandale facile à saisir, comme l’affaire Hegemann. Ce n’est peut-être pas si grave qu’il n’existe pas de Pierre Assouline allemand : devant le croisement proposé plus haut, nous pourrions bien prendre peur.
 


Die Südharzreise:
»Reprise, 2. August 2009«

Leipzig, 15. Juni 2010, 23:47 | von Paco

Die Original-»Südharzreise« hat am 3. Oktober 2008 stattgefunden. Zehn Monate später sind wir die Autobahn 38, diese Kultursuper­strecke, noch einmal abgefahren. Dabei sind die Fotos für das Buch entstanden, das im März bei SuKuLTuR Berlin erschienen ist. Nur 31 der Bilder sind gedruckt worden, aus dem restlichen Material hat San Andreas jetzt eine Fotoerzählung in 139 Bildern zusammengestellt, die man hier durchscrollen kann:

http://www.zerstoerung.org/suedharzreise/reprise/

Es gibt dort neue Aufnahmen der Nietzsche-Tankstelle am Ortsaus­gang von Lützen zu bewundern, abenteuerlich sanierte Plattenbauten, wunderbare Weitsichtfotos der A38 (Hommage an Mattheuer), Szenen von den kreuzenden Bundes- und Landstraßen …

Thyratalbrücke von unten

… Lieblingsmotive wie die Blumenverkäuferin, die nebenbei als letzte deutsche Kaiserin firmierte, Fetischbilder der Popliteratur wie das wieder mal geschlossene Kaffee Kolditz in Sangerhausen, eine Studie des Thomas-Müntzer-Denkmals in Stolberg, die preisgekrönten Stadtvillen von Leinefelde-Süd, die aus einem 180 Meter langen Plattenbauriegel geschält wurden …

Stadtvillen Leinefelde-Süd

… und immer wieder formvollendete Readymade-Klohäuschen auf Autobahnrastplätzen.

Der Tag der Tour, der 2. August 2009, fiel zufällig auf den 75. Todestag Hindenburgs. Wir merkten das erst, als wir uns über einen schüchter­nen kleinen Blumenstrauß wunderten, den jemand auf die nach dem Krieg umgestürzte und vergrabene, jetzt aber wieder ans Licht geholte Hindenburg-Statue unterhalb des Kyffhäuserdenkmals geworfen hatte:

Umgestürzte Hindenburg-Statue mit Blumenstrauß

Auch sonst war nicht alles so wie im Jahr davor, und durch den Som­mertermin der »Reprise« fanden viele Nachtkapitel aus dem Buch nun im Hellen statt.

Das Buch steht nach wie vor unter einer Creative-Commons-Lizenz und kann frei heruntergeladen (PDF, HTML) oder auch für 10 Euro bei Ama­zon erstanden werden. Die 31 im Band gedruckten Bilder sind bereits – versehen mit Geotags – in den Wikimedia Commons und bei Flickr zu finden. Die Mehrzahl der »Reprise«-Bilder folgt in den nächsten Tagen.
 


Die FAS vom 13. Juni 2010:
Der Sfumato-Look alter Gemälde

Leipzig, 13. Juni 2010, 16:12 | von Paco

Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!Sigmar Polke ist gestorben, auf der Frontpage des heutigen FAS-Feuilletons wurde daher heute die rechte obere Ecke schwarz gemalt, schönes Zitat.

In der Seitenleiste direkt darunter hängt dann, The­menwechsel, der Aufruf einiger Kulturmenschen, die sich für Joachim Gauck als zukünftigen Bundespräsiden­ten aussprechen. Nicht dabei ist der Name Christa Wolf, das hat bekannte Gründe, aber da nächste Woche bei Suhrkamp eh ein neuer Roman von ihr erscheint, muss sie auch keine Petitionen unterschrei­ben, um es auf die erste Seite des FAS-Feuilletons zu schaffen.

Christa Wolf ein Trekkie?

Volker Weidermanns Artikel zum Buch ist eventuell, soweit meine Vermutung, besser als das Buch selber, ein Christa-Wolf-Buch mit Christa-Wolf-Themen:

»Sie, die Autorin der Selbsterforschung und der Wahrheitssuche – sie hat vergessen, dass sie eine Weile lang Informelle Mitarbeiterin der Staatssicherheit gewesen ist und Berichte über Kollegen schrieb. ›Das hatte sie vergessen.‹ Dieser Satz ist der Angelpunkt des Romans.«

Es geht auch einmal mehr um den 4. November 1989 usw. usw., aber immerhin trägt das Buch den schönen Doppeltitel »Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud« und spielt in Kalifornien, wo sich die im Buch vorkommende DDR-Schriftstellerin kurz nach der Wende als Stipendiatin aufhält.

Und so werden auch ein paar andere Sachen in das Buch gespült, zum Beispiel »Star Trek«, und zwar das »Next Generation«-Star-Trek mit Käptn Picard. Die Autorin schaut sich das jedenfalls Abend für Abend an, trinkt dabei eine Margarita und isst ein Käsebrot.

Roland »Shakespeare« Emmerich

Für die Rubrik »Nackte Wahrheiten« (S. 29) hat Peter Richter festgestellt, dass Joachim Gauck das FAS-Feuilleton liest, denn auf der großen Spargelfahrt des »Seeheimer Kreises« der SPD hat er den Aufmacher der letzten Woche zitiert.

Auf derselben Seite findet sich ein Bericht vom Set des neuen (oh Gott:) Roland-Emmerich-Films »Anonymus«. So schlimm wie zuletzt scheint es aber nicht zu werden, es geht immerhin um: Shakespeare! Um die immer mal wieder infrage gestellte Urheberschaft seiner Werke.

Der Film wird in Babelsberg gedreht, und der Peter-Körte-Artikel ist vor allem ein Lob des Szenenbildes: »Die Halle ist neblig, was weniger das Londoner Wetter simulieren als den Bildern jenen Sfumato-Look alter Gemälde verleihen soll, den Emmerich und seine Kamerafrau Anna Foerster im Auge haben.«

Noch eine schöne Beobachtung: »Das Casting im Brandenburgischen hat viele bäuerliche Physiognomien zu Tage gefördert«. – Zum Schluss des Artikels wird vorgeschlagen, die Kulissen des nachgebauten Globe Theaters nach dem Dreh nicht abzureißen, sondern stehen zu lassen: »Da wird sich doch in Berlin wohl irgendwo eine Freifläche finden.«

Ich las dann noch ein wenig kreuz und quer, und genau in dem Moment, als ich die FAS aus der Hand legte, verschwand die Sonne hinter einer dicken Kumuluswolke.